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DER SPIEGEL

AFFÄRENTipp von Jeny

Ein Wettskandal erschüttert Frankreichs Handball. Die Ermittlungen gefährden die Karriere von Superstar Nikola Karabatic.
Erst im August hatte er mit seiner Mannschaft in London Gold gewonnen. Wieder Gold, es war bereits der zweite Olympiasieg für Nikola Karabatic, einen der besten Handballer der Welt. Dabei ist der Franzose erst 28. Ihm schien noch genügend Zeit zu bleiben, seine Erfolgsstory fortzusetzen.
Zwei Monate später nähert sich seine Karriere plötzlich dem Ende. Und das wegen ein oder zwei unbedeutender Spiele, bei denen er gar nicht auf dem Feld stand. Hatte er trotzdem seine Finger im Spiel?
Der Superstar des Handballs ist in einen Wettskandal verstrickt, der ihn so vieles kosten könnte: seinen mit rund einer Million Euro pro Jahr dotierten Vertrag beim Club Montpellier AHB, womöglich sogar die Freiheit, denn es droht ihm eine mehrjährige Haftstrafe wegen Betrugs und Anstiftung zum Betrug. Es wird davon abhängen, ob die Staatsanwälte Karabatic nachweisen können, was sie aufgrund von Ermittlungen annehmen: dass er in mindestens einem Fall auf eine Niederlage seines Clubs gewettet und einen Gewinn kassiert habe. Karabatic muss nun bald vor Gericht aussagen, bestreitet aber die Vorwürfe.
Wenn sich der Verdacht jedoch bestätigt, dann haben Karabatic und vier Teamkollegen im Frühjahr Ergebnisse manipuliert und über Freunde Wettgewinne eingestrichen. Am 12. Mai verlor Montpellier überraschend seine Ligapartie bei Cesson-Rennes. Nikola Karabatic schonte sich und spielte nicht mit, angeblich wegen einer Knieverletzung, auch sein jüngerer Bruder und Mannschaftskamerad Luka pausierte. Kein Problem eigentlich. Montpellier hatte die Meisterschaft schon vorzeitig gewonnen, auf ein gutes Resultat gegen den Außenseiter war der Club nicht mehr angewiesen.
Es fiel allerdings auf, dass beim Wettanbieter Française des Jeux hohe Einsätze auf Halbzeitrückstand und Niederlage von Montpellier eingingen. Üblich sind bei solch einem Spiel etwa 5000 Euro, hier waren es innerhalb weniger Minuten 87 880 Euro, aufgeteilt in viele einzelne 100-Euro-Wetten, so gering, dass sie anonym blieben. Montpellier lag zur Pause mit 12:15 zurück und verlor mit 28:31. Danach wurden 252 880 Euro ausgezahlt, eine Wettkontrollfirma informierte die Behörden über die Vorgänge.
Mittlerweile interessiert sich die Staatsanwaltschaft auch für ein zweites, früheres Spiel von Montpellier, das vom 26. April in Nîmes, bei einem weiteren Abstiegskandidaten. Die Verdachtsmomente sind fast deckungsgleich: die Meisterschaft nahezu entschieden, ungewöhnlich hohe Wetteinsätze registriert, der Favorit verliert. Womöglich hatte der Reibach aus den Nîmes-Wetten einige Glücksritter veranlasst, ihre Masche zwei Wochen später gegen Cesson-Rennes zu wiederholen.
Nur: Welche Glücksritter waren das? Und verließen sie sich weniger auf ihr Glück, sondern auf Absprachen? Das wird das Gericht versuchen zu klären.
Die Indizien für Betrug verdichten sich allmählich. Die beiden Freundinnen der Karabatic-Brüder haben zugegeben, Geld auf das Spiel in Cesson-Rennes gesetzt zu haben. Am meisten profitierte der Barbetreiber Nicolas G. aus dem Vorort Prades-le-Lez von der Zockerei. Er hatte insgesamt 25 500 Euro auf Montpelliers Niederlage gewettet und schien einen zuverlässigen Tipp bekommen zu haben. Zumindest hatte G. kurz vor seinem Einsatz mit Jeny Priez telefoniert, der Freundin von Luka Karabatic. Sie alle gehören zu dem Kreis von 13 Personen, gegen die ein Strafverfahren läuft.
Nikola Karabatic sagt, er habe zwar davon gewusst, dass seine eigene Lebensgefährtin Géraldine Pillet gewettet habe, sie habe jedoch selber die Gewinnchancen kalkuliert und Geld gesetzt; er habe damit nichts zu tun. Selbst wenn das stimmen würde, stünde Karabatic schlecht da. Warum hat er sie nicht davon abgehalten? Ihm sollte klar gewesen sein, dass ihn eine solche Wette ins Zwielicht rückt. Karabatic, Frankreichs Sportler des Jahres 2011 und vier Jahre lang beim THW Kiel aktiv, gehört zu den bestbezahlten Handballprofis der Welt - da ließ er es zu, dass die Freundin für ein paar Tausender seine Karriere riskiert? Und das ausgerechnet kurz vor Olympia?
Als er seine Mannschaft in London zum Gold führte, liefen die Ermittlungen bereits. Und als der Skandal publik wurde, rechnete aus Karabatics Umkreis offenbar niemand damit, dass die Polizei die Handys abhört. Hin und her gingen Telefonate, es ging um die Frage, was nun passieren werde. Es ging um Angst.
Handball spielen kann Karabatic vorerst nicht weiter. Er ist auf Kaution frei, darf aber keinerlei Kontakt zu Mannschaftskollegen aufnehmen. Für Montpellier AHB wird er wohl nie wieder antreten, unabhängig vom Strafprozess. "Wir müssen nicht auf das Ergebnis der Ermittlungen warten", sagt Clubpräsident Rémy Lévy. "Ein gravierender Fehler ist Grund genug, einen Arbeitsvertrag zu beenden."
Von Erik Eggers, Detlef Hacke und Petra Truckendanner

DER SPIEGEL 41/2012
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