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GROSSBRITANNIEN

Hart auf den Fersen

Gute Nachricht für Füchse: Die Labour-Abgeordneten wollen die Hetzjagd mit Hunden verbieten.

Die Zeitschrift the field, Zentralorgan für die gehobenen Stände auf dem Lande, schreibt "Demokratie" nur noch in Gänsefüßchen, seitdem in London die Roten herrschen. horse and hound, die von Ascot-Besuchern geschätzte Postille über die wichtigsten Freunde des Menschen, ruft gar zum Sturm auf die Hauptstadt:

"D-Day" sei gekommen, weshalb sich an diesem Donnerstag das Landvolk zu Zehntausenden im Hyde Park versammeln will, um kundzutun, daß "die Demokratie nicht länger funktioniert, wenn eine ignorante städtische Mehrheit glaubt, sie könne dem ländlichen Britannien Vorschriften machen, wie es sein Leben einzurich- ten habe", so Auberon Waugh, Sohn des berühmten Evelyn Waugh.

Wenn weiterhin rassische Minderheiten, Behinderte und Lesben vom Gesetzgeber besser behandelt würden als der eingeborene, einfache englische Landmann, dann sei, glaubt ein anderer Protestführer, die Zeit für direkte Aktionen gekommen.

Ein Aufstand fegt durch den Ring von Grafschaften rund um London. Leicestershire, Shropshire, Buckinghamshire und all die anderen sind empört, weil der Labour-Abgeordnete Michael Foster aus Worcester einen Gesetzentwurf eingebracht hat, der die Hetzjagd mit Hunden verbieten soll. Über 170 weitere Labour-Parlamentarier drängen darauf, so schnell wie möglich darüber abzustimmen. Tierfreunde aller Schattierungen hoffen, daß nach jährlich 100 000 Opfern nun entspannte Zeiten vor allem für Fuchs und Hase anbrechen.

Bisher lassen jedes Jahr auf 300 Parforcejagden, einem urbritischen Winter-Ritual, die "Huntsmen" und "Whipper-ins" ihre Meuten auf die Füchse los; rotberockte Reiter setzen über Hekken und Wassergräben, um nach dem Ruf "Go in and tear him" zu beobachten, wie die Hunde ihre Beute zerreißen.

Zwar wird das House of Lords mit Sicherheit hinhaltenden Widerstand leisten, aber Premier Tony Blair, der das Oberhaus am liebsten ganz abschaffen möchte, hat bereits Zustimmung bekundet: Auch er hält Hetzjagden für "verwerflich".

Die Fuchsjagd ist die gefährlichste aller Sportarten und fordert pro Saison mehr Hirnschäden, Querschnittslähmungen und Tote als Boxen, Skifahren oder Autorennen. Dabei gilt das eiserne Gesetz, daß eine gute Hatz nicht einmal durch multiple Frakturen eines oder mehrerer Teilnehmer aufgehalten werden kann. Alles, worauf die Verletzten hoffen dürfen, ist, daß Bauernjungen der Umgebung sie zum nächstgeparkten Landrover tragen.

Selbstverständlich ist ein Großteil der Argumente, welche die Jäger für die Erhaltung ihres Sports vorbringen, pure Heuchelei: etwa daß sie nur die Helfer der Farmer seien, deren Hühner und Lämmer sie vor dem unbarmherzigen Raubtier Fuchs schützen.

Die aktuelle Jagddebatte ist die Neuauflage eines uralten Streits zwischen Stadt und Land, zwischen gemeinem Volk und den - im Wortsinn - gut Betuchten. Viele der mit moralischer Entrüstung vorgebrachten Einwände moderner Jagdgegner erinnern an die Puritaner, die schon im 17. Jahrhundert die Jagd verboten: "Welches christliche Herz kann sich daran ergötzen, wenn ein armes Tier ein anderes zerfetzt und tötet?" fragte damals Philip Stubbs, einer ihrer Führer.

Umgekehrt sahen Jagdfanatiker wie Nicholas Cox nach der Restauration der Monarchie 1660 in ihrem Sport ein wirksames Gegenmittel zu der "die Sinne vernebelnden Wollust und den verderbten Ausschweifungen" der Städte, in denen die einzige Erholung in "Wein, Weibern und unzüchtigen Schauspielen" bestehe. Oscar Wilde wiederum, ein Städter, der von Wein und Schauspiel viel verstand, verspottete den Typus des noblen Landmanns und Fuchsjägers als "das Unsägliche hart auf den Fersen des Ungenießbaren".

Auch wenn Londons neue Puritaner im Parlament von Westminster Ernst machen, muß das nicht das endgültige Aus für die Fuchsjagd bedeuten. Falls die Tories, Schutzpatrone des jagenden Landadels, dereinst den Weg an die Macht zurückfinden, kann auch die Schonfrist für Fuchs und Hase wieder enden.

Das hat bereits der berühmteste Fuchsjäger dieses Jahrhunderts, der 10. Herzog von Beaufort, vorausgesagt: "Wenn die Kritiker der Fuchsjagd denken, sie könnten uns mit einem Federstrich zwingen, einen Sport aufzugeben, an dem unsere Vorväter sich seit Jahrhunderten erfreut haben, verkennen sie den wahren britischen Charakter."

Sir Henry, der erst in seinen Achtzigern von seiner Leidenschaft lassen mochte, verkannte allerdings die Boshaftigkeit der Fuchsfreunde. Die brachen vor elf Jahren, zwei Jahre nach seinem Tod, sein Grab auf, um seinen Kopf von der Leiche zu trennen. Das Haupt wollten sie dann hübsch verpackt dem prominentesten Jagdgast des Verschiedenen schikken, Ihrer Königlichen Hoheit Prinzessin Anne.

Nur ein abgebrochener Spaten hat die beiden Grabräuber daran gehindert, das Vorhaben auch zu vollenden.

DER SPIEGEL 28/1997
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