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INTERNET

Ein Hilfeschrei

Der Berliner Medienanwalt Christian Schertz, 46, über den mangelhaften Schutz für Prominente im Internet

SPIEGEL: Die Hochspringerin Ariane Friedrich, 28, hat auf ihrer Facebook-Seite Namen und Wohnort eines Mannes veröffentlicht, der ihr eine obszöne Mail geschickt haben soll, angeblich mit dem Foto seines Geschlechtsteils im Anhang. Hat sie gegen das Gesetz verstoßen?

Schertz: Da nicht feststeht, ob der von ihr Genannte tatsächlich Absender der Mail war, könnte Friedrich durch die Aufhebung der Anonymität des Mannes seine Persönlichkeitsrechte verletzt und auch eine üble Nachrede begangen haben. Ihr Verhalten ist grenzwertig, für mich ist es trotzdem nachvollziehbar.

SPIEGEL: Frau Friedrich ist Polizistin. In diesem Fall hat sie Selbstjustiz geübt.

Schertz: Das stimmt zwar. Aber auf eine gewisse Weise ist diese Art von Selbstjustiz nach den Erfahrungen, die ich gesammelt habe, verständlich.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Schertz: Friedrichs Aktion war ein Hilfeschrei. Hier hat sich eine Person gewehrt, da der Staat und der Gesetzgeber nicht wirklich helfen.

SPIEGEL: Sie hat Anzeige erstattet gegen den Absender. Hätte sie es nicht dabei belassen müssen?

Schertz: Natürlich hätte sie das tun können und sollen. Nur oftmals führt das nicht weiter. Ich vertrete viele Prominente, aber auch ganz normale Bürger, die monatelang über das Internet diffamiert werden. Jeder dritte Jugendliche ist Opfer von Internetmobbing. In unseren Fällen haben Anzeigen selten dazu geführt, dass der Täter überführt, geschweige denn bestraft wurde. Meistens kann der vermeintliche Stalker nicht ausfindig gemacht werden. Die Hilflosigkeit der Opfer führt wiederum dazu, dass, wie möglicherweise in diesem Fall, die Persönlichkeitsrechte unbeteiligter Dritter verletzt werden - Personen also, die durch Zufall denselben Nachnamen oder Wohnort des vermeintlichen Absenders haben. Am Fall Friedrich kann man beobachten, welchen unfassbar rauen Ton diese Thematik des fehlenden Schutzes des Individuums in der digitalen Welt schon angenommen hat.

SPIEGEL: Profi-Sportler kommunizieren häufig über Facebook und Twitter mit ihren Fans, sie nutzen das Netz als Werbebühne. Bieten sie dadurch eine Plattform für Übergriffe dieser Art?

Schertz: Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen altmodisch, aber ich rate meinen Klienten dazu, sich gut zu überlegen, wie offen sie sich im Netz präsentieren, da man damit auch Angriffsflächen schafft. Das Ziel muss jedoch sein, Regeln zu finden, die es verhindern, dass nicht jeder anonym über den anderen dann auch noch namentlich herziehen darf. Das ist eine der größten Herausforderungen, vor denen wir in der Kommunikationskultur in den nächsten Jahren stehen werden.

DER SPIEGEL 18/2012
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