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DER SPIEGEL

Bülow - Wilhelms Bismarck

Der deutsche Sonderweg, der 1740 mit dem Einfall von Preußens Friedrich ins österreichische Schlesien begann und 1945 mit der Zerschlagung des Deutschen Reiches endete, hat eine Bruchstelle. Heute noch wird die Legende gepflegt, Bismarcks, des Reichsgründers von 1871, Traditionen seien von seinen Nachfolgern sträflich durchbrochen worden.
Die These ist nicht haltbar. Man kann sie nur dadurch erklären, daß die enorme gedankliche und geradezu physische Kraft des Reichsgründers, dem die Nachfolger naturgemäß das Wasser nicht reichen konnten, die fortwirkende Fehlleistung seiner Außenpolitik so in den Hintergrund treten läßt, als hätte es sie gar nicht gegeben. Das Reich, damals immerhin die stärkste Militärmacht der Welt, ruhte von Anfang an auf morschen Pfählen.
Es war nicht so, daß Bernhard von Bülow, Reichskanzler von 1900 bis 1909, im Jahre 1905 in den Fürstenstand erhoben, das Bismarcksche Erbe verspielt hätte. Die Biographie des Jenaer Historikers Gerd Fesser belegt das*.
Vielmehr waren alle außenpolitischen Fehler des Wilhelminischen Kaiserreichs noch von Bismarck selbst angelegt worden. Dies ist kein Wunder bei einem Mann, der über den zu langen Zeitraum von 1862 bis 1890 die Militärmonarchie, deren Kern Preußen war und die sich dann Deutsches Reich nannte, dirigiert hatte.
Sicher, neben dem gewaltigen und gewalttätigen Bismarck nahm sich der aalglatte Bülow pygmäenhaft aus, obwohl Wilhelm ihn gelegentlich "meinen Bismarck" nannte. Tatsächlich setzte er fort, was der Reichsgründer angelegt hatte. Sowenig wie der war auch Bülow bereit, eine Grundsatzfrage der Außenpolitik wirklich mit seinem Rücktritt zu verbinden.
Bülow mußte von Bismarck das Handikap übernehmen, Frankreich _(* Gerd Fesser: "Reichskanzler Bernhard ) _(Fürst von Bülow". Deutscher Verlag der ) _(Wissenschaften, Berlin; 176 Seiten; 28 ) _(Mark. ) in jedem Krieg auf seiten der Feinde des Reiches zu finden. Zu tief saß die Demütigung der Grande Nation durch die Annexionen von 1871, die Bismarck zu vermeiden sich nicht einmal bemüht hatte. So fand Bülow ein Schachbrett vor, auf dem ihm ein Fünftel der Felder nicht zugänglich waren, eine Situation, die er, wie alle anderen auch, ganz selbstverständlich fand.
Hatte Bismarck noch erwogen, in seinem Spiel mit den eisernen Würfeln notfalls Österreich-Ungarn zugunsten Rußlands als Bündnispartner aufzugeben, wenn er nur Frankreich dadurch auf immer deklassieren könnte, so war das schon zu seiner Zeit eine Chimäre gewesen. Bülow konnte daran nicht einmal denken, weil die nationalen Solidaritätsgefühle nach 1866 einen zweiten Krieg "Deutsche gegen Deutsche" absolut unmöglich gemacht hätten.
Eine Chimäre war auch Bismarcks Auffassung, das Bündnis mit der Habsburger Monarchie würde England automatisch aus einem Krieg gegen Deutschland heraushalten. Im Hause Bismarck, in dem der junge Bülow als Freund des Bismarck-Sohnes Herbert verkehrte, galt die eherne Maxime, daß Bär und Walfisch, das Reich der Zaren und das britische Empire also, niemals zusammenfinden könnten.
So lag der Schlüssel in London, und hinter Großbritannien tauchte der riesige Schatten der Vereinigten Staaten von Amerika auf.
Das Deutsche Kaiserreich betrachtete übrigens Österreich-Ungarn nicht nur als einzigen Verbündeten, sondern als Juniorpartner, als Landbrücke in den Orient, nach Persien und nach Bagdad - wiederum ein Fehler, den noch Bismarck eingeleitet hatte.
Bismarcks Gefühle gegenüber England waren lange Zeit arg getrübt, weil er von Friedrich III., dem "Hunderttage"-Kaiser, und vor allem von dessen energischer Frau, der englischen Princess Royal, eine Schmälerung seiner Macht und eine Stärkung des Parlaments befürchtete. Seine Sondierungen in London entbehrten jeglicher Entschlossenheit. Es ist aber auch möglich, daß keine britische Regierung dem Deutschen Reich damals genügend Sicherheit hätte bieten können.
Bismarcks Kolonialpolitik ist problematisch, wie er ja auch die neue Zeit des Kolonialimperialismus nicht mehr so recht begriff, nicht den Zusammenhang zwischen Politik und Wirtschaft.
Könnte man einen glänzenden Verstand und einen stählernen Willen bis ins Unendliche verewigen, so ließen sich Bülows Fehler leicht dingfest machen nach dem Motto: "Das wäre unter Bismarck nicht passiert." So ist aber die Substanz der Politik nicht beschaffen.
Bülow hatte es mit einem jungen Herrscher zu tun, der sich nicht die Zeit nahm, zwischen Reden und Handeln zu unterscheiden. Die Nation, soweit sie ihre Gedanken denn überhaupt ungehindert artikulieren konnte, drängte auf Weltgeltung, auf einen, wie Bülow es griffig formulierte, "Platz an der Sonne". Was blieb, wenn man so unbegrenzt eitel und ehrgeizig war wie er? Er mußte die Wünsche des Kaisers akzeptieren und kanalisieren. So bereitete er ungewollt, wenn auch vielleicht wissentlich, den Krieg vor. Man muß sagen, daß es unter Bülow keine verantwortliche Reichsleitung mehr gab, obwohl er vor dem Reichstag brillant auftreten konnte.
Hatte schon Bismarck seine liebe Not mit den "Halbgöttern" vom Generalstab, die sich von diesem Zivilisten und verkommenen Landwehr-Lieutenant der Reserve keine Einrede gefallen lassen wollten, so wäre es unter Wilhelm II. ganz ausgeschlossen gewesen, daß ein Reichskanzler bei der Auswahl des Generalstabschefs hätte Bedenken geltend machen können.
Mit der Ernennung des Grafen Schlieffen (1891) war die "Einkreisung", die Teilnahme Englands am Krieg, schon halbwegs sicher, weil dessen Plan die belgische Neutralität antasten wollte. Wohl aber konnte der Reichskanzler Bedenken geltend machen, wenn es um die Kriegsflotte ging, deren Kosten er vor dem Reichstag zu vertreten hatte.
Hier wäre jeder gescheitert, der dem Kaiser seinen Lieblingsgedanken hätte ausreden wollen, den einer der britischen halbwegs ebenbürtigen Flotte. Was immer Bülow erkannt oder nicht erkannt haben mag: Er war gewiß nicht der Charakter, dem Kaiser in der Flottenfrage standzuhalten. Das hätte wohl niemand gekonnt.
Die Kriegsflotte war populär, sie hatte in dem Staatssekretär des Reichsmarineamts Alfred von Tirpitz einen unermüdlichen Verfechter. Bülow, der die Beziehungen zu England mit seinem Lieblingswort "pomadig" zu belegen pflegte, wäre nicht wegen einer Angelegenheit zurückgetreten, die sein Nachfolger dann im Sinne des Kaisers weiterverfolgt hätte. Es gab solche Leute im Kaiserreich überhaupt nicht, ausgenommen den unmittelbaren Nachfolger Bismarcks, den General Leo Graf von Caprivi, Reichskanzler bis 1894.
Wie verantwortungslos Bülow war, gemessen etwa an Bismarck, sieht man an der Behandlung der Daily Telegraph-Affäre im Jahre 1908, als er ein ihm in seinen Urlaubsort Norderney nachgesandtes Interview seines sprunghaften Herrn nicht einmal las, obwohl es ihm in verfassungsmäßig korrekter Form vorgelegt worden war. Wilhelms provozierende Äußerungen entfachten in Deutschland einen Sturm der Entrüstung über sein "persönliches Regiment" und stärkten letzten Endes das Parlament, wenn auch nicht genug.
Was den Schlieffen-Plan und die Hochrüstung der Flotte betrifft, so hätte sie keiner blockieren können; so war die von Bismarck hinterlassene Verfassung eben nicht angelegt. Es ist aber fraglich, ob Bülow die Brisanz dieser beiden Vorhaben, die zusammengenommen England in den Krieg treiben mußten, überhaupt rechtzeitig erkannte. Er arbeitete viel, und wie Bismarck mußte er ein gut Teil seiner Zeit der Behandlung seines kaiserlichen Herrn widmen. Aber eine so drastische Fehlkalkulation kann damit nicht entschuldigt werden. Nur kann man nicht behaupten, daß sie in der Bismarckschen Konstruktion der europäischen Verhältnisse nicht angelegt gewesen wäre. Nicht zufällig gewannen die Parlamentsheere Englands und Frankreichs jenen großen Krieg, in dem die Militärmonarchien Deutschland, Österreich und Rußland zerbrachen.
Natürlich spielten damals Personen noch eine größere Rolle als heute, doch ihre Verhaltensmuster waren vorgegeben. Nur so konnte es geschehen, daß Wilhelm einen Krieg herbeiredete, obwohl er ihn gar nicht wollte.
Man mag heute wieder mit größerem Recht die These vertreten, seit 1740 habe Preußen nur die Wahl gehabt, sich mit militärischen Mitteln auszudehnen oder auf eine Großmachtstellung zu verzichten. Das bedeutete eine Militarisierung, wie sie in den Nachbarstaaten aus den verschiedensten Gründen nicht angebracht oder möglich erschien.
Der Landwehr-Lieutenant Bismarck, der den Krieg nur als Zuschauer kannte, wurde ehrenhalber General der Kavallerie; der Seconde-Lieutenant Bülow, der 1870 an einem Gefecht teilgenommen hatte, brachte es bis zum Generalmajor in der Uniform des 1. Rheinischen Husarenregiments Nr. 7. Das Gerassel mit dem Säbel entwickelte sich zur Tradition in einem dafür zu mächtigen Staat, wo der Tag von Sedan wie eine Art Auferstehung gefeiert wurde.
Wann und wo wurden die Weichen falsch gestellt? Das kann nur zwischen 1899 und 1905 geschehen sein, als England seinen recht grausamen Krieg gegen die Buren führte und Rußland durch seine Niederlage gegen Japan und seine erste Revolution geschwächt war. Natürlich kann man sich einen ganz anderen und lernfähigen Kaiser Wilhelm vorstellen, gezügelt und gemäßigt durch einen seine Macht nicht mißbrauchenden Reichskanzler. Aber Konstellationen kann man nicht befehlen.
Sie laufen so, daß man noch 1939 einem rabiaten und antisemitischen Monstrum die Vorherrschaft über Mittel- und Südosteuropa anbietet, ein Projekt, das keinem Parlamentarier der Weimarer Republik in den Sinn gekommen wäre, trotz aller Revanchegelüste nicht. Sie laufen so, daß dieser Diktator von dem Angebot nichts wissen will, sondern statt dessen seinen wahnwitzigen Ideen von der Ausrottung aller Juden und der Annexion des europäischen Rußlands nachhängt. Sie laufen so, daß man heute dem besiegten und amputierten Deutschland eine militärische Rolle geradezu wieder aufzwingen muß.
* Gerd Fesser: "Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow". Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin; 176 Seiten; 28 Mark.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 29/1992
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