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DER SPIEGEL

MODERNES LEBENWenn Fortsetzung droht

Am Ende zieht Huckleberry Finn in den Westen, er verschmäht das brave Leben in St. Petersburg (Mississippi) und bleibt, was er ist: ein glücklicher Streuner. So endet die Geschichte - bei Mark Twain jedenfalls. Ein US-Autor namens Richard White weiß mehr. Er legt jetzt unter dem Titel "Mister Grey" eine Fortsetzung vor. Das "Scarlett"-Prinzip macht Schule: Nachdem es Alexandra Ripleys "Vom Winde verweht"-Abklatsch weltweit zum Bestseller gebracht hat, wittern weitere Schreiber das große Geld. Jetzt sind bedeutende Werke dran: Huck Finn muß erwachsen werden, weil White das so will. Und seine Kollegin Lin Haire-Sargeant nimmt sich kühn einen viktorianischen Klassiker vor: Emily Brontes "Wuthering Heights" ("Sturmhöhe"). In diesem Epos um Haß und Leidenschaft, das 1847 erschienen ist, hat die Amerikanerin eine Lücke entdeckt: Über drei Jahre im Leben des düsteren Helden Heathcliff erzählt Bronte dem Leser nichts - ein Mangel, den Haire-Sargeant mit ihrem Roman (Titel: "H.") beheben will. Beide Bücher erscheinen im Frühjahr in den Vereinigten Staaten. Deutsche Nachahmer werden sich finden, Themen gibt es schließlich genug: Was geschah wohl in der Kindheit des Dr. Faust? Kann Tonio Kröger nicht doch noch die blonde Inge erobern, die Thomas Mann ihm mißgönnt? Und wie glücklich wurde Minna von Barnhelm mit ihrem Major?

DER SPIEGEL 9/1992
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