Lade Daten...
Inhaltsverzeichnis

DROGEN

Die Schädeldecke geht auf

Der Preis für Kokain sinkt, die Zahl harter Konsumenten steigt: Freebase, die hausgemachte Version von Crack, erobert den Markt. Raschem Rausch folgt lebenslange Sucht. Von Walter Mayr Von Mayr, Walter

Seit Stunden sitzen die beiden und mörsern. Sie schaben mit der Stahlklinge ihres Taschenmessers federleichte Flocken von einem Klumpen Kokain, zerstoßen sie und häufeln Nachschub auf die Folie. Eine Ladung ergibt einen Lungenzug, das reicht für zwei Minuten. Bis zu 2000 Mark gehen weg an einem Tag. Drei Tage und Nächte am Stück sind ein Run.

Es ist der erste Abend. "Kommt vor, daß man die Bremse nicht mehr findet", sagt der Mann. "Daß man mehr einknallt als geplant", sagt seine Frau: "Wir fangen an, die Kontrolle zu verlieren."

Durch die hohen Fenster der Altbauwohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg bricht die Nacht herein. Falk und Sandra rauchen Kokain. "Ein brutaler Ego-Film", sagt die Frau. Sie suchen Halt im Ritual der Gemeinsamkeit. Er portioniert den Stoff auch für sie, sie spricht vom Leben mit ihm. Von den zwei Kindern, 14 und 9 Jahre alt, die zu Hause auf die Eltern warten, und vom Alltag mit der Sucht.

60 Kilogramm habe sie früher gewogen, 55 seien ihr Idealgewicht, sagt Sandra, da wolle sie wieder hin. Augenblicklich wiegt sie 42. Auch Falk, ihr Mann, schafft inzwischen "14 Tage ohne Essen", kein Appetit. Er war Bauunternehmer. Jetzt führt die Firma ein Angestellter.

Falk zittert, während er mit dem Messer hantiert. "Der reine Tattrich", sagt er, und dann, ins Halbdunkel hinein, daß es so nicht weitergehen könne: "Man merkt richtig, wie es bergab geht. Das macht mir angst. Jetzt ist Ende, Schluß. Der letzte Brocken geht heute nacht weg."

Dann schnappt wieder das Zippo-Feuerzeug auf. Im Schein der Flamme das Gesicht eines 50jährigen, fahl und gekerbt, vor einem mit Alufolie versiegelten Topf. Über winzigen, mit der Rouladennadel gestochenen Löchern liegt darauf in Asche gebettet Kokain. Falk schließt die Lippen über einem Schlitz in der Folie und saugt Rauch aus dem Topfinnern an.

Es ploppt, als straffe sich ein Segel im Sturm. Unter der Flamme des Feuerzeugs zerlaufen die weißen Kokain-Kristalle wie Schmelzkäse zu zäher Kruste. Nach zehn Sekunden sind sie blaugrau verglüht.

Der Mann atmet den Rauch aus und wartet ein wenig. Dann geht er ins Bad und erbricht sich.

Falk ist Freebaser wie seine Frau - abhängig von einer heimlichen Droge. Sie ist nicht zu sehen und nicht im Handel. Die Fahnder in der Hauptstadt haben noch kein Gramm davon beschlagnahmt und die Suchtberater andere Sorgen. Von Alkohol über Ecstasy bis zu Heroin ist genügend Stoff offen im Umlauf.

Freebaser verkommen hinter verschlossenen Türen. Dort stellen sie selbst her, was sie rauchen, dort haben sie ihr Handwerkszeug: Topf und Folie, Lösungsmittel, Messer, Löffel, Schließgummi, Kreppapier. Im Küchenlabor erst wird aus Kokain Freebase, die freie Base des Rauschmittels, gelöst durch Erhitzen mit Ammoniak.

Ganze sechs Sekunden vergehen beim Rauchen bis zur Explosion im Gehirn. Wer es erlebt hat, findet große Worte: "Wie eine riesige Woge, die Wapp macht", sagt einer. "Wie wenn dir jemand ein Stahlband um die Stirn legt, festschraubt, und plötzlich knallt's: Die Schädeldecke geht auf", beschreibt es ein anderer. "Man sieht klar, die Wahrheit ist nahe", sagt Falk.

20mal schneller als von der Nasenschleimhaut aus sind die Botenstoffe des Marschpulvers von der Lunge zum Hirn unterwegs. 20mal schneller verebbt das Hoch, steigt die Sucht nach mehr. "Wie der Panzer zum Moped" verhalte sich die Wirkung von Freebase zu der von gesnieftem Kokain, sagen Suchtexperten. Und wie eine Zwillingsschwester zu Crack, der Ghetto-Droge.

Sie ist der Treibstoff für 60 Prozent aller Verbrechen in Florida und für jeden fünften Mord in den USA.

Crack ist "so gefährlich wie die Seuchen des Mittelalters", schrieb das Nachrichtenmagazin NEWSWEEK. "Crack und Freebase sind die gleiche Droge", warnt Arnold Washton, der in New York die Crack-Therapie begründet hat.

Unterschiede gibt es nur chemischer Art. Bei Crack wird die Kokainbase mit Backpulver freigesetzt, bei Freebase extrahiert. Crack läßt sich lagern, also auch beschlagnahmen, Freebase nicht. Es wird aufgekocht, geraucht und ist verschwunden. Der Liedermacher Konstantin Wecker dient seit seinem Prozeß als einsamer Kronzeuge von Rang für die Tatsache, daß Crack als Freebase Deutschland erreicht hat.

Die Szene ist hermetisch. In den Kneipen der Berliner Innenstadt-Bezirke kennt fast jeder einen, der "am Basen" ist, nur leider gerade "abjetaucht", wegen Drogenbesitz "wegjehaftet und einjefahren", oder Nachschub holen in der Heimat der nimmermüden Indios.

Jene, die dann doch reden wollen, lassen Termine platzen, melden sich am Telefon ohne Namen oder haben auf Anfrage keine Adresse. Ohne Garantie von Freunden kein Treffen mit Fremden, heißt es, und: nur am neutralen Ort. In der eigenen Wohnung wird meist auch Vorrat gebunkert. Die Angst vor szenefremden "Linkern" ist erheblich. 100 Gramm, die Dosis für einen mehrtägigen Run, bringen bei Beschlagnahme zwei Jahre Gefängnis.

Die sich schließlich aus der Deckung wagen, sind Fabrikbesitzer, Autohändler, Bauplaner oder Gastronomen. Auch ein paar Kleinkriminelle sind darunter, überwiegend aber "Leute, die ziemlich gut im Tempo ihrer Zeit liegen", wie die Berliner Drogenbeauftragte Elfriede Koller trefflich vermutet.

Freebaser gibt es auch in anderen deutschen Städten. Seit drei bis vier Jahren sind sogar Crack-Steine auf dem Markt, winzig, billig, extrem suchtsteigernd. In Frankfurt werden sie auf offener Szene an ein paar hundert Junkies verkauft, aus dem Mund der Dealer in die Pfeife der Raucher. Das Geschäft liegt vorwiegend in den Händen von Einwanderern aus Nigeria, Gambia und Senegal.

Nirgendwo aber sind mehr Freebaser bekannt als in Berlin. Das liegt an Wolfgang Götz, der im Bezirk Kreuzberg "Kokon" leitet, das bundesweit einzige Zentrum, das ambulante kokainspezifische Therapie anbietet. Götz addiert Anfragen und zeichnet Fieberkurven. Die Zahl derer, die über das Sniefen zum Rauchen kommen, Familie und Vermögen verlieren und sich am Ende ohne Therapie nicht mehr zu helfen wissen, nehme von Jahr zu Jahr zu.

"An die 3000 Süchtige", Tendenz steigend, sei eine konservative Hochrechnung, erklärt Wolfgang Götz. Zu konservativ, vermutet der Anwalt Christian Voss, der sich als Strafverteidiger in Betäubungsmittel-Verfahren einen Namen gemacht hat: "So viele kenne ich allein."

Die helle, drogenfreie Welt bei Kokon, wo "um Reinlichkeit in der Klientenküche" gebeten wird und Andy sich schriftlich verpflichtet, Tsatsiki für die gemeinsame Fahrradtour anzurühren, ist für Freebaser ein harter Schritt vom Schatten ins Licht. "Solange die noch Geld haben, kommen sie nicht", sagt Wolfgang Goetz.

Freebaser sähen sich bis zuletzt als "Teilhaber" der Gesellschaft, fernab von Bahnhofsviertel, Fixerstube und den Elendsgestalten, die am U-Bahnhof Kottbusser Tor auf der Suche nach einem Gramm gepanschter Ware von der Polizei verscheucht werden. "Junkie-Jogging", das ist was für Verlierer.

Freebaser haben üblicherweise Geld und ihre Adressen. Im Schutz gepflegter Altbauwohnungen und einfacher Döner-Stuben lagert leidlich weißes Pulver in der Stadt. Keine 90 Prozent Reinheit mehr wie früher, aber 50. Dealer, die auf sich halten, haben ein Kistchen für "Hacker", die sich Linien legen, und eines mit höherwertiger Ware für "Baser".

Die Rauschgiftfahnder tappen weitgehend im dunkeln. Bekannt ist, daß Kokain im Blut von Drogentoten jetzt doppelt sooft gefunden wird wie vor drei Jahren. Daß inzwischen doppelt soviel Kokain beschlagnahmt wird wie Heroin. Und daß in Berlin der Preis für das Pulver, ehedem Droge der Schönen und Schnittigen, zum Teil niedriger liegt als der für Heroin, den Stoff der Verlierer.

Offiziell nicht bekannt ist, wieviel das alles mit Freebase und Crack zu tun hat. Rüdiger Engler, Chef des Rauschgiftdezernats beim LKA Berlin, sagt: "Ich habe keinerlei Crack-Feststellung."

Falk und Sandra haben sich verändert im Laufe des Abends. Ihre Pupillen sind jetzt geweitet, die Bewegungen unstet. Der Unternehmer klappt, wenn er nicht am Rauchen ist, pausenlos und knallend die Bügel seiner Sonnenbrille zusammen, als müsse er einen unsichtbaren Feind vertreiben. Seine Sätze sind kurz geworden und die von Sandra verworren.

Die abgemagerte Frau raucht, zappelt, schließt die Fenster zur Straße, alles so laut hier, und überhaupt: "Das Entscheidende: Man muß wirklich den Punkt auch erkennen, oder den Punkt wirklich, also wir beide haben für uns sehr stark jetzt, mal wieder, oder jetzt halt, daß wir sagen: Mit dem Rauchen, wir dürfen nicht weitergehen, und tiefer sonst draufkommt oder negativ abstürzt."

Der Stoff ist angekommen an den Nervenenden, ein Gewitter entlädt sich. Das Großhirn, in dem das logische Denken sitzt, ist überfordert, das Zwischenhirn, Heimat der Impulse für Schlaf, Appetit und Angst, ist betäubt. Kokainpsychosen treten auf, übersteigertes Hörempfinden und paranoide Wahnzustände.

Das Unternehmerpaar dealt, wie die meisten Freebaser, um den Verbrauch finanzieren zu können. "Du denkst ständig, die Bullen stehen hinter der Tür", sagt Sandra. "Unsere Tür ist verrammelt, das bringt noch mal zwei Sekunden", sagt Falk.

Die Symptome der Sucht erzwingen Einsamkeit. Anfangs wird in Gruppen geraucht, der Topf kreist. Dann nur noch mit engen Vertrauten. Am Ende allein.

Die Angst, bestohlen zu werden oder im entscheidenden Moment nicht an der Reihe zu sein, warten zu müssen mit dem nächsten Zug, siegt. Vor allem aber: die Angst, in anderer Augen nicht mehr den Ansprüchen zu genügen.

Freebaser sind ihrem Wesen nach Leistungsträger der Gesellschaft. Von Leuten, die dazu tendieren, "ihr Soll überzuerfüllen", spricht die Drogenbeauftragte. "Wir wissen seit fünf Jahren, daß im Gegensatz zu Crack in den USA Basen bei uns ein Upper-class-Konsummuster ist", sagt der Streetworker Jürgen Schaffranek.

"Die Leute unterschätzen das nach wie vor", warnt Wolfgang Götz von Kokon: "Die kommen und sagen, ich würde Crack nie rauchen." Dabei sind sie seit Jahren auf Freebase und völlig verschuldet.

"Ich war bekannt als der Workaholic schlechthin. Eine Formulierung, die gesellschaftlich akzeptiert ist, obwohl auch sie auf Suchtstrukturen hindeutet", sagt Sven. Der Mittdreißiger, geschliffen in Sprache und Umgang, ist Juniorchef einer eingesessenen Berliner Firma für Innenausbau. Zur Zeit versucht er bei Kokon den Entzug.

Anfangs habe er sich das Rauchen nur als "Katalysator für geschäftliche Verhandlungen" gestattet. Unter dem Büro lag, als Fitneßraum getarnt, sein Baserstübchen. Dann sei er dazu übergegangen, im Auto mit 120 durch die Stadt zu jagen, wo Dealer gegen guten Lohn den Topf schon für ihn installiert hatten: "Für mich war Geld nur noch der Gegenwert von Gramm und Zeit."

Noch später habe er Geschäftsreisen einfach erfunden, um sich in der eigens angemieteten Absteige Stoff auf die Folie schichten zu können.

Die Hemmschwelle, sagt Sven, werde "zunehmend reduziert, die Gier dazu adäquat erhöht, die soziale Fassade bröckelt".

Am Ende wird er von Dealern niedergeschlagen, sein Retiro fliegt auf, der Vater ruft die Polizei. Auf sieben Jahre gerechnet bilanziert Sven als "definitiven Kapitalverbrauch" 800 000 Mark, gefälschte Schecks, frisierte Bilanzen und eine zerstörte Ehe: "Ich hatte den Absturz als normale Lebensform akzeptiert."

Im 18monatigen Therapieprogramm von Kokon soll er wie die anderen von seinen "grandios verzerrten" Wertvorstellungen geheilt werden. Abstinent werden und das durch Urinproben beweisen, sich stabilisieren, selbst akzeptieren lernen und schließlich Hoffnung auf einen neuen Sinn des Lebens schöpfen. Ein schwerer Weg sei es, sagt Sven, Abschied zu nehmen vom Selbstbild des Luxus-Junkies und zu sagen: "Das bin ich, das ist mein Drama, mein Manko, mein Makel."

Schwer fällt das im Kopf und schwer auch im Alltag. "Die Droge arbeitet ja in dir", sagt ein Lehrer auf Entzug, "liefert dir Argumente, setzt dich aufs hohe Roß: du bist schon zwei Monate clean." Er versucht, sich "hohe Berge aufzubauen, Orte heiligzusprechen, wo ich's nicht tue".

Fallgruben überall: Die Pizza am Imbiß ist eingewickelt in Alufolie - ein Schlüsselreiz. Ums Pausenbrot der Tochter kommt Schließgummi - wie um die Folie am Topf. Im Bad riecht es nach frisch geputzter Toilette - Ammoniak macht aus Kokain Freebase.

Bei Kokon werden die Abhängigen in ambulanter Therapie auf solche Fälle vorbereitet. Andernfalls, sagt Wolfgang Goetz, sei der ganze Versuch so sinnvoll wie ein "Jumbo-Jet mit Fahrradbremse". Die Erfolgsquote liege derzeit bei 35 Prozent.

"Ich bereue nichts", sagt Falk, der vor Stunden noch aufhören wollte, "ich habe auf diesem Weg meine Erfahrungen gemacht." Er und Sandra hätten durch die Droge viel verstanden vom eigenen Leben. Beide seien sie Scheidungskinder aus Familien mit Erfahrung im Drogenmißbrauch. Den eigenen Kindern zumindest werde Ähnliches wohl verleidet, "durch das Bild, das wir abgeben".

Es komme vor, sagt Sandra, daß sie zu rauchen begännen um eine Zeit, "wo die Kinder noch aktuell sind vom Timing her" - das heißt: wach. Die Tochter sagt dann: "Papa nimmt Medizin." Der Sohn allerdings, aus Vaters erster Ehe, hat der Mutter gedroht: "Wenn Falk stirbt, bring' ich dich um." Immerhin, sagt Sandra, würden die Kinder zu Selbständigkeit und Pfiffigkeit erzogen. Sie machten sich problemlos ihre Spiegeleier selber.

Bekannte aus der Szene sagen, Sucht wie bei Falk hätten sie noch nicht erlebt. Daniel, der Dealer, der selbst nichts mehr nimmt, seit er aus dem Knast ist, vermutet Verfolgungswahn im Endstadium. Er kennt das: "Du machst so lang, bis alles weg ist. Dann sagste, so, jetzt könn'se kommen."

Daniel ist ein schlanker Kerl von 40 und meliert, Gestus lässig, aber lauernd, ein Straßenkind in gutem Tuch. Früher hat er die Außenstände preisgekrönter Schlagertexter eingetrieben bei Koksern. Die eine oder andere Hitparadengröße sei mit bis zu 200 000 Mark dabeigewesen. Es kam vor, daß er hinlangen mußte. Jetzt rastet er nur noch aus, wenn er trinkt.

Er ist "ewig in die Kreise drinne", galt schon als virtuoser Aufkocher von Kokain, als andere am Ku'damm das noch nicht draufhatten, und wurde beim letzten Mal im Knast von Tegel mit "Hello, Mr. Baseman" begrüßt. Auch dort, sagt er, werde geraucht, daß es eine Freude sei.

Der Kokainhandel, früher in den Händen von Einheimischen mit Anbindung an Kiezgrößen wie "olle Luna-Jüntha und Erbsen-Paule", werde nun von Arabern, Türken und Libanesen kontrolliert, sagt Daniel. Der Markt sei gesättigt, das eigene Revier schwer zu behaupten: "Heute hat jeder 18jährige schon 15 Gramm in den Taschen."

Auf 64 500 Mark sei der Preis fürs Kilo Kokain bei den Berliner Türken gefallen, die mit verplombten Lastern aus Istanbul versorgt würden. Noch besser fahre man in Venlo hinter der niederländischen Grenze, wo der Stoff noch originalverpackt in der Lagerhalle steht - "Lage Papier, Schicht Senf, Lage Papier, is' jut gegen die Hunde". Oder in Mojácar an der spanischen Mittelmeerküste, wo die Einmotorigen aus Marokko ihre Päckchen mit Bojen versehen ins Wasser werfen.

Aus seiner Sicht sei der Trend unumkehrbar, sagt der Dealer: "Hasch macht lasch, auf Trip siehste bunte Schneevögel fliegen. Es bleibt nur Koks."

232 Kokain-Konsumenten seien 1996 in Berlin "erstauffällig geworden", hat die Jugendsenatorin Ingrid Stahmer Mitte Mai bei Vorlage ihres Jahresberichts Sucht verkündet. Gemessen an geschätzt 200 000 Alkoholikern in der Hauptstadt ist die Zahl eine Petitesse. Gemessen an der wahren Nachfrage nach Kokain und Freebase ist sie ein Indiz für die Entfernung der Berliner Drogenpolitik von der Wirklichkeit.

Bereits 1996 hat jeder fünfte vom Berliner Therapie-Laden befragte Ecstasy-Konsument angegeben, er habe Erfahrung mit Kokain. Der Hang zum Mischkonsum nimmt zu, die Szene gilt als bedingungslos "polytox".

Die Bereitschaft Jugendlicher, sich "bis zur Ohnmacht dichtzumachen", beschreibt der Streetworker Schaffranek als verheerenden Nährboden für die Zukunft: "Crack aus Frankfurt wird kommen, die Einheit zu 10 bis 15 Mark." Scheinbar billig, des kurzen Effekts und hohen Suchtpotentials wegen aber der Weg in den Ruin.

Berlins oberster Drogenfahnder, Rüdiger Engler, hat gehört, daß "Crack hält, was Ecstasy nur verspricht. Wenn das stimmt", sagt er, "dann haben wir was vor uns".

Das Schlimme sei, sagt Falk, der Bauunternehmer, "daß die Jugend überhaupt nicht aufgeklärt wird. Jeder muß sich bewußt sein, daß es ein falscher Weg ist". Dann lädt er ein paar Flocken nach, und Sandra wacht darüber, daß im schwachen Schein der Lampe kein Kristall verlorengeht. Ein Run dauert drei Tage und Nächte. Dies ist die erste Nacht.

In Falks Jeansjacke läutet das Funktelefon. "Die Kinder", sagt Sandra. Falk nimmt ab. "Was, so spät schon?" fragt er in die Muschel. "Fußball war heute? Hatt' ich gar nicht dran gedacht. Wir kommen jetzt. Is' vorbei jetzt."

DER SPIEGEL 24/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

Inhaltsverzeichnis
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten