Von Ochsen und Skorpionen
Die tintenschwarzen Wolken sind dramatisch aufgerissen. Noch einmal läßt die untergehende Sonne die Stadt im Rückspiegel kurz aufglühen - Jerusalem, eine schwefelgelbe Festung im Licht der Letzten Tage. Die Stadt Davids, Jesu und Mohammeds, deren Boden getränkt ist mit Blut von Propheten, Fanatikern und Märtyrern. "Jerusalem", sagt Meir Shalev, "ist wie ein Altar, auf dem täglich Menschenopfer dargebracht werden, man sollte es nach Japan verkaufen." Er drückt aufs Gaspedal seines Jeeps und rast die Ausfallstraße hinab.
Polizeisirenen heulen durch das Tal. Drüben, in Ramallah, haben Palästinenser einen Bus überfallen. Im Gegenzug sind wieder einmal die religiösen Hardliner ausgerückt, um auf der Westbank neue Fertighäuser aufzustellen. Sie nennen es "Siedlung" und meinen Landnahme und Vergeltung. Immerhin: Um die Mythen von Land und Vertreibung und Heimkehr geht es, seit es Jerusalem gibt, und um sie geht es in Meir Shalevs Büchern. Um die alten Sendungs- und Siedlermythen, die - wie gebrochen auch immer - die moderne israelische Identität bestimmen.
Das Blaulicht zuckt unter den Bäumen des Schaar Hagaj, dort, wo die Panzerwagen rosten, die 1948 die arabische Einkesselung Jerusalems zu durchbrechen versucht hatten. Schwarze Kränze liegen davor. Shalev scheint sie nicht mehr zu bemerken. Nur raus aus dieser Geschichte, die eine Geschichte der heiligen und unheiligen Kriege ist. "Schauen Sie sich diese herrlichen Eukalyptusbäume an", sagt er wie einer, der die Augen ausruhen lassen möchte im täglichen Irrsinn. "Eukalyptus ist gut, die Wurzeln ziehen das Wasser." Was ist normaler als ein Baum?
Ein schmales Gesicht mit dünnrandiger Brille, Flanellhemd und Jeans, Schuhe mit dicken Profilsohlen, so sitzt Meir Shalev schaukelnd hinter dem Steuer seines Jeeps. Am Armgelenk eine Uhr mit Kompaß, die braucht er für seine "Fahrten ins Gelände". Er schaltet auf Vierrad-Antrieb und fährt querfeldein zu einer Quelle, an der ein Kraut wächst, das "Sulamiths Haar" heißt.
Der Intellektuelle als Botaniker und Trapper. Meir Shalev, ein Eskapist? Beileibe nicht. Mit seiner wöchentlichen Zeitungskolumne ist Shalev zum Spezialisten für unangenehme Wahrheiten geworden. Den Schlag gegen Hisb-Allah-Chef Mussawi nennt er eine dumme "Rambo-Aktion". Und die vorausgegangene Tötung dreier israelischer Soldaten, die die Öffentlichkeit in Rage gebracht hatte, eine "erfolgreiche Operation des Gegners, die kein Grund für Hysterie" sei. Wann immer ein israelischer Soldat getötet wird, so Shalev, wird er für die Propagandisten zum wehrlosen, schutzlosen Juden. Aber einen wehrlosen Soldaten gibt es nicht.
So schreibt kein Pazifist, aber einer, der auf Fortsetzung der Friedensgespräche drängt. Meir Shalev, ein Intellektueller mit soldatischer Moral. Er liebt die Araber nicht. Aber er verachtet die eigenen Politiker. "Bisher war unsere Stärke die Dummheit der Araber", sagt er, "aber darin holen wir mächtig auf."
Seine Mutter war mit ihm schwanger, als der Staat Israel gegründet wurde. Er und sein Land waren 19 Jahre alt, als er in den Sechstagekrieg zog. Einige Wochen später wurde er auf einem Patrouillengang, nachts, von vier Kugeln getroffen. Es waren die eigenen Leute, die ihm da versehentlich die Hüfte zerschmetterten.
Er kämpfte für Israel. Doch dann erlebte er die eigene Nation, das Volk der Verfolgten, als Besatzermacht. Shalev wehrt sich gegen diese Absurdität mit Witzen. "Ich bin zwar Zionist", sagt er, "aber ich wäre bereit über eine neue jüdische Heimat zu verhandeln: Madagaskar wäre nicht schlecht oder irgendeine andere Insel, auf der die Sonne scheint."
Er ist Zionist und setzt sich auf "Peace now"-Veranstaltungen für die Rückgabe der besetzten Gebiete ein. Er _(* Während des Golfkriegs 1991. ) ist ein Bibelkenner und glaubt nicht an Gott. Er ist der typische intellektuelle Großstädter und Zyniker. Und er hat seinem Land und den ersten Siedlern die allerschönste Liebeserklärung geschrieben. "Ein Russischer Roman" - das farbenprächtige Epos über die Pioniere der zweiten Alija, die Einwanderer aus Rußland und der Ukraine zu Anfang des Jahrhunderts, die vom Sozialismus träumten und die Sümpfe der Jesreel-Ebene trockenlegten*.
"Man muß nicht verrückt sein, um Zionist zu werden - aber es hilft", sagte Chaim Weizmann. In diesem Sinne ist Meir Shalev ein Verrückter. Ein Jahr ist es her, daß die irakischen Scud-Raketen in Tel Aviv einschlugen. Prompt fuhr er dorthin, zu Freunden, und er stieg mit ihnen nachts aufs Hausdach. Auch auf Nachbardächern standen Menschen, sie machten Musik und sangen in den Himmel, aus dem die Raketen kamen. Warum? "Weil wir uns von Saddam nicht zum Idioten machen lassen wollten. Und die Gasmasken haben sowieso nicht gepaßt."
Meir Shalev, lange Zeit einer der populärsten israelischen Fernsehmoderatoren, stieg vor _(* Meir Shalev: "Ein Russischer Roman". ) _(Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. ) _(Diogenes Verlag, Zürich; 512 Seiten; 39 ) _(Mark. ) sechs Jahren aus, um den Roman der Pioniere zu schreiben und den seiner Familie. "Ich wollte Sinn in mein Leben bringen." Und einen Sinn in die Geschichte seines Landes.
Und nun, nach Einbruch der Dunkelheit, sitzt er in seinem Jeep, kehrt Jerusalem den Rücken und fährt zu einem Moschaw in der Wüste, wo er aus seinem Roman lesen will. Dorthin, wo die echten Siedler sind, die Bauern auf den Kooperativen, die die Geschichte fortschreiben, die vor hundert Jahren so heroisch begann.
Die Schnee- und Regen-Stürme der letzten Tage haben nicht nur Jerusalems Stromleitungen zerstört, sondern auch die Straße in den Süden überspült. Die Scheinwerfer bohren sich durch entwurzeltes Gestrüpp, die Reifen arbeiten sich durch kleine Furten und Geröll, immer weiter abwärts, und dann liegt da das Tote Meer unter einem Dreiviertelmond, schimmernd und ruhig wie Öl.
Über der Frontscheibe taucht die Steilwand von Massada auf, ein riesiger, schwarzer Opferblock unter dem bleichen Mondhimmel. Meir Shalev erzählt die Geschichte der Juden, die sich hier gegen die römische Übermacht verteidigt hatten und schließlich von den Felsen sprangen, um nicht in die Hände der Feinde zu fallen. "Noch heute wird Rekruten hier erklärt, was judaischer Heroismus ist." Er starrt auf die Piste. "Ich mag diese Geschichte nicht."
Irgendwann taucht der Moschaw auf, eine kleine Siedlung, die nach Schrebergarten aussieht, mit Plattenwegen und Kakteen hinter Maschenzäunen. Die Moschaw-Arbeiter, Männer und Frauen mit gegerbten Gesichtern in Adidas-Anzügen und weiten Pullovern, bedienen sich mit Tee und süßem Kuchen. Rund dreißig Menschen sitzen um Meir Shalev herum, und ein Hüne, auf dessen Sweater "Admiral" steht, murmelt: "Soviel hatten wir bei unseren Versammlungen lange nicht - vielleicht sollten wir gleich ein paar Abstimmungen durchziehen."
Meir Shalev liest nicht vor. Er erzählt. Er spricht über seinen alten Roman und über seinen neuen, über die Tagespolitik, ernst auch dann, wenn er seine Zuhörer mit einem trockenen Witz zum Lachen gebracht hat. Es gibt hier keinen Büchertisch, keine Autogramme. Shalev, der Bestsellerautor, ist über zwei Stunden lang in die Wüste gefahren, um mit denen ins Gespräch zu kommen, für die er schreibt.
Das Buch in der Rechten. Die Linke gestikuliert. Der Intellektuelle als Agitator und orientalischer Märchenerzähler. Die Hand tanzt: Die schmalen Finger biegen sich über die Gelenke hinweg wie die einer balinesischen Tempeltänzerin. Die Fingerkuppen treffen sich, und sie spritzen auseinander wie ein Stern, als wollten sie das Innere eines Gedankens offenbaren. Bei uns gilt die Pfeife im Dichtermund als Gipfel darstellerischer Ekstase. Hier kann man der Lust am Wort zusehen, und, natürlich, der Lust an der Debatte.
Einer wirft ein, daß sich Shalev in seinem "Russischen Roman" über die Moschaw-Idee lustig gemacht habe. "Aber ihr wißt doch alle, daß die Wirklichkeit noch viel schlimmer ist", sagt Shalev. Die anderen lachen zustimmend. Die modernen Pioniere wissen, daß die sozialistische Utopie der Alten tot ist. "Heutzutage denkt jeder nur an sich."
Ein anderer will wissen, ob sich Shalev überhaupt vor irgend etwas fürchte. Er habe den Eindruck, daß der "Russische Roman" von einem gänzlich furchtlosen Menschen geschrieben worden sei. Eine sonderbare Vermutung. "Ich glaube nicht, daß er recht hat", sagt Shalev, als er um Mitternacht nach Jerusalem zurückfährt. "Ich fürchte zum Beispiel, daß diese Regierung dem Volk zuviel zumutet. Irgendwann kommt der Punkt, an dem auch ein Volk moralisch erschöpft ist."
"Eines Nachts im Sommer fuhr der altgediente Lehrer Jakob Pines aus dem Schlaf hoch. ,Ich fick Liebersons Enkelin!'' hatte jemand draußen gerufen. Unverschämt, laut und klar stieg der Schrei zwischen den Kronen der Kanarischen Kiefern am Wasserturm empor . . ." Mit diesen Worten beginnt der "Russische Roman", beginnen die Geschichten vom Leben und Sterben der Pioniere in Nahalal, und auch wenn die Kiefern inzwischen abgeholzt sind, der Wasserturm steht noch, das Zeichen eines legendären Skandals, hier in einem der ersten Moschawim Israels.
Es ist Baruch Schenhar, der davon erzählt, ein Junge ohne Eltern, der "nichts ist als ein Sack voller Geschichten", wie der alte Pines meint. Baruch erzählt von seinem Großvater Mirkin, den seine Geliebte verließ und der auf Kollektivbeschluß Fejge zur Frau nehmen mußte und der nie darüber hinwegkam, aber der es immerhin schaffte, Clementinen auf einen Grapefruit-Baum zu pfropfen. Er erzählt von seinem Onkel Efraim, dem in der britischen Armee das halbe Gesicht weggeschossen wurde, so daß ihn keiner mehr anschauen mochte. Aber das prächtige Charolais-Kalb leckte ihm das Gesicht, und so trug er es immer mit sich, auch, als es schon ein ausgewachsener Bulle war, den er Valjean nannte - eines Tages verschwand er ins Nirgendwo, Valjean auf den Schultern.
Baruch erzählt von dem süßen Margulis, der die Frauen mit Honig verführte, und von Rilow, der unermüdlich sein riesiges Waffenlager anlegte, mit dem er sich eines Tages in die Luft sprengte, und, natürlich, von Meschullams Sohn, der die Frauen des Moschaws auf dem Wasserturm beglückte.
Mythische Figuren, die Pioniere der zweiten Alija, die aus der Ukraine kamen ins Gelobte Land und mit den Stechmücken kämpften, und einer, Schifrin, ist immer noch unterwegs, weil er der Meinung war, ins versprochene Land müsse man zu Fuß gehen. Irgendwann wird er den Blauen Berg herunterkommen, ausgemergelt, staubig, zerrissen, und über die Jahre ist ihnen zur Gewohnheit geworden, den Blick über den Horizont schweifen zu lassen, dorthin, wo Schifrin auftauchen wird.
Baruchs Erzählen, dieser Strom aus tausend und einer Geschichte, ist eine große Beschwörung - es möchte die Zeit anhalten. Es springt zwischen den Generationen und kümmert sich wenig um die Grenzen der Wahrscheinlichkeit. Der alte Esel, Seizer, einer der ersten Pioniere, liegt lesend unter einem Baum, wo ihm der meschuggene Meschullam nach dem Leben trachtet, Meschullam, der eines Tages das Dorf unter Wasser setzt, weil er in die alten Zeiten zurückwill, in die Sümpfe, als es noch keinen Jazz und keine fotografierenden Amerikanerinnen in weißen Kleidern gab, sondern nur die Malaria und die Moral der Pioniere: Härte und Einfachheit.
Baruchs Erzählungen beschwören die Zeit vor dem Sündenfall, als Fejge der Schlange mit einer Schuhbürste den Kopf zermalmte und als Siedler noch keine Fanatiker waren, die Fertighäuser in besetzten Gebieten aufstellen, sondern Typen wie Margulis: mit den Füßen in unbewohnten Sümpfen und mit dem Kopf in einem sozialistischen Utopia.
Doch hat Shalev den Tod dieses Gründermythos bereits in seine Erzählung eingebaut: Baruch wird zum Unternehmer - er versilbert die Erde, in der er seinen Großvater bestattet, er verkauft Gräber an jene, die Seite an Seite mit den Pionieren begraben sein möchten, und das Geld stapelt er in Säcken in seinem Kuhstall.
Es sind diese dramaturgische Intelligenz, diese stets wache Ironie, die aus Shalevs Roman ein Meisterwerk machen, einen farbigen Chagallschen Bilderbogen, der von einem klaren Kopf geträumt wird. Respekt ja, Liebe ja, aber keine Sentimentalität, sondern aller kluger Spott der Welt. Daß der "Russische Roman" in Deutschland bisher kein Bestseller wurde, mag daran liegen, daß er jedes Klischee unterläuft. Ein Buch, in dem man leben möchte, weil es von Menschen bewohnt ist, die gleichzeitig heldenhaft sind und lächerlich und nahe wie enge Vertraute.
Meir Shalev ist unter ihnen aufgewachsen, und er zeigt den Zauberbaum, den sein Großvater pflanzte, und tatsächlich: Er trägt Pampelmusen und Clementinen. "Mit sechs dachte ich, mein Großvater sei ein Zauberer. Mit 16 durchschaute ich seine Tricks. Und heute weiß ich, daß er wirklich ein Zauberer war."
Mittlerweile gibt es in Nahalal eine ganze Zucht von Charolais-Kälbern, cremefarbene stämmige Burschen wie den, den Efraim auf seinem Kreuz mit sich herumtrug. Eines verlädt Meirs Onkel Jahir gerade auf einen Anhänger. Er hat es "Norman" getauft, weil es während des Golfkriegs zur Welt kam, als Norman Schwarzkopf hier noch ein Held war und auch Meir Shalev dachte, daß "die Wirklichkeit manchmal ist wie ein guter Western, wo der Böse am Ende bestraft wird".
Nun ist die Wirklichkeit doch kein Western, aber Norman wiegt gut eine halbe Tonne, und er wird 6000 Schekel bringen. "Morgen steht Norman in Ramallah auf der Speisekarte", sagt Jahir, und er genießt diesen Witz.
Dem Dorf gegenüber, auf einer Anhöhe, liegt Baruchs "ewiges Haus der Pioniere", der Friedhof. Meir Shalevs Mutter starb im Mai letzten Jahres, und sie ist hier, an der Seite ihrer Eltern, beerdigt. Auf dem Stein Mosche Dajans, einige Gräber weiter, zerfallen die schwarzen Kränze des Verteidigungsministeriums. Sein Todestag hatte sich zum zehntenmal gejährt.
Alle Gräber sind dem Tal zugewandt, und von hier oben sieht Nahalal aus wie ein Traum, der wahr geworden ist: das Gelobte Land im blauen Dunst am Fuß des Blauen Berges. Und Meir Shalev sitzt auf dem Grabstein der Mutter und schaut mit den Toten ins Tal hinunter, reglos und nachdenklich wie Baruch Schenhar, der sich erinnert.
Oft hat er sich überlegt, ob er nach Amerika auswandern solle. "Nicht wegen der Araber. Sondern wegen unserer Regierung." Eine Farm in Wyoming wäre nicht schlecht. Sein neuer Roman handelt von einem jüdischen Amerika-Auswanderer, und sein Held ist mindestens so kurzsichtig wie er. "Doch kaum bin ich zwei Wochen weg, habe ich schon Heimweh", sagt er. Kreativ sein kann er nur hier im alten Israel, wo alle Geschichten beginnen und enden.
Es gibt zwar eine kleine Synagoge in Nahalal, "aber der Rabbi hatte nie viel zu tun". Einen Rabbi hat er seiner Mutter, die alles Religiöse verspottete, aber die Schrift kannte wie keine zweite, auch nach ihrem Tode nicht zugemutet. Aber er sprach das Kaddisch an ihrem Grab, wie es die Tradition vorschreibt: "Jehe schelomo rabo min schemajo . . . - Reicher Friede komme vom Himmel, und Leben sei uns beschieden und ganz Israel, darauf sprechet: Amen."
Als Meir Shalev seine Frau heiratete, schwor er ihr ewige Treue, "außer für den Fall, daß Diane Keaton anruft". Diane Keaton hat nicht angerufen, und so sind sie nach 20 Jahren immer noch zusammen, und neben der hübschen, gutgelaunten Rhina, die aus "diesem schlampigen, lebenslustigen Tel Aviv" stammt, wirkt Meir Shalev wie ein verschlossener Attentäter. Rhina ist Stewardess bei der El Al. Am Tag zuvor hat sie um ihre Versetzung zum Bodenpersonal gebeten. Nun wird sie regelmäßig zu Hause sein. Keine Flüge mehr nach New York oder Tokio. Wohl ist ihr dabei nicht. "Er ist ziemlich anstrengend, wenn er schreibt", sagt sie. "Er lebt dann in zwei Familien. In der wirklichen und in der eingebildeten." Unter diesem Alltag scheint sie mehr zu leiden als unter den politischen Horrormeldungen, an die sie sich gewöhnt hat.
Shalev steht jeden Morgen um 4.30 Uhr auf und setzt sich in sein Arbeitszimmer, das kleinste im Haus. Gegen sieben, nach dem Frühstück der beiden Kinder, fährt er in sein Büro, eine Kellerklause, wo er bis mittags arbeitet und meistens noch ein paar Stunden nach der Essenspause. "Disziplin ist alles", sagt er. "Nur Lyriker können es sich leisten, in Cafes herumzusitzen. Ein Gedicht braucht nicht so lange."
Er brauchte drei Jahre für seinen "Russischen Roman". Er setzt nicht auf Eingebung, sondern auf harte Arbeit, auf Recherche, auf das Journalistenhandwerk, das er gelernt hat. Und er ist stolz auf den Großen Preis der israelischen Insektenforscher, die die Genauigkeit honorierten, mit der Shalevs Roman nicht nur von Menschen berichtet, sondern auch von Skorpionen, Maden und anderem Geziefer. Was ist schon der Preis des Ministerpräsidenten dagegen! Applaus von der falschen Seite! Er kompensiert diese Erinnerung, indem er ein paar besonders hinterhältige Schamir-Witze erzählt.
Literarische Kritiken kränken ihn nicht. Aber der Brief eines Moschaw-Arbeiters hat ihn getroffen. Der hatte sich darüber beschwert, daß Shalev von einem "gelben International-Traktor" geschrieben habe. "Er hatte recht", sagt Shalev zerknirscht, "es war ein Druckfehler. Natürlich ist der International rot. Der Caterpillar ist gelb." Die Maschinen gehören zum Siedlermythos wie die Wandzeitung im Moschaw und Josuas Prophezeiungen vom Gelobten Land, und ihre Namen sind so wichtig wie die der Propheten.
Shalev, der die Erfindung des Alphabets für die größte Errungenschaft der Menschheit hält, wirft seinen Word-Prozessor an und läßt hebräische Zeichen über den Monitor tanzen, eine Schrift wie aus geknüpften Bändern, die 3000 Jahre alt ist und doch von seinem siebenjährigen Sohn gelesen werden kann. Ein Großstadt-Intellektueller, der in der Sprache der Qumran-Rollen schreibt - kein Volk der Erde hat eine derartige Vernetzung mit der eigenen Geschichte.
Aus dieser Geschichte schöpft Shalev. Er doziert über sie in Bibel-Vorträgen an der Harvard University, und er spickt mit ihr seine bissigen wöchentlichen Kolumnen in Jediot Acharonot. Vor allem aber macht er sie für seine Geschichten fruchtbar. "Esau", sein neuer Bestseller, hat natürlich einen Zwillingsbruder Jakob. Da beide stark kurzsichtig sind und der Vater geizig ist, müssen sie sich eine Brille teilen. Esau ist der Träumer - er überläßt Jakob die Brille gern. Jakob, dem Pragmatiker, der die väterliche Bäckerei übernimmt, während Esau Geschichten erzählt und schwindelt und die Frauen verführt.
Nur widerwillig läßt sich Shalev zu einem Marsch in die Altstadt überreden, ins steinerne Herz Jerusalems. Er war Jahre nicht mehr hier. An der Via Dolorosa werden Rosenkränze und Mesusas verkauft, T-Shirts mit dem Aufdruck "From Israel with love" und andere, die nur eine Uzi-Maschinenpistole zeigen. In einem kleinen arabischen Restaurant in einer ruhigen Seitengasse läßt sich Shalev aufatmend auf den Plastikstuhl sinken. "Jetzt fühl'' ich mich wohler", sagt er. Er bestellt Chumus und Falafil, und er diskutiert mit dem Wirt die beste Art, Oliven einzumachen, und kurz darauf über Islam und Judentum und die Chancenlosigkeit eines Friedens.
Und weil er plötzlich gut gelaunt ist, erzählt er mit traurigstem Pokerface die Geschichte vom Ochsen und vom Skorpion. Der Ochse will durch den Nil schwimmen, und der Skorpion bittet ihn: "Nimm mich mit." Der Ochse: "Aber du wirst mich stechen." Darauf der Skorpion: "Ich bin doch nicht verrückt - dann würden wir beide doch ersaufen." Der Ochse schwimmt mit dem Skorpion los. Auf halber Strecke sticht der Skorpion zu. Der Ochse, mit schwindenden Kräften: "Jetzt sterben wir beide. Warum hast du das nur gemacht?" Darauf der Skorpion: "So bin ich nun mal."
Meir Shalev gefällt die Pointe, wobei er offenläßt, wen er für den Ochsen und wen er für den Skorpion hält. Ob er eigentlich arabische Freunde hat? "Nein", sagt er nach einigem Nachdenken. Und er wirkt, als sei er überrascht von seiner eigenen Antwort. o
* Während des Golfkriegs 1991. * Meir Shalev: "Ein Russischer Roman". Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Diogenes Verlag, Zürich; 512 Seiten; 39 Mark.
Von Matthias Matussek
