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USA

Einsamer Präsident

Mit dem Eintreten für die Schwulenehe hat Barack Obama nur Monate vor der Wahl seine treuesten Anhänger verschreckt, die Afroamerikaner. Manche Pastoren drohen mit Wahlboykott. Von Hujer, Marc

Zwanzig Autominuten liegen an normalen Tagen zwischen Ghetto und der glitzernden Geschäftswelt, zwischen der Trinity United Church of Christ und Downtown Chicago. Aber an diesem Sonntag, dem Wochenende des Nato-Gipfels im McCormick Center in der Innenstadt, trennen Stunden die beiden Welten. Demonstrationen legen den Verkehr lahm, Polizeisperren blockieren die Straßen.

Barack Obama ist in der Stadt und muss abgeschirmt werden, der Mann, der hier einmal zu Hause war, in der Trinity United Church of Christ, der großen schwarzen Kirche in der South Side Chicagos.

Sein alter Bekannter steht vor der Gemeinde, die einmal Obamas Gemeinde war, Reverend Otis Moss III., seit vier Jahren der oberste Pastor der Trinity Church. Die beiden kannten sich schon vor Obamas Aufstieg zum Präsidenten. Zuweilen hat er hier auf einer der Kirchenbänke gesessen, zwischen all den anderen Männern in Schwarz und den Frauen mit bunten Hüten und rauschenden Gewändern.

Drei Stunden lang feiern sie hier ihren Gottesdienst, beten zusammen und tanzen zum Gospel der Befreiungsbewegung. Auch an diesem Sonntag ist fast alles wie damals, als Obama noch einer von ihnen war, die große Hoffnung der Schwarzen. Doch ist er das noch?

"Ich will euch nichts vorschreiben", ruft Moss der Gemeinde zu, als müsste er eine Katastrophe verhindern. Er gehört zu denen, die sich auch jetzt noch für den Präsidenten ereifern: "Ihr dürft euch von niemandem einreden lassen, dass ihr dieses Mal nicht wählen sollt." Immer lauter wird Moss, eindringlicher, rhythmisch wie einen Song wiederholt er die Botschaft: "Geht wählen! Geht wählen!" Und dann beginnt Moss, den die Schwarzen ihren "HipHop-Prediger" nennen, zu toben. "Wenn ihr euer Wahlrecht aufgebt, versündigt ihr euch an der Bürgerrechtsbewegung, ihr versündigt euch an unserem Bruder, an Martin Luther King."

Vier Jahre schwieg Moss, wenn er nach Obama gefragt wurde, er lehnte Interviews ab, vermied kontroverse Debatten, weil das, was in den Gottesdiensten verkündet wurde, Obama nur neue Probleme bereitet hätte. Denn es klang für die weißen Wähler zu radikal, wenn schwarze Geistliche ständig an die historische Schuld der Weißen erinnerten, das Erbe der Sklaverei. Schon das Motto von Moss' und Obamas Kirche schreckt Weiße ab: "Unashamedly Black", "unverhohlen Schwarz". Aber an diesem Sonntag geht es nicht mehr um weiße Wähler, sondern um die Gefahr, dass sich schwarze Gemeinden wie Trinity von ihrem Präsidenten, dem "First Black President", abwenden könnten.

Obama heißt nun "The First Gay President", so nennt ihn "Newsweek" auf dem Titel und zeigt den Präsidenten in der Woche des Nato-Gipfels mit einem Heiligenschein in Regenbogenfarben, den Farben der Schwulen- und Lesbenbewegung, und in den Talksendungen reden alle von Obamas mutigem Schritt, sich für die Schwulenehe auszusprechen, die bisher nur in wenigen US-Staaten anerkannt wird. Es ist eine Neuerfindung seiner Kandidatur, sie hat seinen Wahlkampf belebt. Aber für die Mehrheit der Schwarzen, die die Schwulenehe strikt ablehnen, liest sich das wie ein Verrat.

Obama musste wissen, was er riskierte, als er sich vor zwei Wochen für diese Haltung entschied, für einen Bruch mit seiner bisherigen Position, nur "civil unions", gleichgeschlechtliche Partnerschaften, zu unterstützen. Noch immer ist Homosexualität ein Tabuthema in schwarzen Gemeinden. 65 Prozent der Schwarzen halten die Schwulenehe für falsch, nur 48 Prozent der Weißen sind gegen solche Verbindungen. Als 2008 die Kalifornier bei der Wahl auch über die Schwulenehe entschieden, stimmten 70 Prozent aller Schwarzen für ein Verbot.

Im Januar 2009, als Barack Obama ins Weiße Haus einzog, feierte die ganze Welt den ersten schwarzen Präsidenten, aber für niemanden bedeutete seine Wahl so viel wie für die Schwarzen Amerikas. 96 Prozent von ihnen hatten für Obama gestimmt, waren aus Begeisterung für ihn zur Wahl gegangen, viele zum ersten Mal. Und viele halten weiterhin zu ihm, trotz der Enttäuschungen, die seine Präsidentschaft für sie gebracht hat: Die Arbeitslosigkeit unter Schwarzen liegt nach wie vor bei 13 Prozent, deutlich höher als der nationale Durchschnitt von 8 Prozent. Elf Prozent der Schwarzen haben in der Krise ihre Häuser verloren. Doch nun muss Obama erstmals ernsthaft um ihre Zustimmung fürchten. Ohne sie würde im November seine Wiederwahl scheitern.

Obamas Bekenntnis zur Schwulenehe hat die Schwarzen entsetzt. Homosexualität passt nicht zur Macho-Kultur, die beherrscht wird vom Ideal starker Männlichkeit. "Uns ist beigebracht worden, dass wir durch die Sklaverei unserer Männlichkeit beraubt wurden", schreibt der schwarze Publizist Charles Stephens, "deshalb müssen wir an dem festhalten, was uns geblieben ist." Ein Gutteil der Hass-Kriminalität gegen Homosexuelle wird von Schwarzen verübt.

Niemand hat größeren Einfluss auf das Empfinden der Schwarzen als die Kirchen. Sie sind das Zentrum des Gesellschaftslebens der Afroamerikaner. 22 Prozent von ihnen gehen mehr als einmal pro Woche in den Gottesdienst, doppelt so häufig wie Weiße. Sie glauben an das, was ihr Pastor sagt und was in der Bibel steht, die sie wörtlich auslegen. Danach darf eine Ehe nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden.

Obama hatte alles versucht, um den absehbaren Schaden seiner Entscheidung zu begrenzen. Unmittelbar nach seiner Erklärung rief er bei acht schwarzen Predigern an, unter anderen auch bei Otis Moss Jr., dem Vater von Otis Moss III., einem der Mitstreiter von Martin Luther King. Aber auch bei jenen, die ihn bisher unterstützt hatten, stieß er auf heftige Kritik. Pastor Dwight McKissic aus Arlington, Texas, sagte: "Obama hat die Bibel verraten." Pastor William Owens aus Memphis sprach von der "Geiselnahme der Bürgerrechtsbewegung" durch Homosexuelle. Man könne Bürgerrechte nicht auf Schwule übertragen: "Homosexuelle haben die Wahl zu sein, was sie sind, Schwarze haben nie die Wahl gehabt."

Owens droht nun, Obamas Wiederwahl zu sabotieren. Wie andere Geistliche auch predigt er jetzt sonntags gegen Obamas Unterstützung für die Schwulenehe. Er hat eine Interessengruppe von 13 schwarzen Pastoren in Tennessee gegründet, die gegen Obama vorgehen wollen. Wenn Obama nicht abschwört, wollen sie ihm die Stimme verweigern.

Otis Moss, Obamas Pastor, kann sich über diese Glaubensbrüder richtig aufregen: "Von denen hat kaum einer jemals gegen Rassismus protestiert, gegen Ungerechtigkeiten oder Polizeigewalt." Er hat deshalb einen offenen Brief geschrieben. "Die Institution der Ehe", sagt Moss da, "gerät nicht durch Obamas Worte unter Druck. Sie geriet schon vor Jahren unter Druck, weil Männer Frauen als ihr Eigentum betrachten und Kinder als Beweis für sexuelle Potenz."

Auch am Sonntag des Nato-Gipfels liest er seiner Gemeinde aus diesem Brief vor und zitiert seinen Vater, der gesagt hat: "Unsere Vorfahren haben 389 Jahre gebetet, dass einmal ein Schwarzer im Weißen Haus sitzt. Sie haben 200 Sklavenaufstände geführt, in elf Kriegen gefochten und in einem Bürgerkrieg, in dem mehr als 600 000 Menschen starben. Ich werde nicht zulassen, dass engstirnige Geistliche oder rückwärtsgewandte Politiker Befriedigung daran finden, dass ich nicht mein Wahlrecht wahrnehme." Es sei "absurd" zu verlangen, predigt der Sohn, dass der Präsident Rücksicht auf theologische Positionen nehmen müsse. "Er ist nicht der Präsident der Baptisten. Er hat die Aufgabe, sich um alle zu kümmern, um Juden und Nichtjuden, Männer und Frauen, Junge und Alte, Hetero- und Homosexuelle, Schwarze und Weiße, Gläubige und Nichtgläubige."

Er klingt jetzt ein bisschen wie Barack Obama, der Heilsbringer im Wahlkampf von 2008, der den Wandel versprach, die Versöhnung einer zerstrittenen Nation, und der schon Jahre zuvor den großen Satz geprägt hatte: "Es gibt kein schwarzes Amerika und kein weißes; es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika."

Obamas Kampf für die Schwulenehe ist wieder so ein großes Versprechen, eine Zäsur im langen Kulturkampf Amerikas, und sicher hatte Obama mit seiner Entscheidung auch im Sinn, den Zauber von 2008 wiederzubeleben.

Aber es gibt diesmal mehr Zweifler als damals, die Mehrheit der Wähler sieht in diesem Schritt den kalkulierten Versuch, reiche Homosexuelle als Großspender an ihn zu binden. Nach vier Jahren Obama klingt für sie das Versprechen hohl, ein Amerika zu bauen, das allen dient.

Und viele Unterstützer von einst klingen heute so ernüchtert wie der schwarze Professor Cornel West, ehedem ein enthusiastischer Fan Obamas: "Er ist wie ein Schriftsteller, der eine Obsession für Proust und Tolstoi hat, aber dann nur Kurzgeschichten schreibt, die es allenfalls in ein mittelmäßiges Magazin bringen", sagt West. "Ich habe Proust und Tolstoi von ihm erwartet, stattdessen schafft er es gerade auf den ,Newsweek'-Titel."

DER SPIEGEL 22/2012
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