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INTERNET

Digitales Volksgericht

Nach dem Mord an einer Elfjährigen in Emden nahm die Polizei einen Schüler fest, der sich als unschuldig erwies. Im Netz war er längst verurteilt. Von Fröhlingsdorf, Michael; Hanke, Ulf; Röbel, Sven

Die Demonstranten, die sich am späten Dienstagabend vor dem Polizeikommissariat in Emden versammelt hatten, waren keine Wutbürger - sie waren ein Mob. "Holt ihn raus", skandierte die Menge, "wir kümmern uns selbst um den." Gemeint war ein 17-jähriger Schüler in der Arrestzelle, der zuvor unter dem Verdacht festgenommen worden war, ein elfjähriges Mädchen in einem Parkhaus der Stadt missbraucht und getötet zu haben.

Auf der Suche nach dem Mörder hatte die Polizei auch Bilder einer Überwachungskamera ins Internet gestellt, auf denen eine dunkel gekleidete Gestalt zu sehen ist, die sich in federndem Gang vom Tatort entfernt.

Im Netz sorgte der Fahndungsaufruf für Aufsehen. Tausendfach wurden die Bilder angeklickt, und vor allem im sozialen Netzwerk Facebook entbrannten sofort Diskussionen, wer der Mann aus dem Parkhaus denn sein könne.

Das Interesse war polizeilich erwünscht: Das Internet 2.0 und die rasante Kommunikationskultur seiner Nutzer gilt unter Ermittlern inzwischen als wirksames Instrument bei der öffentlichen Fahndung. In Minuten verbreiten sich Zeugenaufrufe oder Phantombilder, sie werden gepostet, getwittert, per "Gefällt mir"-Button empfohlen - wie bei einem gigantischen Kettenbrief.

Der Fall von Emden zeigte vorige Woche indes auch in beängstigender Weise, wohin die Allianz von Staatsgewalt und Netzgemeinde führen kann: Nach der Festnahme rief ein 18-Jähriger, gegen den inzwischen die Staatsanwaltschaft ermittelt, im Internet dazu auf, das Kommissariat zu "stürmen" und den Verdächtigen "herauszuholen". Kurz darauf tauchten knapp 50 Leute auf und brüllten Parolen, die als "Aufrufe zur Lynchjustiz" zu werten seien, wie die Polizei berichtet.

Im Netz war der 17-Jährige da schon standrechtlich verurteilt worden - von einem digitalen Volksgericht, zur Todesstrafe. "Gleich an die Wand stellen und erschießen", empfahl etwa ein User auf Facebook, ein anderer regte an, den Verdächtigen "in einen tiefen Keller" zu sperren und bei "Schmerzen langsam verrecken" zu lassen. "Der Typ wird zu 100% zusammengeklatscht", postete ein weiteres Facebook-Mitglied; er komme "nicht mehr lebendig" aus der Stadt raus. Und spätestens ab vergangenen Mittwoch, 19.12 Uhr, kursierte auch der Klarname des Festgenommenen in dem sozialen Netzwerk. Ein Jugendlicher, den die Diskutanten zuvor als Mörder identifiziert zu haben meinten, meldete sich empört: "Hallo Leute, ich bin nicht derjenige. Gemeint ist …" - es folgten die vollständigen Personalien des 17-Jährigen.

Wie sich am Freitag herausstellte, hatte die Netz-Meute einen Unschuldigen an den Pranger gestellt. Eine Funkzellenabfrage hatte ergeben, dass sein Handy zur Tatzeit nicht in der Nähe des Parkhauses war. Und auch die DNA-Spuren an der Leiche stammten nicht von dem Festgenommenen - nach drei Tagen wurde er freigelassen. "Aber ob mein Mandant und seine Familie in ihrer Heimatstadt Emden jemals wieder glücklich werden", sagt sein Anwalt Ralf Giese angesichts der öffentlichen Hetze, "das ist fraglich."

Der Mordfall hat in Niedersachsen deshalb auch die Debatte um soziale Netzwerke als Fahndungsinstrument neu entfacht. Keine andere Polizei in Deutschland stützt sich bei der Tätersuche so sehr auf das Internet wie die niedersächsische. 2011 testete die Polizeidirektion Hannover in einem bundesweit einmaligen Versuch die Facebook-Fahndung. Während des Probelaufs konnten Fotos und Texte der Polizei direkt auf Facebook-Servern abgerufen werden. Erst nach Protesten von Datenschützern wurde die Technik zurückgefahren. Heute taucht nur noch ein Link auf, der zu einer eigenen Polizei-Homepage führt.

Insgesamt 60 Fahndungsaufrufe hatte die Polizei Hannover bei dem Test ins Netz gestellt, achtmal habe die Methode zum Erfolg geführt, verkündete Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) im Februar stolz. Allein die Polizei in Hannover habe fast 100 000 Facebook-"Freunde". Zwei Drittel von ihnen gehörten der Altersgruppe 18 bis 34 Jahre an, die über althergebrachte Medien nur noch schwer zu erreichen sei. Die Polizei dürfe "sich sozialen Netzwerken nicht entziehen", begründete Schünemann seinen Plan, die Facebook-Fahndung landesweit auszubauen.

Die vergangene Woche und die nächtliche Belagerung der Polizei in Emden haben Schünemann nicht sonderlich verunsichert. Er sehe "keine Veranlassung, das Konzept zu ändern". Der Missbrauch sozialer Netzwerke habe mit der Internetfahndung nichts zu tun. "Innerhalb der Präventionsarbeit der Polizei zum sicheren Umgang mit dem Internet wird in Zukunft aber auch dieses Phänomen Beachtung finden müssen", sagt er.

Der Landesbeauftragte für Datenschutz, Joachim Wahlbrink, sieht den Umgang der Polizei mit Facebook deutlich kritischer: "Da werden die User schnell zu kleinen Hilfssheriffs", fürchtet er. Ins Internet könne zudem "jeder alles einstellen, Leute anschuldigen, nicht nachprüfbare Behauptungen aufstellen".

Der Emder Jugendliche, so Wahlbrink, werde ein Leben lang Probleme haben: "Die Geschichte wird sich ewig im Netz finden lassen, ob er einen Job sucht oder Freunde nach ihm googeln." Andererseits hofft der Datenschützer auf einen heilsamen Schock: "Ein Skandal bewirkt manchmal mehr als 1000 Worte."

DER SPIEGEL 14/2012
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