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Politik
Ausgabe
15/2018

Mord in Rio

13 Kugeln aus dem Nichts

Mehr als 6500 gewaltsame Todesfälle gab es 2017 in Rio de Janeiro. Aber kein Verbrechen hat die Stadt so aufgewühlt wie der Mord an Marielle Franco, die keine Angst vor den Mächtigen hatte.

Andre Liohn/ DER SPIEGEL

Demonstrierende schwarze Feministinnen nach dem Mord an Marielle Franco

Von
Montag, 09.04.2018   19:58 Uhr

Eine drückende Schwüle lag am Abend des 14. März über dem Zentrum von Rio de Janeiro, als sich die Stadträtin Marielle Franco in einer Seitenstraße auf die Rückbank ihres Wagens fallen ließ. Zwei Stunden hatte Franco zuvor mit anderen schwarzen Frauen darüber diskutiert, wie sie die Strukturen der brasilianischen Gesellschaft aufbrechen könnten.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 15/2018
Süßes Gift
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Auf einem Videomitschnitt der Debatte sieht man, wie ihre Augen leuchteten, als sie von ihrer eigenen Geschichte sprach, ihrer Kindheit in einem der größten Armenviertel Rio de Janeiros, den Widerständen, die sie überwunden hatte auf ihrem Weg in diese Welt der alten, weißen Männer, die die Câmara Municipal von Rio de Janeiro noch immer ist. Franco war bei sich selbst an diesem Abend. Eine Außenseiterin, die anderen Außenseitern eine Stimme gab, eine 38-jährige Frau mit wilden Locken und blau geschminkten Lippen.

Als sich ihr Wagen nach der Veranstaltung in Bewegung setzte, nahm Franco ihr Smartphone und schrieb eine Nachricht an ihre Freundin Mônica, die sie bald heiraten wollte. Franco wollte wissen, ob irgendwas im Kühlschrank fehlt. Neben ihr saß eine Assistentin, die im selben Viertel wohnt, vorn Anderson, ihr Fahrer, den sie spaßeshalber manchmal fragte, wie er durch die schwarzen Scheiben noch das Licht der Ampeln sehen könne. Vier Kilometer rollten sie heimwärts durch die Dunkelheit, als wie aus dem Nichts 13 Schüsse die Stille zerrissen.

Drei Projektile bohrten sich durch Francos Kopf. Vier Kugeln, die sie verfehlten, töteten den Fahrer. Einzig ihre Assistentin überlebte leicht verletzt.

Niemand zweifelt daran, dass Marielle Franco auf brutale Weise hingerichtet wurde. Bilder öffentlicher Kameras belegen, dass zwei Fahrzeuge bereits am Ort der Diskussionsrunde die Verfolgung aufnahmen. Die Täter flohen, ohne etwas mitzunehmen. Es war ein Terroranschlag ohne Bekennerschreiben, und die Frage ist, wer ein Interesse daran hat, eine Politikerin aus dem Weg zu räumen, deren Name bis zu diesem Tag den wenigsten geläufig war. Warum ausgerechnet sie? Und warum ausgerechnet jetzt?

Andre Liohn/ DER SPIEGEL

Büroleiterin Souza: "Über diesen letzten Wochen lag eine sonderbare Schwere"

Was ist passiert mit dieser Stadt, die bis vor Kurzem noch die Welt zu Gast hatte?

Seitdem die olympische Fackel erloschen ist, haben sich die Bürger im Bundesstaat Rio de Janeiro damit arrangieren müssen, dass die Kriminalität wieder steigt. Mehr als 6500 gewaltsame Todesfälle hat es allein im vergangenen Jahr gegeben, es hat Kinder erwischt, die bei Auseinandersetzungen zwischen Drogenbanden und der Polizei in Querschläger gelaufen sind, sogar ein Ungeborenes, das im Bauch der Mutter getroffen wurde, aber kein einziges dieser Verbrechen hat die Stadt so aufgewühlt wie der Mord an Marielle Franco.

An dem Tag, als Parteifreunde ihren Sarg zum Sitz der Stadtverordnetenversammlung hochtrugen, kamen Tausende, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, ihrem Entsetzen über eine offensichtlich kranke Stadt, in deren Körper lebenswichtige Funktionen kollabiert sind. Francos Tod hatte etwas Symbolisches, er machte deutlich, dass der Staat und seine Institutionen nicht mal mehr in der Lage sind, das Leben einer Volksvertreterin zu schützen. Ein Gefühl von Sicherheit, so sieht es aus, gewährt er allenfalls jenen, die davon ausgehen, selbst nach einer Tat wie dieser straffrei durchzukommen.

Während die Vereinten Nationen die verantwortlichen Politiker in Rio de Janeiro dazu aufriefen, das Verbrechen lückenlos aufzuklären, protestierten in den großen brasilianischen Städten Zehntausende Menschen. Es war, als würde sich eine lange angestaute Wut entladen, und sie speiste sich auch aus der Tatsache, dass es mit Franco eine Frau getroffen hatte, die keine Schuld an diesen Zuständen trug. Es war Francos erstes Abgeordnetenmandat, und so, wie sie es ausfüllte, stand sie für vieles, wofür brasilianische Politiker sonst nicht unbedingt stehen. Franco war weltoffen und dialogbereit. Nie geriet sie in den Verdacht, ihr Amt zu nutzen, um sich persönlich zu bereichern. Sie lächelte, wenn sie in der Câmara ans Rednerpult trat, aber dann hielt sie mit scharfen Worten der Welt da draußen einen Spiegel vor.

Vieles deutet darauf hin, dass Franco deshalb sterben musste. Es ging darum, ihre Stimme auszuschalten.

An einem Morgen, zwei Wochen nach ihrem Tod, beugt sich ihre Lebensgefährtin Mônica Benício in der Küche ihres kleinen Hauses im Viertel Tijuca über die Spüle und wäscht das Blut von einem Schlüsselbund, den sie tags zuvor mit anderen persönlichen Gegenständen von der Polizei erhalten hat. Draußen im Hof steht ein Eimer, in dem Benício Francos Rucksack einweicht.

"Wahnsinn", sagt sie. "So viel Blut."

Benício hätte es einfacher haben können. Man hat ihr angeboten, die Sachen, so gut es eben geht, zu reinigen, aber sie hat das abgelehnt. Das Waschen, sagt sie, helfe ihr beim Abschiednehmen.

32 Jahre ist Benício alt, sie macht gerade ihren Abschluss in Architektur, aber jetzt weiß sie nicht mehr, wie es weitergehen soll. Fünf Kilo hat sie abgenommen in den letzten Tagen. Auf dem T-Shirt, das um ihren dünnen Körper schlackert, pappt ein Sticker mit der Aufschrift "Marielle lebt". Gestern auf der Wache erklärte ihr ein Kommissar, dass sie in verschiedene Richtungen ermitteln, aber im Grunde heißt das, es fehlt noch immer jede Spur, die zu den Tätern oder ihren Auftraggebern führen könnte.

Was Benício weiß, das hat sie aus den Zeitungen erfahren. Dass die Ermittler Telefondaten auswerten und Kamerabilder aus dem Parlament. Dass sie versuchen, den Weg der Projektile zurückzuverfolgen, die vor Jahren aus Beständen der Polizei entwendet worden waren. Benício blickt kurz von der Spüle auf.

"13 Kugeln", sagt sie. "Aus dem Nichts. Als wäre sie nicht mal der Mühe wert, vorher bedroht zu werden."

Zum letzten Mal gesehen haben sie sich gegen Mittag in Francos Büro, in dem Benício afrikanische Vorhangstoffe ausmaß. Wenig später gaben sie sich am Fahrstuhl einen letzten, flüchtigen Kuss, so wie sie es meistens taten in der Öffentlichkeit, seitdem sie sich vor Jahren auf einem Kirchenausflug zum ersten Mal begegnet waren. Benício war 18 damals, Franco, die bereits eine fünfjährige Tochter hatte, 24. Es war eine Liebe, die es dort, wo sie herkamen, nicht geben durfte.

Rios Armenviertel Maré ist ein unüberschaubares Dickicht, in dem 140.000 Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Über die Einhaltung moralischer Gesetze wachen vor allem die Chefs der Drogenbanden, die in solchen Fällen regelmäßig sogenannte Korrekturvergewaltigungen anordnen. Die Ablehnung von Francos Eltern, die Ende der Siebzigerjahre aus dem armen Nordosten nach Rio gekommen waren und in der Maré eine kleine Bar eröffnet hatten, reichte so tief, dass Francos Mutter Benício nicht einmal auf der Beerdigung grüßte.

"Wie viele müssen noch sterben, bis dieser Krieg endlich vorbei ist?"

"Wenn sie wenigstens jemand bedroht hätte", sagt Benício. "Dann hätten wir den Wagen panzern lassen können."

Eine Weile mieteten sie sich ein kleines Zimmer. Immer dann, wenn der Druck zu groß wurde, versuchten sie ihr Glück wieder mit Männern. Mal waren sie "on", dann wieder "off", und trotzdem, sagt Benício, seien ihre Leben immer parallel verlaufen. Sie waren auf derselben Schule, sie tanzten auf denselben Funk-Partys, sie gingen auf dieselbe Uni. Statistisch besitzt einer von 2000 Bewohnern der Maré einen Hochschulabschluss. Franco war eine von ihnen."Marielle wollte die Welt verändern", sagt Benício.

"Brasilien hat eine Ikone gewonnen, ich habe eine Tochter verloren." So sagt es der Landtagsabgeordnete Marcelo Freixo, der über die Jahre zu einem politischen Ziehvater für Franco geworden war, an einem dieser Tage in seinem Büro. Freixo ist der bekannteste Politiker der kleinen Linkspartei PSOL, für die auch Franco angetreten war. Bei den letzten Bürgermeisterwahlen scheiterte er knapp. Unter Freixos Augen zeichnen sich tiefe Ringe ab. Er sagt, er finde nicht mehr in den Schlaf. Wenn er nachts im Bett liege, dann wälze er die Frage, warum es nicht ihn selbst traf.

Freixo, so viel kann man sagen, wäre ein näherliegendes Opfer gewesen. Seitdem er vor Jahren einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss leitete, der zum ersten Mal das Wirken paramilitärischer Milizen in Rio de Janeiro eingehend durchleuchtete, lebt er mit Morddrohungen. Personenschützer bewachen ihn rund um die Uhr. Aus Sorge um seine Sicherheit brachte ihn Amnesty International für eine Weile außer Landes. Freixo lächelt etwas gequält.

"Wenn ich in Berlin von unseren Ermittlungen berichtete, dann schaute man mich verständnislos an", sagt er. "In Rom aber, da wussten sie, wovon ich rede."

Als sich Ende der Siebzigerjahre in einigen Favelas die ersten Milizen gründeten, diente dies dem Zweck, die Viertel gegen eine zunehmende Gewalt der Drogenbanden zu verteidigen. Es waren private, meist von Polizisten angestoßene Initiativen, gegen die die Politik nichts einzuwenden hatte. Über die Jahre aber verwandelten sie sich in ein mafiaähnliches Gebilde, das heute etwa ein Drittel von Rios Favelas kontrolliert. Dort erheben die Milizen Steuern auf Immobilienverkäufe, sie wachen über den Handel mit Gas, verkaufen illegale Kabelfernsehlizenzen oder treiben Schutzgelder ein. Wer ihre Forderungen nicht erfüllt, bezahlt den Ungehorsam häufig mit dem Leben.

In seinem Abschlussbericht, den Freixo damals dem Untersuchungsausschuss vorlegte, führte er 226 Namen von Personen auf, die nachweislich Kontakte zu Milizen hatten, darunter mehr als zwei Dutzend Abgeordnete sowie hochrangige Polizisten und Gefängnisangestellte. Freixos Bericht blieb für die meisten folgenlos.

Franco arbeitete damals als studentische Hilfskraft in seinem Büro. Später koordinierte sie Freixos Arbeit für die Menschenrechtskommission des Landtags. Regelmäßig saßen damals Menschen in ihrem Büro, deren Angehörige Opfer der Milizen geworden waren. Franco bereitete die Fälle auf, sie hörte zu und schaltete die Staatsanwälte ein. Das behielt sie nach ihrer Wahl zur Abgeordneten bei.

"Marielle konnte kämpfen wie eine Löwin", sagt Freixo.

Als im vergangenen Jahr der Abgeordnete Marcello Siciliano, dessen Wahlkreis den Milizen zugerechnet wird, im Plenarsaal sagte, dass das Wort von Frauen hier nichts wert sei, stürmte Marielle Franco an das Rednerpult und brüllte ihn nieder.

Sie regte sich auf, wenn ihr die älteren Kollegen im Fahrstuhl verstohlen auf die Brüste starrten. Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass schwarze Frauen nur ein Drittel dessen verdienen, was ein durchschnittlicher weißer Mann verdient. Immer wieder wies Franco darauf hin, dass es nicht sein könne, dass minderjährige Mütter aus der Maré immer noch in dreckigen Hinterhöfen abtreiben müssen, weil sie sich die schicken illegalen Kliniken der Oberschicht nicht leisten können. Ungleichheit, Gewalt, Rassismus, das waren Francos Themen. Und sie verdichteten sich in ihrer Kritik an einer gescheiterten Sicherheitspolitik.

Mehr als ein Jahrzehnt lang wurde die Sicherheit der Stadt im Wesentlichen aus der Perspektive der anstehenden sportlichen Großereignisse betrachtet. WM- und Olympia-Touristen sollten sich in Rio sicher fühlen. Für die Behörden bedeutete dies, dass sie Zugriff kriegen mussten auf einige Dutzend zentral gelegene Armenviertel, die in der Hand verschiedener Drogenbanden waren. Es waren Orte, in denen sich der Staat bis dahin nur gezeigt hatte, wenn er bewaffnet gegen Dealer vorging. Jetzt aber sollten Tausende in Crashkursen ausgebildete Friedenspolizisten diese Parallelwelten zurückerobern, indem sie in neu gebauten Wachen dauerhaft Dienst schoben.

Während die Milizen, deren Gebiete vorwiegend am Stadtrand liegen, im toten Winkel der Aufmerksamkeit still an Einfluss gewannen, wichen die Drogenbanden zurück. Rio schien auf dem richtigen Weg zu sein. Internationale Zeitungen feierten den damaligen Sicherheitschef José Mariano Beltrame dafür, dass die Gewalt zurückging, aber Politiker überhörten seine Warnungen, dass Polizisten allein nicht ausreichen. Um diese Gebiete nicht nur vorübergehend zu besetzen, sondern nachhaltig zu befrieden, hätte es Schulen, Krankenhäuser, Sozialprojekte gebraucht.

Andre Liohn/ DER SPIEGEL

Francos Lebensgefährtin Benício vor dem gemeinsamen Haus in Tijuca: "Marielle wollte die Welt verändern"

Mit der olympischen Schlussfeier fiel Rios wichtigstes Milliardenprojekt in sich zusammen. Während die Stadt von einer tiefen Wirtschaftskrise erfasst wurde, nahmen die Drogenbanden ihre alten Reviere wieder ein. Heute verschanzen sich die Friedenspolizisten dort in Bunkern, die so sicher sind wie Pappcontainer.

Ihre Westen sind oft nicht kugelsicher. Ihre Autos haben keinen Sprit. Manchmal warten sie Wochen auf ihre Gehälter. Es sind Bedingungen, die sie anfällig gemacht haben. Viele Polizisten lassen sich dafür bezahlen, dass sie die Dealer vorab informieren, wo sie patrouillieren werden, und wenn sie wie früher mit Gewalt gegen die Banden vorrücken, dann hat dies oft den Grund, dass sie den Preis fürs Weggucken nach oben treiben wollen.

Ganze Bataillone sind auf diese Weise aus der Befehlsstruktur gefallen. Sie arbeiten heute auf eigene Rechnung. Dazu kommen die Milizen, deren Arm bis in die obersten Etagen der Sicherheitsorgane reicht. Gerade einmal zwölf Prozent der Morde werden aufgeklärt. Die Polizei von Rio de Janeiro ist handlungsunfähig. Diejenigen, die eigentlich die Gesetze hüten sollten, brechen sie oft zuerst.

Ein Großteil der Politiker, die diese Lage zu verantworten haben, sitzt mittlerweile wegen Korruption in Haft. Denen, die noch da sind, fehlt es an Geld, Interesse und Ideen, und auch deshalb regte sich in Rios gewaltmüder Bevölkerung kaum Widerstand, als der Präsident Michel Temer im Februar per Dekret beschloss, dem Militär die Sicherheit der Stadt zu übertragen. Sein oberstes Ziel, erklärte der zuständige General Walter Braga Netto, sei dabei die Säuberung der Polizei.

Der Anbau der Câmara Municipal, in dem sich die Abgeordnetenbüros befinden, ist ein weitverzweigtes, graues Labyrinth. An einem Morgen in der vergangenen Woche steht Francos frühere Büroleiterin Renata Souza im neunten Stock vor einer bunten, mit Kampagnenstickern vollgeklebten Tür und atmet tief durch.

"Schwierig", murmelt sie. Es ist das erste Mal, dass Souza wieder hier ist.

Als sie wenig später vor Francos Schreibtisch steht, blickt sie lange auf den leeren Stuhl. Eine aufgeschlagene Zeitung liegt noch dort, ein Kalender, in dem Franco mit anderen schwarzen Frauen posiert. Souzas Augen füllen sich mit Tränen.

"Es war immer so lebhaft hier", sagt sie nach einer Weile in die Stille.

Manchmal, wenn in ihren Vierteln wegen Schusswechseln die Schule ausfiel, saßen die Kinder der Putz- und Aufzugfrauen hier und zeichneten. Immer waren Leute da, die etwas auf dem Herzen hatten. "Ich kann es nicht erklären", sagt Souza, "aber irgendwie lag über diesen letzten Wochen eine sonderbare Schwere."

Kurz vor ihrem Tod hatte sich Franco für den Vorsitz einer Kommission gemeldet, die das Vorgehen der Militärs in den Armenvierteln überwachen wollte. Sie waren in Sorge, weil sie am eigenen Leib erfahren hatten, was so eine Intervention bedeuten könnte. Souza, die auch heute noch in der Maré lebt, sagt, dass die Soldaten, die damals für die Friedenspolizisten das Feld bereiteten, regelmäßig ihre Häuser stürmten. Sie durchwühlten ihre Haare auf der Suche nach Kokain. Außerdem befürchteten Franco und sie, dass Einheiten der Polizei die Anwesenheit der Militärs als Aufforderung verstehen könnten, noch rücksichtsloser gegen die Bevölkerung vorzugehen. Immer wieder meldeten sich Bürger, deren Fälle Franco öffentlich machte.

"Wir müssen schreien, damit alle wissen, was in Acari vorgeht", schrieb sie am 11. März auf Facebook. "Letzte Woche wurden zwei junge Männer getötet und in eine Schlammkuhle geworfen. Jetzt läuft das 41. Bataillon herum und terrorisiert die Leute. Das alles ist nichts Neues, aber seit der Intervention wird es schlimmer."

Am Dienstag, einen Tag bevor Franco starb, ging es um die Favela Jacarezinho, wo es einen jungen Mann erwischt hatte, der gerade aus der Kirche kam. "Noch ein Tod, der auf die Rechnung unserer Polizei gehen könnte", schrieb Franco. "Wie viele müssen noch sterben, bis dieser Krieg endlich vorbei ist?"

Souza hebt die Schultern. Gestern erzählte ihr eine Freundin, sie wisse aus sicherer Quelle, dass die Überwachungskameras am Tatort zwei Tage zuvor ausgeschaltet wurden. Sie fragt sich, wie so etwas gehen soll ohne Beziehungen. Im Nachrichtenportal des Journalisten Glenn Greenwald, dessen Lebensgefährte David Miranda ein Fraktionskollege Francos war, hat sie gelesen, dass in den Tagen vor dem Mord mehrere Milizionäre den Anbau des Parlaments besucht haben.

Was bedeutet das alles? Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen Dingen? Es ist ein Tod, der Rätsel aufgibt. Sie alle, Benício, Freixo und auch Souza wollen nicht spekulieren, aber sie wären überrascht, wenn die Spuren der Täter nicht auf die eine oder andere Weise zur Polizei führten. Möglich, dass es eine Warnung an die Generäle war, es nicht zu genau zu nehmen mit dem Aufräumen der Polizei. Nicht ausgeschlossen, dass es darum ging, auch jene einzuschüchtern, die ihnen dabei auf die Finger schauen.

Andererseits ist Brasilien ein Land, das sich nur langsam von einer schweren Rezession erholt. Die Debatten bestimmen heute rechte Populisten. In einem Klima allgemeiner Hemmungslosigkeit verdichtet sich der Eindruck, Politiker linker Parteien seien zum Abschuss freigegeben. Als Mônica Benício Francos Sachen wusch, lief im Radio ein Bericht darüber, dass am Vorabend zwei Wahlkampfbusse des ehemaligen Präsidenten Lula da Silva beschossen worden waren.

Benício war woanders mit ihren Gedanken. Marielle, sagte sie, sei ihr eigentlich noch ein Ferienwochenende schuldig.

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