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DER SPIEGEL

BiographienUnterm Galgen

Der amerikanische Cartoonist John Callahan, ein Meister böser Bilder, hat über sein Leben als Querschnittgelähmter geschrieben.
Ein Bettler steht auf dem Bürgersteig. Er streckt den Arm mit einem Becher aus. Um den Hals trägt er ein Schild: "Hilfe, ich bin blind und schwarz, aber nicht musikalisch."
Ein Querschnittgelähmter liegt auf dem Bett. Freundin Jenny hockt über seinem Gesicht. Plötzlich kriegt er mitten im Liebesspiel keine Luft mehr, fängt an, wild mit dem Kopf zu zappeln. Jenny mißversteht das, senkt sich noch tiefer. Panik. Vor seinem geistigen Auge sieht das Lustopfer schon die Schlagzeile: "Querschnittgelähmter bei Cunnilingus-Unfall erstickt".
Ein Patient beugt sich über den Untersuchungstisch. "Sie werden meine Methode der rektalen Diagnostik etwas ungewöhnlich finden", warnt ihn der Urologe, "weil ich nämlich schwul bin und keine Arme habe."
John Callahan, 40, findet so etwas komisch. In den Geschichten des amerikanischen Cartoonisten wimmelt es von Behinderten. Seine Helden sind blind, amputiert, gelähmt oder geistesgestört, was sie nicht hindert, geil zu sein und katholisch, mal boshaft, mal traurig, oft versoffen und gemein oder auch mal lieb - ganz normale, vom Leben gezeichnete Zombies.
Callahans Kreaturen lassen niemanden kalt. "Herausragend", urteilte die Los Angeles Times über die etwas ungelenk hingehauenen Strichmännchen. Das gesunde amerikanische Volksempfinden wehrt sich gegen Callahans unartigen Humor. "Rassistisch, behindertenfeindlich, menschenverachtend", giftet es aus Leserbriefen in US-Magazinen, in denen der Cartoonist gerade vom Geheimtip zum Aufreger wird.
Nun hat der Meister der bösen Bildchen seine "Autobiographie eines gefährlichen Mannes" geschrieben*. Manchem Schreihals bleibt da die Spucke weg. Auf dem Titelbild prangt der Autor, dieser zeichnende Fiesling, rothaarig, man ahnt noch, wie hünenhaft er einmal war.
Heute hält der Kerl sich mühsam aufrecht, lastet auf seinem Stuhl wie ein tonnenschwerer Anker. John Callahan ist querschnittgelähmt, von den Brustwarzen abwärts geht gar nichts mehr. Am besten, sagt Callahan, gefallen ihm die Protestschreiben von Leuten, die nicht wissen, "daß die Cartoons von jemandem kommen, der keinen Zeh krümmen kann".
Es hat ihn erwischt, als er 21 war. Mit 130 gegen einen Telefonmast - der Volkswagen hatte sich "wie ein Akkordeon zusammengefaltet", was ihm, so schildert er sachlich, "säuberlich das Rückgrat brach". Er merkt das allerdings nicht gleich. Callahan: "Ich war zu betrunken."
Als er zu sich kommt, steht das Strafmaß fest: Rollstuhl, lebenslänglich. Es folgt ein Operations- und Rehabilitationsmarathon mit Qualen für Körper und Seele, die den Tod zur fixen Idee werden lassen.
Callahan verfällt vollends dem Alkohol, rottet zeitweilig im eigenen Dreck dahin, klagt Gott, die Welt und seine Mutter an, die ihn als Baby zur Adoption freigegeben hat. Kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch sucht der beinahe Zerstörte 1978 die Anonymen Alkoholiker auf. Seither ist er trocken und zeichnet um sein Leben.
Den Stift mühsam in beiden teilgelähmten Händen, beginnt der Sozialhilfe-Empfänger gegen geheucheltes Mitgefühl anzustricheln; so entlarvt das Bild vom unmusikalischen Bettler, daß Wohltätigkeit längst ein Dienstleistungsgeschäft ist: "Pay for play". Im Bett, Callahans Hauptschaffensstätte, entwirft der sinnenfrohe Schmerzensbrecher wahre Lustschlachten gegen die angeblich so intakten Mitmenschen, die erotisch sofort schwer behindert sind, wenn ein Rollstuhlfahrer sie anlächelt.
Für die Rechte von Schwulen, Pennern, Fettsäcken, Suffköppen, Hinkfüßen, gegen die Bigotterie _(* John Callahan: "Don''t worry, weglaufen ) _(geht nicht". Eichborn Verlag, Frankfurt; ) _(294 Seiten; 19,80 Mark. ) der Gesunden, das Selbstmitleid der Behinderten und jene indirekte Euthanasie, die, wie zur Reagan-Zeit, über die Kürzung der Sozialhilfe läuft - Callahans Figuren lassen keinen Zweifel, auf welcher Seite sie stehen.
In seiner eigenen Leidensgeschichte, voller Selbstironie und Sarkasmus erzählt, nimmt der Autor keine Rücksicht auf Tabus. Von den Nöten, wenn mitten in einer Gesellschaft der Urinbeutel undicht wird, bis zu den Erektionsproblemen eines Querschnittgelähmten und wie er damit fertig wird - Callahan schreibt es hin, in einer drastischen Prosa, die Henry Miller gefallen hätte.
Galgenhumor ist angemessen, wenn man unter dem Galgen steht. Und dort, will Callahan wohl sagen, stehen im Grunde alle.
* John Callahan: "Don''t worry, weglaufen geht nicht". Eichborn Verlag, Frankfurt; 294 Seiten; 19,80 Mark.

DER SPIEGEL 9/1992
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