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Panorama
Ausgabe
2/2018

"Ich weiß, wo deine Wache ist"

Warum Lebensretter um ihr Leben fürchten

Fast jeder Feuerwehrmann, Polizist oder Sanitäter wurde bereits im Einsatz bedroht oder angegriffen, so eine neue Studie. Wer sind die Täter?

DPA

Feuerwehreinsatz zum Jahreswechsel in Berlin-Neukölln

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Donnerstag, 04.01.2018   18:20 Uhr

Der Löschwagen der freiwilligen Feuerwehr war gerade auf dem Rückweg von einem Einsatz, als ihm im Berliner Stadtteil Lichtenrade ein junger Mann den Weg versperrte. Mitten auf der Fahrbahn hatte er eine Feuerwerksbatterie aufgebaut. Als ihn ein Feuerwehrmann aufforderte, den Rettungswagen durchzulassen, pöbelte der 23-Jährige den ehrenamtlichen Helfer an, dann schlug er ihm eine blutige Nase und verletzte ihn am Auge.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 2/2018
Frauen, Männer und alles andere
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

57 Angriffe auf Einsatzwagen meldete die Berliner Feuerwehr in der Silvesternacht, acht Beamte wurden demnach körperlich attackiert. Andere Städte berichteten von ähnlichen Vorfällen.

Sollen Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte schärfer bestraft werden, wie Politiker von Union und SPD umgehend forderten? Oder ist es wichtiger, vor allem Sanitäter, Rettungsärzte und Feuerwehrleute besser auf solche Situationen vorzubereiten? Und woher stammt die Aggression ausgerechnet gegen jene, die kommen, um zu helfen?

"Bislang dachte man, Helfer seien für solche Angriffe tabu", sagt Mario Staller, ein ehemaliger Polizist, der an der Deutschen Sporthochschule in Köln ein Forschungsprojekt zu dem Thema leitet. "Die Statistik aber zeigt, dass fast jeder Helfer irgendwann mit verbaler oder körperlicher Gewalt konfrontiert wird."

In der Silvesternacht gingen Feierlustige und Betrunkene teilweise exzessiv gegen Polizisten, Feuerwehrleute oder Sanitäter vor. Im Berliner Stadtteil Schöneberg verletzten Feiernde sechs Polizisten, in Neukölln beschossen drei Jugendliche einen Streifenwagen mit Schreckschusspistolen.

Ebenfalls in Neukölln setzten Jugendliche aus einer knapp 50-köpfigen Gruppe heraus die traditionsreiche Musikalienhandlung Bading mit Feuerwerkskörpern in Brand. Als sechs Minuten nach dem ersten Notruf die Feuerwehr eintraf, detonierten Feuerwerkskörper zwischen den Helfern. Ob sie mit Absicht beschossen wurden, war zunächst unklar.

In Bremen begannen die Übergriffe schon gegen 21.30 Uhr. Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der Deutschen Bahn beobachteten am Haupteingang des Bahnhofs eine Schlägerei zwischen einem randalierenden Mann und einem Passanten, sie trennten die beiden. Plötzlich aber waren sie von mehreren Gruppen mit insgesamt etwa 50 aggressiven jungen Männern umgeben, laut Polizei meist Einwanderer. Diese warfen Böller und schossen Raketen auf die Bahn-Mitarbeiter und die zu Hilfe geeilten Polizisten von Bundes- und Landespolizei. Es dauerte eine Stunde, bis sich die Lage auf dem Bahnhofsvorplatz der Hansestadt wieder beruhigte.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist seit 2011 Opfer aus Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdiensten gesondert aus. Die registrierte Gewaltkriminalität stieg bis 2016 um ein Drittel, einfache Körperverletzungen wurden um 57 Prozent häufiger gezählt. Unklar ist, ob es mehr Vorfälle gab oder ob nur mehr angezeigt wurden. Die Deutsche Bahn registriert ebenfalls mehr Gewalttaten gegen ihr Personal. In nur einem Jahr sei die Zahl um fast ein Drittel gestiegen: auf insgesamt 2300 im Jahr 2016.

Der Kriminologe Thomas Feltes untersucht mit seinem Team an der Ruhr-Universität Bochum seit vielen Jahren Gewalt gegen Polizisten und andere Einsatzkräfte. Er sagt, die Quantität sei weitgehend gleich geblieben, aber die Qualität habe sich verändert: Die Angriffe seien roher und brutaler geworden, der Respekt nehme ab. Er macht fehlende Empathiefähigkeit dafür verantwortlich, die wiederum aus der Perspektivlosigkeit der Täter herrühre.

Ende Januar wird der Kriminologe dem nordrhein-westfälischen Innenminister eine neue Studie vorstellen: Die Forscher haben 4500 Einsatzkräften von Rettungsdiensten und Feuerwehren einen Onlinefragebogen zugeschickt, 812 füllten ihn aus. 64 Prozent gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von verbaler oder körperlicher Gewalt geworden zu sein.

Am meisten waren Rettungsassistenten und Notfallsanitäter (91 Prozent) betroffen, gefolgt von Feuerwehrleuten im Rettungsdienst (88 Prozent) sowie Notärzten und Rettungssanitätern (80 und 81 Prozent). In den meisten Fällen, sagt Feltes, seien die Täter betrunken. 40 Prozent seien nach Schilderung der Opfer Einwanderer. Meist fanden die Übergriffe bei der Erstversorgung oder im Krankenwagen statt.

Besonders gefährdet sind Einsatzkräfte in Großstädten. Vor drei Jahren befragte die Kriminologin Janina Lara Dressler 1659 Rettungshelfer in Berlin, Hamburg, München und Köln. 93,4 Prozent gaben an, schon einmal beleidigt, bespuckt oder beschimpft worden zu sein. Jeder Dritte wurde demnach während des Einsatzes getreten oder geschlagen.

DER SPIEGEL

Reinhold Skorjanz, 50, Notfallsanitäter aus Mönchengladbach, hat öfter mit renitenten Patienten zu tun, die nicht ins Krankenhaus wollen. Einer schlug ihm mit der Faust ins Gesicht, ein anderer beschimpfte ihn und seine Kollegen als "Wichser" und "Arschlöcher". Als sie sich davon nicht beeindrucken ließen, öffnete der Mann eine Schublade, in der eine Pistole lag. Die Sanitäter konnten verhindern, dass er danach griff. Ein anderer Patient schrie den Sanitäter an: "Ich weiß, wo deine Wache ist. Ich verprügele dich, und dann ist deine Familie dran." Die Angst wurde Skorjanz nach dem Einsatz nicht mehr los. Er ließ sich von einem Psychologen behandeln.

Es sind Erfahrungen wie diese, die viele Helfer dazu veranlassen, sich selbst zu schützen. "Man beobachtet die Umgebung, schaut nach Waffen und anderen gefährlichen Gegenständen", sagt ein erfahrener Sanitäter aus Berlin. Während seiner zweijährigen Ausbildung habe das Thema Eigensicherung nur ein einziges Mal auf dem Lehrplan gestanden. Deshalb hat sich der Helfer ein Pfefferspray gekauft, viele seiner Kollegen würden nur noch mit stichfesten Westen in den Einsatz gehen.

Diese Entwicklung hält Mario Staller, der Lehrbeauftragte der Deutschen Sporthochschule, für fatal: Statt auf Waffen zu setzen, sollten die Helfer lieber ihr Verhalten trainieren. Die Angriffe kämen selten überraschend, meist gehe ihnen eine längere Interaktion voraus. Diese zu steuern, könne man lernen. Staller und sein Team bilden dafür Trainer für Gewaltprävention im Rettungsdienst aus.

Kriminologieprofessor Feltes sagt, oft seien es psychisch auffällige Personen, die Einsatzkräfte angriffen. Deshalb hält er eine Rufbereitschaft für Psychologen oder Psychotherapeuten für nötig, die Helfern zu Hilfe kommen. Diese müssten auch bessere Informationen von der Leitstelle vor einem Einsatz erhalten.

Die Komba, eine Fachgewerkschaft des Deutschen Beamtenbundes, schlägt standardisierte Meldebögen vor, damit alle Taten erfasst und geahndet werden. Jeder Angriff müsse angezeigt werden, sagt Eckhard Schwill, Justiziar der Gewerkschaft und Ansprechpartner für den Bereich Feuerwehr und Rettungsdienst. Viele Einsatzkräfte melden die Vorfälle gar nicht erst, weil die Staatsanwaltschaften ohnehin zahlreiche Fälle einstellen.

Schwill hält auch Schulungen zur interkulturellen Kompetenz für notwendig. Gerade bei Einsätzen in multikulturellen Familien komme es manchmal zu Missverständnissen. Sanitäter müssten zur Behandlung ihre Patienten oft entkleiden oder anfassen, das sorge gerade bei den Männern gelegentlich für Irritationen. Manchmal werde Gewalt angedroht "Ein kurzes Gespräch, ein paar klärende Gesten", glaubt Schwill, "würden da schon helfen."

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