Briefe
Heilsames Gleichnis
Das Faszinierendste am Untergang der "Titanic" ist nicht, dass das damals größte Schiff der Welt, das als unsinkbar galt, doch gesunken ist. Es sind die Ruhe und die Gelassenheit, die den auf dem Schiff verbliebenen Menschen attestiert wurden. In allen Berichten zum Untergang ist das nachzulesen: keine Panik, keine Schreie, sondern das Einfügen in das Schicksal des Untergangs. Der Kapitän und der Konstrukteur bleiben auf der "Titanic". Musik spielt, und das Schiff bleibt durch die Arbeit der Maschinisten, die auch untergehen werden, bis zum Schluss hell erleuchtet. Das ist es, was uns die Geschichte des Untergangs der "Titanic" so lebendig hält.
Andreas Huckle, Rheinstetten (Bad.-Württ.)
Eine magere Story für ein ausgequetschtes Ereignis.
Dr. Rudolf Holzapfel, Augsburg
Kein Therapeut könnte sich ein heilsameres Gleichnis denken, als es das Schicksal den Menschen der Neuzeit mit dem Untergang der "Titanic" vermochte. Es birgt mehr göttliche Botschaft und Erkenntnis als das Neue Testament, mehr Zivilisationskritik als "Das Kapital" von Marx. Es lehrt Toleranz gegenüber allen vom Ehrgeiz zerfressenen Mitmenschen und führt die Vergeblichkeit allen Strebens nach Reichtum, Ruhm und Ansehen vor. Wer sich mit dem Untergang dieses Schiffes befasst, das Synonym ist für die Gesellschaftsordnung des Kapitalismus und seiner Irrwege, lernt, über den Dingen zu stehen und allen materiellen Verlockungen zu entsagen.
Ralf Bierod, Uetze-Hänigsen (Nieders.)
In dem Cameron-Film ist zu sehen, wie der Offizier "Volle Kraft zurück" befiehlt, die Dampfmaschinen dann erst abbremsen und wieder in die Gegenrichtung beschleunigen müssen, um das Schiff zu stoppen. Das technisch simple Konzept einer zwischen Dampfmaschine und Schraubenwelle geschalteten Kupplungs- und Getriebeeinheit hätte es ermöglicht, die volle Drehzahl der Maschinen beizubehalten und sie nach kurzem Schaltvorgang in den "Rückwärtsgang" wieder auf die Schrauben zu leiten. Die zu primitive Technik der direkten Kraftübertragung ist also auch ein wichtiger Faktor beim Zustandekommen der Katastrophe.
Michael Schaefer, Merdingen (Bad.-Württ.)
"Die ganze Geschichte rund um die ,Titanic' ist so bemerkenswert, dass man sie erfinden müsste, wäre es nicht tatsächlich passiert. Diese Hybris, dieses Fanal der menschlichen Schaffenskraft, weggefegt von etwas so Simplem und Profanem wie einem Eisberg."
Martin Schnelle, Vaterstetten (Bayern)
SPIEGEL-Titel 13/2012