ISRAEL
Verblichene Gespenster
In seiner ersten Nacht in Deutschland schläft der Israeli Tomer Heymann mit einem Deutschen. Er hat ihn im Club Berghain in Berlin kennengelernt: Andreas Josef Merk, blond und katholisch. Heymann, Regisseur, jüdisch und schwul, hält ihn zunächst für einen Schweden, er denkt, Deutsche müssten doch anders aussehen, finsterer vielleicht, zackiger, gröber.
Am Morgen danach läuft schon die Kamera, und der Israeli fragt den Deutschen: Bist du stolz, Deutscher zu sein? Hast du je mit deinen Großeltern über den Holocaust geredet? Nein, sagt der Deutsche, aber gut möglich, dass sie Nazis waren. Dann schweigen sie. Es ist das einzige Mal, dass sie über dieses Thema reden.
Wenig später reist der Deutsche nach Tel Aviv, mit zwei Koffern und einem One-Way-Ticket. Sie feiern zusammen Pessach und Weihnachten; der Deutsche erklärt, wie man Pfannkuchen in der Luft wendet, der Israeli, dass man am Holocaust-Gedenktag stillsteht, die Arme eng am Körper, zwei Minuten Schweigen. Am Ende wird ein Film daraus, es ist ein 56-minütiges Protokoll der neuen Unbefangenheit zwischen Israelis und Deutschen.
"I Shot My Love" heißt er, es ist die Liebeserklärung eines Israelis, dessen Großeltern 1936 aus Berlin flohen, an einen deutschen Tänzer aus Bayern - und das Bemerkenswerte daran ist: wie normal diese Liebe inzwischen wirkt.
Ein neuer Umgang miteinander hat sich da entwickelt, fern der ewigen deutschen Debatten, in denen alte Männer mit ihren Gespenstern ringen und Politiker sich mit Zwangsritualen abmühen, Pflichtbesuch von Jad Vaschem hier, Pflichtbesuch von Dachau dort. Längst gibt es eine neue deutsch-israelische Realität jenseits der Betroffenheitsroutine - und zwar vor allem in Israel.
Fast 70 Jahre nach dem Ende des Holocaust sterben nach und nach die letzten Überlebenden, das verändert die Sicht der jüngeren Israelis auf Deutschland. Wenig beeinflusst von historischen Tabus, bestimmen sie neu, was dieses Land für sie bedeutet. Ein, zwei Generationen sind da nachgewachsen, die es nicht mehr merkwürdig finden, dass eine Firma wie Birkenstock in Israel mit "Made in Germany" wirbt, und für die ein Kurztrip nach Berlin das Normalste der Welt ist. Für die Deutschland inzwischen nicht nur ein Land wie jedes andere ist, sondern: eines der beliebtesten Länder.
Vor allem geht es um ein Gefühl, um ein neues israelisches Selbstbewusstsein gegenüber Deutschland, geprägt von Neugier und Entdeckungsdrang. Die Jungen fordern nicht mehr das stetige Erinnern ein, sondern das Recht, auch mal vergessen zu dürfen. Wer diesen Wandel in Zahlen zu fassen sucht, begreift am besten, wie groß er ist: Ein Viertel der Israelis wünschte sich vor zwei Jahren, dass Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen würde. In einer Umfrage von 2009 bezeichneten 80 Prozent die Beziehungen zwischen Israel und Deutsch-
land als normal, und 55 Prozent sagten, der Antisemitismus sei in Deutschland auch nicht schlimmer als anderswo in Europa.
100 000 Israelis haben inzwischen einen deutschen Pass, 15 000 sollen schon in Berlin leben. Die Zahl der Direktflüge steigt von Jahr zu Jahr, trotzdem sind sie fast immer ausgebucht. In den großen Städten ist es annähernd unmöglich, einen jungen Israeli zu finden, der nicht schon in Deutschland war oder dorthin will. Vor allem Berlin zieht sie an, die Stadt, von der aus einst die "Endlösung" organisiert wurde, die heute mit billigen Wohnungen und dem Versprechen lockt, dass es so schnell nicht langweilig wird. Aber Berlin ist nicht einfach nur ein neues New York, es ist mehr: eine Bühne, auf der sie ein Rollenspiel von Zugehörigkeit und Identität ausprobieren können. Ein Was-wäre-wenn: Was wäre, wenn ich in Deutschland geboren worden wäre. Wer wäre ich dann? Wie würde mein Leben aussehen?
Natürlich ist dieses neue Verhältnis nicht immer unproblematisch. Natürlich ist nicht alles gut, vergessen, vergeben. Es gibt noch immer 17-Jährige mit deutschen Wurzeln, die zittern vor Scham, wenn der Holocaust in der Schule durchgenommen wird. Es gibt andere, die schwören, nie nach Deutschland zu fahren. Die Erinnerung an den Holocaust sei Leitprinzip ihres Lebens, antworteten kürzlich 98 Prozent der jüdischen Israelis bei einer Umfrage. Und als das Israel Chamber Orchestra voriges Jahr in Bayreuth ein Stück von Richard Wagner spielte, da sorgte das in der Heimat der Musiker für einen Aufschrei. Aber auch dies: vor allem ein Zeichen für den Wandel, weniger für das Beharren. Symbolischer Restwiderstand einer älteren Generation, die sich mit der neuen Entspanntheit der jungen schwertut.
Tomer Heymann fragt im Film irgendwann seine Mutter: Stört es dich, dass dein Sohn etwas mit einem Deutschen hat? Nein, sagt sie, gar nicht. Später sagt sie: Ihr seid so unterschiedlich. Du solltest dir jemanden suchen, der dir ähnlich ist. Sie meint: einen Juden. Hat er nicht getan, sie sind noch immer zusammen, auch sechs Jahre später. Und die Mutter? Findet das inzwischen gut, denn der junge Deutsche hat ihr einen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte zurückgebracht, der lange verschüttet war.
Aber die Frage bleibt, ob ein Partner aus Deutschland für einen Israeli angemessen ist, sie wird derzeit in vielen israelischen Familien diskutiert. Denn so, wie sich immer mehr Israelis nach Deutschland aufmachen, so lernen sie auch mehr Deutsche kennen und lieben. In Tel Aviv sind die Hebräischkurse voller nichtjüdischer Ausländer, darunter besonders viele Deutsche, die die Sprache ihres Partners lernen wollen. So voll, dass für sie schon Extraklassen eingerichtet wurden. Gleichzeitig lernen zahlreiche Israelis Deutsch, die Kurse des Goethe-Instituts sind begehrt wie nie.
Es ist kein Zufall, dass das gerade jetzt passiert, in dieser dritten Generation, die nicht mehr vorrangig damit beschäftigt ist, Israeli zu sein. Ihre Großeltern haben entweder voller Wut Siemens und Volkswagen boykottiert oder zogen es vor, weiterhin ihren Goethe auf Deutsch zu lesen. Ihre Eltern mussten das Deutsche aus ihrem Leben verdrängen, um echte Israelis zu werden. Die Enkel ruhen viel sicherer in ihrer israelischen Identität, und so fällt es ihnen nun leichter, ihre Wurzeln zu erforschen und das Schweigen aufzubrechen, das noch immer in vielen Familien über das persönliche Leid im kollektiven Horror des Holocaust herrscht.
Auch deshalb gibt es gerade jetzt so viele Filme, in denen Israelis dokumentieren, wie sie die lange verschütteten Geschichten ihrer Vorfahren entdecken. In "Six Million and One" etwa fahren vier Geschwister, einer davon der Dokumentarfilmer David Fisher, nach Österreich, um ihren Vater besser zu verstehen, der nicht viel mehr erzählte als dies: dass er in Auschwitz war. Hunger, Leid, Waggons, Bruchstücke des Grauens, nie mehr.
Doch nach seinem Tod finden die Kinder seine Erinnerungen, in denen beschreibt der Vater, wie er in Hitlers unterirdischer Flugzeugfabrik schuften musste. Also fahren sie hin, steigen in die Tunnel, um seinem Leidensweg nachzuspüren. Zehn Monate arbeitete der Vater dort, erzählen sie einem verblüfften Historiker. Ein Wunder, sagt der. Die durchschnittliche Überlebensdauer betrug eine Woche.
So groß ist das Interesse, dass seit knapp drei Jahren sogar israelische Freiwillige in Deutschland arbeiten, in Kindergärten, Museen und Jugendzentren. Nicht nur um die Vergangenheit zu erkunden, sondern um der Gegenwart eine neue Erfahrung, einen neuen Wohnort hinzuzufügen. Einfach weil da der Wunsch ist, etwas anderes zu erleben, nach der Armee nicht nach Goa zu reisen, sondern eben nach Berlin.
Wie sehr unterscheidet sich das von dem, was die deutschen Volontäre in Israel berichten. Sie kommen noch immer in Scharen, rund tausend jedes Jahr, und oft sind sie enttäuscht, hier mit ihrem Sühnegedanken allein zu sein. Die Israelis wollen einfach nicht ständig über den Holocaust reden.
Diese neue Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Vergangenheit verändert auch Israel. Das ist an vielen Orten zu spüren, etwa auf einer dieser Berlin-Partys in Tel Aviv. Manchmal reicht dafür eine zum Club umfunktionierte Privatwohnung aus, ein Lagerfeuer auf dem Dach und darunter eine schwülheiße Tanzfläche, wo die Barkeeper NVA-Mützen tragen, ein Berliner DJ auflegt und ein Wegweiser steht: Zoologischer Garten, Hamburger Bahnhof, X-Berg.
Fast schon ein Rausch ist diese Begeisterung. Wie ist sonst zu erklären, dass Hans Falladas Berlin-Roman "Jeder stirbt für sich allein" im vergangenen Jahr wochenlang auf den israelischen Bestsellerlisten ganz oben stand, 64 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung? Dass es in Tel Aviv nichts Ungewöhnliches ist, wenn der deutsche Besucher beim Eiskauf in ein Gespräch über Fatih-Akin-Filme verwickelt wird?
Hunderte solcher Begegnungen gibt es in dieser Stadt, jeder Israeli hat seine eigene Geschichte zu Deutschland. Da ist die Lehrerin, die auf dem Handy stolz ein selbstgedrehtes Video von ihrer Tochter auf einem Konzertabend zeigt. Mit Hingabe singt diese Bertolt Brecht, das Lied vom Surabaya Johnny aus dem Musical "Happy End". Oder die junge Vermieterin, die beim Vertragsabschluss erzählt, dass ihre Großmutter gerade so dem KZ entronnen sei. Ob sie kurz anrufen solle? Und dann schon die Nummer wählt, die Großmutter an die Deutsche weitergibt, man redet über: Dörfer im Umkreis von Bremen.
Merkwürdig? Ganz normal, ständig passiert das, und nicht nur in Tel Aviv, sondern auch im Moschaw Dischon ganz im Norden, in Jerusalem oder in Beerscheba am Rande des Negev.
Kürzlich beantragte ein israelischer Journalist den deutschen Pass, es wäre seine dritte Nationalität. Yermi Brenner, 32, ist Israeli, US-Amerikaner und bald auch Deutscher, so verspricht es das Grundgesetz, Artikel 116, Absatz 2: Menschen, denen im Nationalsozialismus die Staatsbürgerschaft entzogen wurde, haben ein Anrecht auf einen deutschen Pass, ebenso ihre Nachkommen. Früher hätte man ihn in Israel einen Verräter genannt. Wer einen deutschen Pass beantragte, der tat das verschämt. Heute erzählt man das seinen Freunden und wird dafür beneidet.
Etwa seit der Jahrtausendwende wächst die Zahl der Israelis mit deutschem Pass rasant. Für manche ist es eine Versicherungspolice gegen Krieg und Terror, für andere eine Frage der Bequemlichkeit, weil damit oft die Visumpflicht wegfällt. Manche sehen es als späten Triumph. Für Yermi Brenner ist es eine Frage der Optionen. Und eine dieser Optionen ist, eines Tages in Deutschland zu leben, so wie er jetzt erst einmal in New York studieren will.
Ist es schwierig, die Nationalität der Täter anzunehmen? Das ist eine Frage, die wohl nur ein Deutscher stellen kann. Brenner selbst stellt sie sich nicht.
Schwer war es nur für den Vater, der zuerst die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen musste, damit sein Sohn den deutschen Pass bekommt. Er ist einer dieser typischen Vertreter der zweiten Generation, aufgewachsen im Schatten des Holocaust und mit dem Schweigen seiner Mutter. Erst nachdem die Großmutter starb, erfuhr die Familie mehr über sie - ausgerechnet von einer deutschen Forscherin. Sie recherchierte die Geschichte der Großmutter, die in Auschwitz war und floh, indem sie vom Zug sprang und sich nach Berlin durchschlug, wo ein Deutscher sie versteckte.
Die deutsche Forscherin ist inzwischen eine Freundin der Familie, und der Enkel der Auschwitz-Überlebenden hat in Bayreuth einen Deutschkurs gemacht. Bald wird er Deutscher sein. Und eigentlich, sagt er, fühle sich das sehr normal an.
Vieles ist inzwischen so normal in Israel. Auch dass in der vergangenen Woche ein israelischer Anwalt in der Tel Aviver Redaktionsvertretung des SPIEGEL anrief und bat, ob man den Kontakt zu Günter Grass herstellen könne? Er würde gern helfen, gegen dessen Einreiseverbot nach Israel zu klagen, sogar kostenlos. Der Meinungsfreiheit wegen.
Es wäre zu wünschen, dass es dem Anwalt gelänge, und wenn auch nur, damit Günter Grass einmal dieses neue Israel erleben könnte.