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LIBYEN

Arabische Gastfreundschaft

Saif al-Islam al-Gaddafi, der zweitälteste Sohn des früheren libyschen Diktators, ist politisch wieder aktiv: Er hilft ehemaligen Mitarbeitern der "Gaddafi-Stiftung", sich in den Tschad und nach Niger abzusetzen. Dabei kommen ihm offenbar jene Gelder zugute, die er in afrikanischen Nachbarstaaten deponiert hatte. Zudem soll sich der Gaddafi-Sohn angeblich mit Erfolg in Schlichtungsverhandlungen zwischen den Sicherheitskräften und regierungsfeindlichen Rebellen eingeschaltet haben. Saif al-Gaddafi war im November in der südlibyschen Wüste gefangen genommen worden. Mehrfach hatte Verteidigungsminister Osama al-Dschuwali seither angekündigt, ihn in die Hauptstadt Tripolis überführen und dort vor Gericht stellen zu wollen. Doch der Gaddafi-Sohn ist noch immer gut vernetzt, feilscht um seine Entlassung aus der Haft und freies Geleit angeblich nach Südafrika. In Sintan, einer Kleinstadt im Nafusa-Gebirge, nicht weit von Tripolis entfernt, wird er offenbar nur unter einer Art Hausarrest gehalten: Er verfügt über ein gutausgestattetes Büro und empfängt gelegentlich Gäste aus der Hauptstadt. Ein Mitglied der Rebellengruppe, die den Gaddafi-Sohn gekidnappt hatte, erklärte, Saif werde "entsprechend den Gesetzen arabischer Gastfreundschaft" behandelt, "unabhängig von möglichen Anschuldigungen und Gerichtsverfahren". Die Vorzugsbedingungen, die Gaddafi bei den Rebellen in Sintan genießt, spiegeln die Machtlosigkeit des Nationalen Übergangsrats wider, der derzeit höchsten Regierungsinstanz Libyens.

DER SPIEGEL 14/2012
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