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DER SPIEGEL

„Erfolg mit großem Blöff“

Sein Gedächtnis ist beeindruckend. Bis zu 10 000 Namen habe er mit Sicherheit im Kopf, sagt Gerhard Walter. Er zieht einen Ordner aus dem Regal, blättert ein wenig und erzählt sofort, worum es darin geht.
In seinem Arbeitszimmer stehen 500 solcher Ordner, alle sauber beschriftet, und im Keller sind es noch mal 600. Das allerdings ist nur der kleinste Teil: Insgesamt hat er 35 000 dieser dickleibigen Papphefter gefüllt - für einen einzigen Fall. Es ist sein schwerster.
Walter, 56, ein lebhafter, jugendlich wirkender Typ mit angegrauten Haaren, sucht als Konkursverwalter in den Trüm-
* Auf der Baustelle "Barthels Hof".
mern, die vom Immobilienreich des Utz Jürgen Schneider geblieben sind, nach Verwertbarem. Es ist eine lohnende Beschäftigung. Nicht jeder Bankrotteur hinterläßt so reiche Beute wie der Mann, der Edelimmobilien sammelte und sich schließlich mit ein paar hundert Millionen Mark davonmachen wollte.
Da geht es nicht nur um diese Millionen, die in der Schweiz gefunden wurden und - so hofft Walter - schließlich bei ihm in der Konkursmasse landen werden. Gewiß, der Mann ist ganz scharf auf Bares. Aber er nimmt auch gern Immobilien, Schmuck oder Autos - eben alles, was sich zu Geld machen läßt.
Ein paar Wagen hat er schon versilbert, auch einen Jet für gut fünf Millionen Mark sowie ein paar Firmenbeteiligungen. Vor allem aber hat er Immobilien im Wert von mehreren Milliarden Mark - zumeist an Gläubigerbanken - verkauft. Fast alle Objekte waren zwar bis unters Dach mit Schulden vollgestopft, aber Walter verlangt bei jedem Verkauf - für die Konkursmasse - seine drei Prozent.
Walter ist ein gründlicher Mensch. Wahrscheinlich gibt es inzwischen kaum jemanden, der mehr über Schneider weiß als er, Staatsanwalt Dieter Haike ausgenommen. Während die Fahnder in aller Welt den verschwundenen Immobilienspekulanten jagten, ging auch der Konkursverwalter auf Spurensuche, immer dem Geruch des Geldes nach. Welche Geschäfte Schneider getätigt, was er dabei verdient hat und wohin die Millionen flossen, interessiert ihn brennend; den Mann selbst sieht er emotionslos.
Seit 22 Jahren ist er Konkursverwalter: "Ich habe schon 300 Unternehmen beerdigt." Sein Arbeitstag beginnt morgens um acht und endet gegen Mitternacht. Derzeit arbeitet Walter an mehr als 30 Fällen, ein Drittel seiner Arbeitskraft braucht er für Schneider.
Sein erster Konkursfall sah ein wenig anders aus. Walter mußte einem kleinen Herrenfrisör in Frankfurt die letzten 100 Mark aus der Registrierkasse nehmen. Der Frisör weinte, Walter schluckte schwer. Aber er wußte schon damals, was heute erst recht gilt: "Man darf nicht mit dem Gemeinschuldner heulen."
Walters Spurensuche ist noch nicht beendet. Die Schweizer haben die in Genf liegenden Millionen, die Schneider vor seiner Flucht Anfang April 1994 über London und die Bahamas in die Schweiz geschafft hatte, noch nicht freigegeben. Den Schmuck, den Claudia Schneider-Granzow in einem Schweizer Schließfach deponiert hatte, hat er auch noch nicht.
Schneider, der sich nach einjähriger Haft in Florida entschlossen hatte, nach Deutschland zurückzukehren, wartet inzwischen in der Haftanstalt Preungesheim, daß Staatsanwalt Haike seine Anklageschrift fertigstellt. Darin wird von schwerem Betrug, Kreditbetrug, Urkundenfälschung und betrügerischem Bankrott die Rede sein.
Wie viele Große, die plötzlich wieder ganz klein wurden, hat Schneider auch klein angefangen. Und wie viele Bankrotteure sucht Schneider die Schuld für sein Versagen bei anderen. Dabei wäre es seltsam, wenn alles anders gekommen wäre, als es gekommen ist. Schneider war immer Schneider, begabt genug, in einer großen Show eine Zeitlang ordentliche Banker als Kulissenschieber zu beschäftigen, aber eben nicht gut genug, um zu wissen, wann Schluß sein muß.
Schon immer hat er gern betont, daß er aus einer "alteingesessenen Frankfurter Familie" stammt und daß er Maurer gelernt hat. Das beeindruckt die Menschen - ein seriöser Mann, eine solide Ausbildung.
Er ist in der Tat in Königstein aufgewachsen, einer kleinen Stadt in der Nähe von Frankfurt mit damals vielleicht 3000 Einwohnern. Und Maurer hat er auch gelernt. Aber der Rest seiner Geschichte, von der Schneider nicht spricht, ist viel interessanter.
Ein "einfacher Frankfurter Bub" (Schneider über Schneider) ist das jedenfalls nicht, der in einer der größten Villen des Ortes aufwächst. Sein Vater Richard, den alle nur respektvoll "Senator" nennen, hat in eine ordentliche Baufirma, Josef Kunz Söhne, eingeheiratet. "Dem Jürgen", erinnert sich ein Schulkamerad, "ging es schon damals besser als den meisten von uns. Der hatte ein eigenes Zimmer und besaß alle Karl-May-Bände."
Jürgen züchtet Zierfische. Bei den üblichen Aktivitäten der Jugendlichen wird er selten gesehen. Er geht nicht auf Partys, rast nicht mit den anderen auf einem Moped durch Königstein, trifft sich nicht mit der Clique in Kneipen. Er darf wohl nicht, meinen seine Schulfreunde.
Der Senator geht ziemlich hart mit Jürgen um. Er brüllt ihn an, nennt ihn einen notorischen Versager. Nie ist er zufrieden mit dem, was der Junge macht. Das fünfjährige Nesthäkchen der Familie verunglückt tödlich auf dem elterlichen Grundstück, und das macht die Lage für den älteren Sohn des Senators nicht besser. Karl May hilft da wenig.
Immerhin läßt der alte Schneider seinen Sohn nach dem Abitur in der eigenen Firma eine Maurerlehre machen. Der Junge soll was Ordentliches lernen, und was ist ordentlicher als Vaters Gewerbe? Vorzugsbehandlung genießt Jürgen in der Familienfirma nicht, im Gegenteil. Wie Dreck, so sagen Schneiders ehemalige Schulfreunde, habe der Alte den Sohn behandelt.
Der Senator baut in der Erziehung offenbar völlig auf das Prinzip Härte. Sein Sohn soll sich wie ein ganz normaler Arbeiter fühlen. Einmal steht Jürgen nach der Arbeit, schmutzig und abgekämpft, an der Haltestelle der Straßenbahn in Hoechst, um nach Hause zu fahren. Es regnet. Doch sein Vater, der ebenfalls nach Hause will, fährt mit dem Polier im Mercedes an ihm vorbei.
Der Sohn läßt sich alles gefallen und studiert nach seiner Lehre sogar, wie der Vater, Ingenieurswesen an der Technischen Hochschule Darmstadt. Nach dem Diplom ist er in verschiedenen Baufirmen, darunter bei Holzmann, später auch bei Kunz & Söhne, tätig.
Sein Verdienst hält sich - wie Schneider später, nachdem er mit Milliarden jongliert hat, den Ermittlern erzählen wird - "in Anbetracht der Strenge meines Vaters sehr in Grenzen". Der Vater ist stolz darauf, daß sein Sohn in der Firma das niedrigste Bauleitergehalt bekommt.
Nebenbei promoviert Jürgen Schneider in Staatswissenschaft - an der Universität Graz. Der "Dr. Graz" ist zwar nicht gerade das, was in Akademikerkreisen ehrfurchtsvolles Staunen hervorruft, aber zum erstenmal hat Jürgen es dem Alten gezeigt: Er hat nun einen akademischen Titel mehr als der.
Die Zielstrebigkeit des Sohnes, an dem er immer herumzunörgeln hat, beeindruckt den Senator offensichtlich. Er macht Dr. Jürgen Schneider, der mit einem kleinen Anteil an Kunz & Söhne beteiligt ist, am 21. Februar 1973 zum Geschäftsführer. Doch da in einem ordentlichen mittelständischen Bauunternehmen nur einer zu bestimmen hat, nämlich der Chef, ist der Titel Geschäftsführer in Wahrheit weniger wert als ein Dr. Graz.
Der Sohn muß einen Vertrag unterschreiben, nach dem er alle Weisungen seines Vaters, selbst in Kleinigkeiten, zu befolgen hat. Es kommt ständig zu Streitereien über die Führung der Firma.
Aber der Sohn hat gut aufgepaßt. Wie der Vater hat er reich geheiratet. Seine Frau, Claudia Granzow, stammt aus einer Familie, die im Elektrohandel ein Millionenvermögen gemacht hat. Eine Maurerausbildung und ein Doktortitel allein tun''s nicht, wenn der Mensch erfolgreich sein will - er braucht auch Bares. Gattin Claudia kommt 1979 an ihr Erbe, ihr Mann steigt ins Immobiliengeschäft ein, er handelt mit Eigentumswohnungen.
Claudia überredet ihre Mutter Gerlinde Zacharias, eine Hypothek auf den Familienstammsitz, die Villa Zacharias in Baden-Baden, aufzunehmen, um Jürgen mit weiteren Mitteln zu versorgen. Dieses sagt Mutter Zacharias ein kostenloses Wohnrecht in dem Haus zu. Wie sich später herausstellt, läßt er dieses Wohnrecht jedoch nicht im Grundbuch eintragen, wie er es mit Gerlinde vereinbart hatte.
Das Geld, das er durch das Hypothekendarlehen auf Schwiegermutters Häuschen bekommt, weiß Schneider jedoch zu nutzen. Er handelt nicht nur mit Immobilien, sondern beginnt zu bauen.
Vater Richard müßte nun endlich stolz auf den Sohn sein, aber das ist er ganz und gar nicht. Ihm gefällt nicht, wie der Junge baut: Eines Tages sieht der Senator auf einer Baustelle, die er gar nicht kennt, Kräne von Kunz & Söhne und Arbeiter seiner Firma. Er stellt seinen Sohn zur Rede und erfährt, daß der auf Kosten der Firma für eigene Rechnung arbeitet. Er schmeißt ihn raus.
Der Sohn ("Ich gestehe, einen Vaterkomplex zu haben") macht sich, um "dem Diktat meines dominanten Vaters zu entgehen", Anfang 1981 selbständig und baut nun auf eigene Rechnung. Das gefällt dem Alten auch nicht. "Mein Vater", so Schneider, "hatte zuvor noch die wichtigen Banken angerufen und sie aufgefordert, mir kein Geld zu geben."
Und der tut noch mehr. Eines Tages erscheint der Alte im Verband der baugewerblichen Unternehmen in Hessen. "Sie sind doch", sagt er zum Verbandsjustitiar Reinhard Buhl, "der bekannteste Feind meines Sohnes. Beraten Sie mich." Buhl hat in der Tat reichlich Ärger mit Jürgen Schneider; er vertritt Handwerker, die sich geprellt fühlen.
Immer wieder versucht Schneider, Handwerkern und mittelständischen Unternehmern einen Teil des ihnen zustehenden Geldes vorzuenthalten. Erst ködert er die Firmen, indem er den jovialen Bauherrn spielt, doch später ändert sich sein Verhalten. "Der Mann kann richtig die Sau rauslassen", sagt Buhl, "dem macht es dann sogar Spaß, einen Menschen fertigzumachen."
Schneider arbeitet mit allen Tricks. Oft stellt er die Zahlungen ein, weil Termine angeblich nicht eingehalten oder Arbeiten schlecht ausgeführt werden. Seine Knebelverträge bezeichnet das Landgericht Frankfurt in seinem Urteil vom 14. November 1991 als "Teil eines betrügerischen Systems".
Als Vater Schneider zu Buhl kommt und Hilfe gegen seinen Sohn sucht, rät dieser jedoch ab. Der zornige alte Mann will dem Sohn den Anteil an Kunz & Söhne abnehmen. Er gibt nicht nach, und Buhl empfiehlt ihm schließlich einen Wiesbadener Anwalt. Er verspricht, Schneider senior dort anzukündigen.
Er ruft den Kollegen an, doch der unterbricht ihn ganz schnell: Er könne leider Richard Schneider nicht vertreten; gerade habe der Sohn Jürgen sein Büro verlassen, der nun in dieser Sache sein Mandant sei.
Der Vater verliert den Prozeß in erster Instanz und gibt auf. Jürgen Schneider ist noch mit 1,4 Prozent an der Firma beteiligt, als Kunz & Söhne im August 1988 pleite geht. Richard hat sein Geld, einen zweistelligen Millionenbetrag, sicher in der Schweiz angelegt, der Sohn - der später mit weniger Erfolg das gleiche versucht - wird enterbt.
Das aber scheint seinen Ehrgeiz nur anzustacheln. Er will an die großen Objekte ran und an das große Geld. Er möchte ja historische Bauten, "Gebäude gleichsam wie Antiquitäten oder Werke alter Meister" erhalten, restaurieren und zu Renditeobjekten "managen".
Den Anfang macht er in Baden-Baden, wo die Familie Granzow zu Hause ist. Er kauft 1983 das historische "Goldene Kreuz" und rüstet es zu einem modernen Geschäfts- und Bürohaus auf. Es ist sein erstes großes Geschäft mit der Deutschen Bank, beziehungsweise deren Tochter Deutsche Centralbodenkredit-AG in Köln. Hier lernt der ehrgeizige Bauherr auch den ebenso ehrgeizigen Geldbeschaffer kennen, der ihm jahrelang hervorragende Dienste leistet, letztlich aber zum Verhängnis wird: Dr. Friedrich Möll aus Kelkheim.
Der sogenannte Repräsentant der Deutschen Bank ist eine seltsame Figur im Spiel um das große Geld. Er bewegt zu viele Millionen, da fällt es schwer zu glauben, daß seine Hände sauber bleiben können. Wenn Schneider, wie der Haftbefehl ihm vorwirft, die Banken betrogen hat, was hat dann der Mann gemacht, der Schneiders Wünsche bei den Bankern durchsetzte?
Möll geht in Schneiders Villa Andreae bald ebenso ein und aus wie in der Deutschen Centralboden, die nach dem Projekt "Goldenes Kreuz" rasch zu Schneiders wichtigster Geldquelle wird. Er selbst kassiert für seine Dienste in zehn Jahren insgesamt etwa zwölf Millionen Mark.
Das wirklich Blamable im Fall Schneider besteht für die Deutsche Bank gewiß nicht darin, daß ihrem Vorstandssprecher Hilmar Kopper in einem unbedachten Augenblick das Wort "Peanuts" herausrutscht. Das Peinliche ist die Erkenntnis, daß die Deutsche Bank einen hochbezahlten Agenten braucht, um Routinearbeiten ihrer Kreditabteilungen erledigen zu lassen.
Noch viel ärgerlicher allerdings ist, daß offenbar niemand in der Centralboden oder der Deutschen Bank sich darum zu sorgen scheint, ob das, was Möll und Schneider - zum Teil mit tatkräftiger Hilfe des Sachverständigen Werner W. Neumann - sich errechnet haben, auch mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen ist. Alle Kontrollinstanzen, das scheint inzwischen erwiesen, versagen, wenn Kontrolle am nötigsten ist.
Es gibt keine Vernehmung eines Bankers, in der nicht irgendwann das Wort Vertrauen fällt. Jürgen Huvendick, ehemaliger Vorstand der Centralboden, spricht von einem "absoluten Vertrauensverhältnis" zu Schneider. Direktor Hanno Sauer zitiert das "Vertrauensverhältnis", das sich im Laufe der Jahre zwischen der Centralboden und Schneider entwickelt habe. Heiner Keller, früher Abteilungsleiter in der Kreditabteilung der Deutschen Bank, erwähnt das "besondere Vertrauen", das die Bank ihrem Großkunden entgegenbrachte.
Es stimmt schon: Vertrauen ist der Anfang von allem.
"Die Angaben des Kunden bzw. des Gutachters", schreibt die C & L Treuarbeit Deutsche Revision in ihrem Gutachten vom 19. April 1994 über die Geschäftspolitik der Centralboden, "wurden kritiklos übernommen. Eigene Prüfungen, Untersuchungen und Plausibilitätsüberlegungen der Banken fanden offensichtlich nicht statt." Ebensowenig habe eine Kontrolle stattgefunden, wie die projektgebundenen Millionen verwendet wurden.
Die Treuarbeit war im Auftrag des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen tätig. Etliche Wochen später, am 1. Juli 1994, lieferte auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Wollert-Elmendorff Deutsche Industrie-Treuhand das Ergebnis ihrer Sonderprüfung im Auftrag der Deutschen Bank ab. Die Bank, so das Urteil, habe sich allein auf die von Möll eingereichten Papiere verlassen. "Weitere Unterlagen sind von der Centralboden in der Regel nicht angefordert worden."
Die von dem Gutachter Neumann errechneten Werte seien einfach übernommen worden. Objektbesichtigungen durch Mitarbeiter der Bank habe es nicht gegeben. Die laufende Überwachung der Geschäfte mit Schneider wurde "wegen des Vertrauens in den Kreditnehmer zu großzügig gehandhabt".
Als Schneider die Zeilgalerie "Les Facettes" baut und immer neue Millionen anfordert, ist die Centralboden bedingungslos dabei. Welche Eigenmittel setzt Schneider eigentlich ein? Vorstand Huvendick will es nicht wissen. Erste Zeitungsmeldungen, denen zufolge die vermietbare Fläche nicht 20 000, sondern nur 9000 Quadratmeter beträgt, legt Huvendick achtlos zur Seite.
Abteilungsleiter Keller meint, man dürfe den besten Kunden der Bank doch nicht verärgern. Die Bank hätte beispielsweise gern, daß Schneider das Mietkonto für das bei ihr finanzierte Objekt auch bei der Gläubigerbank führt. Aber Schneider will das nicht, und niemand drängt ihn.
"Er war ein großer Kunde der Bank", so Keller über Schneider, "und ich habe mich mit extrem kritischen Fragen auch im Hinblick darauf zurückgehalten, daß sich die übergeordneten Stellen ebenfalls zurückhielten."
Nach dem "Goldenen Kreuz" in Baden-Baden kommt Schneider immer besser ins Geschäft mit der Centralboden und baut Stück für Stück das Vertrauensverhältnis auf, das den Provinzbankern so wohltut und die Bosse in der Zentrale nicht beunruhigt. Seinen Kreditantrag stellt Schneider immer bei der Centralboden, die Zwischenfinanzierung übernimmt die Filiale der Deutschen Bank in Baden-Baden, für die Kreditüberwachung ist Mannheim zuständig.
Was zieht den Königsteiner Bauherrn so nach Süden, nach Baden-Baden? Ist es Sentimentalität, weil er dort sein erstes größeres Projekt verwirklicht hat?
Keineswegs. In einem Prüfungsbericht, den der Vorstand der Deutschen Bank nach dem Verschwinden Schneiders bestellt, wird Klartext gesprochen: "Der Grund, warum die sieben weiteren Projekte, die außerhalb des Einzugsbereichs der Filiale Baden-Baden lagen, ebenfalls dort zwischenfinanziert wurden, ist nur so zu erklären, daß Herr Dr. Schneider bereits bei dem ersten Projekt (,Goldenes Kreuz'') die unkritische Arbeitsweise der Filiale erkannt hatte."
In der Tat macht Schneider dort mit den Experten der Centralboden und der Deutschen Bank, was er will. Er legt keine Rechnungen oder Gewerkelisten vor, er kann unkontrolliert die bewilligten Millionen ausgeben, er bringt keine Belege für die von ihm verfaßten Vermögensaufstellungen. "Kritiklos", so stellt später die Treuarbeit fest, werden auch die Zahlen des Gutachters übernommen, der seinerseits einfach verarbeitet, was Schneider ihm liefert.
Zu den acht Objekten, die Schneider nach und nach mit seiner Lieblingsbank verwirklicht, zählen kleinere in Berlin, Frankfurt, Offenbach und Wiesbaden, aber auch vier größere Brocken: die Zeilgalerie sowie das Börsen-Center in Frankfurt, das Palais Bernheimer in München und das Hotel Rose in Wiesbaden. Mit seinem Verschwinden schuldet er der Deutschen Bank 1,2 Milliarden Mark.
Als Mitarbeiter der Bank in ihrem Vertrauen zu Schneider ein wenig wanken, überzeugt der sie mit einem angeblich fabelhaften Geschäft von seinen kaufmännischen Fähigkeiten. Ende 1990 verkauft er den restaurierten Fürstenhof in Frankfurt an die japanische Kowa Real Estate - mit stattlichem Gewinn, wie er behauptet.
"Die Mathematik sagt", so belehrt Schneider später die Ermittler, "wir haben runde 190 Millionen Kosten gehabt, der Verkaufspreis lag bei brutto 416 Millionen. Dann bleiben runde 200 Millionen Mark übrig."
Im Jahre 1990 glauben ihm die Banker das nur zu gern. Die Vertrauensbasis wird gefestigt. Doch inzwischen sagt die Mathematik etwas anderes: Laut Vertrag zahlen die Japaner nur 365 Millionen, und denen stehen 295 Millionen Mark Verbindlichkeiten gegenüber. "Können Sie uns bei dieser Sachlage erläutern", fragen die irritierten Ermittler, "wie sich der Profit von 200 Millionen errechnet?"
Er kann. Die 295 Millionen Kredit habe er ja auch für andere Objekte verwandt. "Ich bin der Ansicht, daß ich am Fürstenhof 200 Millionen verdient habe."
Nach Schneiders Abgang sind alle klüger. Die "kritiklose und leichtfertige Übernahme" der Zahlen, die der Schuldner und sein Helfer Möll geliefert haben, so stellt die Deutsche Bank im Sommer 1994 fest, habe dazu beigetragen, daß Schneiders Geschäfte bis 1992 nicht ernsthaft in Frage gestellt wurden.
Für die Deutsche Bank kommt es noch schlimmer. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen gibt sich mit der Selbstkritik des Instituts und dem Gutachten der Treuarbeit nicht zufrieden. Mit Schreiben vom 28. November 1994 rügt das Amt "schwerwiegende Verstöße" gegen das Kreditwesengesetz und wirft der Bank vor, die Grundsätze ordnungsgemäßer Geschäftsführung verletzt zu haben.
Schneiders Zahlenangaben, so meint auch das Aufsichtsamt, seien ohne gründliche Prüfung einfach übernommen und von der Filiale zum Teil sogar verfälscht weitergegeben worden. Die Bank habe auch darauf verzichtet, die Mieten der Schneider-Objekte auf Konten im Hause fließen zu lassen. Die Kreditrevision habe ihre Kontrollfunktion nur unzureichend wahrgenommen.
Selbstverständlich, so antworten die kritisierten Banker am 13. Januar 1995, seien ihnen bei den Geschäften mit Schneider Fehler unterlaufen. Der Fall Schneider sei jedoch nicht repräsentativ für die Kreditbearbeitung im Hause, heißt es in dem Schreiben, das von Vorstandssprecher Hilmar Kopper und seinem Kollegen Michael Endres unterzeichnet ist.
Das Aufsichtsamt legt noch einmal nach. Die "Nichtbeachtung banküblicher Sorgfalt", schreibt Abteilungsleiter Ludwig Stauch an Kopper und Kollegen, sei inzwischen unbestritten. Der Hinweis auf die fehlende kritische Distanz zu den Eheleuten Schneider sei "nicht geeignet, die Verstöße gegen bankübliche Sorgfaltspflichten als weniger schwerwiegend einzuordnen".
Und dann wird Stauch grob. Die Verstöße gegen das Kreditwesengesetz, so hält er dem Vorstand vor, seien so schwerwiegend, "daß ich Ihr Verhalten als Geschäftsleiter bei der Behandlung des Kreditengagements der Dr. Jürgen Schneider-Gruppe mit besonderem Nachdruck mißbillige". Eine solch scharfe Mißbilligung nehme niemand auf die leichte Schulter, sagt Hans-Otto Weiland, Nachfolger des inzwischen pensionierten Aufsichtsbeamten Stauch. Es kann jedoch für eine Bank und ihre Verantwortlichen noch schlimmer kommen. "Wir können auch die Abberufung eines Vorstands verlangen", sagt Weiland.
Im Falle Schneider lenkt das Aufsichtsamt schließlich ein. Es verkenne nicht, schreibt Stauch am 27. April 1995 an die Deutsche Bank, die Besonderheit des Einzelfalles und die Zurückhaltung bei ihrem Schneider-Engagement seit März 1992. Als positiv wertet Stauch, daß die Bank die Organisation des Kreditgeschäfts verbessert und im personellen Bereich unverzüglich reagiert habe; gemeint ist der Abgang zweier Vorstände der Centralboden, eines Geschäftsleiters der Deutschen Bank in Baden-Baden und seines Kollegen in der Filiale Mannheim, Michael Prinz von Sachsen-Weimar.
Die Deutsche Bank wird nicht als einzige vom Aufsichtsamt getadelt. Alle Großbanken und bei Schneider engagierten Hypothekenbanken, insgesamt 17 Institute, erhalten ähnlich böse Post. Und das mit Recht.
Schneider ist am vorläufigen Ende seines Schaffens bei 55 Banken verschuldet. Größter Gläubiger ist zwar, wegen der Schlamperei in ihrer Tochtergesellschaft Centralboden, die Deutsche Bank; aber die Experten in anderen Instituten haben sich von dem Immobilienspekulanten ebenso blenden und bluffen lassen wie der Branchenprimus.
Schneider ging es immer nur um sein Frostgeld, um die Festgelder, die er für seinen persönlichen Bedarf einfror. Wie die Eidechse, die sich ohne ihren Schwanz in Sicherheit bringt, so sollte auch Schneiders Vermögen in Sicherheit sein, wenn die Banken ihn packen wollten (SPIEGEL 27/1996).
"Jetzt gilt es!" notierte Schneider am 15. August 1993 in seiner Kladde. "Nochmals alle Tricks - Offensive. Erfolg ist immer gepaart mit großem Blöff." Zu diesem Zeitpunkt war die Offensive, die der Herr der Eidechsen später sogar als seinen "Superblöff" bezeichnete, bereits in vollem Gange.
Es ging um das Berliner Geschäftshaus "Kurfürsteneck", das die Dortmunder Brau und Brunnen AG Anfang 1993 verkaufen wollte. Obwohl es sich bei dem denkmalgeschützten Gebäude schräg gegenüber der Gedächtniskirche um eine Immobilie in bester Citylage handelte, bot eine Kölner Firma nur 60 Millionen, während Brau und Brunnen auf 80 Millionen Mark beharrte.
Dann brachte der Kölner Notar Stefan Zimmermann, der an den Verhandlungen teilnahm, Schneider ins Spiel. Der lud Rolf Meyer von der Brau und Brunnen wenig später zu Verhandlungen in seine Königsteiner Villa Andreae ein. Schneider hatte seinen Vertrauten Mehdi Djawadi, einen iranischen Mathematiker und Teppichhändler, dabei.
Meyer pries das Kurfürsteneck als eine interessante Investition und forderte dann "ins Blaue hinein" - wie er sich bei seiner Vernehmung im Bundeskriminalamt erinnert - einen Preis für die Immobilie, der ihm selbst absurd hoch schien: 121 Millionen Mark. "DJS akzeptierte diese Kaufpreiszahlung zu meiner freudigen Überraschung sofort."
DJS - Kürzel der Ermittler für Dr. Jürgen Schneider - war der Preis wie immer gleichgültig. Er hatte ja seine Geldmaschine.
Freudig genehmigte offensichtlich auch der Aufsichtsrat der Brau und Brunnen das schöne Geschäft. Im Präsidium saßen mit Hans-Günther Adenauer von der Dresdner Bank und Eberhard Martini von der Bayernhypo zwei gestandene Vorständler, deren Banken bereits mehrere Schneider-Bauten finanziert hatten.
Am 29. Juni 1993 wurde beim Notar Zimmermann der Kaufvertrag unterzeichnet. Ein paar Wochen später kaufte Schneider für gut neun Millionen Mark das Sechzehntel am Kurfürsteneck dazu, das einem Kaufmann auf den Kanarischen Inseln gehörte.
Die Geldmaschine kam in Schwung. Innerhalb weniger Monate war der Wert der Immobilie - zumindest auf dem Papier - von 60 auf 130 Millionen Mark gestiegen. Da ließ sich noch mehr draus machen. Käufer des Kurfürsteneck war eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, gegründet am 14. Juni 1993, die zu 97 Prozent der Firma Arnaud de Vienne Société Immobilière mbH gehörte. Das Ehepaar Schneider war mit dem bescheidenen Rest beteiligt.
Arnaud de Vienne fand offenbar wenig Gefallen an dem gerade erworbenen Bau und verkaufte ihn im November an die Laetsch Properties GmbH, ebenfalls am 14. Juni 1993 gegründet, für 370 Millionen Mark. Innerhalb von fünf Monaten hatte das Kurfürsteneck nun gut 500 Prozent an Wert zugelegt.
Klar, daß der Franzose Arnaud de Vienne und der Amerikaner Gregory Laetsch nur Strohmänner waren. So wie Schneider den Banken ihr eigenes Geld zeigte, wenn er seine Festgelder als Zeichen seiner Bonität vorführte, so trat er nun im Gewande "ausländischer Investoren" auf.
Schneider wollte sich selbst etwas aus dem Blickfeld nehmen. Er sah, daß seine alte Taktik - mit Scheinrechnungen, hochgemogelten Mieten und gefälschten Quadratmeterzahlen - riskant wurde. Die Banker, lange Zeit leicht- und wundergläubig, begannen immer öfter nachzufragen.
Es beunruhigte den Großschuldner, daß die Deutsche Bank mit einemmal die Mietverträge der Zeilgalerie in Frankfurt sehen wollte. Der Schneidersche Familienrat tagte.
Tochter Ysabel, Studentin der Betriebswirtschaft, ahnte Böses. In ihrem Taschenkalender notierte sie unter dem 4. Dezember 1992: "Wie gedacht, Mietverträge wurden neu unterschrieben. Die. + Mit. wollen die Banker bei Papi vorbeischauen und die Mietverträge einsehen. Wenn die etwas feststellen - Gefängnis. Das darf man sich alles gar nicht ausmalen ..."
Papi, dem offenbar die Schwächen seines bisherigen Systems bewußt wurden, begann ein Netz von Treuhänderfirmen zu spinnen, von Andreae Alpha bis Andreae Gamma, Green Estate, Erste bis Siebenundzwanzigste Realty bis zu Arnaud de Vienne und Laetsch Properties. Da konnte er beliebig Immobilien durchhandeln, ihren Wert scheinbar steigern und damit höhere Kredite erschwindeln, von denen immer etliche Millionen in die Frostgeld-Truhe flossen.
Das System funktionierte. Am 11. November 1993 beantragte Schneider für das Kurfürsteneck bei der Dresdner Bank einen Kredit von 365 Millionen Mark - bei einem Einstandspreis von 130 Millionen waren also 235 Millionen Mark Frostgeld drin. "Das hohe Know-how von Herrn Dr. Schneider", so hielt die Dresdner in einem internen Schreiben fest, "sichert nach unseren bisherigen Erfahrungen die Realisierung des Projekts weitgehend ab." Die Bank bewilligte zunächst 325 Millionen.
Allerdings bestand der Vorstand in Frankfurt darauf, daß Schneiders Gesellschaft bürgerlichen Rechts zunächst 100 Millionen auf ein Festgeldkonto einzahlt: "Auf die Bürgschaft Schneider allein wird man den Kredit nicht mehr abstellen, da die Gesamtverschuldung Schneider inzwischen auf vier Milliarden angestiegen ist."
Er habe sich fürchterlich über diese Forderung der Bank, die ihn nur Geld koste, geärgert, gesteht Schneider im Mai 1996 den Ermittlern. Er fand dies von der Dresdner "sehr scharf und knausrig".
Die Dresdner Bank wollte auch geklärt haben, was die diversen Zahlungen von 190 Millionen Mark zu bedeuten hätten, die Schneider ihr vorrechnete. Das schaffte der Baulöwe mit links.
Für Entmietungen habe die Laetsch Properties an die Arnaud de Vienne - beides Schneider-Firmen - 30 Millionen gezahlt. Im übrigen "mußten von Arnaud de Vienne fünf anderweitige Interessenten aus dem internationalen Bereich mit insgesamt 160 Mio. abgefunden werden". Dies habe er aus Gesprächen mit Arnaud de Vienne erfahren.
Das kann sich ein ordentlicher Banker offensichtlich alles vorstellen. Zweieinhalb Jahre später erklärt Schneider lapidar: "Es wurden keine Interessenten abgefunden."
Und natürlich habe, behauptet Schneider, die Dresdner Bank gewußt, daß Arnaud de Vienne und Laetsch nur seine Treuhänder gewesen seien. Als ihm die Ermittler am 25. April dieses Jahres vorhalten, daß nach ihrer Kenntnis weder der Kreditvermittler Möll noch Mitarbeiter der Deutschen oder der Dresdner Bank von seinen Treuhänderfirmen gewußt hätten, verliert der sonst so geduldige Untersuchungshäftling fast die Contenance. Wenn die Herren angeben, nicht gewußt zu haben, daß Arnaud de Vienne eine Schneider-Firma war, "dann lügen sie".
Vor allem bei der Dresdner Bank, so behauptet Schneider, sei das doch offensichtlich. Immerhin habe das Vorstandsmitglied Adenauer den Kredit für das Kurfürsteneck mit bewilligt - einen Kredit von 325 Millionen "für das gleiche Objekt, das er in seiner Funktion als Aufsichtsrat der Brau und Brunnen AG zuvor für 121 Millionen verkauft hat".
Ähnlich souverän wie mit der Dresdner ging Schneider auch mit der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB) um, die ihm den Erwerb einer anderen Immobilie in Berlin, an der Tauentzienstraße 7 b/c, neben dem Europacenter, finanzierte. Da erkennt der Jurist Horst-Dieter von Behren, zuständig für gewerbliche Baufinanzierungen der Nord/LB, inzwischen eine "Täuschungshandlung".
In seiner Finanzierungsanfrage vom 16. November 1992 meldete Schneider der Bank "Anschaffungskosten" von 151 Millionen Mark. Immerhin wollten die Landesbanker wenigstens den Kaufvertrag sehen. Das sei leider nicht möglich, ließ der Berlin-Investor wissen: Er habe sich gegenüber dem Verkäufer, einer schwedischen Adresse, verpflichtet, einem Dritten die Details nicht zugänglich zu machen.
Ein Mitarbeiter der Bank, Leonhard Goebel, durfte jedoch Schneider in seinem Königsteiner Domizil aufsuchen. "Der Kaufvertrag wurde von uns eingesehen", hielt Goebel in einem Aktenvermerk fest. "Der Kaufpreis von DM 151 Mio. wurde direkt bzw. indirekt (über eine australische Tochter) gezahlt (DM 83 bzw. 68 Mio.)." Die Immobilie gehörte zu der Zeit, über eine holländische Gesellschaft, den schwedischen Immobilienhändlern Söderholm. Von denen kaufte Schneider.
Die Nord/LB bewilligte nach Goebels erfolgreichem Besuch in Königstein einen Kredit von 131 Millionen. Gut 29 Millionen wurden an die Gothaer Lebensversicherung überwiesen, die noch Forderungen aus einer Grundschuld hatte. Der dicke Rest von gut 101 Millionen wurde auf Schneiders Konto bei der Königsteiner Volksbank "abverfügt", wie von Behren elegant formuliert.
Dem Investor ging es wieder einmal nur um seinen Developergewinn, seine sogenannte Kalkulationsreserve. Die brauchte er angeblich, weil er beträchtliche Risiken sah.
"Der gesamte Erfolg des Objektes", so Schneider in seiner Vernehmung vom 24. April 1996, "hing davon ab, ob es mir gelingt, den sehr schwierigen Mieter Betten-Rutz aus dem Haus zu kriegen." Der Filialbetrieb hatte in der Tauentzienstraße einen langfristigen Mietvertrag. "Der Trick, mich eines solchen Mieters durch ein über Gesellschaften provoziertes Versteigerungsverfahren zu entledigen, ist mir nicht in den Sinn gekommen und hätte ich niemals gemacht." Das machte dann die Nord/LB (siehe Kasten Seite 94).
Mit Goebel, seinem Gesprächspartner bei der Nord/LB, vereinbarte Schneider, den Punkt Kaufvertrag nicht hochzuspielen. Der Banker durfte keine Kopie mitnehmen. Die australische Tochter, über die "indirekt" ein angeblicher Kaufpreis von 68 Millionen Mark gezahlt wurde, hat ihm Schneider nicht vorgestellt.
S chneiders Behauptung, Goebel sei über Treuhandfirmen informiert worden, bestreitet auch die Nord/LB: "Nach den für die Bank glaubhaften Bekundungen von Herrn Goebel bestand im Zeitpunkt der Kreditentscheidung weder eine Kenntnis noch eine Vermutung dahingehend, daß es sich bei dem vorgelegten Vertrag über DM 68 Mio. um eine Scheintransaktion handele."
Ein paar Monate später kümmerte sich schließlich das zuständige Vorstandsmitglied der Nord/LB, Werner Schildt, um den Fall. Auch er durfte nach Königstein reisen, kam aber weniger begeistert als der Kollege Goebel zurück. Er hatte den Eindruck, daß Schneider "als Einzelperson ein zu großes Rad dreht".
Ein später Blick ins Grundbuch von Berlin-Charlottenburg zeigte, daß der Kaufpreis für die Tauentzienstraße 7 b/c nur 83 und nicht 151 Millionen Mark betrug. Schildt hatte den durchaus angemessenen Verdacht, daß sein Schuldner "eventuell Überfinanzierungen vornimmt". Schneiders ständig wachsende Liquidität machte ihm Sorgen: "Wenn jemand laufend neue Immobilien kauft, die noch keinen Ertrag abwerfen, kann eigentlich sein Barvermögen nicht weiter anwachsen ..."
Mit Schreiben vom 7. März 1994 baten die Banker in Hannover um Aufklärung. Schneider sollte Originaldokumente vorlegen oder ein Festgeld in Höhe von 60 Millionen Mark verpfänden. Andernfalls würde der Kredit gekündigt.
Schneider sprach von Mißverständnissen, bot aber für den 11. März ein Gespräch in seiner Villa an. So fuhren wieder einmal hochrangige Banker nach Königstein, Vorstandsmitglied Schildt in Begleitung seines Syndikus Eicke Florkowski.
"Ich war stinksauer über den Ton des vorangegangenen Schreibens", sagt Schneider, der gewohnt war, daß die Banken ihn nur lobend als "exzellenten Fachmann" priesen. In seinem ganzen Leben seien ihm Unterstellungen wie in dem Brief aus Hannover noch nicht vorgekommen. Die Nord/LB, meinte er, sei darauf aus, ihn zu erpressen.
Dokumente legte der in die Enge getriebene Schuldner nicht vor, Festgeld wollte er auch nicht verpfänden - das könnte ja Schule machen. Das Gespräch endete in einer gereizten Atmosphäre und ohne Ergebnis. Nach mehrfachem Schriftwechsel verpflichtete sich Schneider am 24. März 1994, das Darlehen der Nord/LB bis zum 20. April zurückzuzahlen.
Der Mann, der bislang so souverän die Vertrauensseligkeit der Banker zu nutzen verstand, wird mit einemmal unsicher. Er spürt die Zurückhaltung der Banken, ihn stören die plötzlichen Forderungen nach Belegen und Sicherheiten, er fürchtet um seine beiseite geschafften Festgelder. Zudem schockiert ihn, daß die Bank, ohne Rücksprache mit ihm, seinen wichtigsten Partner - Möll - zum 31. März aus ihren Diensten entlassen hat.
Am 4. April verfaßt Schneider einen Brief - "persönlich, vertraulich" - an Ulrich Weiss, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. Er verlangt Stundung fälliger Zinsen und ein Überbrückungsdarlehen von 80 Millionen Mark. Die Bank solle die Verantwortung für seine Objekte übernehmen, er selbst könne sich auf Anraten seiner Ärzte keinem Streß aussetzen.
Die Antwort der Deutschen Bank wartet Schneider nicht mehr ab. Als von Behren von der Nord/LB nach der Rückkehr aus dem Osterurlaub bei Schneiders Anwalt Horst Schneider - weder verwandt noch verschwägert - anruft und nach dem Stand der Dinge fragt, teilt der ihm lakonisch mit, daß sein Mandant sich "krankheitsbedingt über Ostern außer Landes begeben" habe.
"Auf meine Nachfrage", so von Behren, "ob das bedeute, daß Schneider abgehauen sei und das Geld nicht mehr da sei, antwortete er mir, das könne man wohl so sehen."
Der Mann, der Deutschlands mächtige Banken zu Geldautomaten reduziert hatte, war spurlos verschwunden.
Im nächsten Heft
Haftbefehl und Konkurs - Die Flucht war vorbereitet - Viel Geld für treue Helfer - Das harte Leben in Miami
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Schneiders Schulden
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* Auf der Baustelle "Barthels Hof".
Von Peter Bölke, Wolfgang Bittner und Warner Pölchau

DER SPIEGEL 28/1996
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