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Stars in Streifen

Neue Runde im Kampf um die Turnschuhgeneration: Adidas im Angriff auf den amerikanischen Sneaker-Konzern Nike. Von Blumencron,

Flink mustert der Türsteher vor New Yorks Partytempel Carbon das junge Paar. Dann verziehen sich seine Gesichtszüge, der coole Blick weicht angewidertem Grinsen. "So könnt ihr durchs Disneyland latschen", murmelt er den beiden zu und weist auf ihre schwarzweißen Sneakers, "aber nicht in diesen Laden."

Was den Bar-Touristen in New York passierte, beunruhigt derzeit die Trendforscher des US-Unternehmens Nike, bekannt für sein spektakulär gestyltes Schuhwerk. Ausgerechnet im Mutterland der Turnschuhträger verwehren Bars und Clubs Nachtschwärmern mit federnden Sneakers zunehmend den Eintritt. Wer dennoch in ihnen antanzt, fängt abschätzige Blicke. In der stilbewußten Partyszene gilt die aufgemotzte Fußbekleidung als mega-out.

Seit vergangener Woche haben die Manager aus der Kleinstadt Beaverton im Bundesstaat Oregon noch ein paar Sorgen mehr. Mit einer über zwei Milliarden Mark schweren Akquisition verleibte sich ihr Konkurrent Adidas die französische Sportgeräte-Manufaktur Salomon ein, bekannt für trendige Skier, Snowboards und Inline-Skates sowie allerlei Golfzubehör.

Schlagartig stieg die fränkische Schuhfabrik, die vor fünf Jahren mit ihrem angestaubten Uwe-Seeler-Image hart am Konkurs vorbeischrammte, zum zweitgrößten Sportmodenkonzern der Welt auf - und zum gefährlichen Angreifer auf die Position von Nike.

Die Großakquisition heizt das Gerangel um die Weltherrschaft im Sportgeschäft weiter an. Salomon verfügt über ein erstklassiges Vertriebsnetz in den USA, das es den Adidas-Managern erleichtern wird, ihre Offensiven gegen den Marktführer Nike (Umsatz: knapp 14 Milliarden Mark, US-Marktanteil 40 Prozent) durchzufechten.

Der Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus hat bereits Baseballteams verpflichtet und Basketballstars angeheuert. Zudem kam den Adidas-Leuten die Siebziger-Jahre-Welle zugute. Madonna zog ein Streifenhemd über, ebenso US-Präsident Clinton. Bei US-Rappern und ihren Stars galten die Stripes aus Germany plötzlich als cool. Nun will Louis-Dreyfus gemeinsam mit den Salomon-Leuten Adidas zur "besten Sportmarke der Welt" ausbauen.

Nike wiederum rüstet zur Gegenattacke auf dem Adidas-Heimmarkt in Europa. Investmentbanker kolportieren Gerüchte, die US-Sportfirma verhandele mit dem französischen Skikonzern Rossignol. Spekulanten trieben den Aktienkurs des Wintersportkonzerns in den vergangenen Tagen um über 20 Prozent in die Höhe.

Im Jahr 1999 wollen die Amerikaner ein Nike-Kaufhaus im Zentrum Berlins eröffnen, in dem nach New Yorker Vorbild profanes Schuhekaufen zur Entertainment-Show geraten soll. Sie drängen zudem ins Fußballspiel und heuern nicht nur die Mannschaften von Brasilien, Holland, Portugal und Rußland an, sondern sponsern auch Borussia Dortmund und zahlreiche deutsche Amateurteams.

Im Kampf um die Markenherrschaft könnten die Adidas-Leute von einer unerwarteten Entwicklung auf dem US-Markt profitieren, die vor allem den Konkurrenten trifft. Überrascht beobachten Produktentwickler das jüngste Gehabe amerikanischer College-Studenten, einen wichtigen Indikator für Trendschnüffler. Mehr und mehr von ihnen lassen die bequemen Sportlatschen in der Ecke stehen und schnüren sich statt dessen nach Londoner Vorbild Stiefel und Lederschlappen um die Füße, Marke Caterpillar oder Timberland.

Die Marketingspäher registrieren, wie New Yorker Kids im vergangenen Sommer mit dem klobigen Schuhwerk durch die heißesten Nächte schlurften. Zwar schlüpfen sie noch gern in ihre Sportschuhe, von denen Amerikaner im Schnitt drei Paar besitzen. Doch das Gefühl, damit besonders cool zu sein, verflüchtigt sich langsam: "Es ist schwierig, den Kids Sneakers als hip zu verkaufen, wenn auch ihre Großmütter darin herumlatschen", sagt ein New Yorker Sporthändler.

Ob die neuen Vorlieben der Amerikaner nur ein kurzzeitiger Modeumschwung sind oder ob sie das Ende für den beispiellosen Turnschuhboom der vergangenen Jahre bedeuten, ist noch nicht absehbar. Fest steht, daß die Verkäufe des Marktführers Nike ins Stocken geraten sind.

Schon im Frühjahr hatten die Manager gemeldet, daß sie das Wachstumstempo der vergangenen Jahre - Umsatzsteigerungen von 30 bis 40 Prozent - nicht länger durchhalten können. Vergangenen Donnerstag verkündeten sie, daß die Verkäufe ihrer Sneakers in Amerika stagnierten und der Konzernumsatz nicht die erwarteten, verhältnismäßig bescheidenen 15 Prozent übersteigen werde.

Kleinere Firmen, besonders aus Kalifornien, drängen in den Markt. Als Vorbild haben sie nicht mehr die rauhen Basketballkids aus den Hinterhöfen der Bronx, sondern die Computerkinder aus den Vorstädten, die stundenlang am PC-Bildschirm hängen, durchs Internet vagabundieren und statt in einer Mannschaft zu spielen lieber den neuen Ego-Sportarten verfallen: Snowboarden, Surfen oder Mountainbiken.

In großen Sportschuhketten verliert Nike bereits Regalplatz. "Die Zeiten sind vorbei, wo die Händler sagten: Mir ist egal, wie der Schuh aussieht, Hauptsache das Nike-Symbol ist drauf", sagt ein Ladenbesitzer.

Kontroversen um neue superteure Modelle drücken weiter aufs Image. Konsumentenschützer organisieren Protest und werfen Nike vor, mit bis zu 180 Dollar teuren Schuhen arme Innenstadtfamilien in den Ruin zu treiben. In einigen Schulen verbannten die Direktoren bereits die teuersten Treter aus den Klassenräumen, weil sich Überfälle häuften. Gangs hatten einzelnen Schülern aufgelauert, ihnen mit Gewalt die Turnschuhe heruntergerissen und sie barfuß zurückgelassen.

Die Turnschuhflaute könnte den Adidas-Leuten einen Wettbewerbsvorsprung geben. Anders als Nike ist Adidas nicht so abhängig vom Schuhgeschäft, der Verkauf von Sportkleidung macht bereits etwa 50 Prozent des Geschäftes aus. Die Salomon-Erwerbung hilft den Managern, sich weiter von den modeabhängigen Sneakers freizumachen.

Noch allerdings herrscht im Nike-Hauptquartier in Oregon Gelassenheit. Jeder erinnert sich dort, wie der Weltkonzern Adidas vor 15 Jahren den Anschluß verlor. Damals hatten Neulinge wie Nike und Reebok mit revolutionärem Marketing und der Billigproduktion in Entwicklungsländern den Markt erobert, der Adidas-Anteil sackte auf zwei Prozent.

"Uns geht es nicht darum, den Konkurrenten Marktanateile abzunehmen", sagt ein Nike-Manager vornehm: "Wir wollen neue Märkte kreieren." Dazu gehört es, neue Sportarten wie Beachvolleyball zu fördern oder etablierten Sport in anderen Weltteilen populär zu machen - wie etwa Basketball in Europa.

"Wir lieben den Wettbewerb", so der Nike-Mann gelassen, "da werden uns kleine Schwierigkeiten nicht gleich vom Feld fegen."

DER SPIEGEL 39/1997
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