DROGEN
Straftaten nahmen um 60 Prozent ab
SPIEGEL: Herr Zeltner, nach welchen Kriterien wurden die 1146 Teilnehmer an dem Schweizer Versuch ausgewählt?
Zeltner: Sie sind im Durchschnitt seit zehn Jahren in schwerster Art von Heroin abhängig. Sie sind gesundheitlich und sozial verwahrlost und haben mehrmals bei Therapieversuchen versagt. Sie lebten auf der Straße, waren ohne Arbeit. Wir wollten wissen, ob wir diesen angeblich hoffnungslosen Fällen mit der Verschreibung von Heroin, Morphin oder intravenös spritzbarem Methadon nicht doch noch helfen konnten.
SPIEGEL: Konnten Sie ihnen helfen?
Zeltner: Ja, der Versuch war ein Erfolg. Es gelang, die Leute körperlich und seelisch zu stärken. Sie sind nicht mehr obdachlos, die Arbeitsfähigkeit hat sich entscheidend verbessert, die Straftaten nahmen bereits im ersten Halbjahr um 60 Prozent ab. Nur noch 10 statt 69 Prozent der Probanden verschaffen sich Geld durch Drogenhandel oder Diebstahl. 89 Prozent blieben 6 Monate bei der Stange, 69 Prozent mehr als 18 Monate lang - weit mehr als in jedem anderen Drogenprogramm.
SPIEGEL: Gleichwohl ist während des Versuchs ein Drittel ausgeschieden.
Zeltner: Das ist richtig. Jeder zweite der Ausgeschiedenen hat in eine andere Therapie gewechselt. Die meisten lassen sich jetzt trinkbares Methadon geben. 83 schafften es sogar in eine Abstinenztherapie.
SPIEGEL: Und die übrigen?
Zeltner: Neben den wegen schwerer Krankheit - meist Aids - Ausgetretenen, gibt es eine Minderheit, der wir auch mit der Opiatverschreibung nicht helfen können.
SPIEGEL: Warum nicht?
Zeltner: Wir verlangen viel von den Patienten. Sie müssen täglich zwei- bis dreimal in einer speziellen Poliklinik erscheinen. Zudem sind sie verpflichtet, ein Psychotherapieprogramm zu besuchen. Das war für manche zuviel.
SPIEGEL: Weil ihnen die Disziplin fehlte?
Zeltner: Wer gleichzeitig von Opiaten und Psychopharmaka abhängig ist, bringt die nötige Stabilität nicht auf, die für eine Behandlung nötig ist. Das gilt für etwa neun Prozent der Probanden.
SPIEGEL: Ist denn die Psychopharmaka-Sucht schwieriger zu behandeln als die Heroinabhängigkeit?
Zeltner: Jedenfalls bringt die Abhängigkeit von gewissen Psychopharmaka, zum Beispiel von Rohypnol, eine größere psychische Instabilität mit sich als die Heroinsucht allein.
SPIEGEL: Jeder 20. Teilnehmer des Opiatverschreibungs-Versuchs hat zusätzlich illegal Kokain konsumiert. Müßte man auch Kokain im Rahmen des Versuchs abgeben?
Zeltner: Das ist in der Tat ein ebenso schwerwiegendes wie ungelöstes Problem. Dazu sind Zusatzstudien nötig. Unser Versuch hat auch andere neue Probleme aufgeworfen.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Zeltner: Es ist uns nicht gelungen, eine vernünftige rauchbare Form von Heroin zu finden. Die Zigaretten, die wir nach britischem Vorbild verwendeten, haben sich nicht bewährt.
SPIEGEL: Wo liegt das Problem?
Zeltner: In den Zigaretten verbrennt das Heroin zu etwa 90 Prozent ...
SPIEGEL: ... so daß man sehr viele rauchen muß, um die Wirkung zu spüren?
Zeltner: Ja, so viele, daß die Leute Probleme mit den Lungen bekamen.
SPIEGEL:War das vorauszusehen?
Zeltner: Nein. Die Briten scheinen nämlich mit zwei- bis dreimal tieferen Tagesdosen auszukommen als süchtige Schweizer.
SPIEGEL: Jedes Jahr starb etwa ein Prozent der Süchtigen, die an dem Heroinprogramm teilnahmen. Haben die sich, mit Ihrer Hilfe, den Goldenen Schuß gesetzt?
Zeltner: Nein, Gott sei Dank nicht. Im Gegenteil. Es ist ein ganz wesentlicher Erfolg unseres Versuchs, daß die Mortalität so gering war. Aufgrund internationaler Statistiken hätten wir bei Schwerstsüchtigen nicht mit einem, sondern mit zehn Prozent Toten rechnen müssen.
SPIEGEL: Nachdem er im Mai mit einer Delegation des Deutschen Bundestages Ihr Heroinprogramm inspiziert hatte, erklärte der CDU-Abgeordnete Hubert Hüppe, er sehe "keinen Anlaß, dem Beispiel der Schweiz zu folgen". Er warf Ihnen vor, "vom ursprünglichen Ziel der Drogenfreiheit abgerückt" zu sein.
Zeltner: Man kann über die Notwendigkeit, Heroin zu verschreiben, unterschiedlicher Meinung sein. Wäre ich in Schweden für das Gesundheitswesen zuständig, wo es ganz wenige Heroinsüchtige gibt, würde ich die Heroinverschreibung nicht für ein taugliches Mittel zur Schadensbegrenzung halten. In der Schweiz ist die Situation ganz anders. Wir haben mehrere tausend Drogenabhängige, die allen therapeutischen Maßnahmen entglitten sind, die auf der Straße leben und die offenen Szenen bevölkern ...
SPIEGEL: ... wie in der Bundesrepublik.
Zeltner: Darüber sind sich die deutschen Fachleute nicht einig. Ich würde vermuten, daß Sie dieses Problem auch haben.
SPIEGEL: Was empfehlen Sie aufgrund Ihrer Studie?
Zeltner: In Ländern, in denen es schwerstabhängige Fixer gibt und in denen ein ausgebautes Therapieangebot existiert, darunter Programme mit Abgabe von oralem Methadon, wäre es bedenkenswert, unserem Beispiel zu folgen.
SPIEGEL: Gerade die Kritiker aus dem Bundestag finden es skandalös, daß Sie Süchtige, die mit der Ersatzdroge Methadon behandelt wurden, zum Heroin zurückgeholt haben.
Zeltner: Es gibt unter den Teilnehmern unserer Methadonprogramme Leute, die zusätzlich nach wie vor auf der Gasse Heroin und Kokain konsumieren und wieder im Elend landen. Auch solche Abhängige sind Kandidaten für eine Heroinverschreibung.
SPIEGEL: Wie lange haben Sie Erfahrung mit solchen Methadonprogrammen?
Zeltner: Wir arbeiten seit mehr als 20 Jahren mit oraler Abgabe von Methadon, 10 Jahre länger als die Bundesrepublik. Deshalb wissen wir, daß es nicht für alle Süchtigen genügt, Methadon ausschließlich oral zu konsumieren.
SPIEGEL: Haben Sie deshalb einer Probandengruppe Methadoninjektionen verabreicht?
Zeltner: Ja, und eine dritte Gruppe erhielt Morphin. Dabei stellte sich heraus, daß Heroin den anderen Substanzen überlegen ist. Man kann es besser dosieren, und es hat weniger Nebenwirkungen.
SPIEGEL: Erwarten Sie, daß auch Ihre ausländischen Kritiker aufgrund zunehmender Erfahrung zu denselben Schlüssen kommen wie Sie?
Zeltner: Das glaube ich sicher. Sie werden sehen, daß es auch in der Bundesrepublik Menschen gibt, die mit oralen Methadonprogrammen nicht zu erreichen sind. Soll man sie einfach im Stich lassen, weil man sich vor einem "falschen Signal" fürchtet, wie manche Politiker behaupten?
SPIEGEL: Wenn Ihr Opiatverschreibungsversuch derartige Erfolge bringt, müßte dann nicht die Drogenpolitik geändert werden - weg von der Prohibition und der Repression, hin zur Freigabe harter Drogen?
Zeltner: Ganz sicher nicht. Die Drogenpolitik der Schweiz basiert auf den vier Säulen Prävention, Therapie, Schadensbegrenzung und Repression. Drogen haben auf einem Schulhof nichts zu suchen, sie gehören nicht in die Nähe von Jugendlichen. Dafür muß die Polizei sorgen. Auch der Geldwäscherei und dem Handel ist anders als durch Repression nicht beizukommen. Andererseits macht es wenig Sinn, die Konsumenten zu verfolgen. Wir müssen die Süchtigen in die Gesellschaft zurückbringen. Unser Versuch zeigt, daß das möglich ist.
SPIEGEL: Wie geht es nun weiter? Erhalten die Drogensüchtigen nach dem Ende des Versuchs weiterhin Heroin, oder schicken Sie sie auf die Straße zurück?
Zeltner: Die Regierung hat die Fortführung der Heroinverschreibung bis Ende 1998 bewilligt. Aufgrund der Forschungsergebnisse entwickeln wir ein Konzept, wie die Verschreibung für die Schwerstabhängigen weitergeführt werden kann.
SPIEGEL: Über 1998 hinaus?
Zeltner: Ja. Dafür ist jedoch das Betäubungsmittelgesetz zu ändern.
SPIEGEL: Dann gäbe es Heroin auf Rezept, und Sie könnten neue Teilnehmer in das Verschreibungsprogramm aufnehmen.
Zeltner: Es sollten neue Programme mit denselben Rahmenbedingungen auch an andern Orten möglich werden, sofern die Kommunen zustimmen.
SPIEGEL: Das kostet viel Geld.
Zeltner: Nein. Der Versuch zeigt, daß die Heroinverschreibung gar nicht sehr teuer ist. Die Kosten lagen bei rund 50 Franken pro Tag und Patient. Unter dem Strich dürfte sich wegen der sinkenden Kosten für Polizei und Strafverfolgung und den Rückgang der Kriminalität sogar ein Spareffekt ergeben. Ich warne aber davor, aufgrund dieser Rechnung nun allen, die das verlangen, Heroin zu verschreiben. Diese Therapien bleiben immer Therapien der zweiten Wahl. Bei jugendlichen Heroinkonsumenten stehen weiterhin abstinenzorientierte Therapien im Vordergrund. Langjährig Abhängige gehören zuerst in ein orales Methadonprogramm. Und nur, wer mit herkömmlichen Mitteln nicht zu behandeln ist, sollte Heroin erhalten.
SPIEGEL: In der Bundesrepublik hat sich herausgestellt, daß die Leute, die die Verelendung der Junkies täglich vor Augen haben, am stärksten für eine Liberalisierung eintreten. Politiker in Bonn sind ganz anderer Ansicht. Haben die Gegner den Kontakt zur Wirklichkeit verloren?
Zeltner: Die Nähe zum Problem verhilft sicher zu besserer Einsicht. Je intensiver sich Menschen mit dem Problem befassen, desto eher sind sie bereit, ihre Vorurteile aufzugeben und zum Beispiel die Einrichtung eines Fixerraums gutzuheißen oder für die Heroinverschreibung einzutreten. Sie sehen ein, daß dem Elend nur mit solchen Mitteln beizukommen ist.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß so etwas auf Dauer funktioniert, oder halten Sie den Kampf gegen die Drogen für aussichtslos?
Zeltner: Keineswegs. Auf der individuellen Ebene ist das Ziel der Abstinenz sicher richtig. Wer aber eine drogenfreie Gesellschaft anstrebt, rennt einer unerfüllbaren Hoffnung nach. Eine solche Drogenpolitik muß scheitern.