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DER SPIEGEL

Geld, Macht und Schmerz

Die Finanziers von Königen, Päpsten und Künstlergenies herrschten mit feinster Kultur - und rücksichtsloser Gewalt.
Sechs Kugeln, fünf rote, symmetrisch angeordnet und fast schwebend auf goldenem Untergrund, eine blaue, mit Lilien verzierte Kugel als Abschluss und darüber eine Krone, schlicht, schmal. Kein Schwert, keine Axt - Symbole der Stärke fehlen. Verblüffend eigentlich.
Auch deshalb gibt dieses Wappen, das fast jeder kennt in Florenz und in der Toskana und das in etlichen Varianten existiert, Rätsel auf, bis heute. Vielleicht stellen die Kugeln Pillen dar, die der Arzt verschreibt, ein Medicus. Das könnte passen. Vielleicht Münzen, davon hatten die Medici ja genug. Oder Bälle - der "Calcio fiorentino", eine frühe Form des Fußballspiels, wird in Florenz schon im 16. Jahrhundert betrieben.
Vielleicht stimmt ja doch die Legende, Karl der Große sei auf der Rückreise von seiner Kaiserkrönung in Rom am Weihnachtstag des Jahres 800 nahe Florenz in den Hinterhalt einer Barbarenhorde geraten. Ein todesmutiger Bursche habe ihn errettet - sein den Kaiser schützender Schild soll die Wucht von sechs Einschlägen ausgehalten haben.
Dass der Sinngehalt des Wappens nie wirklich entschlüsselt wurde, gehört zum Mythos einer Familie, die immens mächtig war und immens reich - und jahrhundertelang einen Großteil ihres Geldes investierte: in die Kunst, die Kirche, in die Wissenschaft, auch ins öffentliche Leben. So sponserte sie, ein Beispiel nur, das erste Museum der Welt.
Und sie verstand es, mit ihrem ungeheuren Vermögen äußerst geschickt Politik zu betreiben: erst als Strippenzieher in einer Republik, die sich freilich nicht immer als wirklich republikanisch darstellte. Dann als Herzöge und Großherzöge.
Ein Prinzip dieser Politik war es, "so gut wie allen einflussreichen Familien" Geld zu leihen oder zu schenken, schreibt der Historiker Volker Reinhardt. Gelder, die oftmals nicht zurückgezahlt werden mussten, sondern abgearbeitet werden durften - mit Gefälligkeiten und "anderen Akten der Gefolgschaftstreue".
Die Medici hießen "Bankiers Gottes" - weil sie immer wieder Päpste finanzierten. Oder Geistliche, die ihnen "papabile" erschienen. Zwei Medici-Söhne gelangten selbst auf den Stuhl Petri. Schon die Ernennung eines neuen Bischofs war bares Geld für sie; die päpstliche Bulle, Verwaltungsakt für dessen Inthronisierung, trug als Absender den Stempel der Bank. Jeder neue Würdenträger musste nämlich die Einnahmen seines ersten Amtsjahres in Rom abliefern. Diesen Transfer übernahm das Unternehmen Medici. Gegen Honorar, versteht sich.
Ein Papst wiederum sorgte dafür, dass die Medici das Monopol auf den Verkauf von Alaun besaßen, dem seinerzeit wichtigsten Mineralstoff neben Salz; hochwertiges Alaun war beispielsweise für die Woll- und Tuchproduktion, einen gigantischen Wirtschaftszweig, unabdingbar. Allein hier beschäftigten die Medici auf dem Höhepunkt des Textil-Booms rund 10 000 Arbeiter.
Die Banco Medici, das erste und bekannteste Unternehmen jener umtriebigen, weitverzweigten Familie, galt lange als Europas größtes Kreditinstitut - mit Filialen in Mailand und Rom, Venedig, Pisa, Ancona und Neapel, Genf, Avignon, Brügge oder London. Dessen Finanzkraft sorgte mit dafür, dass der überall in Europa als Zahlungsmittel hochgeschätzte Florentiner Gulden, der Florin, eine Art Vorläufer des Euro wurde.
Allerdings - eine reine Erfolgsgeschichte ist die Story der Medici-Milliardäre keinesfalls. Denn die Abhängigkeit von den Machthabern, denen die Bank Geld geborgt hatte, so bilanziert der Publizist Uwe A. Oster, "barg nicht nur Chancen", hier steckten auch erhebliche Risiken. Einen Großgläubiger beispielsweise, Papst Johannes XXIII., schickten die Konzilsväter von Konstanz nach fünfjährigem Pontifikat 1415 zum Teufel. Ein anderer, der englische König Edward IV., floh 1470 während der "Rosenkriege" in die Niederlande - sein Schuldenberg bei den Medici interessierte ihn nicht mehr sonderlich.
Die Londoner Dependance ging pleite, und im Jahre 1494 brach das gesamte Unternehmen zusammen. Die Medici mussten Florenz verlassen, fast eine Generation lang dauerte die Expatriierung. Als sie sich aber zurückgekämpft hatten, waren sie stärker denn je zuvor: Zwei Medici-Damen wurden Königinnen in Frankreich.
Dass sie überhaupt ins Exil hatten gedrängt werden können, hängt zusammen mit der sinistren, wenig bekannten Seite jener kunstsinnigen Politiker und erfinderischen Banker und Kaufleute. Früh schon, merkt Reinhardt an, sei den Medici eine "fatale Neigung zu Gewalttätigkeiten" nachzuweisen, es gebe gar eine "regelrechte Kriminalgeschichte".
Zu dieser blutigen Historie gehört ein fürchterlicher Rachefeldzug nach einem Mordanschlag, den Medici-Gegner am Ostersonntag des Jahres 1478 ausgerechnet während der Messe in Florenz unternahmen. Mindestens 80, wahrscheinlich über 100 Männer, die als Verschwörer verdächtig waren oder als deren Sympathisanten, wurden gehenkt, geköpft, in Stücke gehackt. "Die Straßen", berichtete ein Chronist, "lagen voll zerrissener Glieder."
Das Mugello ist eine anmutige Landschaft etwa 30 Kilometer nördlich von Florenz. Hier, am Flüsschen Sieve, liegt die Heimat der Medici. Nur dies wenige scheint gesichert. Womit die Ahnen zum Beispiel ihr Leben fristeten, ist unbekannt. Möglich, dass sie Bauern waren. Oder Köhler. Oder Schmiede. Dass sie, wie der Familienname nahelegt, Ärzte gewesen sein könnten, darauf deutet nichts hin.
Auch wann ihre Geschichte wirklich beginnt, lässt sich kaum belegen. Ein Spross der Familie selbst, Lorenzo de' Medici, siedelt deren Ursprung in seiner Familiengeschichte aus dem Jahr 2002 "irgendwann zwischen dem Ende des ersten und Anfang des zweiten Jahrtausends" an. Eigentlich eine magere Erkenntnis bei einer Sippe, die zu den berühmtesten auf dem Erdenball zählen sollte.
Offenbar machten sich die Medici um 1150 auf den Weg nach Florenz. Die Stadt am Arno gehörte damals zu den am schnellsten aufstrebenden Stadtstaaten; binnen eineinhalb Jahrhunderten sollte Florenz die damals beachtliche Zahl von fast 100 000 Einwohnern erreichen. Zum Vergleich: In Rom lebten um 1300 etwa 30 000, in London 50 000, in Köln, der größten Stadt Deutschlands, um die 40 000 Menschen.
Fast 170 Geschlechtertürme waren sichtbare Zeichen für die geballte Macht reicher Patrizierfamilien in der Stadt, die der Rossi und Bardi, Guicciardini, Strozzi, Contiguidi oder Soderini. Die vom Lande eingewanderte Sippschaft der Medici könnte in die Kategorie "gente nuova", neue Leute, gefallen sein. Ein Schimpfwort, ähnlich wie Parvenü.
Dass sie trotz allem es recht zügig zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben, belegt ein Aktenfund aus dem Jahr 1168, der sie zum ersten Mal "historisch fassbar" (Oster) macht. Das Papier dokumentiert den Ausbau ihres Hauses in der Nähe des "mercato vecchio", des alten Marktes. Sie arbeiteten als Geldwechsler und Geldverleiher. Geschichtsforscher halten es für wahrscheinlich, dass sie im florentinischen Geschäftsleben auch als Immobilienhändler mitmischten, seinerzeit eine hochspekulative, aber auch äußerst lukrative Branche.
Wohl ab 1240 stiegen sie ein ins Bankgeschäft. Der erste Job im neuen Gewerbe sollte in gewisser Weise prägend sein für die Zukunft: Ein Medici findet sich unter den Kreditgebern für das Benediktiner-Kloster Camaldoli östlich von Florenz.
Den Beginn des beruflichen Aufstiegs begleitete eine langsam wachsende Verantwortung auch im politischen Leben. Am 29. März 1201 nahm Chiarissimo de' Medici als Ratsmitglied teil an einem Treffen der höchsten Amtsträger von Florenz und Siena, genannt "podestà". Es ging um Gebietsansprüche.
Das erste wichtige Amt in der Signoria, so hieß die Stadtregierung, bekleidete ein Medici erst 1296 - Titulatur: "Gonfaloniere di giustizia", Bannerträger der Gerechtigkeit. Die Familie zählte nun, obgleich sie keine Patrizier waren, zum erweiterten Führungskreis. Freilich, von einer Spitzenposition konnte nicht die Rede sein. Die sorgfältig geführte Liste der Ämterfrequenzen weist sie (für die Jahre bis 1343) lediglich an siebter Stelle auf.
Im italienischen Machtkampf zwischen Guelfen und Ghibellinen - erstere Anhänger des Papstes, letztere Kaisertreue - standen die Medici auf Seiten der Kirche. Die schließlich siegreiche Papst-Partei zerfiel am Arno in eine liberalere ("weiße") Fraktion und in eine konservativere ("schwarze"). Die Medici zählten zu den Schwarzen; und sie, die als äußerst streitsüchtig galten, mischten kräftig mit bei den oft blutigen Straßenschlachten zwischen diesen beiden Gruppierungen.
Florenz war auf dem Papier eine Republik, de facto aber, wie andere Stadtrepubliken auch, eine Oligarchie der Reichsten und Mächtigsten, an der sich führende Clans regelmäßig bereicherten, und wo es üblich war, Bürger durch staatliche Zwangsmittel wie hohe Steuern oder unfreiwillige Anleihen stark zu gängeln. Natürlich mit der Absicht, auf diese Weise sich auch politischer Kontrahenten zu entledigen.
Ins Visier ihrer Gegner gerieten die Medici auch deshalb, weil einer aus dem Clan verblüffenderweise 1378 die kurzlebige Rebellion der Wollarbeiter, der ciompi, unterstützte. Sie, die Niccolò Machiavelli später als "Pöbel" brandmarkte, produzierten zwar jenen erheblichen Teil des städtischen Reichtums, der aus der Tuchherstellung stammte, gleichzeitig allerdings waren sie recht- und besitzlos. Der Überläufer Salvestro de' Medici, der sich auf ihre Seite stellte, obwohl er selbst einmal als Bannerträger an der Spitze der Stadt gestanden hatte, diskreditierte damit die Sippe. Den Medici wurde die Politikfähigkeit abgesprochen, und sie mussten mit 18-jähriger Verbannung büßen - in der florentinischen Rechtsgeschichte allerdings eine nicht gerade seltene Strafmaßnahme.
Möglich, dass ein Haufen Geld den Marsch ins Exil hätte verhindern können, denn das Zahlungsmittel war in jenen Zeiten ein immer wichtiger werdender Prestigefaktor. Am Reichtum schieden sich die Geister, nur wer viel Geld hatte, der konnte kräftig mitwirken in der politischen Arena. Und die Medici hatten noch nicht genug, in der Vermögensrangliste standen sie lediglich an 20. Stelle. Das sollte sich schnell ändern, überraschend schnell.
Ein Zweig der Familie blieb von der Verbannung verschont. Ihm stand der aufstrebende Bankier Giovanni di Averardo vor, besser bekannt als Giovanni di Bicci de' Medici, kurz: Bicci. Der große Mann mit der hohen Stirn, anfangs ein kleiner Geldverleiher, hatte bei einem Verwandten in Rom das Bankhandwerk von der Pike auf gelernt, war dort erst Geschäftsführer, dann übernahm er den Laden - und verlegte ihn 1397 nach Florenz. Dieses Jahr gilt als Gründungsjahr der Medici-Bank. Und Bicci als Begründer des Clan-Reichtums.
Ihm wurde schnell klar, dass Reichtum in Einfluss umgemünzt werden musste, die Grundbedingung für politische Macht. Mit ihm und seinen Söhnen Cosimo ("der Alte") und Lorenzo begann, was Historiker Reinhardt den "ersten großen Transformationsprozess der Familiengeschichte" nennt. Die Verwandlung in eine Dynastie war für ihn die "wohl komplexeste Aufgabe des damaligen Europas".
Bicci betrieb eine kluge Politik des Ausgleichs, schon weil er bemüht war, sich volksnah zu geben. Er engagierte sich zum Beispiel offen für eine Steuerreform, die die kleinen Leute entlastete - was bei den Reicheren Unmut auslöste. Manche sagen, er sei der Erfinder dieser Art von Vermögensteuer gewesen.
Als Bicci 1429 starb, hatte er ein europäisches Bankennetz geknüpft, das bis nach Konstantinopel reichte. Der alte Medici galt bei seinem Tod als mindestens zweitreichster Mann in Florenz. Seine Liegenschaften auf dem Land, viele davon in der alten Heimat, dem Mugello, waren Gold wert: zwei Landhäuser, zwei Wassermühlen, 57 Bauernhöfe.
Und die Päpste blieben, auch nach dem Rauswurf von Johannes XXIII., Hauptkunden der Medici. Das ist schon deswegen interessant, weil dem theologischen Dogma zufolge jeder Zinsertrag auf einen Kredit noch immer als Wucher galt - und Wucher war im ganzen christlichen Mittelalter und bis weit in die Renaissance hinein als eine der schwersten Sünden verschrien. Doch für alles gibt es einen Ausweg, in diesem Fall bestanden gleich mehrere Möglichkeiten.
Man konnte Geldoperationen beispielsweise durch Jonglieren mit verschiedenen Währungen verschleiern. Oder sich durch Spenden an die Kirche und wohltätige Einrichtungen das Seelenheil erkaufen. Oder den Neubau des bedeutenden Klosters San Marco finanzieren und beaufsichtigen.
Schon Cosimo der Alte war hoch interessiert an den Künsten und Wissenschaften, oft aus politisch-propagandistischen Gründen. Historiker haben dafür eine treffende Bezeichnung gefunden: Kulturpatronage. Zu solchen Werbemaßnahmen gehörten hübsch dotierte Aufträge an Architekten, Maler und Bildhauer. So etwas sorgte für gute Stimmung und eine breite Anhängerschaft.
Michelangelo, Botticelli, Donatello - die Liste der Genies, die von den Medici bezahlt wurden, ist lang. Auch der begnadete Naturwissenschaftler Galileo Galilei gehörte später dazu; als Dank nannte er die von ihm entdeckten Monde des Jupiter "Mediceische Gestirne".
Cosimos Enkel Lorenzo ("der Prächtige"), ein Mann von hoher Bildung und ungeschlachtem Äußeren, verfeinerte noch die Medici-Strategie forcierten Mäzenatentums. "Blind ist Deine Stadt einstmals genannt worden, jetzt aber sieht sie alles, weil Du ihr Augen gegeben hast", schmeichelte der Dichter Angelo Poliziano dem mächtigen "Prächtigen". "Denn Deine Freizeit hast Du für die Schönen Künste reserviert, die man die wahren Augen Deiner Vaterstadt nennen könnte."
Manche Analytiker jener Epoche sind überzeugt davon, dass dieser Lorenzo der wahre Begründer der Renaissance gewesen sei. Nicht zufällig war er es, der das alte Medici-Motto "Semper" (immer) durch ein neues ersetzte: "Le temps revient" - die Zeit kehrt zurück. Was nach friedvollen Zeiten wiederkam, war nicht zuletzt rohe Gewalt.
April 1478. Lorenzo und sein jüngerer Bruder Giuliano leiten das Familienimperium seit einem knappen Jahrzehnt; sie haben es geschafft, neueingerichtete Ämter und neuzugeschnittene Kompetenzbereiche der Stadtregierung nur noch mit Medici-Getreuen zu besetzen. Das hat ihre Machtbasis befestigt, politische Gegner werten dieses Vorgehen "als erste Stufe zur Tyrannei", so formuliert es der US-Historiker Lauro Martines. Monatelang hat die Opposition deshalb einen finsteren Plan geschmiedet: Doppelmord.
Zum Kreis der Verschwörer gehören Mitglieder der Pazzi-Sippe, durch eine Eheschließung verwandt mit den Medici, obschon sie Branchenkonkurrenten waren; mächtige Männer agieren im Hintergrund. Es sind Papst Sixtus IV. und sein Neffe, zu den Eingeweihten zählen wohl auch der König von Neapel und der Erzbischof von Pisa. Der alte Haudegen Giovan Battista da Montesecco, von Beruf Söldnerführer, soll Einsatzleiter sein, an der Spitze von "dreißig berittenen Armbrustschützen und fünfzig Fußsoldaten, alle ... prächtig gewandet und ausstaffiert", so die Berichtslage.
Der Papst hat, aus seiner Sicht, ein starkes Motiv. In Imola hatte er seinen Verwandten als Kirchenfürsten untergebracht, die Medici als seine Bankiers hätten diesen Coup finanzieren sollen. Lorenzo aber weigert sich, "weil er", sagt der Geschichtsforscher Tobias Daniels, "ein päpstliches Machtzentrum" in der Nähe gefürchtet habe.
Schnell finden sich andere Geldgeber - die Pazzi. Und Sixtus kappt die Geschäftsbeziehungen zu den Medici. Lorenzo sei "undankbar", heißt es.
Alle Möglichkeiten eines Anschlags werden durchgespielt, als Tatort bleibt am Ende der Gottesdienst im Dom zu Florenz, weil nur hier die beiden Medici gemeinsam angetroffen werden können. Montesecco zuckt zurück: Kein Verbrechen auf geheiligtem Boden, keine Schützen, keine Soldaten in einer Kirche, und so versuchen es am 26. April Francesco de' Pazzi und sein Kumpel Bernardo Bandini samt einiger Gehilfen, darunter ein Deutscher, genannt der "große Hans", auf eigene Faust.
"Ite missa est", spricht der Geistliche, die drei Worte sind offenbar das Signal für die Angreifer. "Stirb, Verräter", schreit Bandini - und sticht mit einem Dolch oder Kurzschwert zu, Pazzi springt herbei. Mindestens 13 Hiebe treffen Giuliano, er bricht tot zusammen. Dies sei, klagte der österreichische Diplomat und Historiker Ludwig von Pastor, "eine der schrecklichsten Szenen des an Gegensätzen so reichen Zeitalters der Renaissance" gewesen.
Lorenzo flüchtet in die Sakristei, nur leicht verletzt. Und schwört sofort Rache, auch im Wissen, dass die einfachen Bürger allesamt für ihn Partei ergreifen werden.
Zwar galt damals in gängiger Rechtsauffassung das sogenannte Talionsprinzip - also die biblische Aufrechnung "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Aber darüber ging die Vergeltung des davongekommenen Lorenzo de' Medici hinaus. Ein Augenzeuge hat beschrieben, dass einigen der Verschwörer bei lebendigem Leib das Herz aus der Brust gerissen wurde - eine Tötungsart, die nach dem lateinischen Wort für Herz ("cor") auch als "cordeln" bezeichnet wurde. Wie jener Medici-Fürst, der auf seine umfassende humanistische Bildung und auf die üppige Förderung von Künstlergenies wie Michelangelo stolz war, der als "Lorenzo der Prächtige" in die Geschichte einging, dergleichen mit seinem Selbstbild vereinbaren konnte, bleibt ungelöst.
Die Pazzi wurden verbannt, ihre Güter und ihr Geld konfisziert, sie sollten komplett aus der Erinnerung getilgt werden - nach antikem Vorbild eine "klassische damnatio memoriae" (Daniels). "Und so bemächtigen sich die Medici", notierte Machiavelli, "binnen kurzem des Staates." Ein Staat, der in Italien eine ganz wichtige Rolle spielte - zu Friedens- und zu Kriegszeiten. Kriege sind teuer, und wenn jemand für deren Finanzierung sorgen konnte, dann garantiert ein Medici.
Mit Kraft und bedingungslosem Durchhaltevermögen räumten sie fast jeden Gegner beiseite. Der charismatische, radikale Dominikaner Girolamo Savonarola, der in einem späten Aufflackern mittelalterlichen Glaubensfurors in Florenz zeitweilig eine Art Gottesstaat errichtet hatte, wurde zwar vom Volk selber gestürzt, als die Medici - wieder einmal - im Exil leben mussten. Als aber lange nach ihrer Rückkehr die alte Gilde der Florentiner 1536 eine Revolte wagte, ließ sie der erst 17-jährige Cosimo I. brutal niederschlagen und 30 ihrer Anführer auf der Piazza della Signoria enthaupten.
Dieser Cosimo gilt seitdem als ein Prototyp jenes "Fürsten", den Machiavelli in seinem Bestseller beschrieben hatte. Der, wenn er seine Politik durchsetzen wollte, hart sein musste, erbarmungslos. Er schaffte es, die Medici-Herrschaft auf Dauer erblich zu machen - sie endete 1737, als Gian Gastone, der letzte männliche Vertreter aus der Bicci-Linie, starb. Er hatte keine Kinder.
Lange Jahre schrieben Historiografen, ein Merkmal der Familie sei die Anfälligkeit für Gicht gewesen: für jene akute, mit starken Schmerzen vor allem an Fingern und Zehen einhergehende Störung des Stoffwechsels, die verharmlosend Zipperlein genannt wird. Ein Medici trug gar den Beinamen il Gottoso, der Gichtige.
Seit dem Jahr 2004 sind etliche Skelette aus der Gruft ihrer Grabeskirche von Rechtsmedizinern, Anthropologen und Genetikern untersucht worden. Fazit: Es war nicht die Gicht, an der viele Medici litten, sondern eine Arthritis, die die Gelenke verformte, teils waren einzelne Wirbel miteinander verwachsen. Körperlich muss das Leben für sie eine Qual gewesen sein - Geld hin, Macht her. ■
Von Georg Bönisch

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2013
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