AutorenBesorgte Minne
Horst-Eberhard Richter, Psychoanalytiker und Medienstar, schrieb sein Buch der Bücher: „Umgang mit Angst“.
Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch", verspricht der "Lieblingslyriker" des Horst-Eberhard Richter, Hölderlin. Ganz im Sinne des Verstorbenen läßt Richter in seinem jüngsten Buch der Bängnisse alsbald einen Schicksalsbändiger herfürtreten, und der sieht so aus:
"Häufiger als der Durchschnitt" macht er sich "Sorgen um andere Menschen" und warnt vor "sozialen, ökologischen und Kriegsgefahren". Trotz "häufiger Selbstvorwürfe" versinkt er nicht in "Minderwertigkeitsgefühlen", im Gegenteil: Er "verkriecht sich nicht", sondern "zeigt sich gern" und "legt Wert darauf, schön auszusehen".
Dieser Typus, dem der Medienstar Richter so erfreulich ähnelt, heißt nun kühnerweise nicht mehr der "Betroffene", sondern heideggernd der "Besorgte". Und die "zahlenmäßig beträchtliche Gruppe der Besorgten" habe die Chance, "eine Umkehr der destruktiven Entwicklung einzuleiten", wenn sie, neues Lernziel, den "Umgang mit Angst" (Buchtitel) übe*.
Richter, der "führende deutsche Psychoanalytiker" (Verlag), blickt mit nun 68 Jahren auf ein reiches Lebenswerk zurück; auf ein halbes Dutzend Bestseller, die den Zeitgeist am Schwanz packten, auf ungezählte Auftritte beim Fernsehen und bei Demonstrationen oder bei beiden zugleich; ein politisch engagierter Arzt, ein Besorgter.
"Umgang mit Angst" ist irgendwie die Summe dieses Lebenswerks, eine Art Buch der Bücher. Hieß ein früheres Richter-Werk "Die hohe Kunst der Korruption", müßte das jüngste eigentlich _(* Horst-Eberhard Richter: "Umgang mit ) _(Angst". Hoffmann und Campe Verlag, ) _(Hamburg; 320 Seiten; 38 Mark. ) den Titel tragen: "Die hohe Kunst des Recycling". Denn Seite um Seite überfallen den langjährigen Richter-Leser eigenartige Deja-vu-Erlebnisse.
Via Titel auf Angst fixiert, durchmißt er nochmals frühere Richter-Bücher, etwa "Patient Familie", "Flüchten oder Standhalten", "Der Gotteskomplex", "Die Chance des Gewissens" - nimmermehr wird so ein Leser an der Funktionstüchtigkeit einer Wiederaufarbeitungsanlage zweifeln.
Richter versteckt sich dabei nicht, er zeigt sich gern und macht sich schön. Als Exeget des eigenen Schaffens, als Cicerone, der sich selbst genießt und selbst zitiert, veranstaltet er gewissermaßen eine Werkbesichtigung mit Betriebsfeier; eine Personalunion von Narziß und Goldmund.
Das alles bietet, weil es so vertraut ist, paradoxerweise den Eindruck einer heilen Welt. Als alte Bekannte grüßen Patienten, Philosophen, historische Binsen; etwa die "neundreivierteljährige Bettina", die mittlerweile wohl selbst eine Neundreivierteljährige hat; der unvermeidliche Pascal mit seiner "Logik des Herzens"; die "mittelalterliche Gottesgewißheit".
Vertraut auch berühren die Stimmungsmacher; das Getrappel der Apokalyptischen Reiter, die WG-Tapete mit dem Menetekel-Motiv, der Sound des Erwählten, den ein Kirchenlied preist: "Tauet, Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab."
"Angst", schreibt Richter völlig richtig, "ist ein unerschöpfliches Thema", auch "eine Farbe unseres Lebens". Bunte Vielfalt somit auf der nach oben offenen Richter-Skala: "Aidsangst", "Krebsangst", "Fremdenangst", "Schamangst", "Schuldangst", "Käfigangst", "Trennungsangst", "Umklammerungsangst", "Weltangst", "Globalangst". Leider nicht beachtet: die Angst vorm Zahnarzt und vor Fischgräten.
Umgang mit Angst oder Umgehen der Angst - das ist hier die Frage. Die kann der Psychoanalytiker Richter, Freud sei Dank, natürlich fachmännisch beantworten, jeweilige Folgen inklusive. In Richters Praxis steht neben der Couch freilich noch ein anderes Gerät, ein mächtiges Mischpult.
Das verwurstet alles, was Tag und Presse so bescheren, Golfkrieg, Wiedervereinigung, Sekten, Gentechnik, Fernsehen, Werbung, Ozonloch. Und dazwischen immer wieder ein erhebendes Bild: Horst-Eberhard Richter greift in die Geheimnisse und Speichen des Weltgeschehens.
Im Kreml erfährt er von Gorbatschow "persönlich", daß der Golfkrieg nicht stattfinden werde; in Washington übergibt er dem State Department und dem Kongreß "persönlich" einen "Appell"; in einem "persönlichen Gespräch" verrät ihm Helmut Schmidt, welche "Neigung" er bei seinem Nachfolger Kohl vermute.
Zwiespältig, dieser Drang zu Höheren. Der Besorgte als solcher hat eigentlich "wenig Zutrauen zu den Politikern"; was man schon immer wußte und gar nicht mehr sagen mag - Richter sagt es: "Die größere Vernunft ist oft nicht auf seiten der Herrschenden."
Die ist natürlich auf seiten der Besorgten, die mit besorgter Minne "liebevoll" mit ihrer Angst umgehen. Ganz im Gegensatz dazu die Vertreter der "Okay-Moral", der "Ellbogengesellschaft", die "dominierende Gruppe der Unbesorgten"; die behilft sich mit "künstlicher Angstanästhesie", sie verdrängt, mit bekanntermaßen schlimmen Folgen.
Und welche Angst zwackt den leitenden Richter? Es sei kaum auszudenken, schreibt er, wie viele Menschen "mit hervorragenden Talenten sich nie zur Geltung bringen können, nur weil sie sich aus Schamangst ewig zurückhalten". Die, wenigstens, kennt er nicht. o
* Horst-Eberhard Richter: "Umgang mit Angst". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 320 Seiten; 38 Mark.
