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FUSSBALL

Insel der Seligen

Apoel Nikosia, im Viertelfinale Gegner von Real Madrid, ist die Entdeckung dieser Champions-League-Saison. Spieler und Trainer des Teams entflohen dem Chaos hellenischer Clubs - auf Zypern finden sie das bessere Griechenland vor. Von Batzoglou, Ferry

Es ist ein unscheinbares Gebäude in einer unscheinbaren Straße Nikosias: Hier hat der Unternehmer Foivos Erotokritou sein Büro. Diskretion passt zu seinem Geschäft - Erotokritou, 65, ist einer der größten Waffenhändler im griechischen Teil Zyperns.

Sein Spezialgebiet: russische Jagdgewehre, die in Ischewsk am Ural hergestellt werden und die Erotokritou nach Europa, Afrika und in den Nahen Osten verkauft. Nach seinen Angaben sind es "mehrere zehntausend Stück im Jahr".

An der Wand neben seinem Schreibtisch hängen Fotos, die ihn als Mitglied

von Jagdgesellschaften in der russischen Taiga vor erlegten Tieren zeigen: Braunbären, Wildschweinen, Wölfen. Neben die Trophäenbilder hat Erotokritou, ein Mann mit vollem weißem Haar und modischer Hornbrille, die Wimpel einiger renommierter europäischer Fußballvereine gehängt: Olympique Lyon. FC Porto. Zenit St. Petersburg.

Es sind Gegner, die der zyprische Traditionsclub Apoel Nikosia in dieser Champions-League-Saison hinter sich gelassen hat - der Club, dessen Präsident Erotokritou ist und an dem er einen gewichtigen Aktienanteil hält. "Großwildjagden sind mein Hobby", sagt der Waffenhändler, "aber Fußball ist meine Leidenschaft."

Als Erotokritou den Verein vor dreieinhalb Jahren übernahm, hatte Apoel Nikosia Verbindlichkeiten in Höhe von 2,5 Millionen Euro, es drohte die Pleite. Der Geschäftsmann sprang mit seinem Privatvermögen ein. Er beglich die Schulden - und sorgte dafür, dass fortan eine solide Buchhaltung eingeführt wurde.

Nun steht Apoel Nikosia im Viertelfinale der Champions League und trifft dort auf Real Madrid, einen der großen Titelfavoriten. Der Sprung der Zyprer unter die acht besten Mannschaften Europas ist eine der größten Sensationen seit Gründung der Champions League im Jahr 1992.

Denn je näher das Finale rückt, desto bedeutsamer wird in diesem Wettbewerb eigentlich die Regel, dass Geld doch Tore schießt - alle anderen sieben Clubs, die in diesem Jahr im Viertelfinale stehen, kalkulieren mit Jahresumsätzen von 100 bis 480 Millionen Euro.

Das Low-Budget-Team aus Nikosia indes kommt mit Personalkosten von knapp 6,5 Millionen Euro aus - in etwa ein Fünftel jener 29 Millionen Euro, die allein Cristiano Ronaldo, der portugiesische Stürmerstar von Real Madrid, im vorigen Jahr inklusive Werbeerlösen kassiert haben soll.

Bei Apoel verdienen Spitzenkräfte wie der brasilianische Mittelfeldmann Gustavo Manduca gerade einmal 350 000 Euro netto im Jahr. Entscheidend sei allein, sagt Vereinsboss Erotokritou in seinem Büro, dass der Club das Monatsgehalt auch pünktlich überweist.

Denn einige der wichtigsten Spieler, die bei Apoel Nikosia derzeit für Furore sorgen, haben in den letzten Jahren ganz andere Erfahrungen mit der Zahlungsmoral ihrer Arbeitgeber gemacht. Sie standen bei griechischen Clubs wie AEK Athen unter Vertrag - und mussten miterleben, wie die Anfänge und Auswüchse der Finanz- und

Wirtschaftskrise den Profifußball in den Abgrund rissen.

Einer von ihnen ist der Torhüter Dionysos Chiotis, ein muskulöser Kerl mit pechschwarzem Haar und Dreitagebart. Auf Zypern ist der Grieche spätestens seit dem Achtelfinal-Rückspiel vor drei Wochen gegen Olympique Lyon ein Held, als er im Elfmeterschießen zwei Strafstöße parierte und so den 4:3-Sieg sicherte. "Chiotis, du bist ein Fußballgott!", huldigte ihm die Inselzeitung "Politis" tags nach dem Triumph.

Chiotis, 34, spielte seit 1994 bei vier griechischen Erst- und Zweitligisten, darunter bei AEK Athen, ehe er im Sommer 2008 von Korfu zu Apoel Nikosia wechselte. Nun steht er frisch geduscht und in schwarzen Badeschlappen vor der Kabine des Stadions von Paralimni, einem Mitte März noch menschenleeren Urlaubsort im Südosten der Insel, wo Apoel gerade ohne Probleme sein Ligaspiel gewann.

Er redet über Hier und dort.

Hier, das ist für Chiotis der griechisch-sprachige Teil Zyperns, einer vergleichbar heilen und übersichtlichen Welt. Hier ist der Staat nicht zahlungsunfähig. Hier funktioniert die öffentliche Verwaltung noch. Hier werden Steuern eingetrieben, auch wenn sie niedrig sind, hier wird der Abfall von der Müllabfuhr entsorgt, hier gibt es Bürgersprechstunden in den Rathäusern, hier gehen die Menschen entspannt miteinander um. Ein Wohlfühlklima.

Dort, das ist für Chiotis Griechenland. Seine Heimat, die unregierbar geworden zu sein scheint; die im Chaos wilder Streiks versinkt; auf deren Straßen und in deren Fußballstadien Anarchie herrscht und deren Innenstädte wie die von Athen rapide verelenden.

Die Innenstadt des griechischen Teils von Nikosia hingegen wirkt aufgeräumt wie die Altstadt von Düsseldorf - mit dem Unterschied, dass hier an etwa 300 Tagen im Jahr die Sonne scheint und selbst im Winter die Temperatur tagsüber nur selten unter 15 Grad Celsius sinkt. Für Chiotis steht fest: Zypern ist das bessere Griechenland. "Wieso soll ich mir und meiner Familie eine Rückkehr antun?", sagt der Torwart, "hier stimmt alles." Und nun kommt noch der Ruhm hinzu.

Auch der Trainer von Apoel Nikosia, Ivan Jovanović, arbeitete erst jahrelang auf dem griechischen Festland, ehe er 2008 ein zweites Mal auf Zypern anheuerte.

Dort, in Griechenland, war Jovanović, 49, ein Coach mittelmäßiger Mannschaften wie Niki Volos, Iraklis Thessaloniki oder Panachaiki Patras. Hier, auf Zypern, ist er "der absolute Chef im Ring" - so jedenfalls sieht es Apoel-Boss Erotokritou, der von seinem Trainer schwärmt, als würde Jovanović nicht nur furchtlos Bären mit der Flinte erlegen, sondern tatsächlich auch noch Real Madrid aus der Champions League befördern können. Dann wäre als Gegner im Halbfinale womöglich der FC Bayern München dran.

Der wortkarge Serbe hat den Ruf eines Perfektionisten. Sein Credo: "Peitharchia, Peitharchia, Peitharchia" - Disziplin, Disziplin, Disziplin. Seine Spieler, im Schnitt fast 30 Jahre alt, lässt Jovanović nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren, selbst vor leichten Ligaspielen. Interview-Anfragen an seine Profis blockt er mit der Entschiedenheit eines Gefängnisdirektors ab.

Zudem findet der Trainer, dass der Großteil der Einnahmen aus dieser Champions-League-Saison, vor dem Duell mit Real Madrid bereits 22 Millionen Euro, nicht in die Taschen der Profis, ihrer Berater und der Clubverantwortlichen, sondern in den Bau eines modernen Trainingszentrums fließen soll - das Projekt in der Region Kokkina Trimathia ist bereits beantragt.

Das Geld aus dem Verein zu ziehen wäre eher die griechische Variante. Dort. Das Geld zu investieren ist eher die zyprische. Hier.

Eine Sprache, zwei Staaten, zwei Welten. Sie driften immer weiter auseinander. Wie krass der Kontrast zwischen dem griechischen und dem zyprischen Profifußball geworden ist, zeigte sich zuletzt am vorvergangenen Sonntag.

Im Athener Olympiastadion, in dem 2004 die Sommerspiele stattfanden, wurde das Spitzenspiel zwischen Tabellenführer Olympiakos Piräus und Verfolger Panathinaikos Athen acht Minuten vor Schluss abgebrochen - randalierende Fans hatten Dutzende Molotow-Cocktails auf die vollbesetzten Tribünen und auf das Spielfeld geworfen, in dem Stadion brannte es an etwa 30 Stellen. Die Polizei sprach hinterher von "Krieg".

Auf Zypern hingegen ist vor dem Spiel gegen Real Madrid eine nie erlebte Fußballhysterie ausgebrochen, frenetisch, aber friedlich. Etwa 80 000 Menschen, jeder zehnte Einwohner des griechischen Teils der Mittelmeerinsel, wollten eine Karte für das Spiel kaufen - doch nur 23 000 Zuschauer passen in das Stadion hinein.

Marios Georgiou, 33, ist der Geschäftsführer von Apoel, ein Mann mit schnittigem Auftreten. Der clubeigene Fan-Shop ein paar Straßenecken weiter hat bereits gemeldet: sämtliche Trikots in den gelb-blauen Vereinsfarben ausverkauft, Nachschub gebe es erst wieder im Juni. "Eigentlich brauchten wir das Madrider Bernabéu-Stadion hier", sagt Georgiou, "die Leute sind verrückt geworden."

Georgiou schaut aus dem Fenster seines Büros auf die pulsierende Straße im Stadtteil Aghoi Omologitoi. Bereits zum Achtelfinalspiel gegen Olympique Lyon, so erzählt er, seien Hunderte reicher Exil-Zyprioten aus der Londoner City mit Flugzeugen angereist. Sie werden auch zum Spiel gegen Real Madrid erwartet.

Doch sie haben nicht den weitesten Weg - einige Fans von Apoel Nikosia haben sich sogar aus Sydney angekündigt.

(*1) Nach dem Sieg im Achtelfinal-Rückrundenspiel der Champions League gegen Olympique Lyon am 7. März in Nikosia.(*2) Beim Spiel Panathinaikos Athen gegen Olympiakos Piräus am 18. März im Athener Olympiastadion.

DER SPIEGEL 13/2012
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