WILDTIERE
Artenschutz per Schusswaffe
Die Dama-Gazelle kommt ganz nah an den Jeep heran. Ihre S-förmigen Hörner krümmen sich über einem feingeschnittenen Gesicht. Anmutig dreht sie ihren Kopf zur Seite und blickt mit dunklen Augen in die Runde.
"Fiona, möchtest du deine Kekse?", fragt Debbie Hagebusch mit sanfter Stimme und füttert das Tier mit Gebäck. "Sieht sie nicht großartig aus, gesund und stark?", fragt die Tourismusdirektorin der texanischen Y. O. Ranch und streichelt dem Huftier über den rotbraunen Hals.
Und doch überlegt Hagebusch, ihre gehörnten Lieblinge loszuwerden. "Wenn die Tiere nicht gejagt werden dürfen", sagt sie traurig, "sind sie für uns kaum mehr etwas wert."
In Texas ist ein bizarrer Streit entbrannt. Rancher bieten dort Wildtiere aus aller Welt für happige Trophäengebühren zum Abschuss feil. Artenschützer laufen Sturm gegen die Jagd auf die Exoten. Die zentrale Frage: Lassen sich Tiere vor dem Aussterben bewahren, indem man sie abschießt?
Die Auseinandersetzung ist eskaliert, seit Anfang April die Jagd auf drei besonders seltene Tiere durch den Beschluss eines US-Bundesbezirksgerichts erheblich erschwert wurde. Dama-Gazelle, Säbel-Antilope und Mendes-Antilope heißen die strittigen Arten. Alle drei sind akut vom Aussterben bedroht.
Für manch einen Artenschützer ist die Gerichtsentscheidung ein Grund zum Feiern. Seit langem schon kämpft etwa die US-Organisation Friends of Animals dagegen, dass im eigenen Land Rote-Liste-Arten geschossen werden. Die Rancher in Texas sehen das ganz anders. Sie schmähen die richterliche Entscheidung als "Hinrichtungsbefehl" für die betroffenen Exoten.
"Ohne uns werden diese Tiere von der Erdoberfläche verschwinden", warnt Charly Seale, Chef der Exotic Wildlife Association (EWA), eines Interessenverbands der Rancher. "Wir betreiben hier eines der größten Artenschutzprojekte, die jemals unternommen wurden."
Auch der Besitzer der Y. O. Ranch, Charles Schreiner, glaubt an den Artenschutz per Schusswaffe. "Nur wenn die Tiere einen Wert für den Menschen haben, werden sie langfristig überleben", sagt Schreiner. Liebevoll nennt er die strittigen Wildtiere seine "drei Amigos". "In Texas sind sie sicher nicht vom Aussterben bedroht", versichert er.
Schreiner ist Rancher in der sechsten Generation. "Little Africa" nennen die Leute in der Gegend seine 16 000 Hektar große Y. O. Ranch. Vom texanischen State Highway 41 aus geht es zunächst ins offene Land hinein. Hinter einem doppelt mannshohen Tor, gekrönt von einer stilisierten Giraffe und einem Metallcowboy, beginnt die Ranch. Von einer Anhöhe aus lässt sich das Gelände überblicken. Jetzt im Frühjahr blühen zwischen Eichen und Mesquite-Bäumen gelbe, rosa- und lilafarbene Wildblumen. Kojoten gibt es hier, Pumas und Hunderte texanischer Longhorn-Rinder. Vor allem aber ziehen Antilopen, Schafe und Hirsche aus fernen Ländern über die Ebene.
Die ersten Exoten kamen schon Anfang der fünfziger Jahre aus dem Zoo im zwei Autostunden entfernten San Antonio hierher. Heute tummeln sich 60 Wildtierarten auf der texanischen Savanne.
Paris Hilton war schon hier, um eine Folge ihrer Doku-Soap "The Simple Life" zu drehen. Safaritouren bietet Schreiner an. Auch Selbsterfahrungswochen für Manager hat die Ranch im Programm. Gerade waren 25 Firmenchefs aus Deutschland da, um einmal im Leben Rinder zu treiben.
Vor allem aber lebt Schreiner von den Jägern. Gnus und Wasserböcke aus Afrika kann der Weidmann von Welt hier ebenso erjagen, wie Tahre aus der Himalaja-Region oder ostasiatische Sika-Hirsche.
Die "All inclusive"-Pakete der Ranch lassen kaum Wünsche offen: Für 6400 Dollar etwa hat der geneigte Jäger zwei Tage lang Zeit, eine Elen-Antilope in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Erfolgsgarantie wird zwar nicht gewährt. Dafür dürfen Kinder gratis mit auf die Pirsch. Abends gibt es Wildbret von der Weide nebenan und Wein an der All-you-can-drink-Bar.
Für einen afrikanischen Spießbock verlangt Schreiner 8000 Dollar, der Schädel mit den lanzenförmigen Hörnern als Trophäe ist inklusive. Einen Großen Kudu, Schulterhöhe 1,40 Meter, bekommen die Gäste erst ab 19 000 Dollar vor das Hightech-Jagdgewehr. Damit niemand unter die Hufe kommt, stehen die Profi-Jäger der Ranch den Kunden allzeit hilfreich zur Seite.
Nicht mehr buchbar ist indes derzeit das "Trophäen-Säbel-Antilopenbullen-Spezial" der Farm (4500 Dollar). Auch Mendes-Antilope (5500 Dollar) und Dama-Gazelle (6950 Dollar) haben Büchsenruhe. Und nicht nur Schreiner ärgert das maßlos. Hunderte Jagdfarmen in Texas seien von der Neuregelung betroffen, berichtet EWA-Chef Seale.
Seit dem Abschussverbot sei die Zahl der strittigen Tiere in Texas bereits um 20 bis 30 Prozent gesunken, meint Seale. "Das Geld, das wir mit der Jagd gemacht haben, hat es uns erlaubt, diese Tiere zu vermehren."
Lee Hall von Friends of Animals hält das für Mumpitz: "Jagd ist ein gutes Geschäft für Leute, die Köpfe und Hörner verkaufen. Mit Artenschutz hat das nichts zu tun." Den "makabren Jagdtourismus" findet sie schlicht "obszön".
Zudem fürchtet Hall, dass mit der Jagd in den USA ein Markt für die Trophäen geschaffen wird, der die Wilderei in den Ursprungsländern der Tiere anheizt. "Die Existenz eines legalen Markts befördert den Schwarzmarkt und schafft die Gelegenheit, illegal beschaffte Trophäen reinzuwaschen", meint auch Jay Tutchton von der US-Organisation WildEarth Guardians.
Tatsächlich ist die Jagd auf die drei strittigen Arten und der Handel mit ihnen seit langem international geächtet. Die Tiere stehen auf den Listen der Weltnaturschutzunion IUCN und des Washingtoner Artenschutzübereinkommens Cites. Seit 2005 dürfen sie auch in den USA weder getötet noch verkauft werden.
Allein eine Ausnahmeregelung erlaubte bislang das fröhliche Halali im Cowboyland - ein "inakzeptabler Doppelstandard", wie Artenschützerin Hall kommentiert. Während Wilderer in Afrika streng bestraft würden, wenn sie diese Tiere abschössen, werde dasselbe in den USA als "Spiel und Spaß" verkauft.
"Die große Frage ist, wie wir Artenschutz definieren", sagt Hall. Es sei falsch, Tiere "als Faustpfand" in Gefangenschaft zu halten und abzuschießen, nur um sagen zu können, dass es sie noch gibt.
Um Arten zu retten, müssten sie in ihren Heimatländern besser geschützt und vermehrt werden, sagt Hall. Friends of Animals etwa beteiligt sich derzeit daran, die Säbel-Antilope wieder im Senegal anzusiedeln. Die bislang noch hinter Zäunen lebende Herde sei bereits auf 175 Stück angewachsen, berichtet die Tierschützerin.
Doch auch die EWA-Rancher können bemerkenswerte Zuchterfolge vorweisen. Über 5000 Mendes-Antilopen weiden auf ihren Farmen. Rund 900 Dama-Gazellen hat die EWA gezählt. Von beiden Arten leben nur noch wenige hundert in der freien Wildbahn Afrikas.
Besonders imposant aber sind die Herden der Säbel-Antilopen. Zwischen 2004 und 2010 habe sich ihre Zahl auf etwa 11 000 Tiere verneunfacht, berichtet Seale. In der Wildnis ist die Art ausgestorben.
Viele Wildtierexperten mögen den Nutzen der Exotenjagd daher auch nicht ganz von der Hand weisen. "Wenn die Jagd-Ranches Teil eines umfassenden Artenschutzprogramms sind, sehe ich keinen Grund, warum wir eine kontrollierte Jagd verbieten sollten", sagt etwa Russell Mittermeier, Präsident der Naturschutzorganisation Conservation International. Auch die US-amerikanische Zoovereinigung AZA und sogar der U. S. Fish and Wildlife Service (FWS), der die Jagd kontrolliert, stehen auf der Seite der Weidmänner. "Der amerikanische Jäger hat eindeutig vielen Arten geholfen", heißt es in der neuen Verordnung, die vom FWS umgesetzt wird.
Für die texanischen Rancher ist der Kampf noch nicht vorbei. Dutzende von ihnen haben Sondergenehmigungen beantragt, um ihren Kunden auch weiterhin die raren Trophäen anbieten zu können.
"Artenschutz als Gewerbe ist unsere Mission", sagt Seale. Die Tierschützer behandelten die Wildtiere "wie Museumsstücke", schimpft er: "Sie wären zufrieden, wenn nur noch eine Handvoll davon übrig wären, in irgendeinem Schutzgebiet in Afrika."
Allerdings ist auch dem Jäger daran gelegen, die seltenen Antilopen wieder in ihren Ursprungsgebieten anzusiedeln. Ähnlich wie die Tierschützer von Friends of Animals unterstützt auch die EWA die Erweiterung eines Säbel-Antilopen-Reservats im Senegal. 250 000 Dollar habe man kürzlich überwiesen, berichtet Seale. Zwölf der eindrucksvollen Huftiere will er demnächst nach Afrika verschicken.
Aus dem Ziel der Artenschutzaktion macht der Texaner allerdings keinen Hehl: "Wenn die Wiederansiedelung erfolgreich ist, erhoffen wir uns natürlich, dass die Tiere dort irgendwann wieder gejagt werden können."