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DER SPIEGEL

„Hauptsache, weg“

Als sie das erste Mal von Frauenhäusern hörte, dachte Christel, 34, nur: "Bloß nicht. Lauter hysterische Weiber, die alle Probleme haben". Seit Jahresanfang lebt sie selber mit solch einem "Weiberhaufen" im Bonner autonomen Frauenhaus - "und kann seit Jahren mal wieder ohne Angst und furchtbares Kinderweinen schlafen".
Christel flüchtete vor ihrem alkoholabhängigen Mann, der sie und die Kinder immer wieder prügelte: "Ganz schlimm war es, wenn er Fußball sehen wollte", erzählt die Frau. Dann habe er bei der kleinsten Störung ihre beiden Jungen geschlagen, bis sie blaugrüne Gesichter hatten.
Rund um die Uhr klingelt im Bonner Frauenhaus das Telefon. Die Anruferinnen suchen Schutz vor Gewalt, sexueller Perversion und Unterdrückung. Das Bonner Haus ist mit 32 Frauen und Kindern überfüllt. Bis zu fünf Bewohner teilen sich ein Zimmer. Meldet sich eine Frau in höchster Not, kann ihr oft nur eine Matratze im Wohnzimmer angeboten werden.
Die Adresse der Bonner Zufluchtstätte wird - wie die aller Frauenhäuser der Republik - geheimgehalten. Wer anruft, wird von einem Treffpunkt abgeholt. Das Versteckspiel hat einen grausigen Grund: Mehrmals sind Frauen in Frauenhäusern von ihren Ehemännern aufgespürt, einige sogar ermordet worden. Immer wieder werden Kinder entführt.
Andrea, 31, hat eine Entführung erlebt. Sie gehört zu jenen 30 Prozent der Frauenhausbewohnerinnen, die eine abgeschlossene Ausbildung haben. Sie geht jedoch nicht arbeiten, weil ihr Mann sie quer durch die Republik verfolgt. Als er sie in einem anderen Frauenhaus aufgespürt hatte, nahm er eine Frau als Geisel und verschwand mit den Kindern. Einmal habe sie auf Druck des Jugendamtes Frieden geschlossen, erzählt Andrea: "Sechs Wochen hat es gedauert, dann war die Wohnung fast zerdeppert."
Bis zu einem Drittel aller Frauen, so ergab 1988 der zweite Bericht der Bundesregierung über Frauenhäuser, kehren mehrmals zu ihren Männern zurück, bevor sie sich trauen, allein zu leben. Edeltraut, 40, heiratete ihren gewalttätigen Mann sogar zweimal - "weil er mir ein neues Leben versprochen hatte". Was folgte, waren noch schlimmere Schläge. Edeltraut ist wieder geflohen. Jetzt ist es ihr erst mal egal, wie es weitergeht. Die völlig eingeschüchterte Frau: "Hauptsache, weg".
Wenn wütende Männer ihre Frauen trotz der Anonymität ausfindig machen, verteidigen sich die Bewohnerinnen mitunter gemeinsam. Vor drei Wochen trat Margrets Mann nachts die Tür ein: "Ich mach' dich kalt", schrie er. Die Frauen versteckten die zitternde Margret, schoben einen Schrank vor die Tür und hielten den Mann auf, bis die Polizei kam.
Natürlich entstehen Probleme, wenn Frauen verschiedener sozialer und kultureller Herkunft auf so engem Raum miteinander leben. Die Mitarbeiterinnen des Bonner Frauenhauses mischen sich möglichst wenig ein. Sie fördern Selbsthilfe und leiten zu Gesprächen an. Die Frauen sollen lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.
Fast alle Frauen haben kleine Kinder. Die meisten sind durch die Trennung von der Sozialhilfe abhängig. Sie warten auf Kindergartenplätze, Arbeit und Wohnungen.
Dennoch ist die Stimmung im Bonner Frauenhaus hoffnungsvoll. Für alle gilt, was Andrea ausspricht: "Noch tiefer als durch meine Ehe kann ich nicht mehr rutschen."

DER SPIEGEL 9/1992
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