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Politik
Ausgabe
1/2018

SPIEGEL-Leitartikel

Die schlimmsten Stunden 2017 - und die besten 2018

Trump fordert die Demokratie von innen heraus, China greift sie von außen an: Wie viel Verlass ist noch auf unser westliches System?

REUTERS
Von
Sonntag, 31.12.2017   08:51 Uhr

Was waren die schlimmsten Stunden des Jahres 2017 aus der Sicht eines liberalen Demokraten? Was könnten die besten sein im nächsten Jahr?

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Aus dem SPIEGEL

Heft 1/2018
Gesundes Neues!
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Die Antworten handeln von dem einen Mann, der die liberale Demokratie von innen so stark herausfordert wie kaum ein anderer zuvor, von Donald Trump.

Die schlimmsten Stunden im Jahr 2017? Trumps Reise nach Asien. Wie begeistert er da von den autokratischen Herrschern war, wie er sie umschmeichelt und hofiert hat, das war schwer zu ertragen. Als er in China weilte, konnte man die neue Weltordnung förmlich sehen.

Der starke, coole Mann war Xi Jinping, den eine Parteidiktatur an die Spitze des Staates gehievt hatte. Trump, Produkt demokratischer Wahlen, war der Knilch, der Clown, für den sich der liberale Teil der westlichen Öffentlichkeit nur schämen konnte.

Nichts markiert das abgelaufene Jahr so wie dieser Eindruck: China ist an die Spitze gestürmt, mit seiner wirtschaftlichen Kraft, seiner Effizienz, seiner Einigkeit, seiner Fortschrittseuphorie. Der Westen hinkt nur noch hinterher, gebremst von seinen Zweifeln, seiner Zerstrittenheit, den vielen Hürden, die er sich immer wieder selbst in den Weg stellt, weil er sich an Werte gebunden fühlt.

Der Westen sagt häufig Nein, der Westen sagt: Ich möchte lieber nicht. Dieser Satz stammt aus der Erzählung "Bartleby der Schreiber" von Herman Melville von 1853. Er spielt seit Jahren eine gewisse Rolle in den Debatten um den Zustand der Demokratie.

Jener Bartleby ist ein Kanzleischreiber, den Zweifel und Skepsis plagen, der sich oft verweigert. Dann sagt er: Ich möchte lieber nicht. So seien auch die Demokratien, spotten die einen. Zum Glück, erwidern die anderen.

Für China steht Bartlebys Satz sicherlich nicht. In China wird gesagt: Wir wollen. Wir wollen den Transrapid bauen, wir wollen das Land mit Strecken für superschnelle Züge durchziehen, wir wollen die biogenetische Forschung vorantreiben, wir wollen ... Und dann geschieht es meistens auch. Und wenn sich jemand nicht in dieses "Wir" eingliedern will, wenn jemand protestiert oder sich verweigert, kommt die Polizei. So geht es natürlich schnell voran.

Wir möchten lieber nicht. Das klingt schrecklich zögerlich, noch in der Ablehnung unentschieden, so gar nicht eindrucksvoll. Aber es ist einer der besten Sätze, die der Menschheit zur Verfügung stehen. Es ist einer der konstitutiven Sätze der Demokratie, als Antwort auf den ebenfalls wichtigen Satz: Ich will.

In diesen Tagen wird auch über ein anderes Buch geredet, "Frankenstein" von Mary Shelley. Sie hat es vor genau 200 Jahren geschrieben, und nun ist die Menschheit fast so weit, dass sie Monster bauen kann (siehe Seite 100). Welcher Satz wird da wichtig sein? Genau: Wir möchten lieber nicht, vielleicht auch: Wir wollen nicht. Und wer könnte diesen Satz sagen? Wahrscheinlich doch der Westen, mit seinem Menschenbild und seinen Zweifeln.

Es ist manchmal nicht ganz leicht einzusehen, dass das Zögerliche, Vorsichtige, dass der Streit und die Skepsis im Vorteil sein können gegenüber der Euphorie, die so schön strahlt. Dabei könnte ein Blick auf Trump helfen. Er ist ein Twitter-Euphoriker, der häufig Superlative in sein Smartphone hämmert. Was er tut, ist stets das Beste, was je getan wurde, schreibt er. Und wirkt in dieser Begeisterung besonders tumb.

Bartleby ist allerdings nicht das ideale Gegenmodell zu Donald Trump. Melville lässt ihn an seiner ständigen Verweigerung zugrunde gehen. Wie immer kommt es auf das Maß an. Und da profitiert der Westen von einer günstigen Kombination. Die grübelnde Demokratie wird ständig vom euphorischen Kapitalismus herausgefordert und umgekehrt. Dieses Gegengewicht fehlt China, wo Kapitalismus und Parteidiktatur meistens Hand in Hand voranstürmen.

Man muss sich nur einmal vorstellen, Trump wäre nicht Präsident einer Demokratie, sondern einer Diktatur. Er könnte frei schalten, könnte sich in einer ungebrochenen Selbstfeier ein Milliardärsamerika erschaffen. Und würde sich jemand verweigern, würde auf Bartlebys Satz beharren, käme die Polizei.

Nicht auszudenken. Eine Demokratie kann falsche oder schlechte Ergebnisse abliefern, sie kann sich in hässlichen Streits ergehen, aber sie kann sich korrigieren, und nur Demokratien ist es zuzutrauen, das Schlimmste zu verhindern, zum Beispiel einen echten Frankenstein.

Die besten Stunden von 2018? Hoffentlich werden es diejenigen sein, in denen sich das liberale Amerika gegen Trumps Zumutungen wehrt, in denen es ihn der Unfähigkeit, dieses Amt auszuüben, überführt und auf verfassungsmäßigem Weg absetzen kann.

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