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DER SPIEGEL

FUSSBALLDer Spektakelspieler

Mit seiner divenhaften Art ist Arjen Robben eine Zumutung für Fans und Mitspieler. Dass die sich mit seiner Selbstherrlichkeit versöhnen, kann der Angreifer nur erwarten, wenn er den Bayern die Champions League gewinnt.
Dass der Rasen das aushielt, dass er sich nicht gelb verfärbte, das ist das eigentliche Wunder von Madrid. Am Rande des großen Spiels Real Madrid gegen Bayern München haben sich José Mourinho und Arjen Robben kurz umarmt, und das war die derzeit höchstmögliche Verdichtung des Bösen im Fußball auf einem Quadratmeter. Unerträglichkeit I herzte Unerträglichkeit II, und dann gingen beide ihrer Wege.
Mourinho, Trainer bei Madrid, macht es selbst den eigenen Fans schwer, ihn zu mögen, weil er so fies und so herrisch ist. Robben, Spieler beim FC Bayern, macht es selbst den eigenen Fans schwer, ihn zu mögen, weil er so fies und so weinerlich ist. Zuneigung bekommen beide nur für Erfolge. Real schied im Halbfinale der Champions League am Mittwoch aus, weshalb Mourinho nun Hohn und Hass kassiert. Bayern spielt im Finale gegen den FC Chelsea, weshalb sich Robben nun in Liebe sonnen darf.
Als sein Team im Bernabéu-Stadion 0:2 zurücklag, als schon alles verloren schien, holte er sich nach einem Foul an Mario Gomez den Ball und trat mannhaft zum Elfmeter an, obwohl er seinen letzten wichtigen Elfmeter gegen Borussia Dortmund verschossen hatte. Es war kein großer Schuss, die Hand von Torwart Iker Casillas streifte den Ball, und um ein Haar wäre von Robben in München nur die Erinnerung an einen galaktischen Kotzbrocken geblieben. Aber Casillas' Fingerspitzen konnten den Ball nicht umlenken, 1:2, die Bayern waren wieder im Spiel und gewannen im Elfmeterschießen. Von Robben könnte die Erinnerung an einen wundersamen Spektakelspieler bleiben.
Als die Bayern im Sommer 2009 Arjen Robben, heute 28, von Real Madrid holten, war das ein Schritt ins Unseriöse, ins Großdivengeschäft. Bayern wollte unbedingt einen Weltstar haben, konnte aber nur Robben bekommen. Der galt als empfindlich, körperlich wie seelisch, als ein Mann, der meistens verletzt ist und wie kein anderer schlechte Stimmung verbreiten kann, aber auch als Genie der Außenlinie. Wer ihn engagiert, muss den gleichen Mut oder die gleiche Verzweiflung haben wie Leute, die sich mit Hütchenspielern einlassen.
Selbst nach dem Triumph von Madrid zeigte Robben sich nicht von einer guten Seite, sondern kritisierte im Fernsehen den bayerischen Übervater Franz Beckenbauer, weil der ihn mal getadelt hatte.
Gegen Robben spricht, dass er es manchmal einfach nicht kann. Im entscheidenden Spiel um die deutsche Meisterschaft Mitte April gegen die Borussia
dümpelte er nach einer Ecke der Dortmunder verträumt am eigenen Tor herum und hob damit das Abseits auf, 0:1. Den Elfmeter, der zum Ausgleich hätte führen können, schoss er in die Arme von Torwart Roman Weidenfeller. Kurz vor dem Ende versuchte er einen Satelliten am Himmel über dem Stadion abzuschießen, obwohl es leichter gewesen wäre, das Tor zu treffen, denn das war nur drei Meter entfernt. Drei wichtige Momente, dreimal versagt. Wegen Robben verlor Bayern das Spiel und die Chance auf die Meisterschaft.
Gegen ihn spricht, dass er von 90 Minuten auf dem Platz 85 Minuten eine Flunsch zieht. Weil er beleidigt ist. Robben ist eigentlich immer beleidigt, wenn er den Ball nicht hat. Er spielt nach der Devise: Ich muss den Ball haben, und wenn ich den Ball nicht habe, sind die anderen Blödmänner. Also zieht er eine Flunsch, fuchtelt mit den Armen und motzt die Kollegen an. Die Freistöße in Tordistanz will alle, alle, alle er schießen, genauso die Elfmeter, und erhebt ein Mitspieler Ansprüche, schnappt ihm Robben den Ball weg.
Das heißt, gegen Hertha BSC war er so gnädig, Mario Gomez einen Elfmeter zuzuteilen, aber da hatte Robben schon einen geschossen. Den dritten übernahm er wieder selbst. Mit durchgestrecktem Rücken, steif wie ein Pinsel, stolziert Robben über den Platz und führt sich auf, als gehörte ihm der Ball, die anderen können ihn sich hin und wieder ausleihen. So war das früher auf dem Bolzplatz, er ist da irgendwie steckengeblieben.
Für die anderen Bayern ist er eine Zumutung. Im Spiel gegen Werder Bremen im Januar 2011 schoss Robben einen seiner Freistöße weit über das Tor. Kollege Thomas Müller machte daraufhin eine abfällige Bewegung mit der Hand. Nach dem Spiel ging Robben zu Müller und würgte ihn. Wegen seiner vielen Alleingänge hat er in der Mannschaft den Spitznamen "Aleinikow".
Franck Ribéry löste daher beim Hinspiel gegen Real Madrid wahrscheinlich klammheimliche Freude bei einigen Kollegen aus, als er Robben in der Halbzeit eine reinsemmelte, mit der Faust ins Gesicht. Es hatte wieder Streit um einen Freistoß gegeben. In einem der wichtigsten Spiele der Saison kloppen sich zwei Stars in der Kabine, so weit kann es mit Robben kommen. Für ihn ist der Mannschaftskollege der erste Gegner, den er ausschalten muss.
Gegen ihn spricht, dass er schmutzig Fußball spielt. Für eine Schwalbe im Strafraum ist er sich nie zu schade. Danach schaut er so herzzerreißend leidvoll drein, als wäre gerade Bambi ein arges Unrecht geschehen. Wird er gefoult, tut ihm alles so fürchterlich weh, und das zeigt er genussvoll. Die englische Zeitung "Guardian" schrieb über Robben: "Er ist der Einzige, der es schafft, dass sein Gegenspieler schon vor dem Anpfiff die rote Karte sieht - wegen unnötiger Härte beim Händeschütteln."
Gegen ihn spricht, dass man oft nichts von ihm sieht. Er lungert an der Außenlinie, macht diese grotesken beidfüßigen Hüpfer, mit denen er den Ball erwartet, dann läuft er los und bleibt schon am ersten Gegner hängen.
Gegen ihn spricht, dass er jedes System, das sich ein Trainer ausdenken mag, über den Haufen wirft. Denn Robben macht, was er will. Und da er oft den Ball bekommt, schon weil niemand diese Dauerflunsch ertragen kann, bestimmt er die Spielweise. Ein typischer Robben sieht so aus: Er rast die rechte Außenlinie entlang, schlägt einen Haken nach links, rast nach innen und sucht die Lücke zum Schuss, ohne sich um freistehende Mitspieler zu scheren. Das ist so geheimnisvoll wie das Rezept eines Fernsehkochs. Borussia Dortmund hat sich längst darauf eingestellt und riegelt den rechten Flügel ab. Bayern hat viermal hintereinander gegen Dortmund verloren. Zweimal in Folge mussten sie Dortmund den Meistertitel überlassen.
In einem Satz: Arjen Robben ist eine Katastrophe für den FC Bayern München und seine Fans.
Die Bayern haben ihn auch aus Verzweiflung verpflichtet. In den nuller Jahren beherrschten sie die Bundesliga, aber sie konnten nach dem Triumph von 2001 nicht mehr in der Champions League mithalten. Die Vereinsspitze um Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge stand unter Druck, richtig groß auf dem Transfermarkt zu prassen. Bis dahin galt der FC Bayern als Bank mit der Unterabteilung Fußball. Man kaufte auf dem deutschen Markt alles weg, was im Ruf stand, nicht Rumpelfüßler zu sein, traute sich an die Weltstars aber nicht heran. Mit dem Italiener Luca Toni und dem Franzosen Franck Ribéry machten die Bayern von 2007 an einen ersten Versuch, schafften es aber nicht, zu Clubs wie dem FC Barcelona, Real Madrid oder Manchester United aufzuschließen. Toni verließ die Bayern Ende 2009, Ribéry blieb und wuselte auf der linken Flanke.
Robben war gekommen, damit die Bayern von beiden Seiten Druck machen konnten. Jeder wusste da schon, dass er ein Produkt der holländischen Divenschule ist. Mit Johan Cruyff hatte es angefangen, Ruud Gullit, Edgar Davids und Rafael van der Vaart setzten diese Tradition fort. Mangelnde Eintracht und schlechte Stimmung haben der holländischen Nationalmannschaft manches Turnier verhagelt. Robben steht in dieser Tradition.
Den Ruf der Diva hatte sich Robben, in der niederländischen Provinz Groningen geboren, wo die Menschen eher als Langweiler gelten, beim PSV Eindhoven, beim FC Chelsea und bei Real Madrid erworben. Er wurde mit all diesen Clubs Landesmeister, war aber oft verletzt und nölte viel. Gleichwohl stand er im Ruf, Weltklasse zu sein.
Arjen Robben, Vater dreier Kinder, ist ein Spieler von unbändigem Ehrgeiz. Beim Trainingslager der Bayern Anfang Januar in Katar war er der schärfste Hund von allen. Er machte jede Übung mit dem Ernst des Ernstfalls. Man meinte, die Luft zischen zu hören, wenn er sie beim Sprint am Gummiseil mit seinen steil aufgestellten Händen durchschnitt. Er ist ein echter Athlet, auf seinem Oberkörper könnte man Brettspiele veranstalten, so hart und eben ist er. In den Trainingsspielen trieb es Robben so weit, dass er es mit Gesten der Genugtuung untermalte, wenn er einen Gegner, einen Mannschaftskameraden also, verladen hatte. Vielleicht dachte Ribéry da schon, dass dieser Kerl einmal fällig ist.
Einmal standen in Katar vier Frauen am Spielfeldrand. Sie trugen Abajas, die sie komplett verhüllten. Von ihren Gesichtern waren nur die Augen zu sehen. Diese Frauen sahen aus wie schwarze Säulen, aber sie erwachten zum Leben, sobald Robben den Ball hatte, sie schrien seinen Namen, sie jubelten, wenn ihm ein Dribbling gelang. Kein anderer verzückte sie so wie er.
Deshalb spricht auch viel für Arjen Robben. Dass er es richtig gut kann, dass er manchmal losrast, die Außenlinie entlang, einen Gegner umspielt, zwei, dann einen Haken nach links schlägt, nach innen rast, den dritten Gegner mühelos abfertigt, die Lücke sieht und schießt. Und wenn er trifft, dann ist dies eine dieser Verzückungsspitzen, die aus Fußball ein himmlisches Spiel machen. Robben kann aus dem Beleidigtsein Momente der Schönheit hervorzaubern. Und wer kann das schon, auch im wahren Leben?
In solchen Momenten ist die gesamte Liste von oben vergessen. Mag sich Robben oft aufführen wie ein Kotzbrocken, in seinen besten Aktionen ist er einer der Großen des Fußballs, wie man inzwischen auch unter Abajas weiß. In Deutschland war er in der Saison 2009/10 Spieler des Jahres. Selbst Leute, die nichts lieber hören als das Lied, das dazu auffordert, den Bayern die Lederhosen auszuziehen, räumen ein, dass sie sich Spiele von München gern anschauen, seitdem Robben und Ribéry dort ihre Magie entfalten.
Es ist eine hübsche Pointe, dass nun ausgerechnet die Bayern von der Diva Robben und dem Hallodri Ribéry abhängen. Die Münchner galten als die eisigen Rechner, die mit Geld und Ergebnisfußball die deutsche Fußballszene verärgerten und verödeten. Nun haben sie ihr Geld ins Spektakel investiert, und das trägt ihnen Schadenfreude ein.
Denn Borussia Dortmund hat sie in der Liga überholt. Borussia setzt nicht auf Weltstars, sondern auf einen Nette-Jüngelchen-Trupp, der allseits mit rosigen Wangen versichert, dass Dortmund eine ganz tolle Stadt ist, der sich also brav einfügt in jene schwarz-gelbe Sekte, die von Trainer Jürgen Klopp euphorisiert wird. Die Dortmunder streben den Machtwechsel an, sie haben einen Plan, solide, durchdacht, und sie beherrschen mit ihrer Beständigkeit die Bundesliga. Aber in Europa haben sie sich in dieser Saison lächerlich gemacht.
Der FC Bayern hat es in den drei Jahren, seit Robben im Team ist, zweimal ins Finale der Champions League geschafft, Bayern hat in dieser Saison den FC Barcelona, Real Madrid und Manchester United hinter sich gelassen, Bayern ist eine europäische Spitzenmannschaft, flatterhaft wie seine Weltstars, launisch, überreizt, aber immer wieder überwältigend, dank Robben. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob sie ohne ihn noch besser wären. Er ist da, und er ist die beste Katastrophe, die den Bayern passieren konnte.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 18/2012
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