„Hände auf den Bauch“
Ich bin ein C5-6 Tetraplegiker, das heißt, mein Rückenmark ist zwischen dem fünften und sechsten Wirbel, von oben gezählt, durchtrennt. Das ist so was wie ein Mittelding zwischen einem Zehnkampf-Champion und der Totenstarre. Ich kann meine Oberarmmuskeln bewegen, die Hälfte der Unterarmmuskeln und die Hälfte des Zwerchfells. Wenn ich nicht auf mein Zwerchfell achte, kann ich ersticken. Ich kann meine Finger strecken, kann sie aber nicht um eine Gabel oder um einen Stift schließen. Vom Zwerchfell an abwärts ist alles ohne Gefühl und natürlich nicht willentlich beherrschbar.
Paraplegiker dagegen sind tiefer am Rückenmark verletzt. Sie können meist den gesamten Oberkörper bewegen, können zum Beispiel Rollstuhl-Basketball spielen. Tetras wünschten, sie wären Paras, Paras wünschten, sie wären nicht behindert, und die Nichtbehinderten wünschten, sie wären Jane Fonda.
Um meine Wirbelsäule geradezuhalten, verpaßten sie mir eine Crutschfield-Zange. Kleine Löcher wurden in meinen Schädel gebohrt, und die "Zange" - kleine Schrauben mit einem Öhr - wurde hineingedreht. Dann befestigten sie Drahtseile an den Schrauben, die über Rollen zu daranhängenden Gewichten liefen.
Ich sollte noch erwähnen, daß die Schrauben in regelmäßigen Abständen entfernt wurden, um die Löcher zu sterilisieren. Das mußte ohne Betäubung gemacht werden. Noch heute, 15 Jahre später, lasse ich meine Freundinnen die Löcher hinter und oberhalb von meinen Schläfen fühlen. Sie jucken noch immer wie verrückt.
Eine Stunde jeden Tag wurde mit Sextherapie verbracht. Ich wollte da nicht hin, bis ich die Therapeutin sah, Margie Bighew, Doktor der Philosophie, eine dicke, aber sinnliche, walkürenhafte Frau, die in einem winzigen fensterlosen Kabuff residierte. Der Raum war so klein, daß meine Nase fast zwischen ihren enormen Brüsten steckte.
Der Gedanke an Sex war erschreckend. Gleichzeitig stellte ich mir vor, wie ich Margie die Bluse aufriß, mein Gesicht zwischen ihre Titten schob und dröhnte wie ein Motorboot. Unter vier Augen und völlig unverblümt erklärte sie mir die Mechanismen des Behinderten.
"Sie haben keine gewöhnlichen psychogenen Erektionen mehr, Sie müssen sich also reflexogene Erektionen zunutze machen. Dazu müssen Sie die Hände auf den Bauch legen, gleich oberhalb der Schamgegend. Dort massieren Sie und ebenso auch die Innenseiten der Oberschenkel, bis Sie die richtigen Stellen finden." Ich hoffte, sie würde es mir zeigen. Statt dessen benutzte sie Schaubilder.
Es passierte an einem Wochenende, meinem vorletzten im Rehabilitationszentrum, und ich war allein im Zimmer. Als die Schwester hereinkam, spielte ich zufällig grade an mir herum. Ich hatte eine reflexogene Erektion.
"Soll ich Ihnen dabei ein bißchen helfen?" fragte sie.
Sie beugte sich über die Bettkante und fing an, mir einen zu blasen. Vielleicht waren die anderen Schwestern der Station alle weg und machten Pause, so daß sie sich sicher fühlte; vielleicht war sie auch nur verrückt. Mir war das völlig Wurscht.
Nach ungefähr 15 Minuten zog sie sich einfach zurück, fragte, ob ich noch Wasser bräuchte oder vielleicht eine Schlaftablette. Dann war sie weg. Ich hab' sie nie wieder gesehn. Damals konnte ich kaum glauben, daß es wirklich passiert war. Später fand ich raus, daß so was öfter vorkam.
Jeden Morgen, wenn mein Pfleger einen behandschuhten Finger in mein Rektum schob, jedesmal, wenn in der Öffentlichkeit mein Urinbeutel zu lecken begann, jedesmal, wenn ich einen Tag im Bett verbringen mußte, weil mein Rollstuhl einen Platten hatte, wurde ich auf elementarste Weise an meine Machtlosigkeit erinnert.
Ich griff nach dem Telefonhörer, und er entglitt mir. Bei meinen Versuchen, ihn wieder aufzunehmen, warf ich die Goldfischkugel um; als ich durch das Zimmer floh, um dem Ort dieser Demütigung zu entkommen, hörte ich das Telefon hinter mir herscheppern. Das Kabel hatte sich in meinen Rädern verfangen.
Ich haßte meinen Körper so sehr, daß ich meine Hand schreiend gegen die Wand schlug. Es ist ein Wunder, daß ich mir nicht die Knochen brach.
Eines Tages lag ich nackt auf dem Bett. Martin hatte mich wohl gerade gebadet, denn meine Fersen waren naß, was ihnen auf dem Laken etwas mehr Halt gab. Da kam mir der Gedanke, daß ich vielleicht fähig wäre, die Knie an meine Brust hochzubringen.
Ich hängte mich mit einem Arm in eine der Riemenschlaufen über mir und langte mit dem anderen unter meine Knie, um sie näher heranzuziehen. Die nassen Fersen verhinderten, daß die Beine zurückrutschten. Es ging! Schließlich hatte ich's geschafft. Mit den Armen um die Knie saß ich da, sehr zufrieden mit mir.
Dann bemerkte ich, daß sich etwas in meiner Einstellung zu meinem Körper geändert hatte. Plötzlich erschien er mir nicht mehr abstoßend. Ich fand, ich sah gar nicht mal so schlecht aus. So dasitzend, zum erstenmal seit sieben Jahren, mit den Oberschenkeln an Bauch und Brust, fühlte ich mich von einer warmen Woge der Selbstbejahung durchflutet.
Ich umschlang meine Knie fester und umarmte mich selbst.
In einem Chaucer-Seminar fiel mir eine sinnliche Brünette auf. Wir gingen essen, und ich verliebte mich. So etwas hatte ich seit Jahren nicht mehr gefühlt; aber ich war sehr nervös. Zwei Monate lang vermied ich, mit ihr ins Bett zu gehen, eine Ewigkeit für meine Begriffe.
Es war ein herrlicher Sommer. Wir sausten mit meinem Rollstuhl in der Stadt herum, Janet in einem luftigen weißen Kleid auf meinem Schoß. Und natürlich, wie hätte es anders sein können, war auch der Sex mit Janet etwas Besonderes. Stundenlang konnten wir miteinander Liebe machen.
Da ich ja nun nicht mehr zur Flasche greifen konnte, um mir Mut anzutrinken, überwältigten mich manchmal Selbstzweifel und Verlegenheit, und der gute alte John Henry wollte nicht strammstehen. Sie lachte nur und ließ nicht zu, daß ich eine große neurotische Show daraus machte und tagelang eine zerknirschte Fresse zog. "Nicht wir haben ein Problem, John", sagte sie, "du hast ein Problem."
Alles an Janet war genau richtig, auch die spöttische Art, wie sie mich jeden Tag begrüßte: "Na, wie geht's deiner Selbstachtung heute, Callahan?" Je vollkommener sie mir jedoch erschien, um so mehr alte Ängste tauchten auf, und vertraute Mechanismen begannen abzurattern. Ich fing an, mich gefühlsmäßig zurückzuziehen.
Janet roch den Braten. "Verdammt, Callahan, ich bin nicht dein Sozialarbeiter, ich bin deine Freundin! Diesen Müll von Vulgärpsychologie kannst du behalten!" Und weg war sie, für immer.
Cartoons zu zeichnen war für mich das Natürlichste der Welt. Ich hatte es nicht etwa gelernt, es schien einfach gewachsen zu sein, wie ein weiterer Arm. Ich werde regelrecht dazu getrieben und habe das Gefühl, daß es mich einfach überkommt. Während des Zeichnens fühle ich mich fast wie ein Tier, das eine primitive natürliche Funktion verrichtet. Eines Tages wird ein Pathologe Stücke meines Kadavers im Mikroskop betrachten und ausrufen: "Bei Gott, Jenkins, das sind überhaupt keine menschlichen Zellen! Das sind die Zellen eines Cartoonisten!" o
