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DER SPIEGEL

Alte Meister im Tresor

Geldwäsche ist die Umwandlung illegaler oder krimineller Gelder in Sachwerte oder Bares. Weil vor allem der Drogenhandel ein Cash-Geschäft ist, müssen in einem ersten Schritt die kleinen Scheine unauffällig in größere Beträge getauscht oder zu Buchgeld gemacht werden. Zumeist verschleiern Strohmänner die Herkunft des Geldes durch Umtausch in andere Währungen, den Kauf von Wertpapieren, Edelmetallen oder Sachwerte wie Antiquitäten, Schmuck oder wertvolle Gemälde. In den Banktresoren der Schweiz lagern Dutzende, vielleicht sogar Hunderte alter Meister, die Drogenmafiosi gegen Bares im Kunsthandel erworben haben.
Gern legen sich Geldwäscher kleine Unternehmen wie Autowaschanlagen, Pizzerien und Restaurants zu, wo kleines Geld gut unterzubringen ist. Unauffällig können auch in Spielkasinos kleingestückelte Beträge über den Rückumtausch von Chips gewaschen werden.
In Ländern mit Devisenkontrollen wie die USA reisen häufig Geldkuriere mit Bargeldkoffern ein. Sie deklarieren beim Zoll beispielsweise die Bar-Einfuhr von zwei Millionen, haben aber nur eine Million im Koffer. Falls der Zöllner - wider Erwarten - zählt, hat der Bote einen Scheck in Höhe von einer Million Dollar zusätzlich in der Tasche, sozusagen als Reserve. Meist akzeptieren die Beamten Angaben der Reisenden. Dann kann der Kurier mit zwei Millionen Dollar legal wieder ausreisen - eine Million wird dadurch sauber.
Um nicht durch ihr immenses Vermögen aufzufallen, müssen Geldwäscher eine Scheinlegitimität aufbauen. Unauffällige Finanzgesellschaften kaufen sich in alle Bereiche der Wirtschaft ein. Oft gründen Geldwäscher Firmen, als deren Besitzer sie Personen mit Wohnsitz im Ausland angeben, und lassen sich von dort ein Direktorengehalt oder Dividenden überweisen. Beliebt ist auch der Trick mit Krediten. Zunächst wird das Geld auf ein Nummernkonto eingezahlt und anschließend zu einer anderen Bank überwiesen. Bei einem dritten Geldhaus wird unter Vorlage des Depot-Auszugs ein gleich hoher Kredit beantragt, der dann mit schmutzigem Geld getilgt werden soll.
Schon nach wenigen Stationen der Geldwäsche ist es schwierig, schmutziges Geld aus dem Kreislauf des sauberen herauszufiltern. Zudem hat der elektronische Zahlungsverkehr zwischen den internationalen Banken ein so großes Ausmaß angenommen, daß Geldwäscher ihre Beute oft per Computer transferieren. Allein in den USA sollen auf diese Weise nach Schätzungen der Bankenkontrolleure jährlich rund 100 Milliarden Dollar gewaschen werden.

DER SPIEGEL 9/1992
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