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DER SPIEGEL

GESTORBENErnest Borneman

80. So euphorisch sich der Sexualwissenschaftler am Beginn seiner Karriere noch zum Thema Sex äußerte, so viel Untergangsstimmung verbreitete er in seinen späten Jahren ("Es wird zuwenig koitiert"). Seine abenteuerliche Laufbahn führte ihn von Berlin, wo er sich 1931 dem "Reichsverband für proletarische Sexualpolitik" von Wilhelm Reich anschloß, zunächst nach England. Dort studierte er Musikethnologie und Sozialanthropologie, später auch Sexualwissenschaft. Borneman schrieb Drehbücher, die von Alfred Hitchcock und Carlo Ponti verfilmt wurden; arbeitete bei Gelegenheit als Szenarist für Orson Welles in Marokko; komponierte eine Jazz-Oper und war Bühnenautor. Sein erstes Fernsehspiel "Tremolo" (Regie: Yul Brynner) wurde 1950 in Amerika der größte TV-Erfolg des Jahres. Als er 1960 nach Deutschland zurückkehrte, war er am Aufbau der Vorgängerorganisation des ZDF beteiligt. Nach dem Scheitern dieses Projektes zog er sich auf einen Bauernhof im österreichischen Scharten zurück und beschäftigte sich wieder mit der Sexualforschung. Mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten ("Studien zur Befreiung des Kindes" und vor allem "Das Patriarchat") erregte der Vielkönner Aufsehen, fühlte sich aber oft mißverstanden, hatte er zur Enttabuisierung der kindlichen Sexualität und zur Emanzipation der Frau beitragen wollen, wurde aber als Päderast und "seniler Pornemann" (Emma) beschimpft. Aus seiner Tätigkeit als Zettelkastenonkel bei der Neuen Revue, bei der er zum Sexpapst der Nation avancierte, lernte er das traurige Sexleben der Deutschen kennen, das er fortan beklagte: "Nicht Wilhelm Reich, der Apostel der sexuellen Befreiung, sondern Beate Uhse, die Geschäftsfrau aus Flensburg, hat gesiegt." Ernest Borneman nahm sich am 4. Juni aus Liebeskummer das Leben.

DER SPIEGEL 24/1995
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