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DER SPIEGEL

PSYCHOLOGIEGeneration Superhirn

Führen TV und Internet zur Verdummung? Intelligenzforscher widersprechen: Junge Menschen haben einen höheren IQ als ältere - dank eines moderneren Denkstils.
Vincent sitzt auf dem Sofa und schaut sich ein Urlaubsvideo an. Plötzlich stellt er seinen Eltern zwei Fragen: "Warum ist das Weltall unendlich? Und was war vor dem Urknall?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, springt er auf, um sich einem weiteren Thema zuzuwenden: seinen neuen roten Gummistiefeln mit Motiven der Zeichentrickserie "Cars". "Ich will eine Pfütze, dann kann ich reinspringen und euch nassspritzen", kreischt Vincent und tanzt vor Vorfreude durchs Wohnzimmer.
Vincent T. ist vier Jahre alt. Vor zwei Jahren hatte er ein Problem: In der Kinderkrippe schmiss er mit Sand und haute andere Kinder. War er gestört, litt er unter ADHS oder gar dem Asperger-Syndrom? Besorgt ließen seine Eltern ihn mit zweieinhalb Jahren von einer Psychologin untersuchen. Das Ergebnis: Er hat einen Intelligenzquotienten von 133 Punkten.
Vincent ist hochbegabt. Schon im Alter von zwei Jahren hatte er sich das Alphabet selbst beigebracht, er langweilte sich in der Krabbelgruppe, jeden Morgen gab es Tränen. Seit er einen Kindergarten mit Leseecke besucht, läuft alles wieder rund. Seine Eltern haben ihn für nächstes Jahr zur Schule angemeldet.
Kinder wie Vincent sind heute gar nicht so selten, kleine Superhirne, die Geschichten über "Pu der Bär" ebenso verschlingen wie Berichte über den Marsroboter "Curiosity". Erst im April nahm der britische Mensa-Club der Hochbegabten die vierjährige Heidi Hankins auf. Der Bevölkerungsdurchschnitt liegt per Definition bei 100, ab 130 gilt man als hochbegabt. Heidis IQ liegt bei 159.
Und sie ist noch nicht einmal die Jüngste im Club der Superschlauen. Schon 2009 war die kleine Elise Tan Roberts aus London aufgenommen worden, mit einem IQ von 156. Sie konnte ihren Namen buchstabieren, 35 Hauptstädte aufzählen sowie über verschiedene Dreiecksarten räsonieren. Da war sie zwei Jahre alt.
Zwar ist die Zahlenhuberei nicht unumstritten. "In einem derart jungen Alter sind die IQ-Tests noch nicht zuverlässig", kritisiert Tanja Baudson, Psychologin an der Uni Trier und spezialisiert auf Hochbegabtenforschung. Bis zur Pubertät könnten sich die Werte bei Vincent, Heidi und Elise noch ganz anders entwickeln.
Und doch stehen die drei Beispiele für einen weltweiten Trend, der in Fachkreisen nicht angezweifelt wird: Von Generation zu Generation schneiden Kinder bei IQ-Tests besser ab. Pro Jahrzehnt liegt der Anstieg hierzulande bei rund 3 Punkten. Alle paar Jahre müssen die Tests deshalb nachjustiert werden, der aktuell gültige für Kinder heißt WISC-IV. Wer sagt, er habe einen IQ von 130, sollte folglich stets dazusagen, wann und mit welchem Test er dieses Ergebnis erzielt hat: WISC-III? WISC-IV?
"Flynn-Effekt" wird diese erstaunliche Zunahme bei den IQ-Werten genannt. Namensgeber ist ein amerikanischer Politologe. Heute lebt James Flynn in Neuseeland, ein emeritierter Professor von fast achtzig Jahren mit einem weißen Rauschebart. In einem Buch, das vorige Woche erschien, versucht er das Phänomen auszuleuchten(*).
Unaufgeregt analysiert der Gelehrte darin die Grenzen und Möglichkeiten der Intelligenztests. Deutschland liegt dabei mit 0,35 Punkten Zugewinn pro Jahr im Mittelfeld, Länder wie Brasilien oder die Türkei dagegen holen fast doppelt so
schnell auf, und die Chinesen spielen längst in der Spitzenliga, mit einem durchschnittlichen IQ von 105 Punkten.
Auch Entwicklungsländer wie Kenia legen zu. In Saudi-Arabien hingegen tut sich weniger - möglicherweise, weil die Alimentierung durch Petrodollar die Lernmotivation nicht fördere, vermutet Flynn.
Derlei Befunde widersprechen den Mahnern und Warnern, die behaupten, die Menschheit verdumme. "Wir amüsieren uns zu Tode", orakelte schon 1985 der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman; er machte damals das Fernsehen für einen Niedergang der Denkfähigkeit verantwortlich.
Seitdem ist der durchschnittliche IQ in den USA um fast 10 Punkte angestiegen.
"Digitale Demenz" heißt der aktuelle Bestseller des deutschen Psychiaters Manfred Spitzer von der Uni-Klinik in Ulm. "Meiden Sie die digitalen Medien", schreibt er darin. "Sie machen, wie das vielfach hier gezeigt wurde, tatsächlich dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich." Medienunterricht vergleicht der Krawall-Psychiater mit dem Ausschank von Bier an Kinder, Computer an Grundschulen mit dem Anfixen durch Heroindealer. Dabei präsentiert Spitzer nur solche Studien, die zur Niedergangsthese passen; mit Vorliebe schwadroniert er in anspruchsvollen Bildungsmedien wie Fernsehen und "Bild"-Zeitung mit steilen Thesen wie: "Wir sind bereits digital dement."
Das Schlagwort von der "Digitalen Demenz" stamme laut Spitzer von "koreanischen Wissenschaftlern". Wahrscheinlich geht es aber nur zurück auf eine fünf Jahre alte Umfrage eines Web-Portals unter Nutzern, die unter anderem angaben, dass sie sich kaum noch Telefonnummern merken könnten.
Viele seiner Behauptungen hat Spitzer wortwörtlich bereits 2005 in seinem Buch "Vorsicht Bildschirm" so geschrieben. Seitdem ist der IQ der Deutschen um gut 2 Punkte angestiegen.
Um 1900 waren schon einmal hysterische Warnungen vor "Nervösen Störungen" und Hirnerweichung in Mode - angeblich ausgelöst durch den technischen Fortschritt. In diesem Klima entwickelten Pariser Forscher 1905 den ersten Intelligenztest.
Vor genau 100 Jahren erfand der Hamburger Psychologe William Stern dann den "Intelligenz-Quotienten". Im Kriegsherbst 1917 erhielt Stern den Auftrag, aus 20 000 Hamburger Kindern 1000 für zusätzliche Schulförderung auszuwählen. Doch der Forscher verließ sich nicht auf die IQ-Werte, sondern setzte lieber auf eine intensive Beobachtung der Schüler im Klassenzimmer - er kannte schließlich die Grenzen seines Tests.
Seit Erfindung der IQ-Tests wird über ihre Aussagekraft gestritten. Über Jahrzehnte verfolgte etwa der Stanford-Psychologe Lewis Terman eine Gruppe von 1500 begabten Kindern. Die meisten von ihnen wurden keine Einsteins, sondern führten ein ganz normales Leben und waren auch im Berufsleben nicht überdurchschnittlich erfolgreich. Denn ebenso wichtig wie der IQ sind Selbstvertrauen, Erziehung und Durchhaltevermögen.
Dass die Menschen bei IQ-Tests immer besser abschneiden, sagt nun auch Flynn, stehe nicht einfach für eine bessere Denkfähigkeit, sondern für einen modernen, wissenschaftlich geprägten Denkstil. "In vormodernen Gesellschaften dachten die Menschen praktisch-konkreter", erzählt der Forscher. "Ich habe als Kind einmal meinen Vater gefragt: Was wäre, wenn du als Schwarzer geboren worden wärest? Er antwortete nur: ,Was für eine dumme Frage, das geht doch gar nicht.' Heute dagegen sind wir gewöhnt an solche abstrakten Gedankenspiele."
Nur so lässt sich auch erklären, dass Kenianer im Schnitt nur einen IQ von 72 aufweisen - allerdings mit einem riesigen Zugewinn von einem Punkt pro Jahr. "Wenn ich im IQ-Test einen Hirten frage: Was verbindet einen Löwen und ein Lamm, dann sagt der vielleicht: ,Der Löwe frisst das Lamm'", so Flynn. "Die richtige Antwort im IQ-Test wäre aber: ,Beide sind Säugetiere.'"
Das Denken ist "plastisch", es passt sich an die Umwelt an; von Generation zu Generation fällt es Kindern leichter, Symbole zu ordnen, Kategorien zu bilden, abstrakt zu denken.
Flynn fordert deshalb "soziologische Phantasie" bei der Interpretation der Intelligenzdaten. Mädchen zum Beispiel haben mit Jungen in vielen Ländern bei IQ-Tests gleichgezogen - ein Effekt der Gleichbehandlung. Und schwarze US-Amerikaner schneiden nur dann schlechter ab als weiße, wenn sie unter schwierigen Umständen aufwachsen. Bei Kindern schwarzer US-Soldaten dagegen, die in Deutschland lebten, war kein Unterschied messbar.
In den neunziger Jahren schien es so, als würde der Flynn-Effekt allmählich zum Stillstand kommen. War ein Maximum erreicht? Zum eigenen Erstaunen stellt der Forscher nun fest, dass sich der Trend inzwischen weiter fortsetzt.
Eines fällt jedoch auf: Während junge Probanden vor allem visuelle und logische Aufgaben schnell lösen können, legen sie beim Wortschatz nur minimal zu - im Gegensatz zu ihren Eltern.
"Sprachlich entwickeln sich die Generationen auseinander", konstatiert Flynn. "Jugendliche können ihre Eltern zwar noch verstehen, aber ihren Redestil nicht mehr nachahmen - das war früher anders." Möglicher Grund: Jugendliche lesen und schreiben zwar viele kurze Texte auf Facebook und per SMS - aber sie versenken sich kaum noch in Bücher.
Das sei schade, sagt Flynn, aber kein Grund zur Panik: Was einige Mahner für "digitale Demenz" hielten, sei letztlich nur die Anpassung der Kinder und Jugendlichen an eine schnellere, von digitalen Medien geprägte Welt.
Aus persönlichen Gründen bereitet Flynn ein anderer Effekt weit mehr Sorgen: Alle Menschen bauen im hohen Alter bei IQ-Tests ab - und zwar je schlauer sie sind, desto rapider. Dagegen gibt es nur ein Heilmittel: aktiv bleiben, das Hirn trainieren - unter anderem mit Hilfe moderner Medien.
Vorige Woche gab eine Arbeitsgruppe um den australischen Gerontopsychiater Osvaldo Almeida von der University of Western Australia in Perth das Ergebnis einer Langzeitstudie mit über 5500 Senioren bekannt. Das Ergebnis: Die Studienteilnehmer, die Computer nutzten, hatten ein um über 30 Prozent geringeres Risiko, dement zu werden.
(*) James F. Flynn: "Are We Getting Smarter?". Cambridge University Press, Cambridge; 324 Seiten, ca. 23 Euro.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 37/2012
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