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KAMBODSCHA

Lächelnde Menschen

Pol Pots Vertrauter Khieu Samphan will überlaufen - wenn seine Beteiligung am Massenmord straffrei bleibt.

Khieu Seng Kim, 53, hat es im Leben nicht besonders gut getroffen. Er haust mit Frau und sechs Kindern in einem ärmlichen Ziegelbau am Rande der Kunsthochschule von Phnom Penh. Sein Lehrergehalt ist karg, die politische Wochenzeitung kamlang thmei, die er herausgibt, bringt kaum Geld ein.

Und da ist der dunkle Schatten seines älteren Bruders, der den Mann mit dem schütteren Haar, dem Oberlippenbart und den kaputten Zähnen stets begleitet: Khieu Samphan - derzeit nomineller Führer der Roten Khmer, jahrzehntelang treuer Weggefährte Pol Pots auf dessen blutigem Weg über Kambodschas "Killing fields".

Doch nun hat Khieu Samphan, 65, sich von Pol Pot abgesetzt und verhandelt mit dem Ersten Premierminister, Prinz Norodom Ranariddh. Er will nach 18 Jahren Guerrillakrieg aus dem Dschungel in die legale Politik zurückkehren und seine Roten Khmer als "Nationale Solidaritätspartei" registrieren lassen.

Ranariddh bot ihm und seinen Genossen Straffreiheit an - unter der Bedingung, daß Khieu Samphan den angeblich gefangenen Pol Pot an die Regierung ausliefere und sich öffentlich zur Verfassung bekenne.

Allerdings wehrt sich der Zweite Premier, Hun Sen, gegen die fragwürdigen Bemühungen. Er werde Khieu Samphan bei der ersten Gelegenheit verhaften lassen, kündigte er an. "Die vietnamesischen Kommunisten und ihre Marionette Hun Sen", meldete daraufhin das Untergrundradio der Roten Khmer, blockierten die Verhandlungen über die "wahre nationale Versöhnung".

Vor 30 Jahren hat Khieu Seng Kim seinen Bruder zum letztenmal gesehen. Wenn er heute von ihm spricht, legt er Distanz zwischen sich und den Roten Khmer: Er nennt ihn "Monsieur Khieu".

Daß dieser "Monsieur" mitverantwortlich ist für den Genozid an nahezu zwei Millionen Menschen, mag der Lehrer nicht glauben. Eine so furchtbare Tat, sagt er, passe nicht zu dem Mann, der einst mit den kleineren Geschwistern spielte und sich rührend um die verwitwete Mutter kümmerte: "Er hat einen weichen Charakter."

Von Schuld freisprechen will er ihn aber auch nicht: "Ich klage ihn nicht an als Mörder, sondern als Komplizen von Pol Pot." Der Kampf gegen die Korruption sei die Triebfeder des Bruders gewesen, sagt Khieu Seng Kim, er habe das Vermächtnis des Vaters erfüllen wollen, der als Provinzrichter einen einsamen Feldzug gegen bestechliche Kollegen führte und daran psychisch zerbrach.

Der Musterschüler Khieu Samphan erhielt Anfang der fünfziger Jahre ein Sti-

pendium zum Ökonomiestudium in Paris. Seine Doktorarbeit schrieb er über die "Wirtschaft Kambodschas und seine Probleme der Industrialisierung".

Nach seiner Rückkehr zog er wieder zu seiner Familie in die Nähe des Chinesischen Krankenhauses in Phnom Penh. Er lehrte an der Universität und gab die Wochenzeitung l''observateur heraus. Bald bekam er es wegen seiner Kritik an der Herrschaft des Königs Sihanouk mit der Obrigkeit zu tun: Bezahlte Schläger verprügelten ihn, Sihanouk sperrte ihn 1960 einen Monat lang ins Gefängnis und verbot die Zeitung.

Khieu Samphan war damals ein ruhiger, in sich gekehrter Kommunist - "ohne das Talent, glücklich zu sein", wie sich Bekannte von damals erinnern. Seine Artikel, schreibt der Kambodscha-Kenner David Chandler, zeugten von einer "trockenen, intoleranten Persönlichkeit".

Prinz Sihanouk versuchte schließlich, den Unbotmäßigen auf seine Seite zu ziehen: Er erlaubte Khieu Samphan, für die Nationalversammlung zu kandidieren und ernannte ihn sogar zum Staatssekretär im Handelsministerium. Bescheiden radelte Khieu durch die Straßen von Phnom Penh und erwarb sich einen Ruf als Unbestechlicher.

Doch 1967 entschied er sich, das korrupte und zunehmend repressive Regime Sihanouks aus dem Untergrund zu bekämpfen. Er schloß sich Saloth Sar an, der sich später Pol Pot nannte, und Ieng Sary, dem künftigen Außenminister. Acht Jahre später tauchte er als fanatischer Funktionär der siegreichen Roten Khmer wieder auf. "Wir werden unsere chinesischen Brüder

überholen", verkündete er damals. "Mit einem riesigen Sprung vorwärts werden wir das Ziel des Kommunismus erreichen und dabei die Etappen des Sozialismus auslassen." Vergebens hatte Chinas Ministerpräsident Tschou En-lai ihn ermahnt, "langsam Richtung Kommunismus zu marschieren" und vor allem nicht den Fehler von Maos "Großem Sprung nach vorn" zu wiederholen, der 30 Millionen Menschen das Leben kostete.

Kurz nachdem sie 1975 Phnom Penh erobert hatten, setzten die Roten Khmer zu ihrem Sprung an - indem sie fast zwei Millionen Menschen aus der Hauptstadt vertrieben. Khieu Samphan rechtfertigte die Deportation: "Wären die Leute in Phnom Penh geblieben, wären sie an Reismangel gestorben."

Auch sein Bruder Seng Kim mußte mit seiner Familie aufs Land; drei Jahre, acht Monate und 20 Tage leisteten sie den Roten Khmer Frondienste.

1976 löste Khieu Samphan König Sihanouk als Staatsoberhaupt des "Demokratischen Kampuchea" ab. Den Sieg der Roten Khmer nannte er "eine neue und brillante Seite in der Geschichte unserer Rasse", ein "Meisterstück, geschrieben mit frischem Blut und ermöglicht durch die Fleisch- und Knochenopfer unseres Volkes".

Ein Jahr später, als bereits Hunderttausende umgekommen waren, befand Khieu Samphan, "daß unser Volk immer enthusiastischer in seinem Kampf wird, das Land aufzubauen". Und er jubelte: "Das Leben ist frisch, die Menschen lächeln."

Den Massenmord am eigenen Volk hat er bis heute nicht zugegeben. Statt dessen stellte er in den achtziger Jahren eine kalte Rechtfertigungsstatistik auf: 1,5 Millionen Menschen seien "Opfer der vietnamesischen Aggressoren" geworden, 11 000 "zu Recht als vietnamesische Agenten" getötet worden; lediglich 3000 Menschen kamen ihm zufolge durch "Fehler" der Partei ums Leben.

Nach der Invasion der Vietnamesen 1978 vertrat Khieu Samphan die Roten Khmer bei der Uno und später bei den Pariser Friedensverhandlungen - er zeigte das distinguierte Gesicht des Grauens, ein würdiger älterer Herr, dessen Manieren ebenso geschliffen waren wie seine diplomatischen Floskeln.

Khieu Seng Kim hat nie eine Botschaft oder ein Zeichen von seinem Bruder bekommen. Als der nach dem Friedensabkommen von 1991 im Schutz der Uno nach Phnom Penh zurückkehrte, lynchten ihn die Bewohner beinahe, er mußte sich in einem Kleiderschrank verstecken.

Khieu Seng Kim hat seinen blutig geschlagenen Bruder damals im Fernsehen gesehen: "Er tat mir leid, die ganze Familie hat geweint."

* Von links: Verteidigungsminister Son Sen, Khieu Samphan, "Bruder Nummer Zwei" Nuon Chea.

DER SPIEGEL 28/1997
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