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DER SPIEGEL

ZEITGESCHICHTE„Erschießen Sie mich!“

Vor 70 Jahren kam Stalins Sohn Jakow im KZ Sachsenhausen um, gleich nach Kriegsbeginn war er in deutsche Gefangenschaft geraten. Hatte er freiwillig die Fronten gewechselt? Russische Dokumente legen das nahe.
Ein Frühlingsabend im KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin, es ist Mittwoch, der 14. April 1943. Aus einem Fenster der Baracke 3 im Sonderlager A springt ein Mann.
Das Sonderlager ist ein vom übrigen Konzentrationslager abgetrennter Bereich für prominente Häftlinge - 140 Meter lang, 50 Meter breit, vom Hauptlager durch eine Ziegelmauer getrennt. Ein 2,60 Meter hoher Hochspannungszaun soll Fluchtversuche verhindern.
Der Mann hat Schaftstiefel an und eine Soldatenhose, das schwarze Haar ist unbedeckt. "Unteroffizier, Unteroffizier", ruft er dem diensthabenden Wachposten SS-Rottenführer Konrad Hafrich zu: "Erschießen Sie mich!"
Hafrich schreit, dass er zurück in die Baracke soll, der Mann geht weiter. "Nicht feige sein", brüllt er und läuft in Richtung Elektrozaun. Hafrich: "Als er den Draht ergriff, habe ich befehlsgemäß geschossen."
Es ist kurz nach neun Uhr abends. Der Mann im Zaun ist tot, er ist mitten im Sprung erstarrt. Das linke Bein steckt fast waagerecht im Stolperdraht, das rechte ist angewinkelt. Lange liegt er so. Für Lagerkommandant Anton Kaindl ist der Fall heikel: Er hat das Reichssicherheitshauptamt im Berliner Prinz-Albrecht-Palais alarmiert. Als am nächsten Tag ein SS-Offizier und zwei Professoren eintreffen, wird der Tote fotografiert, aus dem Stacheldraht gehoben und ins Lagerkrematorium gebracht.
Die Gerichtsmediziner untersuchen die Leiche. Sie geben zu Protokoll, dass eine Kugel vier Zentimeter neben dem rechten Ohr in den Kopf eingedrungen ist und den Schädel zerschlagen hat. Der Tod sei aber bereits vorher eingetreten, durch einen Stromschlag vom Hochspannungszaun. Noch an Ort und Stelle wird der Tote verbrannt, die Urne kurz darauf, zusammen mit den Ermittlungsunterlagen und dem Totenschein, an das Reichssicherheitshauptamt geschickt.
Acht Tage später trifft bei Außenminister Joachim von Ribbentrop eine "Geheime Reichssache" von SS-Reichsführer Heinrich Himmler ein: "Lieber Ribbentrop. Anliegend übersende ich Dir einen Bericht über die Tatsache, dass der Kriegsgefangene Jakob Dschugaschwili, Sohn von Stalin, bei einem Fluchtversuch im Sonderlager A in Sachsenhausen bei Oranienburg erschossen worden ist."
Über Jahrzehnte nach Kriegsende blieb ungeklärt, wie genau Jakow Dschugaschwili, der älteste Sohn des sowjetischen Diktators Josef Dschugaschwili, genannt Stalin, zu Tode kam. Jener Mann, der den Deutschen im Sommer 1941 als Oberleutnant in die Hände gefallen war und den auszutauschen sich sein Vater so heftig geweigert hatte.
Erst 1968 tauchten im Washingtoner State Department Dokumente auf, mit deren Hilfe sich die letzten Jahre des Häftlings rekonstruieren ließen. Demnach war der Stalin-Sohn Opfer einer Haftpsychose geworden. Sein Tod kam einem Selbstmord gleich, so der Befund.
Offen blieb aber eine andere Frage: Hatten die Deutschen Stalins Sohn 1941 tatsächlich im Kampf gefangen genommen oder hatte er sich selbst gestellt? War ausgerechnet dieser Offizier der Roten Armee, kaum dass der Krieg begonnen hatte, zu den Deutschen übergelaufen? Und wusste sein Vater das und hatte deswegen keinen Finger für seinen Sohn gekrümmt?
"Eine Gefangengabe an den Feind ist Vaterlandsverrat", hieß es seit 1940 im militärischen Eid der Roten Armee. Es war ein Satz, der Zehntausenden Sowjetbürgern zum Verhängnis wurde - viele, die 1945 heil aus deutscher Kriegsgefangenschaft zurückkehrten, wurden zu Hause exekutiert oder bekamen 25 Jahre Lagerhaft.
Dass sich Stalins eigener Sohn schon einen Monat nach Kriegsbeginn in den Händen der Deutschen befand, wurde den Russen hingegen verschwiegen. Denn damit war Jakow Dschugaschwili selbst ein Landesverräter.
War er das wirklich? Selbst nach Stalins Tod fand sich nirgendwo ein Hinweis auf seinen Sohn. Dessen Schicksal wurde erst zum Thema, als Parteichef Michail Gorbatschow in der Perestroika-Zeit Moskauer Archive öffnen ließ. Viele Unterlagen blieben jedoch weiterhin geheim.
Sie liegen bis heute im Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums in Podolsk, südlich von Moskau. Vor kurzem erhielt der SPIEGEL Zugang zu der Stalin-Akte: 389 Seiten erzählen die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Leben im Schatten des übermächtigen Vaters verlief und das nach 35 Jahren bereits zu Ende war. Und sie geben, 70 Jahre nach der Schlacht von Stalingrad, unverhofft Einblicke in das Familienleben eines Diktators.
Jakow, genannt Jascha, 1908 zur Welt gekommen, stammt, anders als seine Halbgeschwister Wassilij und Swetlana, aus Stalins erster Ehe mit einer georgischen Schneiderin. Der Junge wächst ohne Eltern auf, die Mutter stirbt an Fleckfieber, als er acht Monate alt ist, Stalin kümmert sich kaum um ihn. Völlig zutreffend gibt Dschugaschwili gegenüber den Behörden als Tätigkeit des Vaters an: "Berufsrevolutionär".
Dem Druck des mächtigen wie rücksichtslosen Vaters ist er nicht gewachsen. Aber die Mädchen lieben ihn. 1925, zum Ende der Schulzeit, zieht Jakow mit der 16-jährigen Mitschülerin Soja Gunina zusammen, der Tochter eines orthodoxen Geistlichen.
Als Stalin davon erfährt, macht er einen solchen Skandal, dass der 18-Jährige eines Nachts in der Küche seiner Kreml-Wohnung zur Pistole greift und sich ins Herz zu schießen versucht. Der Schuss geht daneben, Jakow liegt drei Monate im Krankenhaus und flieht dann zu Verwandten seiner Stiefmutter nach Leningrad. Aber er heiratet Soja.
Im April 1928 schreibt Stalin an seine Frau: "Sage Jascha von mir, dass er sich wie ein Rowdy und Erpresser benommen hat, mit dem ich nichts mehr gemein habe und nichts mehr zu tun haben will. Er soll leben, wo und mit wem er will. J. Stalin".
Es kommt dann nicht ganz so, aber Stalin missfällt das Verhalten seines Sohns. Der lebt bald mit einer anderen Frau zusammen, bekommt ein Kind mit ihr.
Nach der Schule besucht Jakow die Arbeiterfakultät, eine Vorbereitungsstätte für die Hochschule, mit 23 geht er ans Dserschinski-Transportinstitut. 1935 schließt er das Studium ab, arbeitet ein Jahr lang als Ingenieur im Moskauer Stalin-Autowerk, bevor er in die Artillerie-Akademie der Roten Armee eintritt.
"Ich weiß nicht, warum Jascha Berufsoffizier wurde", wird seine Schwester Swetlana später schreiben. "Er war ein zutiefst friedlicher Mensch - weich, ein wenig schwerfällig, sehr ruhig, aber innerlich fest und überzeugt. Mit dem Vater hatte er nur die mandelförmigen kaukasischen Augen gemein, mehr nicht. Er besaß keinerlei brillante Fähigkeiten, war bescheiden, einfach und arbeitsam."
Jakow ist anders als der Vater, mit aller Kraft versucht er dessen Einfluss zu entfliehen. Er will aus dem Schatten des furchteinflößenden Familiennamens treten und Patriot sein, wie andere auch, als es um das Schicksal des Vaterlands geht. Alle Angebote, ihm eine Ausnahmestellung zu gewähren, lehnt er ab.
Ende 1937 meldet er sich freiwillig zur Armee, auch dies eine Flucht vor dem Vater. 1938 heiratet er schließlich die Ballerina Julija Melzer, eine Jüdin aus Odessa. Jakow hat sie in einem Restaurant kennengelernt, im selben Jahr kommt Tochter Galina zur Welt. Auch mit dieser Schwiegertochter mag Stalin sich nicht anfreunden. 1940 wird Jakow Oberleutnant, im Jahr darauf, am 6. Mai 1941, erhält er das Diplom der Artillerie-Akademie. Seine erste Dienststellung tritt er drei Tage später an - als Kommandeur im 14. Haubitzen-Regiment der 14. Panzerdivision.
Das Foto in der Kaderakte zeigt ihn in der Uniform eines Rotarmisten mit Kragenspiegeln, aber ohne Schulterstücke, den Lederriemen quer über Brust und Schulter gezogen, ein weicher Mund, sanfte Augen, die schwarzen Haare zurückgekämmt. Es sind nur noch sechs Wochen bis zu Hitlers Überfall auf die Sowjetunion.
Der Krieg überrascht ihn während einer Schießübung bei Naro-Fominsk, einer Kleinstadt 70 Kilometer westlich von Moskau. Das Regiment wird mobilisiert und bricht nach Westen auf, in Richtung Minsk, dem Feind entgegen. Den Vater treffen - das schafft er nicht mehr, aber er ruft ihn an. "Geh und kämpfe", sagt Stalin ihm am Telefon.
Aber was heißt schon kämpfen in diesem Juni 1941? In der Armee herrscht Chaos, unvorbereitete Sowjetsoldaten ziehen an die Front. 1,7 Millionen kommen in den ersten drei Wochen um oder geraten in Gefangenschaft
Auch Jakows Division marschiert in den Untergang, ihr Weg lässt sich mit Hilfe der Akten nachvollziehen. Die täglichen Berichte der Polit-Offiziere an die Armeeführung sind voller Propagandameldungen, trotzdem sind Unsicherheit und Verzweiflung zu erkennen.
28. Juni: Die Kämpfer und Kommandeure brennen, sich in den Kampf mit den faschistischen Halsabschneidern zu stürzen ... Allerdings gibt es auch negative Stimmungen: Die Deutschen seien sehr erfahren, es sei schwierig, mit ihnen zu kämpfen ... Allein 300 Mann fehlen im mittleren Führungsbestand der Division, 800 Mann bei den Unteroffizieren, 35 Prozent der vorgesehenen Lkw fehlen, es sind nur 24 Prozent aller Tankwagen da und nur 53 Prozent der Panzerwagen.
Am 7. Juli, um vier Uhr morgens, starten die Russen einen Angriff, doch jeder zweite Panzer wird von den Deutschen abgeschossen, 200 Soldaten kommen in den Flammen um. Jakows Batterie feuert von einer Anhöhe am Waldesrand hinüber zu den Deutschen, aber bald verstummt auch sie - Regimentskommandeur Abalaschow meldet sie am Abend als Verlust.
Jakow überlebt den Feuersturm, vier Tage später taucht er mit den Resten seiner Truppe wieder auf. Ein mit Bleistift geschriebener Zettel seines Vorgesetzten an den Divisionschef bescheinigt ihm "besondere Tapferkeit", auf einer Liste der Division wird er mit 50 anderen für eine Auszeichnung vorgeschlagen.
Am 9. Juli hatten die Deutschen Witebsk eingenommen, das sowjetische Armeekorps tritt den Rückzug an - Jakow und seine Einheit sollen noch helfen, die Flucht zu decken.
Der Morgen des 14. Juli muss für ihn und seine Männer die Hölle gewesen sein: Die Deutschen greifen bei der Kleinstadt Jarzewo an - 30 Flugzeuge haben sie in der Luft, die russischen Panzer explodieren, auch die Tanklaster dahinter.
In den Stabsmeldungen wird es am Abend heißen: Über den Verbleib des 14. Haubitzen-Regiments ist nichts bekannt.
Auch Jakow Dschugaschwili, Stalins Sohn, ist nun verschwunden.
Am 26. Juli verfasst der Brigadekommissar Alexej Rumjanzew auf seiner Schreibmaschine einen dreiseitigen Brief an den Polit-Chef der Roten Armee. Das Verschwinden von Stalins Sohn ist zur Chefsache geworden. Rumjanzew weiß, dass der Bericht auf Stalins Tisch landen wird, und so beteuert er, dass die Armee mit dem Sohn des Kreml-Chefs sehr sorgsam umgegangen sei.
Man habe von Anfang an versucht, den Genossen Dschugaschwili im Regimentsstab einzusetzen, aber er bestand hartnäckig darauf, dass er als Batterie-Kommandeur zum Einsatz kommt. Genosse Dschugaschwili wandte sich sogar an den Kommissar des Regiments, um seine Aufnahme in die Batterie zu beschleunigen.
Jakows Auftreten an der Front wird im Brief als "einwandfrei und furchtlos" beschrieben. Als seine Einheit in den Bombenhagel der Faschisten geraten sei, habe ihm der Chef der Operativen Abteilung angeboten, mit ihm im Auto ins Hinterland zu fahren. Doch Genosse Dschugaschwili habe geantwortet: "Ich gehe nur zusammen mit meiner Batterie zurück."
Am 21. Juli schickt die Division einen Trupp Motorradfahrer in jene Gegend, in der sie den Stalin-Sohn vermutet. Die Männer treffen auf den Rotarmisten Popuride, dem zusammen mit Jakow die Flucht gelang. In Rumjanzews Schreiben heißt es:
Sie vergruben gemeinsam ihre Papiere und legten Zivilkleidung an. Als sie am Seeufer ankamen, sagte Genosse Dschugaschwili zu Popuride, der solle weitergehen, er aber wolle sich ausruhen. Die von Rumjanzew beschriebene Episode legt nahe: Jakow hat sich freiwillig in Gefangenschaft begeben.
Am 25. Juli macht sich noch einmal eine Gruppe von Geheimdienstlern auf den Weg; auch sie kommt ohne Ergebnis zurück. Zu dieser Zeit ist Jakow längst bei den Deutschen.
Das erste Verhör Jakow Dschugaschwilis findet am 18. Juli statt. Die Sowjets finden das Originalprotokoll nach Kriegsende im Archiv des Berliner Luftwaffenministeriums. Es ist ein Dokument, das einen Blick ins Innere des jungen Offiziers freigibt: Stalins Sohn gibt sich stolz, er verteidigt die politische Ordnung in seinem Land. Aber aus seiner Enttäuschung über die sowjetische Armee - deren Oberbefehlshaber sein eigener Vater ist - macht er keinen Hehl:
Durch die Umzingelung entstand eine solche Panik, dass alle in verschiedene Richtungen auseinanderliefen ... Wir hatten überhaupt keine Karten. Bei uns war alles liederlich und schlecht organisiert ... Die Division war überhaupt nicht auf den Krieg vorbereitet ...
Frage: Wie wirkte sich das auf die Führung aus?
Dschugaschwili: Sie taugte überhaupt nichts. Weil sie sich immer nur in Feldlagern aufgehalten hat. Das ist alles, was sie drei Jahre lang getan hat. Wir haben etwa 70 Prozent der Panzer verloren.
Frage: Was sind eigentlich die Ursachen für die schlechte Kampffähigkeit Ihrer Armee?
Dschugaschwili: Die deutschen Sturzkampfbomber, die unklugen Handlungen unserer Führung, die blödsinnigen und idiotischen Handlungen ... Sie hat die Einheiten ins Feuer, direkt ins Feuer geschickt.
Noch eine Stelle des Verhörs ist bemerkenswert - als die Deutschen mit Jakow über die Rolle der Juden reden.
Dschugaschwili: Ich kann Ihnen aufgrund meiner persönlichen Erfahrung sagen, dass das russische Volk niemals Sympathie für die Juden aufgebracht hat ... Juden und Zigeuner sind gleich - sie wollen einfach nicht arbeiten. Aus ihrer Sicht ist das Geschäftemachen das Wichtigste. Der Jude will nicht arbeiten, er kann es nicht.
Was Stalins Sohn über die Juden sagt, ist gängige Meinung in der Sowjetunion. Es klingt nur besonders befremdlich, weil seine Frau Julija Jüdin ist. Als die Deutschen ihn fragen, ob sie über seine Gefangennahme informiert werden soll, sagt Dschugaschwili: " Wenn Sie mir eine Bitte erfüllen wollen, dann tun sie das nicht." Vielleicht ahnt er, was ihr droht.
Tatsächlich lässt Stalin Julija Dschugaschwili im Herbst verhaften. "Jaschas Tochter soll erst mal bei Dir bleiben", sagt er zu seiner Tochter Swetlana: "Seine Frau ist offensichtlich ein unehrlicher Mensch, wir müssen das aufklären."
Der Vater habe geglaubt, schreibt Swetlana Allilujewa in ihren Memoiren, Jakow habe sich bewusst in Gefangenschaft begeben, angestiftet von seiner Frau: "Dieser absurde Gedanke brachte Julija Isaakowna einige Jahre Gefängnis ein: zuerst die Lubjanka, nächtliche Verhöre, die Eiskammer, ewiges elektrisches Licht. Dann das Gefängnis in der Stadt Engels, und wieder Moskau, Lefortowo."
Wenn es um seinen Sohn geht, bleibt der Diktator misstrauisch. Im Winter 1943, nach der Schlacht von Stalingrad, erzählt er Tochter Swetlana, die Deutschen hätten vorgeschlagen, Jakow gegen ein paar der Ihren auszutauschen. "Ich werde nicht mit ihnen handeln", zitiert Swetlana den Vater.
Marschall Schukow, der Sieger der Schlacht um Berlin, beschreibt in seinen Memoiren einen Spaziergang mit Stalin, bei dem er ihn nach Jakow gefragt habe. Stalin habe lange geschwiegen und dann geantwortet: "Jakow wird der Gefangenschaft nicht entkommen. Die Faschisten werden ihn erschießen." Laut Schukow habe Stalin unter dem Schicksal seines Sohns gelitten.
Man darf das bezweifeln. Als der Kinoregisseur Michail Tschiaureli später den Film "Der Fall von Berlin" dreht, will er aus Jakow Dschugaschwili einen tragischen Kriegshelden machen. Stalin verhindert das. Und als der 1945 ein Telegramm der sowjetischen Militäradministration in Deutschland bekommt, das ihn über die Suche nach den sterblichen Überresten seines Sohns informiert, da hält es der Vater nicht mal für nötig zu antworten.
Knapp zwei Jahre dauert Jakow Dschugaschwilis Odyssee durch die deutschen Lager. Zuerst ist er im fränkischen Hammelburg, im Frühjahr 1942 wird er nach Lübeck überstellt, ausgerechnet als die Engländer die Stadt zu bombardieren beginnen. Dann folgt das KZ Sachsenhausen.
Die Jahre bis zu seinem Tod sind gut belegt. Trotzdem glauben viele Russen bis heute nicht daran, dass Stalins Sohn jemals in deutscher Gefangenschaft war. Die einen sahen ihn später als Flüchtling in Italien, den USA oder Kanada, andere wollten wissen, er sei im Irak und habe in die Familie Saddam Husseins eingeheiratet.
Auch Tochter Galina, die ihren Vater zuletzt mit drei Jahren sah, ging davon aus, die deutsche Abwehr habe der Welt einen Doppelgänger präsentiert und behauptete, er sei Mitte Juli 1941 im ungleichen Kampf gefallen, die Deutschen hätten sich nur seine Papiere angeeignet.
Die Dokumente widersprechen dem. Dass die Spekulationen um Jakows Ende trotzdem nie aufhörten, hatte seinen Grund: Die Urne mit der Asche des in Sachsenhausen Getöteten kam in Berlin zwar an, verschwand aber dort auf mysteriöse Weise. Und mit ihr die letzte Spur von Jakow Dschugaschwili.
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 7/2013
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