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Höchstens mal ein Aushilfsjob

Was nach einem Jahr aus Absolventen der Sophienschule geworden ist

Ali verschickte über 30 Bewerbungen. Er schrieb große, renommierte Firmen an, aber auch Zweimannbetriebe in Hinterhöfen. Kraftfahrzeugmechaniker wollte er werden wie sein Vater, der vor Jahrzehnten aus der Türkei nach Deutschland geholt wurde, über 20 Jahre lang bei den Opel-Werken schaffte.

Ein einziges Mal wurde Ali zum Vorstellungsgespräch eingeladen. "Wir haben sieben weitere Bewerber", eröffnete ihm der Meister, "alle mit einer besseren Schulbildung." Die Absage kam drei Tage später.

Beim Treffen ehemaliger Sophienschüler werden zahlreiche solcher Geschichten erzählt. Die Jugendlichen, die ein Jahr nach ihrer Entlassung noch einmal in die alte Schule gekommen sind, sich lärmend und feixend begrüßen, geben sich nach außen hin gelassen. Viele haben jedoch ein hartes Jahr hinter sich.

Wie gern würden sie den Lehrern und den alten Kumpels von Mordskarrieren berichten, von Mengen selbstverdienten Geldes. Die Realität sieht jedoch anders aus.

Ali, der gern ein wenig aufschneidet, muß eingestehen, daß er noch immer keine Lehrstelle, sondern nur große Pläne hat: Bei seinem älteren Bruder, der sich als Fensterputzer selbständig machte, will er demnächst als Kompagnon einsteigen.

Arunan mit der kecken Baseballkappe, dessen Eltern aus Sri Lanka stammen, suchte monatelang vergebens einen Ausbildungsplatz als Einzelhandelskaufmann, träumte von einer Laufbahn als Hotelmanager. Jetzt absolviert der Farbige in der Berufsschule einen Metallverarbeitungskurs, übt Schweißen, Feilen, Fräsen, obwohl er dazu weder Neigung noch Talent besitzt. Die Chancen, in diesem Jahr einen Job zu kriegen, stehen bei Null.

Çem, der mit seinen langen Haaren aussieht wie ein Pop-Musiker und sich auch ein bißchen so gibt, breitet bei der Frage nach einer Lehrstelle nur die Arme aus: "Nichts."

Schulleiter Hans Werner Jorda, den die Ehemaligen mit Fragen bestürmen, kennt weitere solcher Mißerfolge. In Stichworten schildert er, was er über den Werdegang von Ex-Schülern weiß, die zum Treffen nicht kommen konnten oder nicht kommen wollten:

Was ist mit Steffen? "Hat nichts." Und Kezban? "Sitzt zu Hause. Kommt manchmal ans Schultor." Marios? "Höchstens mal ein Aushilfsjob." Und Sandra? "Nie wieder etwas gehört."

Immerhin: Es gibt auch einige positive Beispiele.

Sonja, der die Lehrer nie etwas zutrauten, hat Überraschendes zu berichten. Sonja schaffte das Wunder, trotz des Notendurchschnitts Vier einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Als Schülerin, räumt sie ein, war sie miserabel - faul, aggressiv, desinteressiert, dazu schon als 14jährige in Schlägereien, Drogenaffären und Diebstahl verwickelt.

Doch weil Sonja seit dem achten Schuljahr in einem Friseurgeschäft aushalf, nachmittags und samstags Haare wusch und fönte, darf sie dort jetzt Friseurin lernen. Die Geschäftsinhaberin störte das Zeugnis nicht.

Daß Sonja im ersten Lehrjahr gerade mal 510 Mark brutto verdient, nimmt die 17jährige in Kauf. Sie hat sich umgeschaut: "Keine meiner Freundinnen hat einen Arbeitsplatz."

Gepackt haben es auch ein paar andere. Antonio, Jahir und Tonislav lernen in Metallbetrieben, die hübsche Nicola, von den Lehrern als "eher mittelmäßig begabt" und "äußerst passiv" eingeschätzt, ist als Arzthelferin bei einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt untergekommen. Sie lebt seit ein paar Wochen in einer eigenen Wohnung.

Sabine, die als erste erschienen war, überschwenglich Lehrer und Mitschüler umarmte, verläßt das Treffen auch als erste. Das grell geschminkte Mädchen ist total aufgeregt: Sie hat noch einen wichtigen Termin, zu dem sie unbedingt pünktlich erscheinen muß.

In ihrem Abschlußzeugnis bekam Sabine, die zu den Intelligentesten zählte, ausschließlich Sechsen - Quittung für monatelanges Schulschwänzen. Jetzt, mit 18, hat sie den Hauptschulabschluß nachgeholt, will weiterlernen bis zur Mittleren Reife.

Doch was zählt das alles gegen ihren Traum. Sabine kann hervorragend singen, bringt es fertig, die Stimmen amerikanischer Schlagersängerinnen täuschend echt nachzuahmen. Sie übt täglich viele Stunden, ist schon mehrfach aufgetreten, hat sich vorgenommen, ein Star zu werden.

An diesem Abend will Sabine dazu einen ersten Schritt machen: Sie soll vor großem Publikum die amerikanische Pop-Sängerin Mariah Carey imitieren. Ihr Auftritt im Festzelt ist einer der Höhepunkte bei der 90-Jahr-Feier des Fußballvereins SC Bürgel 07.

DER SPIEGEL 28/1997
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