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DER SPIEGEL

KOMMENTARMekka Deutschland

Von Bernhard Zand
In den vergangenen Tagen waren es gleich zwei prominente Christen, die Deutschlands Muslimen bei der Identitätsfindung halfen. Der bayerische Finanzminister Markus Söder sprach vor türkischen Migranten und überraschte sie mit der Einsicht, der Islam sei "ein Bestandteil von Bayern". Bundespräsident Joachim Gauck sagte in einem Gespräch mit der "Zeit", er teile die Intention seines Vorgängers, hätte dessen berühmtesten Satz aber anders formuliert, und zwar so: "Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland."
Damit sind es jetzt fünf an der Zahl. Christian Wulff, von dem sich Gauck distanzierte, hatte den Anfang gemacht: "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland." Innenminister Hans-Peter Friedrich widersprach: Das lasse sich "aus der Historie nirgends belegen"; Deutschlands Identität sei "durch das Christentum und die Aufklärung" geprägt. Und Unions-Fraktionschef Volker Kauder stellte fest: "Der Islam ist nicht Teil unserer Tradition und Identität."
Wer oder was gehört nun zu Deutschland? Der Islam? Die Aufklärung? Die Muslime? Das Christentum?
Als sich Konrad Adenauer in seiner ersten Regierungserklärung 1949 dem "Geist christlich-abendländischer Kultur" verpflichtete, war von dieser Kultur nicht mehr viel übrig.
Dem Abendland, Deutschland voran, war es gelungen, die Errungenschaften von Humanismus und Aufklärung in nur wenigen Jahren zu zerschlagen.
Das wissen auch manche, die aus dem Morgenland kommen, die meisten haben es an deutschen Schulen oder Universitäten gelernt. Und ihnen leuchtet nicht ein, warum Männer wie Kauder, Friedrich und Gauck die schwarzen Seiten des europäischen Abendlandes so elegant übersehen, die hellen aber so ganz und gar für sich allein haben möchten. Das Abendland, sagt Aiman Mazyek, der Chef des Zentralrats der Muslime, stehe "auch auf muslimisch-morgenländischen Beinen".
Natürlich hat Mazyek recht. Die Dreistigkeit, mit der Friedrich ausgerechnet das Christentum mit der Aufklärung zusammenrührt, sie dann als Fundament deutscher Identität preist und am Ende ihre Zerstörung vor gerade einmal zwei Generationen unterschlägt, ist geschichtslos und selbstvergessen.
Und mit seinem Verständnis für die Frage: "Wo hat denn der Islam dieses Europa geprägt?", fordert Bundespräsident Gauck geradezu heraus, dass man ihn auf eine nächste Auslandsreise nach Andalusien oder Mallorca, nach Malta oder Bosnien schicken möchte. Oder zu einem Besuch ins Theater Lübeck, wo zurzeit die "Entführung aus dem Serail" gegeben wird.
Vielleicht schlägt der belesene Präsident auch einmal ein Lexikon auf und geht, um gleich den ersten Buchstaben zu nehmen, der Etymologie von Wörtern wie "Admiral", "Algebra", "Alkohol" oder "Atlas" nach. Oder er nimmt, wie ihm der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde riet, "einen Blick in die Geschichtsbücher": Sultan Mehmet, der 1453 Konstantinopel eroberte, hat ein islamisches Reich begründet, das 300 Jahre lang mal mit den anglikanischen Briten, mal mit den katholischen Franzosen koalierte, vor allem, um die Habsburger zu bezwingen.
Die womöglich gewonnenen Erkenntnisse könnten Gauck helfen, allmählich den anthropologischen Graben einzuebnen, den die Anschläge vom 11. September 2001 aufgerissen haben. In wenigen Ländern ist er so tief wie in Deutschland; weder in den vom dschihadistischen Terror viel härter getroffenen USA noch in Großbritannien diskutieren Politiker ernsthaft, ob der Islam zu Amerika oder zum Königreich gehöre.
Aber genau darum, ums Dazugehören und ums Fremdbleiben, geht es der weit überwiegenden Mehrheit der deutschen Muslime. Deshalb nehmen sie jede Nuance in der deutschen Islam-Debatte so persönlich.
Wahrscheinlich versteht Joachim Gauck die Muslime im europäischen Abendland besser als viele andere Deutsche. "Das Ziel meiner Sehnsucht war der Westen", sagt er in der "Zeit" über sein Leben in der DDR. "Aber eigentlich bin ich ein Sehnsuchts-Ossi."
Da teilt der Präsident eine Erfahrung mit vielen Muslimen: Auch das Ziel ihrer Sehnsucht war irgendwann einmal der Westen, deshalb sind sie hier. Und deshalb gehören sie zu Deutschland.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 23/2012
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