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DER SPIEGEL

REISENGallische Splitter

Eines der allerschönsten Länder dieser Erde" sei Frankreich, "von den goldenen Weizenfeldern der Ile de France und der Champagne bis zu den karg würzigen Gestaden der Provence und des Languedoc" - "leider aber bewohnt von Franzosen". Mit dieser Arbeitshypothese im Gepäck, hat sich Gregor von Rezzori, 82, Doyen der unterhaltenden Ironie, ins Herz Westeuropas aufgemacht, um zu prüfen, "wie althergebrachte Gemeinplätze durch neue zu ersetzen sind". Und schau an, sie sind: Pünktlich zum Beginn der Reisesaison liefert der Grandseigneur, der schon über Italien weise Witzigkeiten erzählt hat, nun eine - wiederum von ihm selbst illustrierte - kleine Länderkunde mit Funden aller Art. Als abgeklärter Greis von Welt schert er sich dabei einen diable um politische Korrektheit. Für den Alteuropäer herrscht zwar in Frankreich "nicht der leidige Pessimismus, der dem europäischen Geistesleben die Sauerstoffzufuhr abschnürt. Man atmet freier in Frankreich, wenngleich doch ein wenig eingeschüchtert vom generellen Mißmut der Franzosen. Es ist der Mißmut der Alleingelassenen: Niemand ist so gescheit, so raffiniert und - eingebildet wie sie". Zum Beispiel auf ihre Geschichtskenntnisse: Daß etwa die Schlacht von Azincourt (1415), früher Wendepunkt der Beziehungen zu den Nachbarn jenseits des Kanals, vom Appetit englischer Ratten auf gallische Bogensehnen entschieden worden sein soll, konnte Rezzori einem "ambassadeur de France auf freier Wildbahn" ablauschen. Durch derlei Kenntnisse der eigenen und sonst kaum einer Historie steche der Citoyen, der in Wahrheit natürlich Aristokrat ist und seine unerschütterliche National-Logik bei Descartes gelernt hat, unter allen Lang- und Rundschädeln seines alten Erdteils hervor. Von gallischer Höflichkeit, sonst das Markenzeichen der Grande Nation, solle man sich dagegen nicht täuschen lassen: "Die Grundeinstellung gegen den Mitmenschen ist kalt." Vielleicht rührt daher auch, daß in der Welt, und selbst der alten, die Zeiten vorbei sind, da noch "jedermann, der etwas auf sich hielt", mitzuteilen wußte, "er sei der Staat"? Rezzori jedenfalls rät, ganz im Sinne altfranzösischer Diplomatie, zu wachsamem Vertrauen - auch im kulinarischen Weltnabel Paris: "Wohl dem, der nach drei Mahlzeiten in verschiedenen Dreisternelokalen nicht nach Graupensuppe lechzt."
Gregor von Rezzori: "Frankreich - Gottesland der Frauen und der Phrasen". Bertelsmann Verlag, München; 96 Seiten; 29,80 Mark.
Von Saltzwedel und

DER SPIEGEL 14/1997
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