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ZEITGESCHICHTE

Erichs kleine Trompeter

Seit sieben Jahren gibt es sie nicht mehr, doch in einer US-Kleinstadt wird der DDR alljährlich gedacht - ein großes Symposium verklärt den untergegangenen Staat. Von Henryk M. Broder Von Broder, Henryk M.

Das Beste am diesjährigen New Hampshire Symposium über "Ostdeutsche Ansichten und Aussichten im vereinten Deutschland" war der Karottenkuchen, den Dr. Irving Shapiro gebacken hatte. Der 82 Jahre alte pensionierte Hautarzt aus Millburn in New Jersey verbringt jeden Sommer ein paar Wochen am World Fellowship Center in Conway. "Es ist herrlich hier", frohlockt der betagte Volontär, der abends immer Schach gegen sich selbst spielt, "wie in einem Ashram, weit weg von der übrigen Welt."

Der Ashram liegt mitten im Wald und wird einmal im Jahr, jeweils im Juni, zum Treffpunkt für die Freunde eines Experiments, das inzwischen der Geschichte angehört, aber noch immer für Aufregung sorgt. "Das Problem ist, daß es die DDR nicht mehr gibt", sagt der PDS-Politiker Uwe-Jens Heuer in klarer Einschätzung der geopolitischen Lage, "vor der Wende wurde hier ein lebendiges Gebilde untersucht, jetzt sind die Pathologen am Werk."

Die meisten der rund 60 Teilnehmer des 23. New Hampshire Symposium - amerikanische Deutschland-Beobachter, deutsche Soziologen, Ethnologen und Germanisten aus Ost und West - teilen Heuers wehmütigen Rückblick auf die Zeit vor der Wende. Die DDR wurde von der Bundesrepublik "kolonialisiert" und "annektiert", die Utopien des Jahres 1989 wurden "vom Westen kaputtgemacht" und die Bürger der DDR "in die deutsche Einheit hineinmanipuliert", wie ein Wissenschaftler, der Englisch mit sächsischem Akzent spricht, feststellt. Sein Beitrag beruht auf Statistiken, die er aus dem spiegel und der berliner zeitung sorgfältig herausgeschnitten hat, um anhand der Zahlen die politische Identität der Ost-Deutschen zu erforschen.

Wer in Conway Punkte sammeln will, der muß dick auftragen. Das hat zum einen mit dem Gestus zu tun, der zur fachlichen "Selbstverortung" der Referenten gehört wie das Klappern zum Handwerk, zum anderen mit dem Ort als solchem. Das World Fellowship Center wurde 1941 von einem "religiösen Mystiker" namens Charles F. Weller etabliert, der nichts weniger im Sinne hatte als den Aufbau einer "Weltregierung für und durch alle Völker der Welt". Seitdem ist Conway ein Ort, an dem sich Idealisten aller Disziplinen treffen, um miteinander über Utopien zu reden.

Inzwischen hat das Center einen deutschen Direktor, den die Vorsehung nach Conway geführt hat. Christoph Schmauch, 1935 in Breslau als Sohn eines Pastors geboren, floh 1953 aus der DDR in die Bundesrepublik, wanderte 1957 in die USA aus und engagierte sich in der Christlichen Friedenskonferenz, von der inzwischen bekannt ist, daß sie eher kommunistischen als christlichen Interessen diente. Von 1970 bis 1975 war er Präsident der "Amerikanischen Gesellschaft zum Studium der DDR". 1970 wurde Schmauch nach Conway gerufen, 1975 rief er zum ersten DDR-Symposium am World Fellowship Center.

"Anfangs waren wir unter uns, die ersten Teilnehmer aus der DDR kamen erst zu Beginn der achtziger Jahre", erinnert sich Margy Gerber, Germanistikprofessorin aus Ohio und seit 1976 Organisatorin des Symposiums. Es waren lauter handverlesene Gäste aus der Nomenklatura, auf deren Auswahl die Veranstalter nur mäßigen Einfluß hatten. "Wir konnten keine Dissidenten einladen, weil wir die Beziehungen zur DDR nicht gefährden wollten."

So kamen "vorsichtige Reformer" wie der heutige PDS-Chef Lothar Bisky, der mal die Akademie für Gesellschaftswissenschaften und mal die Hochschule für Film und Fernsehen vertrat, und Dieter Schlenstedt vom Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften; als Gerber den Schriftsteller Joachim Walther einladen wollte, wurde ihr gesagt, "der wäre nicht fähig, die DDR zu vertreten".

"Die Seminare in Conway", sagt Margy Gerber, "haben das Bild der DDR an den Universitäten in den USA entscheidend mitgeprägt". Man kam zusammen, um in einer "ungezwungenen Atmosphäre" über die "kulturellen Bedürfnisse der Arbeiterklasse in der DDR" oder auch die "Darstellung des Todes in der neueren DDR-Literatur" zu reflektieren. In den Pausen zwischen den Referaten ist man "miteinander im Wald spazierengegangen, um sich unter vier Ohren auszutauschen", denn "unter den DDR-Leuten war immer einer da, der still dasaß und viel mitschrieb".

Die Beschäftigung mit der Literatur, sagt ein häufiger Teilnehmer des Symposiums, "war ein Feigenblatt, um Leute zusammenzubringen, die einen gemeinsamen Diskurs über die Vorzüge der DDR-Gesellschaft herstellen wollten", die Grundidee war, "daß es doch ein richtiges Leben im falschen geben kann".

Mit der Wende stand nicht nur das Schicksal der DDR auf dem Spiel, sondern auch die alljährliche DDR-Konferenz in Conway. "Komischerweise begann plötzlich das Geld zu fließen", erinnert sich Frau Gerber, "es wurde von Jahr zu Jahr mehr." Das Goethe-Institut und der German Marshall Fund übernahmen einen wesentlichen Teil der Kosten. Wenn schon die DDR untergegangen war, so konnte wenigstens die Tradition der DDR-Konferenz gerettet werden.

Für Margy Gerber und ihre Freunde war es ein schwacher Trost. "Ich wollte eine andere DDR, ich war für das sozialistische Experiment. Ich fand es gesund, so etwas zu haben: ein System, in dem niemand Angst haben muß vor dem Krankwerden, dem Altwerden, der Arbeitslosigkeit." Die andere DDR, dessen ist sich Margy Gerber sicher, wäre durchaus zu realisieren gewesen, "wenn man die Grenze zugemacht hätte, bis ein vergleichbarer Lebensstandard erreicht war und die Leute erzogen waren, die Welt zu kapieren".

Der unerwartete Exitus der DDR wirkte sich auch auf die Conway-Konferenz aus. Es wurden plötzlich einige Bürgerrechtler eingeladen, die vor der Wende als "unfähig" galten, die DDR zu vertreten. Doch der Grundton der Konferenz blieb derselbe. Joachim Walther, der 1991 über "Amnesie und Amnestie - Schwierigkeiten im Umgang mit der DDR-Vergangenheit" referierte, traf "amerikanische Akademiker, die ein Bild von Ostdeutschland hatten, daß ich mich fragte, ob die dort leben oder ich". Walther kann sich noch gut an einen Auftritt des vermeintlichen Reformers Uwe-Jens Heuer erinnern: "Irgend jemand sagte, die DDR sei eine Diktatur gewesen, daraufhin fing er an zu schreien und wollte auf der Stelle abreisen. Die anderen waren damit beschäftigt, ihn zurückzuhalten. Es war gespenstisch."

Sechs Jahre später hat auch Uwe-Jens Heuer einiges dazugelernt. Bei der diesjährigen DDR-Konferenz sagte er immerhin: "Die DDR war kein Rechtsstaat, sie war aber auch kein Unrechtsstaat." Womit für einen Moment der dritte Weg definiert schien, den bis zu Ende zu gehen der DDR nicht gegönnt war.

Darüber hinaus lieferte die diesjährige Conway-Konferenz über die DDR einen weiteren Beweis dafür, daß nicht nur diejenigen vom Leben bestraft werden, die zu spät kommen, sondern auch diejenigen, die zu lange bleiben. Keine Fan-Gemeinde überlebt ungestraft den Gegenstand ihrer Leidenschaft. Immerhin war der Unterhaltungswert vieler Beiträge durchweg beachtlich.

Eine Germanistin aus England referierte über "Lesbische Literatur in der DDR seit der Wende", wobei zwischen dem Leben einer Roman-Lesbe, die Selbstmord begeht, und dem Schicksal der DDR eine Parallele gezogen wurde. Die empirische Grundlage der Studie bestand aus zwei Veröffentlichungen einer Autorin, von der die Referentin erst kurz vor der Abreise nach Conway erfahren hatte, daß sie schon seit ihrer Kindheit im Westen lebte.

Eine Leipziger Psychologin sprach im Zusammenhang mit Ost-Jugendlichen, die nicht die gewünschten Berufe ergreifen konnten, von "displaced persons".

Ein Dresdner Sozialforscher erwiderte auf den Zwischenruf "Sie wissen doch gar nicht, wovon Sie reden", das Gute an seinem Modell sei, "daß es unscharf bleibt". Der Marzahner Dichter Richard Pietraß las selbstgeschriebene Gedichte vor ("Auf Schritt und Tritt, der Tritt in den Schritt") und klagte, er sei von 1989 bis 1992 verstummt, da er seine "ganze Kraft brauchte, um Zeuge zu sein" - das sei doch, zischte eine Berliner Soziologin dazwischen, "seine beste Zeit gewesen".

Ein abgewickelter Philosoph, der über das "Entstehen und Vergehen einer gesellschaftlichen Erscheinung", nämlich der DDR, vortrug, behauptete kühn, "das Verhältnis von Politik und Wissenschaft entsteht durch das Agieren der Vertreter von Politik und Wissenschaft innerhalb des Verhältnisses" und brachte das Plenum dazu, über diesen Satz eine halbe Stunde lang zu diskutieren.

Zumindest auf der Humorstrecke hat der Osten den Westen inzwischen eingeholt. Eine DDR-Frau ging "Spuren in deutschen Betten" nach, die das "Liebesexperiment zwischen Ostfrauen und Westmännern" hinterlassen hatte. Bei der anschließenden Diskussion über die "hautnahe Vereinigung" kam auch die Frage auf, ob Ostfrauen mehr und bessere Orgasmen haben als Westfrauen. Worauf Karin Heuer, die Frau des PDS-Abgeordneten Uwe-Jens Heuer, sich zu Wort meldete und den korrekten Klassenstandpunkt präsentierte: "Ich werde den Teufel tun und über Orgasmen reden. Ich sage nur: Es gibt keine Probleme!"

Die "gemütliche Trauerarbeit beim Leichenschmaus", so der Soziologe Karl-Siegbert Rehberg von der TU Dresden, soll nächstes Jahr weitergehen. Als Generalthema für 1998 ist "Fremd im eigenen Land" vorgesehen.

"So wie sich die DDR-Leute ihre Biographien nicht nehmen lassen, lassen sich die Akademiker ihre DDR nicht nehmen", spottete ein Teilnehmer.

Wenn am späten Abend der gesellige Teil des Symposiums anbrach, lebte denn auch die gute alte DDR wieder auf. Singend kam man sich näher. Beim Lied von der Solidarität ("Nicht vergessen, beim Hungern und beim Essen ...") und beim Lied vom kleinen Trompeter: "Von all unseren Kameraden war keiner so lieb und so gut wie unser kleiner Trompeter, ein lustiges Rotarmistenblut ..." Es war einst Erich Honeckers Lieblingslied.

DER SPIEGEL 28/1997
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