SACHBUCH
Stunde null im neuen Berlin
Der große deutsche Wende-Roman, immer wieder wird er gefordert und herbeigesehnt, doch bisher gibt es ihn nicht. Und auch dieses gerade bei Suhrkamp erschienene Buch "Der Klang der Familie" ist natürlich nicht der große deutsche Wende-Roman, doch es kommt ihm nahe. Denn Felix Denk und Sven von Thülen verwenden das Mittel der dokumentarischen Gesprächsmontage, um vom Entstehen der letzten ganz großen Jugendbewegung, der Techno- und Ravekultur während der Wende-Jahre in Berlin, zu erzählen. Die beiden Autoren haben 20 Jahre danach in langen Gesprächen die treibenden Kräfte von damals sich erinnern lassen. Rund 70 Beteiligte kommen zu Wort, Clubbetreiber, Musiker, Künstler, darunter der heutige Star-DJ WestBam oder der inzwischen weltberühmte Fotograf Wolfgang Tillmans. Sie haben die Stimmen ediert und so geschickt montiert, dass daraus eine Erzählung wird: Es geht um das Zusammenfinden zweier Jugendkulturen (West-Berliner Postpunk-Agonie, Ost-Berliner Breakdance-Vitalität), um die Stunde null des heutigen Berlin und darum, wie dieses Bündnis eine Stadt eroberte, deren heutiges Zentrum damals nur eine Brache war, für die sich niemand zuständig fühlte. Doch die Geschichte der ersten gesamtdeutschen Jugendkultur, die dieses Land bis heute prägt, ist wie jede gute Geschichte auch eine des Scheiterns, sie endet unter Bergen von Kokain, in totaler Zerrüttung - und schließlich in der Love-Parade-Katastrophe von Duisburg.