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Panorama
Ausgabe
7/2018

Trend unter Jugendlichen

Die Nummer mit den Nackt-Selfies

Jeder vierte Teenager in Deutschland verschickt mit dem Handy Nacktbilder von sich. Die Eltern sind oft ebenso sorg- wie ahnungslos. Dabei kann Sexting zur persönlichen Katastrophe führen - wie im Fall von Anna.

Jan Feindt / DER SPIEGEL
Von
Sonntag, 11.02.2018   07:56 Uhr

Eine Frage ...
Jap.
Würdest du mir ein Bild von dir schicken?
Was meinst du mit Bild?
... du weißt, was ich meine.
Was willst du denn sehen??
Keine Klamotten.
Und weiter?
Hä? Wie weiter? Ja, keine Klamotten.
Du willst, dass ich mich nackt vor den Spiegel stelle und für dich ein Bild mache?

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 7/2018
Der Preis der Macht
 

An einem Nachmittag im April vor zwei Jahren zieht sich Anna in ihrem Zimmer so weit aus, bis das Einzige, was sie noch trägt, ihr Smartphone ist. Sie hält es in der rechten Hand. Anna ist 13 Jahre alt und geht in die sechste Klasse einer Realschule. Sie steht neben ihrem Bett vor dem Spiegel und fotografiert sich selbst, auf dem Bild sind ihre Brüste zu sehen, der Unterleib ist zu erahnen. Annas Mutter ist bei der Arbeit, der Stiefvater mit ihrem kleinen Bruder im Garten. Per WhatsApp schickt Anna das Foto ihrem Freund. Dann löscht sie es.

Drei Monate später sieht sie das Selfie wieder. Es geht in ihrer Klasse herum, in der Parallelklasse, der ganzen Schule, alle sehen es. Das Foto verfolgt sie bis heute.

Anna sitzt neben ihrer Mutter am Wohnzimmertisch, um über etwas zu reden, zu dem sie lieber schweigen würde. Von dem sie sich wünschte, es wäre niemals geschehen. Sie hat braune Haare und eine Zahnspange, ein hübsches Mädchen, ein ganz normaler Teenager. Ihren vollen Namen will sie nicht nennen, auch nicht den der Stadt, in der sie wohnt, irgendwo in Hessen. Die Familie will sich schützen, sie versucht, einen Weg zurückzufinden in die Normalität. Erzählen wollen Anna und ihre Mutter trotzdem, "damit so was anderen Mädchen erspart bleibt", sagt die Mutter. Was ist passiert?

Der Junge, dem Anna das Bild gesendet hat, ist drei Jahre älter als sie, seine Schule lag direkt gegenüber von ihrer. Die beiden waren seit zwei Monaten zusammen, als er Anna in jenem April auf WhatsApp eine Frage stellte: ob sie ihm ein Nacktfoto schicken könne. Es folgte ein Dialog, der ganz ähnlich lautete wie das Beispiel am Anfang dieses Textes (Die hier wiedergegebenen, tatsächlich geführten Chat-Dialoge entstammen Beispielsammlungen, die in der Präventionsarbeit eingesetzt werden.). Zunächst lehnte Anna ab. Der Junge versprach, er werde das Bild sofort wieder löschen. Und er schwor, es nicht weiterzuleiten.

"Ich hatte Angst, ihn zu verlieren", sagt Anna heute. "Er sollte nicht glauben, ich stelle mich an." Es sei ein "komisches Gefühl" gewesen, als sie sich auszog und vor dem Spiegel posierte. "Aber aufregend war es schon irgendwie auch."

Annas Mutter schüttelt den Kopf. "Kind halt", sagt sie knapp, weil sie weiß, eine bessere Erklärung gibt es nicht. Die Mutter ist eine zierliche Frau mit erschöpften Augen, sie trägt Fleecejacke und Hausschuhe. Als Anna zehn war, hat sie ihr ein Handy erlaubt, "es hat ja heute jeder so ein Ding". Das Nacktfoto ihrer Tochter hat sie noch nie gesehen. Will sie auch nicht.

Als die Beziehung zwischen Anna und ihrem Freund vier Wochen später zu Ende ist, schickt der Junge das Bild einer Bekannten weiter. Die lässt es einem Kumpel zukommen. Der sendet es an ein paar Mitschüler. Die leiten es weiter. Kurz vor den Sommerferien erreicht das Bild Annas Schule.

Hi.
Huhu.
Was machst du?
Nichts, gehe gleich duschen.
Würdest du mir vorher ein Foto schicken?

Den Begriff "Sexting", eine Mischung aus "Sex" und "Texting", definiert Wikipedia als "private Kommunikation über sexuelle Themen per Mobile Messaging" - wobei das Problem beginnt, wenn diese Kommunikation nicht mehr privat bleibt. Es geht um Texte, Bilder oder auch Videos, um freizügige Botschaften, die per Handy verschickt werden. In Deutschland gibt es zu diesem relativ neuen Phänomen erst wenige Studien, doch die vorhandenen Untersuchungen lassen den Schluss zu, dass Sexting unter Jugendlichen bereits weit verbreitet ist.

Und je aktueller die Studie, desto höher die Zahlen. 2013, vor fünf Jahren, veröffentlichten Mitarbeiter des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie der Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf eine Untersuchung, für die sie 160 Berufsschüler und Gymnasiasten zwischen 16 und 19 Jahren befragt hatten: Damals gaben nur zehn Jugendliche an, Nacktbilder von sich verschickt oder ins Internet gestellt zu haben, gut sechs Prozent. Drei Jahre später hatte laut einer Untersuchung an der Universität Bielefeld bereits mehr als jeder vierte Schüler zwischen 14 und 17 mindestens einmal ein erotisches Foto oder Video von sich gesendet (28 Prozent), jeder zweite Schüler eines empfangen (55 Prozent). Die Autorin interviewte 254 Jugendliche, auch das ist eine schmale Datenbasis, weshalb man die Resultate eher als Trendmeldungen lesen muss, weniger als exakte Werte. Bei einer anonymen Onlinebefragung in den USA antwortete jeder zweite Teilnehmer, als Teenager mit dem Partner sexuell explizite Nachrichten getauscht zu haben, mal ohne Foto, mal mit.

Meist folgen diese Bilder einer ähnlichen Ästhetik, wirken wie vom selben Regisseur inszeniert: ein nackter oder halb nackter Teenager im Bad oder im Kinderzimmer, jedenfalls in einem abschließbaren Raum, im Hintergrund zufälliger Alltag, ein Schrank, eine Badewanne, ein Bett. Alles von schräg oben ins Bild gerückt, aus der Perspektive, zu der ein ausgestreckter Arm mit dem Handy eben zwingt. Oder man sieht das frontal abfotografierte Spiegelbild samt dem Smartphone in der Hand.

Sexting muss nicht grundsätzlich zum Problem werden, nicht jedenfalls, wenn die Beteiligten damit einverstanden sind und die Fotos unter ihnen bleiben, was meistens der Fall ist. Man könne Sexting als eine "durchaus normale Form des erotischen Austauschs im Handyzeitalter" begreifen, sagt die Psychologin Nicola Döring von der Technischen Universität Ilmenau. Man muss es vielleicht sogar als eine durchaus unvermeidliche Form des zeitgemäßen Paarungsverhaltens sehen, wie es sie vermutlich jedes neue Medium mit sich brachte: Die Schrift führte zur Briefromanze, das Telefon zum Telefonsex, die Videokamera zu "Sex, Lügen und Video". Allerdings ist beim Sexting die Missbrauchsgefahr wesentlich höher. Ein Klick, und das Privateste ist öffentlich.

Wie oft es zum Missbrauch kommt, wie oft solche Bilder oder Videos bei Adressaten landen, für die sie nicht gedacht waren, weiß niemand genau. Die Folgen können schwerwiegend sein. Im Februar vergangenen Jahres nahm sich ein 14-jähriger Junge in den Niederlanden das Leben. Er sprang vom Balkon, nachdem eine frühere Mitschülerin sein Nacktbild auf Instagram hochgeladen hatte. In seiner letzten E-Mail schrieb er seiner aktuellen Freundin: "Ich werde sterben. Sorry für alles. Ich habe dich geliebt, Baby." Auch in den USA, in Kanada und Italien haben sich jugendliche Sexting-Opfer umgebracht.

Jan Feindt / DER SPIEGEL

Anna hat eine Freistunde, als eine Freundin sie auf dem Schulhof anspricht: Du, da gibt es so ein Bild von dir. Sie sagt nicht, was für ein Bild, Anna ist sofort alles klar. Sie fühlt sich, als hätte ihr jemand in die Magengrube geschlagen. Als sie am Nachmittag nach Hause kommt, verkriecht sie sich in ihr Zimmer und weint.

Die nächsten Tage werden zur Tortur. Anna sieht, wie andere Schülerinnen sich über ihre Handys beugen, sie hört, wie die Mädchen tuscheln. Ständig spricht jemand sie an, zeigt ihr das Selfie eines nackten Mädchens, sagt: Guck mal, das bist doch du! Anna streitet ab, weil man ihr Gesicht auf dem Foto nicht sehen kann, sie sagt, das sei doch bloß irgendein Bild aus dem Internet. Die anderen lachen nur, sie wissen es besser.

Warum hat sie sich nicht an einen Lehrer gewandt?

"Weil ich mich geschämt habe. Mir war die Sache total peinlich."

Ihr Bruder kommt die Treppe herunter, er ist sieben und neugierig, worüber sich die Großen so lange unterhalten. "Nichts für deine Ohren", sagt die Mutter und schickt ihn zum Nachbarsjungen.

Anna textet einigen Schülerinnen, die das Foto verschickt haben, fragt sie, was der Blödsinn solle. Die Antworten lauten immer gleich: Selber schuld, was bist du auch so doof und machst so ein Bild!

Hilfe oder Mitleid erhält sie nicht, und zwischen den Spott mischt sich etwas, das alles eher schlimmer macht: Bewunderung. "Ab und zu habe ich gehört, ich hätte voll den guten Körper", sagt Anna. Ansonsten immer dieselben Fragen, monatelang. Wie konnte das passieren? Warum hast du das gemacht?

Nach den Sommerferien beginnt die siebte Klasse, es wird ein qualvolles Schuljahr für Anna. Die Pausen verbringt sie aus Scham nicht mehr auf dem Hof, sie lungert allein im Flur herum. Zu Hause verlässt sie kaum noch ihr Zimmer, sie wird immer schweigsamer, hört den ganzen Tag Musik, vermeidet den Kontakt zur Mutter und zum Stiefvater, denen sie alles verschweigt. Ihre Noten werden schlechter, bald ist die Versetzung gefährdet.

"War mir völlig egal. Ich habe mir komplett andere Gedanken gemacht. Wie soll das weitergehen? Was soll ich tun, wenn mich die Leute auf der Straße erkennen und ansprechen?"

Erst sieben Monate nachdem sie das Foto gemacht hat, nimmt Anna all ihren Mut zusammen und erzählt der Mutter, was passiert ist. Bald darauf wird der Vorfall auch offiziell zum Thema an der Schule, zwei Lehrer holen Anna aus dem Unterricht, um mit ihr über das Nacktfoto zu reden. Anna denkt, sie wollten mit ihr besprechen, was man tun könne, damit sie nicht länger gemobbt werde. Aber die Lehrer beginnen das Gespräch mit einer Frage, die sie schon kennt: Was hast du dir bloß dabei gedacht?

Nichts wird besser. Das Bild hat ein digitales Spinnennetz um ihr Leben gezogen, sie fühlt sich gefangen. Anna wechselt auf eine andere Schule in einem anderen Ort. Hier hat niemand das Foto je gesehen oder davon gehört. Ein Neuanfang.

Also, machst du das Bild?
Gute Nacht.
Na los. Oder sollen alle die anderen Bilder sehen?
Nein, bitte.
Ja, dann mach doch ein Bild.

Catarina Katzer leitet das Institut für Cyberpsychologie und Medienethik in Köln, sie untersucht, wie digitale Kommunikation unser Verhalten beeinflusst: Wo liegt die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem? Warum können gerade Teenager diese Grenze oft schlecht erkennen? Katzer nennt ein paar Zahlen: 92 Prozent der 12- und 13-Jährigen besitzen ein Smartphone, und ab 14 herrscht in Deutschland quasi Vollausstattung. Kein Gerät nutzen Kinder und Jugendliche öfter, um online zu gehen, im Schnitt sind sie mehr als drei Stunden pro Tag im Netz. "Die Pubertät wird im Digitalen gelebt", sagt Katzer, "und das Digitale verschärft die Pubertät."

Als ob die Zeit, in der das Begehren und das Begehrt-werden-Wollen erwachen, nicht schon analog schwer genug wäre. Früher haben die Teenager stundenlang das Festnetztelefon blockiert, heute chatten sie mit dem Handy. Früher haben sie sich Zettel mit zweideutigen Botschaften zugesteckt, heute schicken sie sich eindeutige Fotos. Sexting ersetzt nicht das Händchenhalten und auch nicht den ersten Griff unter den Pulli, es kommt bloß hinzu, als Vorspiel zum Vorspiel. Und kein Erwachsener soll glauben, er würde es nicht genauso machen, wenn er heute jung wäre.

Der pubertäre Kampf um Aufmerksamkeit hat mit den sozialen Medien eine riesige neue Bühne erhalten. Katzer sagt, unter Teenagern bestehe ein "immenser Selbstdarstellungsdruck", es habe sich eine "Selfie-Manie" entwickelt. Je mehr Likes, desto größer das Selbstwertgefühl. Sie schätzt, dass jeder dritte Teenager sextet.

Forscher sprechen vom "Privacy-Paradox", der Privatsphärenfalle im Digitalen. Allein mit sich und dem Computer, hat der Nutzer das Gefühl, er sei unbeobachtet. Die Hemmschwelle sinkt. Ein Schüler, der ein Nacktfoto von sich verschickt, denkt nicht daran, dass ihn damit möglicherweise mehr Menschen hüllenlos sehen werden, als wenn er splitternackt ins Klassenzimmer liefe. Ein Viertel der 14- bis 17-Jährigen, die sexten, senden Bilder an eine Person, die sie nur aus dem Internet kennen.

"Bewunderung und Bestätigung sind vor allem für Mädchen wichtig", sagt Catarina Katzer. "Sie möchten sich begehrenswert und sexy fühlen und auch so wahrgenommen werden." Darum schicken Mädchen häufiger Bilder als Jungen.

Schüler leiten die Fotos aus Spaß weiter, aus Langeweile oder Rache. Oder um anzugeben: Bei Jungs gelten Nacktbilder auf dem Handy als Trophäe. Weil sie, die Täter, nicht direkt miterleben, wie das Opfer auf Mobbing und Hetze reagiert, empfinden sie keine Empathie. In einer österreichischen Studie waren vier von fünf Befragten der Meinung, wer ein Nacktfoto von sich verschicke, müsse in Kauf nehmen, dass man es verbreite. Die Täter legitimieren ihr Verhalten, indem sie dem Opfer die Schuld geben. "Im Netz sieht man keine Tränen", sagt Katzer.

Jan Feindt / DER SPIEGEL

An einem Montagnachmittag rutschen die Schüler der Klassen 9a und 9b des Georg-Büchner-Gymnasiums in Kaarst auf ihren Stühlen hin und her, in der Aula ist es dunkel. Auf der Bühne stehen Schauspieler einer Kölner Theatergruppe, das Stück, das sie aufführen, heißt "Update". Es handelt von Elena und Kiara, die beste Freundinnen sind, bis ein Neuer an ihre Schule kommt: Leo, Fußballtalent und Mädchenschwarm. Als Leo bei Kiara abblitzt, macht er sich an Elena ran.

Leo schreibt ihr gerade eine Nachricht mit dem Handy, den Text liest er laut mit: "Schick doch mal ein Bild, so eins ohne Klamotten."

Elena antwortet: "Will nicht. Guck doch einen Porno."

"Nee, du bist was Besonderes."

"Wieso denn?"

"Mag dich. Komm schon, bitte, bitte, bitte, Smiley, bitte, bitte, bitte, Smiley."

Elena dreht den Zuschauern den Rücken zu. Sie deutet an, wie sie ihr Sweatshirt hebt und ein Foto von ihren Brüsten macht.

"Nein!", ruft ein Mädchen im Publikum. Eine Reihe dahinter beugt sich ein Schüler grinsend zum Nachbarn und flüstert ihm etwas zu.

Elena schickt Leo das Bild, und der leitet es an sein komplettes Adressbuch weiter. Aus den Lautsprechern in der Aula erklingen die Wörter "Hashtag Tittchen". Die Schüler lachen, die Schülerinnen nicht.

Neben dem Mischpult steht Nadine Artmann, Chemielehrerin und Medienbeauftragte des Gymnasiums. Es war ihre Idee, eine Aufführung über Sexting an der Schule zu zeigen. Sie war der Meinung, reden allein reiche nicht, durch Theater werde die Problematik anschaulich.

Artmann sagt: "Wir sind eine kleine Schule im Grünen, bislang sind wir zum Glück von massiven Fällen verschont geblieben, aber wir dürfen nicht warten, bis der Horror eingetreten ist."

Bei Elternabenden zum Thema Medienkompetenz fragt sie gern, wer mit seinem Kind regelmäßig darüber rede, was es mit dem Smartphone machen dürfe. Meist meldet sich keiner, was nicht verwundert: Fast jedes zweite Kind lernt weder zu Hause noch in der Schule den Umgang mit digitalen Medien. Als Nächstes fragt Artmann, warum man sein Kind erst dann mit einem scharfen Taschenmesser schnitzen lasse, wenn es den Umgang damit beherrsche, es aber mit dem Handy von Anfang an allein hantieren lasse. "Obwohl es das gefährlichere Gerät ist." Jedes Mal herrsche betretenes Schweigen.

Auf der Bühne steht Elena, das Mauerblümchen, und sagt: "Warum ich das gemacht habe? Keine Ahnung. Hab mich halt gefreut, dass auch mal jemand auf mich guckt. Und wenn's nur auf die Titten ist."

Leo sagt: "Wie's mir geht? Ich bin jetzt mit Kiara zusammen. Läuft." Kiara setzt sich auf seinen Schoß, sie sagt: "Ich häng auch nicht mehr mit Elena ab. Voll die Bitch!" Sie nimmt Leos Handy, spielt damit rum. "Warum hast du mich eigentlich noch nie nach 'nem Nacktfoto gefragt? Bin ich hässlich? Du Spast! Du Fickfehler!"

Seit 1990 gibt es das Tourneetheater Comic On! aus Köln. Das Ensemble will Kinder und Jugendliche aufmerksam machen auf Risiken, die es in ihrer Lebenswelt gibt. Angefangen hat es mit einer Vorstellung über einen Neonazi, dann folgten Ecstasy und Aids, Übergewicht und Fremdenfeindlichkeit. Die aktuelle Produktion über Sexting läuft 90-mal im Jahr, in ganz Deutschland. Die Theatergruppe ist noch vor keiner Klasse aufgetreten, in der niemand mit Sexting in Berührung gekommen ist.

Nein. Sorry.
Wenn du zu schüchtern bist, schick eins in Unterwäsche. Nicht nackt.
Hahaha. Warum willst du es unbedingt?
Ich mag dich.

Nur sechs Monate lang hat Anna Ruhe an ihrer neuen Schule, dann geht der Irrsinn wieder los. Dieses Mal zirkuliert nicht nur das Nacktselfie. Unter dem Foto steht auch ihre Handynummer. Anna bricht in Tränen aus, rennt zum Lehrerzimmer, sie will mit dem Schulleiter reden, sofort, sie will das alles nicht noch einmal durchmachen.

Es ist noch nicht lange her, dass eine andere Schülerin wegen eines Nacktfotos gemobbt wurde, darum weiß der Direktor, was zu tun ist. Er informiert die Klassenlehrer, sagt ihnen, sie sollen ihre Schüler auffordern, das Foto zu löschen. Wer sich weigere oder das Bild vorher teile, müsse mit einem Verweis rechnen.

Anna sagt, es sei furchtbar gewesen, in den nächsten Tagen zur Schule zu gehen. Sie fragte sich, ob die Drohung des Direktors wirke, sie hatte Angst, fühlte sich beobachtet.

Das Foto verschwindet so schnell, wie es aufgetaucht ist. Trotzdem bleibt Anna misstrauisch, sie sucht im Netz nach dem Bild, googelt ihren Namen, googelt ihn zusammen mit dem Wort "Selfie", mit dem Wort "Nacktfoto". Anna entdeckt es nicht. Und kann sich trotzdem nicht sicher sein, dass es für immer weg ist.

Vom zweiten Fall hat Anna ihrer Mutter noch am selben Tag erzählt. Sie sagt, am Wohnzimmertisch: "Ich kenne jetzt voll viele an meiner neuen Schule, die Bilder von sich verschickt haben. Ich bin die Person, der man es erzählen kann. Weil die wissen, ich behalte es für mich, bei meiner Geschichte."

Ihre Mutter schüttelt den Kopf: "Ich bin schockiert."

"Ihr Eltern wisst doch gar nicht, was in meinem Alter abgeht."

"Ich wünsche mir, dass Anna jetzt früher zu mir kommt, wenn mal was ist", sagt die Mutter. "Ich bin wieder näher an ihr dran." Sie macht sich immer noch Sorgen. "Irgendwann muss sich meine Tochter für einen Job bewerben - was passiert denn, wenn ihr Chef von dem Foto erfährt?"

Jan Feindt / DER SPIEGEL

Gesa Stückmann steht morgens um kurz vor zehn in ihrer Kanzlei vor einer Kamera, zwei Scheinwerfer strahlen sie an. Stückmann, 49, ist Anwältin und spezialisiert auf Cybermobbing und Sexting. Gleich beginnt ihr Web-Seminar, eine interaktive Schulung im Netz, live übertragen, das Thema lautet: "Recht im Internet". Gesa Stückmann drückt den Rücken noch einmal durch, dann sagt sie: "Guten Morgen aus Rostock!"

Sie gibt dieses Seminar bis zu 30-mal im Monat, für Lehrer, Eltern und Schüler. An diesem Morgen sind neun Klassen zugeschaltet, sechs aus Bayern, zwei aus Mecklenburg-Vorpommern und eine aus Bulgarien, von der deutschen Schule in Sofia. In den nächsten anderthalb Stunden erklärt sie anhand ihrer Fälle, wie sich Sexting-Opfer wehren können. Wie sieht die Rechtslage aus? Welche Ansprüche können sie geltend machen?

Ab dem 14. Geburtstag gilt in Deutschland ein Kind nicht mehr als Kind, sondern als Jugendlicher. Wer 14 ist oder älter, darf erotische Bilder von sich machen, darf sie an den Freund oder die Freundin verschicken. Sind aber Jüngere beteiligt, kann es gefährlich werden. Gesa Stückmann nennt folgendes Beispiel: "Ein Schüler, 16 Jahre alt, lässt sich von einer Schülerin, 11 Jahre alt, ein explizites Nacktfoto schicken." Schon die Aufforderung des Schülers ist unzulässig, weil er dadurch Kinderpornografie anfordert. Leitet er das Bild weiter, verstößt er gleich gegen mehrere Paragrafen.

Erstens, Paragraf 201a des Strafgesetzbuchs: Es ist verboten, ein Foto einer Person gegen ihren Willen zu verbreiten, wenn dieses geeignet ist, ihrem Ansehen "erheblich zu schaden". Zweitens, Paragraf 184b: Der Schüler macht sich schuldig, weil er Kinderpornografie verbreitet. Auch wenn das Mädchen zwischen 14 und 17 wäre, dürfte er das Foto nicht in Umlauf bringen. Je nachdem, was auf dem Bild zu sehen ist, liegt eine jugendpornografische Darstellung vor. Wer 18 oder älter ist und so ein Bild versendet, muss schlimmstenfalls für drei Jahre in Haft.

Stückmann spricht ins Mikrofon, appelliert an die Klassen: "Wenn ihr so ein Bild bekommt, sendet es nicht weiter. Unterbrecht die Kette! Und dann löscht es."

Denn schon der Besitz eines solchen Bildes ist nicht erlaubt. Stückmann rät den Schülern, WhatsApp so einzustellen, dass Fotos nicht automatisch heruntergeladen werden. "Unwissenheit schützt vor Strafe nicht", sagt sie.

Wenn Stückmann ein Sexting-Opfer vertritt, schickt sie dem Täter eine Abmahnung, kommt es zum Prozess, fordert sie Schmerzensgeld. "Frage an die Schüler: Was glaubt ihr, wer muss zahlen? Die Eltern oder das Kind?" Die Schüler stimmen per Knopfdruck ab. Ihre Antwort: die Eltern. "Das ist falsch. Das Kind muss zahlen."

Ein Schüler aus Sofia meldet sich zu Wort: "Was ist, wenn das Kind nicht so viel Geld hat?" Stückmann sagt, dass der Richter das Kind dann trotzdem zur Zahlung verurteile. Sie lässt die Klassen schätzen, wie lange ein Urteil gültig ist: 3 Jahre oder 5? Sind es 10? Vielleicht 20? Sogar 30? Die meisten Klassen vermuten 10 Jahre. Richtig ist 30. Nach dem Urteil hat das Opfer 30 Jahre lang das Recht, den Schadensersatz zu erhalten. "Mit Zinsen", sagt Stückmann.

Auch Annas Mutter hat Anzeige erstattet. Weil Anna zur Zeit des Vorfalls noch nicht 14 war, hätte ihr damaliger Freund möglicherweise wegen Verbreitung von Kinderpornografie belangt werden können. Der Staatsanwalt hat das Verfahren jedoch eingestellt, weil es keine Beweise für die Tat mehr gab: Anna hatte das Foto und die Chats gelöscht, der Junge auch.

Gesa Stückmann ist immer erstaunt, wie unbekümmert gerade die Erwachsenen sind. Keiner habe zum Beispiel gehört, dass Kinder unter 16 WhatsApp eigentlich nur mit ihrer Zustimmung benutzen dürfen. Stückmann sagt, wenn sie rede, säßen die Eltern oft erschrocken da "wie eine Kuh, wenn's donnert".

Den Schülern will Stückmann vermitteln, dass sie die Kontrolle über ein Foto verlieren, sobald sie es verschicken. Das Opfer dürfe nicht glauben, jemand leite ein erotisches Foto aus Versehen weiter. "Das ist eine dämliche Ausrede." Denn der Moment, in dem er auf den Sende-Button drückt, ist der Ursprung des Unglücks.

Du willst meinen Körper sehen?
Yeah.
Was willst du sehen? Meine Schenkel? Meine Brüste?
Jedes Bild, was du hast.

Und Anna? Sie macht jetzt eine Therapie, die ihr Selbstbewusstsein stärken soll. Einen neuen Freund hat sie auch, er wohnt hundert Kilometer weit weg, von der Sache mit dem Nacktfoto weiß er nichts. Anna wollte ihm davon erzählen, ließ es dann aber bleiben. Sie hofft, dass er das Bild nie erhält, dass es überhaupt niemals mehr irgendwo auftaucht.

Und was, wenn ihr Freund ein Nacktfoto von ihr verlangen würde?

"Dann muss er akzeptieren, dass er keins bekommt."


Im Video: SPIEGEL-Redakteur Maik Großekathöfer erklärt, wie er mit dem Thema Sexting konfrontiert wurde, worin die Gefahren bestehen - und wie Jugendliche selbst damit umgehen.

Foto: DER SPIEGEL

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