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Obsessionen

Kleine Kringel

Die rigorose Anti-Raucher-Politik zeitigt ungeahnte Folgen: US-Filmer beliefern Zigaretten-Fetischisten mit Videos von paffenden Frauen.

Am Anfang kommt Paula. Die erste Szene zeigt, wie die blonde Frau nach einer Zigarette greift, sich etwas nach rechts dreht, sie an einer Kerze anzündet und genüßlich kleine Ringe in die Luft stößt. Am Ende immer noch Paula. Die letzte Szene zeigt, wie sie nach einem tiefen Zug den Rauch gekonnt gleichzeitig durch Mund und Nase bläst. Zwischen den beiden Szenen liegen 30 Minuten, in denen Paula raucht. Und sonst? Sonst nichts.

Wenn Regisseur Edward Luisser über sein Video mit dem vielsagenden Titel "Paula" spricht, klingt das allerdings etwas spannender: Nein, daß Andy Warhol einmal einen ganzen Film nur über das Rauchen einer Zigarre drehte, hat er nie gehört. Aber Luisser und sein Publikum wissen Szene eins bis acht sehr genau zu differenzieren: "Da geht es um kleinste Details", sagt er.

Mal raucht Paula mit, mal ohne Filter. Mal zündet sie die Zigarette an einer Kerze an, ab Szene vier nimmt sie ein klobiges Feuerzeug in ihre Samthandschuhe, und eine Zigarette später raucht sie mit Spitze. Mal formen ihre erdbeerroten Lippen kleine Kringel, mal rückt die Kamera ihre nackten Schultern und ihr gelbes ärmelloses T-Shirt stärker ins Bild. In Minute 23 lacht sie sogar und zeigt ihre weißen Zähne.

Paula "ist eine fabelhafte Raucherin", schwärmt "Smoke Signals", ein monatlicher Newsletter für amerikanische Fetischisten, die nicht genug kriegen können von Frauen, die rauchen. "Im Laufe des Videos", urteilt der Rezensent, "macht sie einige bemerkenswert langsame Züge durch die Nase." Aufregend finden Kenner vor allem den "french inhale", einen Zug, bei dem Paula den Rauch aus dem Mund bläst und die kleine Fahne kunstvoll und vollständig direkt in die Nase hochzieht.

Fachleute bezeichnen derlei Videos als "Smoxploitation". Das Wall Street Journal glaubt bereits eine "glimmende Underground-Bewegung" in den USA ausgemacht zu haben. Rauchen sei in manchen Kreisen derart stark gesellschaftlich geächtet, daß allein das Zusehen beim Qualmen - in den Augen der Fetischisten ein Tabubruch - sexuellen Lustgewinn verschaffe.

Im Internet haben einschlägig Interessierte eine Liste von Filmstars und Berühmtheiten erstellt, die auf sehenswerte Art rauchen. Sauber vermerkt ist, ob sie das nur im Film tun oder auch "IRL" - In Real Life, im richtigen Leben. Das Fachblatt Smoke Signals hält seine Leser - die Fetischisten sind ausnahmslos männlich - außerdem über Fernsehserien, TV-Movies und neue Hollywood-Filme auf dem laufenden. "Drew Barrymore raucht unentwegt: Viele tiefe Züge, aber ihr Ausstoß ist nicht toll", hieß es in der Dezember-Nummer über "Mad Love". Noch schlimmer: "Der Regisseur zieht die Kamera ausgerechnet dann weg, als es interessant wird."

Der Markt wachse von Tag zu Tag, behauptet Edward Luisser. Mit seiner Firma CoherentLight in Oklahoma City hat sich der frühere Fotograf inzwischen völlig auf Smoxploitation-Filme spezialisiert. Je nach Länge (30 oder 60 Minuten) kosten seine Videos zwischen 30 und 40 Dollar; fünf verschiedene hat er derzeit im Angebot.

Luissers Kunden kommen vornehmlich aus den USA, aber auch aus den Niederlanden, Neuseeland, Brasilien und Norwegen. Jeder Käufer muß über 18 Jahre sein - nicht, weil er Anzügliches anbiete, sagt der Regisseur. Im Gegenteil: Den Wunsch mancher Videoliebhaber, er solle seine Models doch bitte nackt filmen, lehnt er brüsk ab.

Letztlich seien es Geschmacksgründe gewesen, die ihn vom reinen Betrachter zum Produzenten werden ließen. "Die damals erhältlichen Videos waren einfach zu schlecht gemacht", so Luisser, "die Frauen waren alle nackt. Schrecklich." Ein Kollege, der erst kürzlich ins Fetischfach wechselte, hatte diverse Nacktszenen eingebaut - und empörte Anrufe einiger Kunden erhalten. Die Forderung nach dem Mindestalter soll den Mann lediglich vor dem Ruf bewahren, Minderjährige zum Rauchen zu verführen.

Luisser raucht zwei Schachteln pro Tag und gibt seinen Models einfache Instruktionen. "Ich sage ihnen, sie sollen sich vorstellen, daß sie in einem Restaurant sitzen und die Aufmerksamkeit eines Mannes in der anderen Ecke erregen möchten." Der geringe Aufwand seiner Produktionen - eine Darstellerin sitzt auf einem Stuhl vor himmelblauem Hintergrund - dürfte jeden Pornoproduzenten beeindrucken: "Paula" war nach zehn Zigaretten und drei Stunden abgedreht.

Probleme verursachen einzig überzeugte Antiraucher: So hat die "Paula"-Darstellerin ihre Filmkarriere inzwischen aufgeben müssen. "Der Druck ihrer Eltern, das Rauchen aufzugeben", so Luisser, "wurde einfach zu groß." Y

DER SPIEGEL 11/1996
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