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Politik
Ausgabe
19/2018

Sigmar Gabriel über Thea Dorns Buch "deutsch, nicht dumpf"

Was Heimat und Nation bedeuten

Thea Dorns neues Buch "deutsch, nicht dumpf" beschreibt ein zeitgemäßes Heimatverständnis ohne Kitsch und Folklore.

imagebroker / Ullstein Bild

Installation des Künstlers Herbert Fell im thüringischen Henneberg

Ein Gastbeitrag von Sigmar Gabriel
Dienstag, 08.05.2018   04:18 Uhr
F. Gaertner / imago/ photothek

Sigmar Gabriel, 58, ist Mitglied des Deutschen Bundestags, war Außenminister und Vorsitzender der SPD.


Mit der Vaterlandsliebe verhält es sich wie mit jeder Form der Liebe: Um aufrichtig und von Dauer zu sein, setzt sie tiefe Kenntnis und vor allem Verständnis für das "Objekt" der Liebe voraus - mit all seinen guten und weniger guten Seiten, seinen Schwächen und Stärken und auch den Irrungen und Wirrungen, die das Leben mit sich bringt. Bleibt die Liebe nur ein emotionales Feuerwerk, ist sie nicht von Dauer. Und wird sie obsessiv, verklärend und starr, so entwickelt sie eine zerstörerische Dynamik. Thea Dorn beschreibt in ihrem neuen Werk "deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten", wie kritischer und reflektierter Patriotismus funktionieren kann - und weshalb wir ihn in Deutschland brauchen.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 19/2018
Geld für alle!
Zum 200. Geburtstag von Karl Marx: Wie ein besserer Kapitalismus die Welt gerechter machen kann

Thea Dorn greift den schwierigen, manchmal unnötig beladenen und oft missbrauchten Diskurs über die Sehnsucht nach Heimat auf vielschichtige und tief greifende Art und Weise auf. Sie vollbringt die Anstrengung, die überidealisierte, auf Abgrenzung, Herabsetzung und Überhöhung gründende deutschtümelnde, populistische Verklärung des Nationalen als das zu entlarven, was sie letztlich ist: eine fiebrige Wahnvorstellung nicht nur in unserem Land. Und zugleich schont Dorn die ängstlichen Vertreterinnen und Vertreter der linksliberalen Postmoderne nicht.

Deren überpädagogisierenden Umgang mit den Sehnsüchten der "somewheres" nach Identität, Zugehörigkeit und Orientierung in einer immer verwirrender erscheinenden Welt entlarvt sie auch: als intellektuelle Flucht der "anywheres" vor einer aufgeklärten, aber eben auch unbequemen Auseinandersetzung mit scheinbar belasteten Begriffen wie Leitkultur, Heimat, Identität und Nation, deren bloße Erwähnung die liberalen Geister fast schon im pawlowschen Reflex zusammenzucken lässt. Und die im Ergebnis diese Begriffe denen überlassen haben, die damit Ressentiments bedienen wollen. Patriotismus als braune Ideologie oder überholte Sentimentalität abzutun ist also ein fataler Fehler. Die Deutungshoheit darüber, was Heimat und Nation bedeuten, ist nicht exklusiv der extremen Rechten vorbehalten, und man sollte sie ihnen gerade jetzt nicht überlassen.

Der Versuch, den Irrungen und Wirrungen in der ideengeschichtlichen Entwicklung der Begrifflichkeit von Heimat, Nation, Leitkultur und anderen Signalworten nachzugehen und sie zu dekonstruieren, um sie anschließend - von ihrer ausgrenzenden Konnotation befreit - erneut zusammenzusetzen und für eine Orientierung einer modernen und heterogenen Gesellschaft nutzbar zu machen, führt zwangsläufig zu einer reichen und manchmal vielleicht etwas überreichen Erzählung. Aber die Autorin wollte offenbar nicht anderen eine mangelnde Bereitschaft zum differenzierten Umgang mit diesen aufgeladenen Begriffen vorwerfen, um dann selbst unterkomplex zu bleiben. Sie vollbringt ein wirkliches Kunststück in der Untersuchung der deutschen Entwicklung von Zeitgeschehen, Kunst, Politik, Literatur und Gesellschaft.

Thea Dorn sieht im Nationalstaat die bisher einzige Einheit, die Solidarität und Frieden nachhaltig zu schaffen vermag - solange jedenfalls, bis die Europäische Union nichts annähernd Gleichwertiges bieten kann. Wer ein Argument gegen Deutschtümelei, gegen die Fehlinterpretation und den Missbrauch des Begriffs der Nation, der Nationalstaatlichkeit oder der nationalen Souveränität sucht: Im Artikel eins findet sich die wichtigste Verteidigung für Thea Dorns Plädoyer "deutsch, aber nicht dumpf".

Zurück zur Liebe: Aus der scharfsinnigen Analyse zieht die Autorin die Bilanz, dass es durchaus möglich ist, "in Liebe" zur Bundesrepublik Deutschland zu verfallen, ohne in eine monströse, zerstörerische und narzisstische Obsession abzudriften. Allerdings funktioniert dieser vom Nationalismus streng unterschiedene Patriotismus nur unter der Voraussetzung, dass sich Politik und Bürger gleichermaßen damit beschäftigen, worauf der gegenwärtige Status quo Deutschlands begründet ist.

Dazu gehören natürlich die Gräueltaten der Nationalsozialisten, gegen deren Relativierung sich die Autorin immer wieder vehement wehrt. Genauso gehören allerdings der unterschätzte Einfluss der Teilung und Wiedervereinigung der Bundesrepublik, die jüdische Tradition, unsere Erinnerungskultur, die Aufklärung und das westlich geprägte Menschenbild dazu. In der deutschen Geschichte sind Licht und Schatten, Recht und Unrecht untrennbar miteinander verwoben - nur wer dies anerkennt, kann aufgeklärt patriotisch sein. Der Schlüssel liegt vielmehr darin, mit geschärftem Auge das Bewusstsein dafür zu schaffen, was Deutschland eigentlich ist: ein Land der Widersprüche, der Erfolge, der Niederlagen, der Verluste und Errungenschaften. Erst in der Fülle aller Facetten des Landes liegt sein Wesen - und darin der Weg zu einem pragmatischen und aufgeklärten Patriotismus.

Thea Dorn schaut zugleich immer wieder auf Europa: Aufgeklärte Patriotin und überzeugte Anhängerin Europas zu sein schließen sich für sie zu Recht nicht aus. Bei aller normalen und bereichernden Veränderung durch eine gestiegene und weiter steigende Heterogenität der deutschen wie anderer europäischer Gesellschaften gibt es für Thea Dorn allerdings doch etwas, was diesen gesellschaftlichen Veränderungen, der Diversität und der Globalisierung im wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Denken und Handeln standhalten muss: jenen ganz eigenen Charakter Deutschlands aus seinen Traditionen, Werten und Sichtweisen, der die nationale Identität prägt. Kopf und Herz müssen sich von Hölderlin und Auschwitz gleichermaßen erreichen lassen.

Seit den Siebzigerjahren galoppierte Deutschland durch tief greifende ökonomische, soziale und politische Veränderungen, die sich manchmal schneller in den Alltag fressen, als dass eine Gesellschaft sie verarbeiten kann. Das eigentlich Neue, das Verstörende und Nervosität Verursachende sind wohl die ungeheure Beschleunigung der Veränderungen und ihre Ungleichzeitigkeit: Früher kamen sie im Takt der Generationen. Kinder lebten, arbeiteten und dachten anders und an anderen Orten als die Eltern. Heute erleben wir Brüche, Veränderungen und vollständige Neuorientierung sogar mehrfach im Leben.

Wer nach den Ursachen dafür sucht, dass es überall Bürgerinitiativen und Widerstände gegen große wie kleine Bauvorhaben und Veränderungen im Nahbereich des Alltags gibt, der findet hier die Erklärung: Selbst das Schlechte soll manchmal so bleiben, wie es ist, weil man es wenigstens kennt. Wir leben deshalb in einer Zeit der Suche nach Orientierung, nach Halt. In einer Zeit der Suche nach Identität. Es ist die Antwort auf die Übersteigerungen der Postmoderne, nach der alles gleich wichtig oder gleich unwichtig sein sollte. Daher die wiederkehrende heftige Diskussion um den Begriff "Leitkultur".

Thea Dorn schlägt wegen der damit verbundenen gewollten und ungewollten Missverständnisse vor, sich dem Begriff der "Leitzivilität" anzunähern, der eben nicht die deutsche Currywurst oder Schloss Neuschwanstein meint, sondern europäische Werte. Einzig auf dem Feld der Bildungs- und Kulturpolitik plädiert die Autorin dafür, das reiche kulturelle Erbe Deutschlands wieder mehr in den Blick zu nehmen. Daraus entsteht für sie eine humane Botschaft an alle - an Biodeutsche ebenso wie an Zugewanderte.

Zum Schluss: Das Buch erscheint ja zu einer Zeit, in der sich die Politik besser darüber im Klaren ist, dass es da etwas Unerfülltes, Unbesetztes oder sogar falsch Besetztes gibt im Gefühlshaushalt unserer Nation. Anders ist es wohl nicht zu erklären, dass man das Innenministerium zu einem Heimatministerium erweiterte. Man kann sich darüber als aufgeklärter Liberaler lustig machen, aber die Wahrheit ist: Die CSU ist eine Volkspartei und hat gespürt, dass demokratische Parteien diesen Gefühlshaushalt besser nicht ignorieren.

Noch ist unklar, was der Instinktpolitiker Horst Seehofer daraus machen wird. Aber selbst die umstrittenen - und übrigens unvollständig zitierten - Aussagen des neuen Innen- und Heimatministers zum Islam lohnen den Streit. Denn offenbar gibt es zu der Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, nicht nur intellektuell, sondern auch und vermutlich vor allem emotionalen Gesprächsbedarf in der Republik. Den dürfen die Vertreterinnen und Vertreter der Aufklärung nicht scheuen. Thea Dorns Buch zeigt: Man kann diese Debatte führen, ohne dumpfe Ressentiments zu bedienen oder von der falschen - der rechtsradikalen und islamophoben Seite - Beifall zu bekommen. Vielleicht liest Horst Seehofer das Buch ja.

Das Buch ist eine kluge, abwägende und doch pathetische Streitschrift für ein Deutschland, das sich seiner Besonderheiten bewusst ist, ohne dabei auf Sonderwege zu geraten. Das weiß, was an Gemeinsamkeit notwendig ist, ohne die Vielfalt zu leugnen. Und das sich zu einer Nation bekennt, ohne sich dadurch von Europa oder der Welt zu trennen.

Bertolt Brechts Kinderhymne ist mir beim Lesen des Buches oft eingefallen: "Und weil wir dies Land verbessern / Lieben und beschirmen wir's / Und das liebste mag's uns scheinen / So wie andern Völkern ihrs." Sehr deutsch und überhaupt nicht dumpf.

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