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DER SPIEGEL
Ausgabe
15/2018

Interview mit Chemiewaffen-Experten

Wie sich Russlands Verantwortung zweifelsfrei klären lässt

Stammte die Substanz für den Anschlag auf Sergej Skripal aus einem russischen Labor? Der Chemiewaffenexperte Ralf Trapp erklärt die Beweislage.

AFP

Spezialisten des britischen Notdiensts für Biogefährdung bei der Arbeit

Von
Samstag, 07.02.2018   08:32 Uhr
DPA

Ralf Trapp

Ralf Trapp, Jahrgang 1953, beriet schon die DDR-Regierung in Abrüstungsfragen und in den Neunzigerjahren auch eine bundesdeutsche Delegation. Von 1993 bis 2006 arbeitete der Erfurter für die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW). Die Organisation überwacht die Einhaltung des Chemiewaffenverbots. Trapp ist heute noch Berater der OVCW, aber auch der Uno und der EU-Kommission.


SPIEGEL: Herr Trapp, am 4. März wurden der russische Doppelagent Sergej Skripal, seine Tochter sowie mehrere Polizisten und Einwohner Salisburys mit dem Kampfstoff Nowitschok verletzt. Der Westen macht Russland für den Anschlag verantwortlich. Jetzt hat das Militärforschungszentrum des britischen Verteidigungsministeriums in Porton Down erklärt, man wisse nicht, woher das Gift komme. Ist Russland damit entlastet?

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Aus dem SPIEGEL

Heft 15/2018
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Trapp: Nein, die britische Regierung hat offiziell nie behauptet, sie wisse, aus welchem Labor der Kampfstoff stamme.

SPIEGEL: Außenminister Boris Johnson hat allerdings den Eindruck erweckt, Russland stehe als Quelle fest. Und natürlich erwartet die Öffentlichkeit, dass geklärt wird, woher das Gift tatsächlich kommt.

Trapp: Das ist im Prinzip auch möglich. Kampfstoffe enthalten immer Verunreinigungen, die von den Vorprodukten oder etwa aus der Herstellung stammen. Diese chemischen Signaturen kann man dem Herkunftslabor zuordnen - vorausgesetzt, man hat Vergleichsdaten aus diesem Labor.

SPIEGEL: Wenn Russland Zugang zu allen Laboren gewähren würde, die mit Nowitschok zu tun haben, ließe sich die Frage beantworten, ob der Kampfstoff von dort stammt?

Trapp: Ja, wenn man wirklich alle relevanten Informationen erhielte.

SPIEGEL: Die Russen bestreiten, Nowitschok je produziert zu haben.

Trapp: Das ist die offizielle Position. In den frühen Neunzigerjahren haben Moskaus Diplomaten aber bereits inoffiziell eingeräumt, dass die Sowjetunion an Nowitschok gearbeitet hat und Russland diese Arbeiten dann noch eine gewisse Zeit weiterführte. Und mehrere ehemalige Mitarbeiter des Entwicklungsprogramms erzählen ja auch in Interviews von ihrer Arbeit mit Nowitschok.

SPIEGEL: Die Fachleute des Labors Porton Down sprechen von einem Nervenkampfstoff der "Nowitschok-Gruppe oder eng Verwandtem", was für Empörung sorgte, weil es so klingt, als wüssten sie nicht, um welches Gift es sich handelt.

Trapp: Das zeigt nur, dass die britischen Kollegen ihre Worte sorgfältig wählen. Sie haben den Nervenkampfstoff schon genau identifiziert, aber Nowitschok bezeichnet nicht eine einzige Substanz, sondern eine ganze Gruppe sogenannter organischer Phosphorsäureester. Und zweitens: Eine der Methoden, mit denen die Blutproben der Opfer untersucht werden, beruht auf der Freisetzung der Molekülstruktur des Kampfstoffs aus sogenannten Addukten - ein Teil des freigesetzten Moleküls kommt dann aber von der Untersuchungsmethode selbst.

SPIEGEL: Gary Aitkenhead, der Chef von Porton Down, sagte, die Herstellung der in Salisbury eingesetzten Version von Nowitschok sei so anspruchsvoll, dass sie "vermutlich nur" in staatlichen Laboren erfolgt sein könne.

Trapp: Nowitschok-Verbindungen sind nicht stabil, und das Endprodukt ist hochtoxisch. Man benötigt erhebliche Erfahrung im Umgang mit solchen Stoffen sowie besondere Schutzvorkehrungen - der Stoff ist ja hochgiftig und lähmt die Atmung und den Herzmuskel. Es ist kein Zufall, dass die Sowjetunion Jahrzehnte brauchte, um Nowitschok zu entwickeln und herzustellen.

SPIEGEL: Terroristen und Kriminelle könnten das nicht?

Trapp: Kaum, und mit dem Kampfstoff allein ist es auch nicht getan. Will man ihn einsetzen und die potenziellen Opfer töten, muss man ihn erst einmal mit einem Trägermittel, etwa einer Lösung, mischen und dann testen, ob das zuverlässig funktioniert. Solche Tests sind gefährlich und langwierig, das unternehmen eigentlich nur Staaten.

SPIEGEL: Wie lässt sich der Kampfstoff transportieren?

Trapp: Eine einzelne Probe würde in eine gasdicht verpackte Flasche passen, die Sie in die Hosentasche stecken können und die bei Kontrollen am Flughafen nicht auffallen würde. Man könnte auch die Ausgangsstoffe mitnehmen, es sind ja gängige Chemikalien, etwa aus der Pestizidindustrie.

SPIEGEL: Der oder die Täter könnten die Substanz also auch erst in Salisbury gemischt haben?

Trapp: In einer "Glovebox" wäre das denkbar. Die ist aus Glas, gasdicht verschlossen, und man kommt von außen mit Handschuhen hinein, führt drinnen die Synthese durch und füllt den Stoff dann ab. Anschließend reinigt und entsorgt man die Glovebox. Das ist machbar.

SPIEGEL: Russlands Präsident Wladimir Putin behauptet, viele Länder seien in der Lage, Nervengifte wie Nowitschok herzustellen.

Trapp: Es gibt mit Sicherheit mehr Labore als nur die russischen, die mit Nowitschok gearbeitet haben. Einige chemische Strukturen wurden Anfang der Neunzigerjahre bekannt, da lag es nahe, dass Labore, die sich mit dem Schutz vor Chemiewaffenbefassen, diese Substanzen herstellten, um Gegenmittel entwickeln zu können. Aber nur bei den Sowjets war diese Arbeit Bestandteil eines Entwicklungsprogramms für chemische Waffen.

Juri Kadobnov/AFP

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SPIEGEL: Wer hat sich im Westen mit dem Stoff befasst?

Trapp: Es gibt Hinweise, dass die USA in die gleiche Richtung forschten, es ist aber nicht klar, ob daraus ein Waffenprogramm wurde.

SPIEGEL: Russland ist 1997 der Chemiewaffenkonvention beigetreten, die chemische Kampfführung weltweit ächtet. Darf es Nowitschok überhaupt besitzen?

Trapp: Forschung und Entwicklung im Rahmen nationaler Schutzprogramme sind erlaubt. Aber natürlich bricht ein Staat, der ein Attentat wie in Salisbury zu verantworten hat, die Chemiewaffenkonvention.

SPIEGEL: Mitgliedstaaten der Konvention müssen bestimmte Chemikalien melden. Ist Russland dem nachgekommen?

Trapp: Die hier relevanten Nowitschoks und ihre Vorprodukte sind nicht meldepflichtig.

SPIEGEL: Ist das nicht ein Fehler?

Trapp: Nach der Jahrtausendwende ist darüber diskutiert worden, auch für diese Stoffe eine Meldepflicht einzuführen. Doch die Meldelisten der Chemiewaffenkonvention sind öffentlich. Und eine Reihe von Staaten fürchtete, der Weiterverbreitung Vorschub zu leisten, wenn Beispiele für diese neue Generation von Nervenkampfstoffen bekannt würden.

SPIEGEL: Die OVCW überprüft die Einhaltung der Konvention und ist für ihre Arbeit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Sie hat angekündigt, kommende Woche eine Untersuchung zu Salisbury abzuschließen.

Trapp: Erwarten Sie nicht zu viel. Großbritannien hat die OVCW um rein technische Hilfe gebeten, die Herkunftsfrage wird da nicht geklärt werden.

SPIEGEL: Was kann die OVCW jetzt noch tun?

Trapp: Die Chemiewaffenkonvention gibt dem OVCW-Exekutivrat die Möglichkeit, eine Expertengruppe mit einer unabhängigen Bewertung der Fakten zu beauftragen. Mein Kollege Oliver Meier von der Stiftung Wissenschaft und Politik hat darauf hingewiesen. Das setzt allerdings voraus, dass der Exekutivrat eine entsprechende Entscheidung trifft.

SPIEGEL: Kann die Bundesregierung einen solchen Schritt in der OVCW vorschlagen?

Trapp: Ja, wenn sie befürchtet, Russland habe die Konvention verletzt.

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