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DER SPIEGEL

HintergrundDer Name des Feindes

Warum heißt die erste deutsche Demokratie eigentlich „Weimarer Republik“?
Eine Mischung aus Idealismus und Pragmatismus führte die verfassunggebende Nationalversammlung am 6. Februar 1919 ausgerechnet in Weimar zusammen, um die Grundlagen zu legen für einen demokratischen Staat in Deutschland. In Berlin herrschte noch Bürgerkrieg, Weimar dagegen, die Kleinstadt an der Ilm, war ruhig und sicher, dazu gab es genug Tagungsräume, und sie lag verkehrsgünstig. Aber die Entscheidung für die Stadt der deutschen Klassik, der Dichter und Denker sollte auch eine Abkehr von Imperialismus und Preußentum symbolisieren. Es werde "in der ganzen Welt angenehm empfunden werden, wenn man den Geist von Weimar mit dem Aufbau des neuen deutschen Reiches verbindet", erklärte der spätere Reichspräsident Friedrich Ebert. "Die Verlegung der Nationalversammlung nach dem Herzen Deutschlands wird den Einheitsgedanken, die Zusammengehörigkeit des Reiches mächtig stärken."
Doch Eberts Wunsch von der Einheit erfüllte sich nicht. Das zeigt schon die Tatsache, dass es während der gesamten Zeit der "Weimarer Republik" keinen Namen für den Staat gab, mit dem sich alle identifizieren konnten. Der offizielle Name, so entschied die Nationalversammlung, war "Deutsches Reich" - doch den benutzte eigentlich niemand, wie der Historiker Sebastian Ullrich aufzeigt: Auf der rechten Seite des politischen Spektrums wollte man dem demokratischen Staat den vermeintlichen Ehrentitel "Reich" nicht zugestehen. Bei der katholischen Zentrumspartei favorisierte man "Deutscher Volksstaat", bei der SPD "Republik".
Mitte der Zwanzigerjahre hatte sich die Bezeichnung "Deutsche Republik" zwar weitgehend etabliert - doch nicht in allen Ohren klang das positiv. Im Gegenteil: Für Antidemokraten war "Republik" ein Synonym für die beklagte Schwäche des Staates, ein Schimpfwort, das mit Verweis auf die kleine Stadt in Thüringen, in der die Verfassung entstand, noch wirkungsvoller wurde.
Es war Adolf Hitler, der zum ersten Mal von der "Republik von Weimar" sprach, am 24. Februar 1929 auf einer NSDAP-Versammlung in München - damit wollte er den Staat diffamieren und abwerten. Kurz darauf schrieb er in einem Zeitungsartikel von der "Weimarer Republik".
Erst im Nachhinein, in den Fünfzigerjahren, etablierte sich der Name, den der ärgste Feind der Republik ihr gegeben hatte, vor allem in der westdeutschen Politik und in der Geschichtswissenschaft. Nun sollte er verdeutlichen, dass die Republik von Weimar nicht die einzige mögliche Form von Demokratie auf deutschem Boden war.
Von Eva-Maria Schnurr

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2014
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