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INTELLEKTUELLE

Ratlos unterm Regenbogen

Mit Prinzipien wie "Fortschritt durch Aufklärung" ist die Welt nicht zu meistern: Diese Botschaft hat das postmoderne Denken in Verruf gebracht. Doch Erwiderungen von seiten der klassischen Moderne bleiben aus. Ihre Wortführer sind ratlos - hat die Intellektuellendämmerung begonnen? Von Johannes Saltzwedel Von Saltzwedel, Johannes

Die Mythologie kann wieder in Fluß geraten, das Flußbett der Gedanken sich verschieben. Ludwig Wittgenstein: "Über Gewißheit"

Bunter könnten die Aussichten kaum sein. Von Violett bis Grasgrün schillern die Bände, die seit einigen Wochen als "Edition Zweite Moderne" ihr Publikum suchen. Frisch und forsch eröffnet Herausgeber Ulrich Beck, 53, seine neue Reihe: "Eine Weltordnung ist zusammengebrochen. Welche Chance für den Aufbruch in eine Zweite Moderne!"

Der Münchner Soziologe fragt nach den "politischen Orientierungen und Gestaltungsräumen in der individualisierten und globalisierten Gesellschaft der Zweiten Moderne" und hofft, mit seiner Zauberformel "den Blick dafür begrifflich zu öffnen", daß es mit der "Orthodoxie der Ersten Moderne" vorbei sei. "Was an Sicherheit verlorengeht, kann als Freiheit gewonnen werden", darüber, ja überhaupt "wohin der Weg führt", möchte Beck "eine öffentliche Kontroverse anzetteln".

Energische Töne, gewiß. Doch worum es in der Zukunftsdebatte konkret gehen soll, scheint Beck und seinen Mitstreitern weniger klar. "Die Welt befindet sich mitten in einer globalen Transformation", erklärt etwa Anthony Giddens, 59 und Direktor der London School of Economics. Anders gesagt: "Die Lage ist verworren."

Als Ausgangspunkt könnte dieser Angst-Satz durchgehen. Aber Giddens, immerhin als Berater von Premier Tony Blair tätig, schreibt ein ganzes Buch lang darum herum, "daß sich die Gestaltungskraft der Politik erschöpft und die politischen Ideologien entleert haben". Aufgebrochen, "unsere Werte zu prüfen", mahnt er, "beschädigte Solidaritätsbeziehungen" zu reparieren, einen "erfinderischen Politikbegriff" zu entwickeln und "Jenseits von Links und Rechts" (Buchtitel) "radikal-politische Kritik" in Schwung zu bringen: nette Leerformeln für gute Menschen.

Dabei ist Giddens' politisch korrekte Stocherei im Meinungstopf noch eine der seriöseren Reaktionen auf die anscheinend hoffnungslose Unübersichtlichkeit. Verbissen wie selten zuvor suchen Zeitanalytiker, Kulturkritiker, Philosophen, Wirtschaftsdenker und Soziologen nach Leitgedanken für ein neues Weltbild. Doch das Ergebnis ist ein Durcheinander aus traditioneller Tugendlehre, überholter Rhetorik und neckischen Sprachspielen.

Darin verschwinden auch die Wortmeldungen ehedem prominenter deutscher Linksintellektueller: Einmal als Neokonservative geoutet, sind alternde Größen wie Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser, Botho Strauß oder Peter Sloterdijk mittlerweile vorwiegend mit Selbstrechtfertigungen beschäftigt. Wofür sie heute einstehen, soll (und mag?) keiner mehr so genau wissen. Aber bislang ist ihnen kein Jüngerer nachgerückt.

Warum, darüber hat auch Alexander Fest, soeben neu angetretener Sachbuchverleger in Berlin, schon "lange nachgedacht, ohne wirklich gute Antworten zu finden". Bekenntnis, Parteinahme und Argumente, meint Fest, 37, seien früher "konzentrierter" gewesen, auch die "Bereitschaft, sich zusammenzuschließen". Gerade das ließ Leitfiguren wachsen. Nun, wo die Zeiten "ungebrochener Sättigung" zu Ende seien und das Fernsehen vieles verwische, blieben "neue Gegnerschaften" oft konturlos. Fest wagt allenfalls zu prophezeien, daß "Antikapitalismus ein großes Stichwort werden" könne, gerade weil ihn niemand mehr im Parteibuch führt.

In Paris fabuliert derweil Pierre Lévy, 39, Professor für "Hypermedia", frei nach dem vor Jahren schon ausgerufenen "Tod des Subjekts" eine "Anthropologie des Cyberspace" zusammen, wo dank "Kosmopädie" schlichtweg "jedes Lesen ein Schreiben" sei. Er spekuliert, wie "kollektive Intelligenz" via Datennetz "mit sich selbst kommuniziert und sich selbst denkt, indem sie ihre Beziehungen und Kontexte geteilter Bedeutungen ständig mit sich selbst teilt und verhandelt". Menschen scheint diese chipgestützte Menschenkunde kaum mehr zu brauchen.

Weniger Mediengläubige sinnieren weiter über das "Verschwinden des Körpers", über "Differenzen und Dissonanzen" der Geschlechtlichkeit, über das Heilige, das Böse oder gleich "Das Ende der Kritik": so selbstverstrickt, daß dagegen Jacques Derridas Verweigerungssatz "Man muß eine Rede finden, die das Schweigen wahrt" wie ehrlich-einsilbige Lyrik anmutet.

Gegner der flotten Diskursproduktion suchen indessen verstört nach Fixpunkten - mit geringem Erfolg. "Spätkapitalismus, Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Arbeitsgesellschaft, Freizeitgesellschaft, Informationsgesellschaft, Risikogesellschaft, Erlebnisgesellschaft usf.", auf all diese widersprüchlichen Nenner sei unsere Lebenswelt schon gebracht worden, registriert der Berliner Soziologe Hans-Peter Müller, 46. Ob einer der richtige ist, hält auch er für unentscheidbar.

Denn jeder, der die "plurale Deutungskonkurrenz" (Müller) unterlaufen möchte, landet tatsächlich rasch bei Binsenweisheiten. So beginnt Christina Schachtner, Professorin an der Uni Marburg, eine Studie über die Einführung von PC am Arbeitsplatz allen Ernstes mit der Frage, "was unter Technik zu verstehen ist". Die Logik der Chips, so ein Befund ihrer Feldforschung, sei "tief eingelassen in den rationalen Diskurs abendländischer Kultur".

Orientierung geben solche Hülsenworte wenig. Mit Formeln wie Individualisierung, Kontingenz, Diskontinuität, Pluralismus oder Kontextualisierung umreißen öffentliche Vordenker, einst Intellektuelle genannt, die Lage. Im Klartext meinen sie stets: Verläßliche Gesamt-Wahrheiten fehlen.

Ob Naturbewahrung, Wohlstand, Toleranz oder Solidarität: Jedes Ideal weckt prompt seinen Widerpart. Niemand hofft mehr, daß sich die "Großen Erzählungen" über Freiheit, Zweck und Bedeutung, die der französische Philosoph Jean-François Lyotard einmal als Kennzeichen der modernen Utopie ausmachte, noch fortspinnen ließen. Sortierworte wie "links" und "rechts" greifen ohnehin nicht mehr. Die "Neue Unübersichtlichkeit", vor über einem Jahrzehnt vom Frankfurter Philosophen Jürgen Habermas warnend erspürt, sie ist da - und vorerst alles, worauf sich die Ratlosen einigen könnten.

Vergebens trauern viele der Zeit nach, wo Wertdiskussionen mehr zu sein schienen als Quotenspektakel. Seit den siebziger Jahren plädierte gerade Habermas als Erbe der Frankfurter Schule mit seinen Beiträgen zum "Projekt der Moderne" für linksliberal-aufgeklärte Bürgerlichkeit. Als Bindemittel empfahl er den allseits emanzipierten Individuen einen vernunftgeleiteten "Verfassungspatriotismus".

Die konservative Gegenseite drängte dagegen auf mehr: eine historisch reflektierte Erneuerung des Nationalgedankens, "Mut zur Erziehung", humanistische Bildungsziele. Auf beiden Seiten klare Vokabeln, klare Parteiungen, klare Visionen.

Doch jetzt, inmitten der neuen Orientierungslosigkeit, wirken die letzten Vertreter des Lagerdenkens beinahe schon sektiererhaft. Während einst Günther Buschs "Edition Suhrkamp" in vielen hundert Bänden eine Leitwährung für kritische Gesellschaftstheorie schuf, stets verwechslungsfest in einer anderen Grundfarbe, kleidet sich die Erbin, Ulrich Becks "Edition Zweite Moderne", Band für Band ins komplette Regenbogenspektrum, unentschieden und großspurig zugleich. Es hilft nichts: "Tatsache ist, daß es die ganz großen Debatten nicht mehr gibt", gesteht sogar Becks Verleger Siegfried Unseld.

"Heute spielt die Melodie von den Sachen her", meint Michael Krüger, der in seinem Münchner Hanser Verlag schon 1992 einen Band namens "Intellektuellendämmerung?" herausbrachte. "Die Beschleunigung nimmt so zu, daß Leute, die früher ein ganzes Leben tonangebend wirkten, jetzt vielleicht noch fünf Jahre als öffentliche Stimme hervortreten." Echtes Gespräch komme da gar nicht erst auf. "Gut, das heißt heute: so witzig wie möglich", seufzt Krüger.

Es ist schon viel, wenn jemand Erklärungen findet, wie es zu dem Schlamassel kommen konnte. "Der guttrainierte Drang, aus der Unordentlichkeit der Lebenswelt zu entkommen, hat genau die Situation verschärft, aus der ein Ausweg gesucht wurde", meint der Soziologe Zygmunt Bauman. "Den größten Teil ihrer Geschichte über lebte die Moderne in und durch Selbsttäuschung", nämlich in der Illusion, irgendwann auf dem Weg der Methode, der Ideologie, der Vernunft oder irgendeines anderen Prinzips bei einem stimmigen Weltbild anzukommen.

Bauman, 71, in Polen geborener Brite jüdischer Abstammung, mag konservativen Kulturkritikern nicht beistimmen, die den "Werteverlust" als Grundübel heutigen Lebens ansehen. In eine Welt sicherer Maßstäbe, so Bauman, wird sich so bald keiner mehr flüchten können. "Die Verfassung des Lebens selbst ist durchzogen von Widerspruch und muß daher unheilbar ambivalent bleiben."

Bauman gibt die Hoffnung preis, daß irgendwo ein Zentralschlüssel für die Lösung der Menschheitsprobleme vergraben sei. Selbst die "Globalisierung", ob gefürchtet oder verklärt, sei nur ein weiterer Wunsch- oder Alptraum, wie der Wirrwarr sich doch noch im Zeichen technischer Innovation und universaler Handelsfreiheit auflösen könne.

Jüngeren ist die alltägliche Unentscheidbarkeit ohnehin so nahe gerückt, daß für Weltentwürfe kaum Energie bleibt. Der Gewinner des diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, Norbert Niemann, 36, grübelt nicht über Arbeitsplätze oder Sinnverlust, ihn verstört die Frage: "Wo hört die Coca-Cola-Werbung auf, wo fange ich an?" Mit dem alten Grundmuster vom Kampf der Ordnung gegen das Chaos, jener Urszene aus dem Kolonialzeitalter der Vernunft, ist da nichts mehr auszurichten.

Die Zeitgenossen sollten "das Ende der Eindeutigkeit" zu leben versuchen, meint Zygmunt Bauman. "Wir sind heute unglücklich, weil wir mit dem alten Vokabular dastehen, aber ohne die Hoffnung, die es mit Leben erfüllte." Anstatt auf Ordnung zu bauen, die nur neue Ordnungszwänge erzeuge, sollte die Menschheit der "Unordentlichkeit" ins Gesicht blicken.

Vor allem für Naturwissenschaftler ist das ein Angriff auf ihr oberstes Denkprinzip: Schon die extreme Arbeitsteilung unter den Forschern ist, zumindest nach herrschender Meinung, nur sinnvoll, weil alle, über wieviel Zwischenstufen auch immer, letztlich an einem Strang ziehen. Doch gerade diesen Strang der Lebensverbesserung erklärt Bauman zur Illusion - und mit ihm den Kult um angebliches Fachwissen.

"Der Experte ist sozusagen eine Verdichtung des diffusen Bedürfnisses nach einer vertrauenswürdigen - weil überindividuellen - Bestätigung der Individualität", sagt der Soziologe. In ihren jeweiligen "Schrebergärten" mag Fachkunde beruhigend wirken. Sobald jedoch die Maßstäbe wachsen, werden die Problemlöser zu Dilettanten wie ihre Leser auch.

Der US-Philosoph Richard Rorty etwa, der einst "Kontingenz" (Austauschbarkeit, Zufälligkeit) als Kennzeichen postmoderner Befindlichkeit ausmachte, mahnt nun die Kollegen, vom "Narzißmus der kleinsten Differenz" abzulassen. Anstelle endloser Theorie-Palaver, wo "alles um uns und in uns für eine Konstruktion" erklärt wird, sollte man, so Rorty, wieder "reformistisch und pragmatisch" argumentieren - aber wer würde päpstliche Appelle von einem Ex-Revoluzzer beherzigen?

Ebensowenig überzeugt es, wenn ein erklärter Gegner postmoderner Weltsicht, der konservativ-liberale Hermann Lübbe aus Zürich, die weltweite "Netzverdichtung" verteidigt und anpreist, weil sie langfristig "freiheitsbegünstigend" wirke. Denn wirklich nutzen mag Lübbe, 70, die neue Fülle gar nicht. Klugen Studenten rät er, sich auf "fünfminütige Morgennachrichten zwischen sechs Uhr dreißig und sechs Uhr fünfunddreißig" zu beschränken.

Solch triste bis amüsante Widersprüche sind keineswegs Zufall, behauptet Bauman. Sie bestätigen seine These, daß die "Fragmentierungsmacht der Experten" sich selbst aufhebt. Wahrheit ist nicht mehr aus einer, möglicherweise aus keiner einzigen Richtung mehr zu erwarten. Verantwortung ist "freischwebend" geworden. Und trotz aller Deutungsmühen werde "dies vertrackte Durcheinander" erhalten bleiben, "was immer wir tun oder wissen".

Wie ein Vagabund oder Tourist, dem in Zweifelsfällen nur das eigene Gewissen Halt gibt, streift der postmoderne Mensch durch die Wert- und Sinnvielfalt. "Am anderen Ende der Ära der Moderne stehen wir sozusagen wieder am Ausgangspunkt."

War die Mühe also vergeblich? Bleibt nach über zwei Jahrhunderten Hoffnungen, Opfern und Kämpfen für das, was im 18. Jahrhundert Aufklärung genannt wurde, tatsächlich nur ein zweckfreies Spiel gewitzter Worte übrig? Selbst Abrißkünstler Bauman mag sich damit nicht zufriedengeben. Er will nach Art Münchhausens die Moral retten: als Wesen des Menschen überhaupt, vor und nach jeder Moderne.

Moral, behauptet er, braucht keine Rechtfertigung durch Weise oder Intellektuelle, keine Regeln, die doch stets in Ausnahmen enden. Im Gegenteil: Sie ist gerade das, "was sich einer Kodifikation, Formalisierung, Sozialisierung und Universalisierung widersetzt". Ohne Moral, ohne die ewige "Unzufriedenheit mit sich", wäre der einzelne nicht er selbst, bei allen Widersprüchen und Schwächen.

Natürlich läßt sich diese Grundsatzthese nicht in Maximen für Wirtschaftsführer, Parteipolitiker oder bloß für streitende Nachbarn ausmünzen - die bleiben weiter auf Experten angewiesen. Wer mehr will, dem sagt nun sogar der Bielefelder Vater der Systemtheorie und Postmoderne-Skeptiker Niklas Luhmann, 69, in seinem neuesten Werk "Die Gesellschaft der Gesellschaft": "Die Paradoxie ist die Orthodoxie unserer Zeit."

Schlechte Aussichten für Weltdeutungen also. Wer dennoch welche nötig hat, wird sich literarisch behelfen müssen. Der Schriftsteller Oswald Wiener hat schon 1969 die kommende postmoderne Unruhe auf zwei listige Formeln gebracht. "lass dich leben, es geht ohne motiv" lautet die eine. Und die andere: "achtung. was besteht, ist veraltet".

DER SPIEGEL 28/1997
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