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Panorama
Ausgabe
48/2017

Rechtsmediziner über unentdeckte Morde

"Wo steckt das Projektil?"

Im "Tatort" löst Professor Börne jeden Fall. Der echte Rechtsmediziner Reinhard Dettmeyer hingegen warnt: Bis zu 1000 Tötungsdelikte bleiben jedes Jahr unentdeckt. Doch wie kommt man den Tätern auf die Spur?

Ein Interview von
Freitag, 24.11.2017   09:36 Uhr

Dettmeyer, 59, ist Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universitätskliniken Gießen und Marburg.


SPIEGEL: Herr Dettmeyer, auf einem internationalen Kongress in Düsseldorf haben Rechtsmediziner kritisiert, dass zu wenige Leichen obduziert werden. Gilt das auch für Deutschland?

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 48/2017
Stunde Null
Land ohne ...Richtung, ...Einigkeit, ...Kanzlerin?

Dettmeyer: Wir haben mit vier bis fünf Prozent im europäischen Vergleich extrem niedrige Obduktionsquoten. In den Achtzigerjahren war die Quote dreimal so hoch. Österreich und die skandinavischen Länder kommen auf mehr als 50 Prozent.

SPIEGEL: Kann ein Mörder hoffen, dass er deswegen davonkommt?

Dettmeyer: Vorsichtig geschätzt haben wir es mit bis zu tausend nicht entdeckten Tötungsdelikten pro Jahr zu tun. Wären beispielsweise die plötzlichen und unerklärlichen Todesfälle auf den Intensivstationen in Oldenburg und Delmenhorst rechtsmedizinisch obduziert worden, wäre der Verdacht auf Tötungen wohl sehr viel schneller aufgekommen.

SPIEGEL: Sie sprechen den Fall des Krankenpflegers Niels H. an, der 106 Menschen getötet haben soll.

Dettmeyer: Ja. Mit toxikologischen Untersuchungen, wie sie in der Rechtsmedizin Standard sind, wäre die heimliche Verabreichung von Medikamenten entdeckt worden. Das Problem ist: Die Klinikleitung hätte dafür die Polizei rufen müssen. Doch da gibt es eine große Hemmschwelle.

SPIEGEL: Für die Leichenschau sollen in Bremen und Niedersachsen bald strengere Kriterien gelten. Wird das helfen?

Dettmeyer: Bei qualifizierten Leichenschauern, das sind Ärzte mit einer speziellen Ausbildung, ist zu erwarten, dass Verdachtsfälle eher einer Obduktion zugeführt werden. Aber auch bei einer gründlichen äußeren Leichenschau können wichtige Hinweise auf ein Verbrechen unentdeckt bleiben.

SPIEGEL: Welche denn zum Beispiel?

Dettmeyer: Ich werde nicht im SPIEGEL Tipps für den perfekten Mord geben. Bekannt ist, dass Schläge in den Bauch einer bekleideten Person keine äußerlichen Spuren hinterlassen müssen. Die inneren Verletzungen, an denen der Mensch verblutet, sehen Sie erst bei einer Obduktion.

DPA

Obduktionstisch in Düsseldorf: "Einige TV-Produktionen lassen sich von uns beraten"

SPIEGEL: Warum wird dann in Deutschland nicht häufiger obduziert?

Dettmeyer: Das hat mit den Kosten zu tun. Und sicher spielt die unklare Rechtslage eine Rolle. Seit mehr als hundert Jahren fordern Rechtsmediziner in Deutschland ein einheitliches Obduktionsgesetz. Stattdessen haben wir unterschiedliche Regelungen auf Länderebene, manchmal muss eine schriftliche Einverständniserklärung des Verstorbenen zur Obduktion vorliegen. Diese Landesregeln gelten für die Pathologen in den Krankenhäusern. Wir Rechtsmediziner hingegen werden von Polizei und Staatsanwaltschaft beauftragt, da gilt dann Bundesrecht.

SPIEGEL: Was genau ist der Unterschied zwischen einem Rechtsmediziner und einem Pathologen? Im Fernsehkrimi gibt es da manchmal keinen Unterschied.

Dettmeyer: Die Pathologen untersuchen Gewebeproben von Patienten auf Krankheiten und obduzieren auch. Sobald aber der Verdacht auf ein Fremdverschulden aufkommt, geht der Fall an die Rechtsmediziner. Wir sehen uns außerdem den Leichenfundort an und schließen aus den äußeren Umständen und unseren Obduktionsergebnissen, wie das Tatgeschehen vermutlich war. Schließlich vergleichen wir unsere Schlussfolgerung mit den Aussagen der mutmaßlichen Täter und können häufig sagen, ob jemand lügt oder nicht. Was wenige wissen: Wir untersuchen auch sehr viele lebende Gewaltopfer, um Spuren zu sichern.

SPIEGEL: In Krimis gehen die Rechtsmediziner auch selbst auf Verbrecherjagd.

Dettmeyer: Einige TV-Produktionen lassen sich von uns beraten, viele Schilderungen von Verletzungsverläufen sind durchaus realistisch. Aber dass wir Ermittlungen aufnehmen und rausfahren, wie Professor Börne im "Tatort" aus Münster, das gibt es nicht. Das ist Aufgabe der Polizei. Ebenso wenig haben wir immer schon nach wenigen Stunden die ersten Ergebnisse - und erst recht nicht die exzellente Ausstattung, die manchmal im TV zu sehen ist.

SPIEGEL: Auf dem Kongress in Düsseldorf wurden Fortschritte durch bildgebende Verfahren gefeiert. Arbeiten Sie bei den Obduktionen auch mit Computertomografie und Röntgen?

Dettmeyer: Das Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz sieht eine Bezahlung für die radiologische Untersuchung des Leichnams nicht vor. Hamburg hat eine Sondervereinbarung getroffen.

SPIEGEL: Was bringt eine radiologische Untersuchung des Leichnams? Sie schneiden ihn doch eh auf.

Dettmeyer: Eine Computertomografie-Aufnahme hilft mir bei der Planung einer Obduktion, weil ich schon vorher weiß: Gibt es eine Fraktur? Wo steckt das Projektil, wie verläuft der Stichkanal? Wichtig ist auch, dass wir über die radiologische Diagnostik die Befunde besser dokumentieren und medizinischen Laien vermitteln können. Für Staatsanwälte, Verteidiger und Richter sind radiologische Befunde häufig leichter zu verstehen als unsere Fotos von einer Obduktion, die schon mal befremdlich wirken.

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