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Gesundheit
Ausgabe
48/2017

Kohlenmonoxid-Vergiftungen

"Shisha-Rauchen ist wie am Autoauspuff zu nuckeln"

In Shisha-Bars fallen immer wieder Gäste um: Kohlenmonoxidvergiftung. Die ersten Städte greifen mit neuen Auflagen durch. Doch wie groß ist die Gefahr wirklich?

Dominik Asbach / DER SPIEGEL

"Bless Hookah"-Besitzer Scharefi: "Luft mit Geschmack"

Von
Freitag, 24.11.2017   14:05 Uhr

Der Abend begann mit Mango-Tango. "Mein Lieblingsgeschmack", sagt Liam. Es war ein Samstag Anfang November, der Auszubildende saß im "Bless Hookah", einer Shisha-Bar in Krefeld, zusammen mit vier Freunden, alle Anfang zwanzig. "Ein paar Wasserpfeifen rauchen, ein bisschen quatschen", sagt Liam, "es hätte ein gemütlicher Abend werden können."

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Aus dem SPIEGEL

Heft 48/2017
Stunde Null
Land ohne ...Richtung, ...Einigkeit, ...Kanzlerin?

Wurde es nicht - und weil Liam nicht möchte, dass sein Chef erfährt, wie es an dem Abend weiterging, will er seinen Nachnamen hier lieber nicht lesen. Kurz nach elf Uhr hatten er und seine Freunde Hunger, sie gingen zu McDonald's. Als Erik, Liams Kumpel, einen Burger bestellte, klappte er plötzlich zusammen. Er fiel bewusstlos zu Boden, kam zu sich, stand auf, kurz danach kippte er ein zweites Mal um.

Ein Krankenwagen kam. Die jungen Männer erzählten den Sanitätern, dass sie Shisha geraucht hätten, daraufhin wurden sie mit einem Kohlenmonoxid-Messgerät untersucht. Erik hatte die höchsten Werte, er wurde nach Düsseldorf ins Universitätsklinikum gebracht. Auch Liam wies erhöhte Werte auf, er bekam eine Sauerstoffmaske aufs Gesicht, dann wurde er in eine Klinik in Krefeld eingeliefert.

Kohlenmonoxid, kurz CO, ist ein lebensgefährliches Gas. Es löst derzeit in ganz Deutschland Einsätze in Shisha-Bars aus: In Berlin-Neukölln räumten Polizisten einen Klub wegen zu hoher CO-Werte, in Düsseldorf musste die Feuerwehr mit Hochleistungslüftern Sauerstoff in eine verqualmte Bar pumpen.

So wie die Clique in Krefeld landeten auch Raucher in Bremen, Lörrach und Rosenheim vergiftet im Krankenhaus.

Die Fälle bringen eine Branche in Verruf, die in den vergangenen Jahren stetig wuchs. Shisha-Bars sind zu Szenetreffs für ein modernes Großstadtpublikum geworden, in Berlin oder Frankfurt gibt es rund hundert Bars, sie bieten Pfeifentabak in verschiedensten Geschmacksrichtungen an, etwa Blaubeere oder Kirsche. Dazu wird Minztee serviert.

Man kann Shishas mit Tabak oder Dampfsteinen rauchen, beide Varianten werden mit Kohlestücken erhitzt, die auf dem Kopf der Pfeife liegen. Die Kohle wird häufig in den Hinterzimmern der Bars angeheizt, mit Gaskochern oder in Öfen. Fehlt bei der Verbrennung Sauerstoff, wird entsprechend viel Kohlenmonoxid freigesetzt.

CO ist ein geruchloses Gas, man sieht es nicht, schmeckt es nicht. Es kann sich innerhalb weniger Sekunden in einer Bar ausbreiten. Wie viele Lokale ein ordentliches Lüftungssystem haben, überblickt niemand. "Es fehlt an einheitlichen Auflagen und Gesetzen", sagt ein Sprecher der Düsseldorfer Feuerwehr.

Manchmal vergiften sich Raucher auch an den Kohlestückchen, die auf ihrer Shisha liegen. Sie saugen das gefährliche CO über den Schlauch direkt in ihre Lunge. So fiel kürzlich ein Mann in Ohnmacht, während er an seiner Pfeife zog. Er knallte mit dem Gesicht auf die Shisha und schnitt sich die Wange auf.

Wenig später lag der Raucher vor Sven Dreyer im Universitätsklinikum Düsseldorf. Dreyer ist Notfallmediziner und hat in diesem Jahr schon mehr als 40 Shisha-Opfer behandelt, 2015 hatte er nur einen entsprechenden Fall. Der jüngste Patient war 14 Jahre, der älteste über 60. Sie alle seien ohnmächtig geworden, sagt Dreyer, manche kämen mit einem Krampfanfall bei ihm an, andere hätten sich eingenässt.

Kohlenmonoxid ist gefährlich, weil es sich im Körper an den Blutfarbstoff Hämoglobin bindet und verhindert, dass genügend Sauerstoff transportiert wird. "Man erstickt innerlich", sagt Dreyer. Shisha-Rauchen hält er für "ähnlich gesund, wie an einem Autoauspuff zu nuckeln".

Den Patienten drohen Spätfolgen wie Gedächtnisstörungen und Muskelzuckungen. Um das zu verhindern, schickt Dreyer sie in eine Druckkammer. Während der Behandlung kann das 20-fache der normalen Sauerstoffmenge im Blut gelöst werden, sodass das Gift aus dem Körper kommt.

Liam will trotz seines Krankenhausbesuchs weiter in Shisha-Bars gehen. Künftig werde er "darauf achten, vor dem Rauchen genug zu essen". Dreyer schüttelt den Kopf, wenn er so etwas hört: "Man wird nicht bewusstlos, weil man zu wenig gegessen hat", sagt der Arzt, "sondern weil man zu wenig Sauerstoff im Kopf hat."

Im Bless Hookah in Krefeld zieht Barbesitzer Samir Scharefi an seiner Shisha, das Wasser in der Pfeife blubbert. Scharefi sagt: "Wir atmen nur Luft mit Geschmack ein, mehr ist das nicht." Unter seinen Stammgästen seien Polizisten und Rechtsanwälte. "Angesehene Leute." Er besitzt mehrere Bars in Nordrhein-Westfalen, bis zu jenem Samstag Anfang November, sagt er, habe er in seinen Läden nie Probleme mit Kohlenmonoxid gehabt.

Das Ordnungsamt wird ihn bald für eine Kontrolle besuchen. Die Behörden greifen nun härter durch. In Essen drohen den Barbetreibern Strafen von bis zu 3000 Euro, wenn sie nicht nachrüsten. In Mülheim an der Ruhr sind Shishas mit Kohle in manchen Lokalen verboten worden, dort dürfen nur noch welche mit elektrischem Kopf geraucht werden. Die Ärztekammer Nordrhein fordert von der Landesregierung in Düsseldorf, CO-Warnmelder in den Bars vorzuschreiben.

Scharefi hat zwei solche Geräte in seiner Bar montiert. "Bei mir ist alles vorbildlich", sagt er. In dem Moment schlägt einer der CO-Melder Alarm, er piepst laut. Das Gerät misst den Anteil von Kohlenmonoxidpartikeln in der Luft, an einem normalen Arbeitsplatz in Deutschland darf der Wert von 30 nicht dauerhaft überschritten werden. Der CO-Melder im Bless Hookah zeigt einen Wert von 61 an. "Alles okay", sagt Scharefi, er drückt einen Knopf auf dem Melder, das Piepsen hört auf.

Brenzlig, meint er, werde es doch erst ab einem Wert von 100.

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