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DER SPIEGEL

„Ein Bild der Zeit im Plauderton“

Seinen Ruhm begründete Theodor Fontane als Romancier. In einem neuen Buch stellt der Historiker Gordon A. Craig den Schriftsteller als wachen Zeitzeugen der Bismarck-Ära vor - dem es allerdings an politischer Weitsicht fehlte.
Craig, 83, ist einer der besten Kenner des deutschen Kaiserreichs, zuletzt lehrte er Geschichte an der Stanford University in Kalifornien. Nun legt der gebürtige Schotte, der Politik immer auch vor dem Hintergrund der Geistesgeschichte gedeutet hat, sein Buch "Über Fontane" vor (Verlag C. H. Beck, München; 38 Mark).
SPIEGEL: Professor Craig, 1998 jähren sich die Todestage Otto von Bismarcks und Theodor Fontanes zum hundertsten Mal. Etliche Ihrer Zunftgenossen schreiben an Büchern über den Eisernen Kanzler, Sie hingegen haben sich mit dem Schriftsteller beschäftigt. Warum?
Craig: Ich war immer schon an Fontane interessiert, er war mir immer wieder hilfreich. Ehe er die großen Gesellschaftsromane im fortgeschrittenen Alter verfaßte, schrieb er ja erstaunlich sachkundige Bücher über die drei deutschen Einigungskriege zwischen 1864 und 1871. Ich habe ein Buch über Königgrätz geschrieben, die entscheidende Schlacht im Krieg mit Österreich 1866; das wäre ohne Fontane so nicht entstanden. Zuletzt habe ich mich mit dem intellektuellen Leben im 19. und 20. Jahrhundert befaßt, und da wiederum ist der Verfasser der Gesellschaftsromane aus der Bismarck-Zeit von unschätzbarem Wert.
SPIEGEL: Was lernt ein amerikanischer Historiker schottischen Ursprungs aus "Irrungen, Wirrungen" oder dem "Stechlin"?
Craig: Als junger Historiker, das war Mitte der dreißiger Jahre, begann ich mich für die deutsche Geschichte und für Deutschland zu interessieren. Gar nicht einmal aus Überlegung, sondern instinktiv suchte ich die Annäherung an die Geschichte über Romane. Ich hatte in Princeton deutsche Literatur belegt, doch das bedeutete damals Lessing und Goethe und wenig mehr. Auf Friedrich Spielhagen, Wilhelm Raabe und endlich Fontane stieß ich mit Verzögerung.
SPIEGEL: Was bieten Schriftsteller, was die Historiker nicht bieten?
Craig: Na ja, die Historiker liefern Ihnen sämtliche Fakten, aber nicht die Stimmung der Zeit und das Gespür für sie. Wenn Sie wissen wollen, was eine Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg zusammenhielt, worüber die Menschen geredet haben und welche Themen tabu waren, welches Klassenbewußtsein ihnen eigen war, dann halten Sie sich besser an die Schriftsteller der Zeit. Historiker geben all das auf akademische Weise wieder, Schriftsteller anschaulich und als Zeitgenossen.
SPIEGEL: Fontane-Biographen haben gern säuberlich unterschieden zwischen dem frühen Fontane, der vor allem Balladen schrieb, dem mittleren der Märkischen Wanderungen und dem späten, der endlich sein darf, was er immer sein wollte, ein Romancier. Das Interim des Militärschriftstellers erfüllt seine Biographen fast durchweg mit Verlegenheit. Sie aber lesen Fontane vorrangig als Geschichtsschreiber seiner Zeit, der eben die Sujets wechselt?
Craig: Damit fing es für mich an. Dann aber fesselten mich seine Romane als solche. Erstaunlich finde ich noch immer, daß in Deutschland niemand seine Bücher über die Einigungskriege zur Kenntnis nimmt. Sie sind mehr als nur Bücher über drei Kriege. Zum Deutsch-Französischen Krieg etwa schrieb er ein vorzügliches Porträt von Napoleon III. Er hegte vielleicht wegen seiner Herkunft große Sympathie für die französische Armee; er stimmte ja auch später nicht in die Haßgesänge gegen die Franzosen ein.
SPIEGEL: Fontane trieb sich auch in den Heerlagern herum, beschrieb die Soldaten und ihre Stimmung ...
Craig: ... vor allem im Buch über den Krieg 1864 gegen die Dänen um Schleswig-Holstein. Seit langem führte Preußen wieder einmal Krieg. Fontane beschreibt, womit sich die jungen preußischen Soldaten zwischen den Schlachten die Zeit vertrieben, welche Spiele sie sich ausdachten, welche Lieder sie sangen. Diese jungen Leute hatten mehr Spaß im Krieg, als sich die Historiker vorstellen können.
SPIEGEL: Wäre Fontane ein strenger Historiker gewesen, hätten ihn solche Episoden nicht interessiert. Aber geraten seine Beschreibungen wie so vieles bei ihm am Ende nicht auch ein wenig balladenhaft?
Craig: Ja, das ist richtig. Alles, was er schrieb, geriet am Ende etwas balladesk. Er hatte sich mit der Ballade auch theoretisch beschäftigt. Er suchte eine erzählerische Form, die es ihm erlaubte, als Autor hervorzutreten. Ihm war auch bewußt, daß es
die Leser langweilt, wenn er vor ihnen alle Details ausbreitet. Schreiben ist für ihn unter anderem die Kunst der Auslassung. Das unterscheidet ihn natürlich vom professionellen Historiker.
SPIEGEL: Als Chronist der Einigungskriege schrieb Fontane am Ruhme Bismarcks mit. Persönlich begegnet ist er ihm jedoch nie?
Craig: Bismarck hat einmal zu Fontanes Gunsten eingegriffen. Der war auf der Suche nach Stoff für sein Kriegsbuch 1870 von den Franzosen bei Domrémy irrtümlich als deutscher Spion festgenommen und auf der Ile d''Oléron interniert worden. Bismarck intervenierte über den amerikanischen Botschafter bei den Franzosen. Fontane kam nach einigen Wochen wieder frei.
SPIEGEL: Aber die beiden standen einander nie gegenüber?
Craig: So haben wir bisher angenommen. Ich habe erst kürzlich entdeckt, daß es einen Hinweis auf ein persönliches Treffen gibt. Es muß 1890 gewesen sein, Bismarck war gerade als Reichskanzler abgetreten, als jemand die beiden bei einem offiziellen Ereignis, zu dem viele Gäste geladen waren und dem Bismarck durch sein Erscheinen die Weihe gab, einander vorstellte.
SPIEGEL: Findet sich in Fontanes Tagebüchern oder Briefen keine Zeile darüber?
Craig: Nein, nichts, ich habe natürlich nachgeschaut.
SPIEGEL: 1890 war aus dem Bismarck-Bewunderer Fontane ein Bismarck-Verächter geworden.
Craig: Die Bewunderung hat nie nachgelassen, auch wenn in den späten Jahren die Kritik stark zunahm. In den Romanen läßt er Bismarck nicht auftreten, aber in den Gesprächen der Hauptfiguren ist er stets anwesend. Fontane charakterisiert seine Personen geradezu durch ihre Ansichten über Bismarck. Was er aber selbst über Bismarck dachte, erzählt er uns nicht; das muß man sich aus den Briefen erschließen. Ich glaube, er kam in seinen späten Jahren zu der Überzeugung, daß Bismarck keinen Charakter besaß. Gemildert war dieses Urteil durch das Wissen, daß Bismarck die große geschichtliche Gestalt seiner Zeit gewesen ist.
SPIEGEL: Den Deutschen gelten Bismarck und Fontane als Gegensatzpaar: hier Fontane, der liberale 1848er, dort Bismarck, der Reaktionär, der mit seinen Mitteln die Einheit Deutschlands erreicht. Sind sie denn solche Antipoden?
Craig: Das ist verwickelt. Ich habe lange darüber gerätselt, weshalb Fontane, trotz aller liberalen Einstellung, etwa kein Wort über die Sozialistengesetze findet. Es gibt eine wunderbare Briefstelle, bei der er die Sozialisten als eigene geschichtliche Kraft mit eigenen Werten erkennt, doch er wiederholt diese Bemerkung nirgends.
SPIEGEL: War Fontane unpolitisch?
Craig: Er hat etwas Unpolitisches. Aber wir müssen natürlich auch berücksichtigen, daß dieser Mann wie ein Berserker gearbeitet hat. Er schrieb sein ganzes Leben lang; ihm blieb für anderes nicht viel Zeit. Für Politik brachte er lediglich sporadisches Interesse auf. Der Kampf gegen die Sozialisten aber war ein zentrales Ereignis seit den siebziger Jahren. Man darf mehr Aufmerksamkeit dafür von Fontane erwarten. Doch wenn er Bismarck kritisiert, dann meinte er dessen Charakter, nicht dessen Politik.
SPIEGEL: Da war er Moralist?
Craig: Ja, die Politik als solche kommt bei ihm nicht vor. Er stellte sich nicht die Frage, was Bismarck für die nächste Generation bedeuten und was nach ihm kommen würde. Da war er bemerkenswert blind, das halte ich für seinen größten Fehler.
SPIEGEL: Fontane bildete zu seiner Zeit keine Ausnahme. Hat man ihn einfach als liberalen Revolutionär mißverstanden, zumal da er sich selbst keineswegs als großer Kämpfer herausgestellt hat?
Craig: Er hat 1848 nicht viel getan, nur einige Zeitungsartikel geschrieben, aber jedermann glaubte, Fontane sei auf den Barrikaden gewesen. Er wollte schreiben, er wollte immer schreiben. Und weil er seine Familie ernähren mußte, blieb ihm nichts anderes übrig, als zum Lebensunterhalt auch für die falschen Zeitungen zu schreiben ...
SPIEGEL: ... nach 1850 baute er für die preußische Regierung die Pressekorrespondenz in London auf ...
Craig: ... und es dauerte lange Jahre, bis er freier Schriftsteller sein konnte. Während dieser Zeit bedrängte ihn seine Frau, die ihn am liebsten als preußischen Beamten gesehen hätte, als Geheimrat mit sicheren Einkünften. Sie mochte übrigens seine literarischen Sachen nicht besonders.
SPIEGEL: Sie meinen, ihm blieb bei seinen Lebensumständen nichts anderes übrig, als Kompromisse einzugehen?
Craig: Ja, und vermutlich prägte das seine Haltung zur Politik. Er verabscheute Politik, als er aus London darüber berichten mußte, und zwar so, daß es dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Manteuffel behagte. Er wollte über anderes schreiben, und er schrieb dann ja auch ein Buch über Schottland, das ganz ohne Politik auskam.
SPIEGEL: Fontane hat ausgeprägte Ressentiments, er macht auch irritierende Bemerkungen über die Juden. Halten Sie das für Antisemitismus?
Craig: Unter den Juden fand Fontane viele Bewunderer, er besaß viele jüdische Freunde. Er kam gut mit ihnen aus, aber sie beunruhigten ihn zugleich. Er fand, daß die Deutschen die Juden brauchten, aber nicht zu viele von ihnen. Ihn beunruhigte der exzessive Einfluß, den sie eventuell eines Tages auf die deutsche Kultur ausüben könnten. Er fand, dagegen sollte etwas getan werden, aber er wußte nicht, was. Er schrieb einige schreckliche Sätze in seinen Briefen, er meinte in einem Brief an seine Tochter, die Regierung müsse vielleicht einschreiten. Als ich diese Stelle las, dachte ich, lieber Himmel, das bringt ihn ziemlich nahe an das 20. Jahrhundert. Kurz nach diesem Brief schreibt er aber auch, wiederum an seine Tochter, nahezu gegen seinen Willen habe er seinen Antisemitismus überwunden. Er hatte sich in einer Gesellschaft von Christen gelangweilt und ihm fiel ein, daß die Konversation mit Juden leichter, amüsanter, anregender sei.
SPIEGEL: Fontane ist auch soweit Seismograph der deutschen Stimmung gegen Ende des 19. Jahrhunderts?
Craig: Ja, ich halte ihn aber nicht für einen Antisemiten. Das Problem ging ihm nicht aus dem Kopf, es verwirrte ihn, er mußte sich immer wieder darüber auslassen. Er teilte die Schwächen seiner Zeit, und er teilte sie uns mit.
SPIEGEL: Die "Judenfrage" ließ Fontane nicht los - eine Art Beleg für Goldhagens These über den deutschen Antisemitismus?
Craig: Goldhagen hat das Problem nicht richtig verstanden, er ist ein schlechter Historiker. Er theoretisiert den Antisemitismus, er springt vom Mittelalter ins späte 19. und ins 20. Jahrhundert; er vernachlässigt die Ansätze zur Assimilation der Juden. So sollte man nicht über Geschichte schreiben.
SPIEGEL: Worauf beruht Goldhagens Erfolg?
Craig: Historische Kontroversen werden in Deutschland rasch zu politischen, die wiederum auf einem Generationengegensatz beruhen. Auf Goldhagens Seite standen vor allem die Jungen, weil er die Bande der Alten angreift. Die Jungen denken immer, daß die Alten sie anlügen. Und sie mochten Goldhagen, weil er auf der alten Gang herumhackt. Ob er mit seinen Thesen richtig liegt, fanden sie eher zweitrangig.
SPIEGEL: Fontanes Leser hätten antisemitisch gefärbte Bemerkungen kaum verübelt.
Craig: Ich bin nicht sicher, daß ihn seine Leser überhaupt sehr ernst genommen haben. Sie dachten sich Entschuldigungen für ihn aus. Das gilt im übrigen auch für die erstaunlich fortschrittlichen Dinge, die er über die Emanzipation der Frau sagte. Die Leser erregten sich darüber nicht, es sei denn, in seinen Romanen wie in "Irrungen, Wirrungen" kam Unmoralisches vor. Deshalb hat Georg Lukács Fontane auch vorgeworfen, er spiegle die wilhelminische Gesellschaft korrekt wider, gehe aber in seiner kritischen Darstellung nicht weit genug. Fontane fehlte natürlich dieser kritische Anspruch; er wollte nicht anprangern oder propagieren. Er überließ die Folgerungen seinem Publikum.
SPIEGEL: Der scheinbar leichte Erzählton Fontanes nimmt allem die Schärfe?
Craig: Sie dürfen nicht vergessen, daß Fontane allezeit in finanziellen Schwierigkeiten war. Er wollte deshalb das Risiko, seine Leser zu verärgern, gering halten. Er war zu Kompromissen gezwungen. Seine Frau dachte merkwürdigerweise immer, er gehe zu weit. Aber er hat seinen Weg genommen. Er wollte ein Bild der Gesellschaft in seiner Zeit geben, er wollte unterhalten, im Plauderton.
SPIEGEL: Ein Autodidakt in Geldnöten, der lange um Anerkennung kämpft, zu Kompromissen gezwungen ist: Das hört sich nach stetem Kampf, nach untergründiger Tragik an.
Craig: Kein Zweifel, dieses Leben kostete ihn viel Kraft. Aber bedenken Sie, wieviel er erreicht hat, bei allem Leiden, unter den Bedingungen. Er hielt an seinen ursprünglichen Absichten fest. Er wollte ein unabhängiger Schriftsteller sein. Er war weder ein tragischer noch ein besonders glücklicher Mensch.
SPIEGEL: Das Schreiben war sein Glück?
Craig: Er besaß eine Vorliebe fürs Anekdotische und für die Kleinmalerei, und wie absichtslos entsteht, ganz im Plauderton, ein großes Bild seiner Zeit. Das ist bewundernswert.
SPIEGEL: Professor Craig, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Oben: Gemälde von Anton von Werner (1888); unten: mit Redakteuren Gerhard Spörl und Johannes Saltzwedel in Hamburg.
Von Gerhard Spörl und Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 43/1997
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