Lade Daten...
Inhaltsverzeichnis

Bildung

Schlechter Ruf

Das Saarland schafft die Hauptschule ab. Kritiker fürchten einen neuen Ansturm auf die Gymnasien.

Rettungsversuche gibt es seit Jahren, doch das Siechtum schreitet unaufhaltsam voran - die Hauptschule, einstmals Deutschlands meistbesuchte Lernanstalt, hat nur noch geringe Überlebenschancen.

Vergangene Woche beschlossen die Fraktionen von SPD und CDU im Saarbrücker Landtag, erstmals in einem westdeutschen Bundesland die ungeliebten Schulen abzuschaffen. Bis Ostern will die sozialdemokratische Saar-Regierung gemeinsam mit der Opposition die Landesverfassung ändern, in der, wie sonst nur in Nordrhein-Westfalen, die Hauptschule garantiert wird.

Vom Sommer 1997 an soll das saarländische Schulsystem neu organisiert werden. Die früheren Hauptschulen werden in sogenannte Erweiterte Realschulen umgewandelt. Sie bilden dann einen neuen Schultyp neben den Gesamtschulen und dem Gymnasium. Selbst die CDU unterstützt in Saarbrücken die Neuordnung, obwohl sich die Union auf Bundesebene und in anderen Ländern bisher als Bewahrer der Hauptschule hervorgetan hat.

"Die Nachfrage geht ständig zurück", stellt Jürgen Schreier, bildungspolitischer Sprecher der Saar-CDU, nüchtern fest. Gerade noch 7,5 Prozent aller Viertkläßler wechselten im Saarland dieses Schuljahr auf die Hauptschule, die in den sechziger Jahren aus der Volksschule entstanden ist.

Das saarländische Modell könnte schon bald Nachahmer finden. Auch in anderen Ländern leiden die Hauptschulen unter Schülerschwund, droht ihnen das Aus: Besuchten 1975 noch über 2,5 Millionen Schüler eine Hauptschule, waren es 1993 in den alten Bundesländern gerade noch knapp 1,1 Millionen, kaum 30 Prozent eines Schülerjahrgangs, Tendenz weiter abnehmend. Die neuen Bundesländer haben, bis auf Mecklenburg-Vorpommern, Hauptschulen nach der Wiedervereinigung erst gar nicht eingeführt.

Grund für den rapiden Schülerrückgang ist vor allem der Drang der Eltern, ihren Kindern die Mittlere Reife oder das Abitur zu ermöglichen. Bereits ein Drittel eines Schülerjahrgangs macht heute Abitur, in Beamtenstädten wie Darmstadt, Bonn und Münster verlassen schon bis zu 60 Prozent aller Jugendlichen die Schule mit der Berechtigung zum Studieren. Auch die Einführung der Gesamtschule in den siebziger Jahren hat den Zulauf an die Hauptschulen weiter reduziert.

"Die isolierte Hauptschule kann nicht überleben", sagt Hartmut Holzapfel (SPD), Kultusminister in Hessen (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 65). Andrang herrscht an den Problemschulen nur noch in ländlichen Gebieten, wo Handwerk, Landwirtschaft und einfache Dienstleistungen die Wirtschaft prägen.

Der schlechte Ruf der Hauptschule hat noch andere Ursachen: In großen Städten haben sie den höchsten Anteil an ausländischen Schülern, teilweise bis zu 90 Prozent. Viele Kinder stammen aus sozial schwachen Familien.

Die Hauptschule gilt vielen Eltern als Restschule, an der sich Schüler sammeln, die sonst nirgends unterkommen. Gebäude sind heruntergekommen, Lehrer oftmals demotiviert. Vielerorts sind gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Schülern an der Tagesordnung. Nur noch zehn Prozent der Mütter und Väter, so zeigen Umfragen, würden ihre Kinder freiwillig dorthin schicken.

Doch die schwierigen und lernschwachen Schüler werden mit der Abschaffung der Hauptschule keineswegs verschwinden. Bildungsexperten wie der Bielefelder Pädagogikprofessor Klaus Hurrelmann fordern deshalb, was in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen bereits eingeführt wurde: ein zweigliedriges Schulsystem, das neben dem Gymnasium eine praxisbezogene Schulform bietet, eine Art kombinierte Haupt- und Realschule.

Dort sollen Schüler die Chance haben, je nach Neigung und Können unterschiedliche Bildungsmöglichkeiten wahrzunehmen und den Hauptschulabschluß wie die Mittlere Reife zu machen. Gute Schüler sollen außerdem in die Oberstufe wechseln können, die sie mit dem Abitur abschließen. Besondere Unterstützung wollen die Bildungsexperten für Schulen in schwieriger Umgebung. Unabhängig von der Schulart sollen ihnen mehr Lehrer zugeteilt werden, um die Kinder in kleineren Klassen besser betreuen zu können.

Das System hat gute Chancen, auch in westdeutschen Ländern verwirklicht zu werden. Statt sich wie in den siebziger und achtziger Jahren in einem Bildungskrieg über den Bestand von Gymnasien und Gesamtschulen aufzureiben, herrscht zwischen Konservativen und Sozialdemokraten vielerorts Einigkeit über nötige Reformen.

"Die Zukunft des deutschen Schulsystems ist zweigliedrig", behauptet Karl-Heinz Reck, SPD-Kultusminister in Sachsen-Anhalt und Vorsitzender der Kultusministerkonferenz. Auch seine CDU-Kollegen, wie etwa der sächsische Kultusminister Matthias Rößler, sagen eine ähnliche Entwicklung voraus.

Noch gibt es allerdings Mahner: Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, prophezeit nach der Abschaffung der Hauptschule eine "Schülerflucht in Richtung Gymnasium. Ich habe die CDU immer versucht zu stoppen", sagt der Lehrerfunktionär.

Mittlerweile bleibt Kraus nur noch ein Verbündeter, Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair. "In Bayern blüht und gedeiht die Hauptschule nach wie vor", sagt der CSU-Politiker. In seinem Land drücken noch 38 Prozent der Jugendlichen die Schulbank in einer Hauptschule - vor allem auf dem Land.

[Grafiktext]

Schüler d. 5.-10. Klasse in Haupt-, Realschule u. Gymnasium 1960-93

[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 5/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

Inhaltsverzeichnis
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten