AUTOINDUSTRIE
Abbau West, Aufbau Ost
Es gibt positive Nachrichten über Opel. Die Rüsselsheimer haben offenbar ein tolles Auto entwickelt, den Astra GTC, ein kleines Coupé. Der Testfahrer von der "Frankfurter Allgemeinen" bescheinigt dem Modell, es sei "ein talentierter Sportler", die Fahrdynamik sei vorbildlich: "Mensch, Opel baut gute Autos."
Der Bericht erschien am vergangenen Dienstag. Doch es dürfte ihn kaum jemand zur Kenntnis genommen haben. Denn kurz darauf machten Spekulationen über eine drohende Schließung des Opel-Werks in Bochum die Runde. Sie alarmierten die Belegschaft und die Politik. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sagt: "Dieses jahrelange Spiel von GM mit der Angst der Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze ist unverantwortlich."
Andere Hersteller produzieren Autos, Opel produziert Krisen.
Der Hersteller leidet darunter, dass der Automarkt in Europa schrumpft. In den ersten beiden Monaten verkauften Opel und die britische Schwestermarke Vauxhall hier 20 Prozent weniger Autos. Das Werk in Rüsselsheim führte zeitweise die Viertagewoche ein.
Der Einbruch trifft zwar auch Fiat, Peugeot und Renault, die ebenfalls vom Europa-Geschäft abhängen. Auch diese Hersteller haben Überkapazitäten, auch sie werden Fabriken schließen müssen. Aber ihre Marken werden nicht ständig im Zusammenhang mit Entlassungen genannt. Ihr Management ist schlicht cleverer.
General Motors dagegen scheint eine heimliche Lust an der Selbstzerfleischung anzutreiben. Anfang Februar berichtete das "Wallstreet Journal" darüber, GM-Manager in Detroit prüften, die Fabriken in Bochum und im britischen Ellesmere Port zu schließen.
Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke hat den Auftrag, einen Sanierungsplan auszuarbeiten. Klar ist, dass Opel diesen nur mit Zustimmung der Betriebsräte verwirklichen kann. Denn die haben sich vertraglich zusichern lassen, dass der Konzern im Gegenzug für einen Gehaltsverzicht der Mitarbeiter von 265 Millionen Euro jährlich bis Ende 2014 auf Werksschließungen verzichtet.
Das GM-Management hätte schon längst mit dem neuen Betriebsratsvorsitzenden Wolfgang Schäfer-Klug über einen Weg aus der Krise diskutieren können. Doch Schäfer-Klug sagt: "Ich kenne bis heute keinen Plan über Werksschließungen." Und so kann Woche für Woche ein neues oder altes Gerücht das Unternehmen erschüttern.
Dementieren kann Opel-Chef Stracke die drohende Schließung des Bochumer Werks nicht. Denn tatsächlich gibt es in Detroit einen Plan, aus dem hervorgeht, dass einige Fabriken in Westeuropa keine Zukunft haben.
Auf einer "GM Global Business Conference" wurde das Strategiepapier "Global Assembly Footprint" vorgestellt. Danach will der US-Konzern, wenn der Absatz steigt, die zusätzlichen Fahrzeuge zu 80 Prozent in sogenannten Niedrig-Kosten-Ländern wie Polen, Russland, China, Indien, Mexiko und Brasilien produzieren. Derzeit stellt General Motors noch knapp die Hälfte seiner Autos in "Hoch-Kosten-Ländern" in Nordamerika und Europa her.
Werke in den USA, Großbritannien und Deutschland sind deshalb von der Schließung bedroht. In "Niedrig-Kosten-Ländern" dagegen wird die Produktion ausgebaut. Während die Fertigung in Bochum spätestens 2015 geschlossen werden soll, wird im polnischen Gliwice die Produktionskapazität um 25 Prozent erhöht. Fabriken wie die in Bochum haben auch deshalb keine Zukunft, weil GM den europäischen Markt zunehmend mit Einfuhren aus den "Niedrig-Kosten-Ländern" bedienen will. Bis 2016 sollen 300 000 Fahrzeuge zusätzlich aus Werken in Mexiko, Korea und China nach Europa exportiert werden.
Zugleich streicht der US-Konzern weltweit seine Modellpalette zusammen. Die Zahl der Fahrzeugplattformen wird einem internen Plan zufolge bis 2018 von derzeit 30 auf weniger als die Hälfte verringert. Es soll kaum noch Modelle geben, die speziell für einen Markt wie Europa entwickelt werden.
Die Strategie könnte den US-Konzern kurzfristig profitabler machen. Seine Position als derzeit noch größter Autohersteller der Welt dürfte GM dadurch aber verlieren. VW gewinnt auch deshalb Marktanteile, weil die Wolfsburger eigene Modelle für große Märkte wie USA und China produzieren.
General Motors hat vor allem die Börse im Blick, der VW-Konzern die Autos. Deshalb wäre den Wolfsburgern kaum jene Panne unterlaufen, die Opel auf dem Autosalon in Genf passierte.
Opel-Chef Stracke verkündete stolz, dass das Elektromodell Ampera zum "Car of the Year" gewählt wurde. Doch dafür erntete er keinen Beifall, sondern eher Spott. Mit einem feinen Gespür für das falsche Timing, hatte die Mutter GM kurz vor Beginn des Autosalons bekanntgegeben, dass man die Produktion der Elektroautos für einige Wochen stoppt - die Nachfrage sei geringer als erwartet.