Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

HINTERGRUNDMillionenfaches Trauma

Die Geldentwertung fing harmlos an und nützte der Regierung sogar anfangs - bis zur katastrophalen Hyperinflation des Jahres 1923.
Vom untergangenen Kaiserreich erbt die neue Republik die Folgen der Weltkriegskatastrophe - und die Inflation.
Ende 1918 hat die Mark im Inland schon drei Viertel ihres Werts von 1913 eingebüßt.
Gelddruckmaschinen waren eine der beiden Hauptquellen, aus denen die Monarchie den Krieg finanziert hatte. Das zweite Mittel war die Kriegsanleihe. Knapp hundert Milliarden Mark hatten die Herrschenden bei den Bürgern eingesammelt mit dem erklärten Ziel, sie aus der erwarteten Kriegsbeute zurückzuzahlen.
Als der fest einkalkulierte Sieg ausblieb, wurde die gigantische Staatsverschuldung - sie übertraf das deutsche Volkseinkommen von 1919 - einfach durch frisch gedrucktes Geld abgeschüttelt. Dessen rapide sinkender Wert ließ Schulden verschwinden. Aber damit hatte sich auch der größte Teil der Ersparnisse, mit denen die Deutschen für den Krieg bezahlt hatten, in Luft aufgelöst.
"Durch fortgesetzte Inflation", erklärte der große Ökonom John Maynard Keynes, "können Regierungen sich insgeheim und unbeachtet einen wesentlichen Teil des Vermögens ihrer Untertanen aneignen."
Zunächst nutzen die Weimarer Regierung und die Unternehmer nun die Geldschwemme wie ein Doping, das die Nation bei erträglichen Nebenwirkungen vor schlimmeren Übeln bewahrt. Im Laufe der ersten fünf Nachkriegsjahre gerät das Aufputschmittel aber völlig außer Kontrolle, Beispiel Briefporto: Anfang 1919 kostet ein Fernbrief 15 Pfennig, zwei Jahre später 40 Pfennig und im Januar 1922 schon zwei Mark.
Dann kommt das Schreckensjahr 1923, die Mark rutscht in den freien Fall. Im Juni kostet eine Briefmarke noch 100 Mark, im August schon 1000 und Anfang Oktober 2 Millionen. Einen Monat später muss man dafür schon 100 Millionen hinlegen. Auf dem Höhepunkt der Inflation im November 1923 kostet ein Dollar 4,2 Billionen Mark.
Geld wurde zunächst dringend gebraucht, um der sozialen Revolution vorzubeugen. Wenige Tage nach der Ausrufung der Republik, am 15. November 1918, bewilligen die Unternehmer den sozialdemokratisch geführten Gewerkschaften geradezu hastig den lang geforderten Achtstundentag ohne Lohnkürzung. Und die Weimarer Verfassung enthält dann nicht nur das Recht auf Arbeit, sondern zudem auf Unterstützung bei Arbeitslosigkeit.
Streiks für höhere Löhne sind auch 1919 schnell erfolgreich: Sozialer Friede um jeden Preis ist die Devise. Hatte man bei Kriegsbeginn für einen Dollar Waren im Wert von 4,20 Mark bekommen, so steht die US-Währung im Mai bei 13,50 Mark, im Juli 1919 bei 16,50, im September bei 21 und an Silvester bei 49 Mark.
Das ist harmlos - gemessen an dem, was kommt. Die genaue Rechnung für die gigantischen Reparationen, die Deutschland im Versailler Vertrag auferlegt wurden, beziffert eine Alliiertenkonferenz im Mai 1921 auf 132 Milliarden Goldmark. Die Republik muss nicht nur für die vom Kaiserreich angerichteten Kriegsschäden aufkommen, sondern auch für die Renten alliierter Kriegsversehrter und für deren Familien.
Wie soll all das in einer vom Krieg zerrütteten Volkswirtschaft finanziert werden - wenn nicht über die Notenpresse? Hektisch verkauft die Regierung, um die erste Reparationstranche zahlen zu können, kurz vor Ablauf des alliierten Ultimatums riesige Mengen frisches Papiergeld für harte Währung.
Immerhin: Kurzfristig hat der zusehends steilere Sinkflug der Mark den Charme, durch Verbilligung der deutschen Exporte die Wirtschaft in Deutschland anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit einzudämmen. Noch wirkt die Droge Geld insofern aufputschend: Während die Siegernationen Großbritannien, Frankreich und die USA 1921 zweistellige Wirtschaftseinbrüche und eine hohe Arbeitslosigkeit erleben, wächst in Deutschland die Industrieproduktion bei relativ geringer Beschäftigungslosigkeit.
Um sich nicht an der angloamerikanischen Krise zu infizieren, empfiehlt Walther Rathenau, der künftige Minister für Wiederaufbau, 1921 sogar, die Notenpresse noch etwas mehr arbeiten zu lassen. Und im Mai 1922 - der Dollarkurs liegt in diesem Monat bei 290 Mark - erklärte der schwerreiche Unternehmer Hugo Stinnes, der starke Mann der deutschen Wirtschaft, im Auswärtigen Ausschuss des Reichstags ganz offen, "dass in unserem Notendrucken eine Art Notwehr gegen die übertriebenen Forderungen des Versailler Vertrages" liege.
Ende 1922 ist die Mark im Vergleich zum Anfang des Jahres nur noch ein Zwanzigstel wert, gegenüber dem Vorkriegskurs sogar nur ein Eintausendfünfhundertstel. Fabrikanten wie Stinnes haben als Sachwertbesitzer gut lachen und profitieren enorm von der Krise. Doch Lohn- und Gehaltsempfänger geraten selbst mit den staatlichen Teuerungszulagen ans Existenzminimum.
Die Inflation enteignet Rentner, kleine Sparer und die bürgerliche Mittelschicht brutal. Um nicht zu verhungern, verhökern die Leute ihre letzten Wertgegenstände, oft bei den noch relativ gut gestellten Bauern. Junge Frauen prostituieren sich gar für ein Pfund Butter. Die Zahl der Eigentumsdelikte wächst zudem inflationär.
Im August 1922 klettert der Dollarkurs auf 1134 Mark, im Dezember auf 7589 Mark. Das Land glich, so der britische Historiker Frederick Taylor, "einem außer Kontrolle geratenen Eisenbahnzug, der mit zunehmender Geschwindigkeit einem unbekannten Ziel" entgegenrast. Als 1923 die Preise jeden Monat um über 50 Prozent steigen, ist das die "Hyperinflation".
Das letzte, schlimmste Stadium beginnt, als Deutschland bei einer fälligen Reparation in Form von Millionen Tonnen Kohle in Verzug kommt. Im Januar 1923 marschieren französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet ein, um sich den direkten Zugriff auf deutsche Ressourcen zu sichern. Die Regierung ruft die Bevölkerung zum passiven Widerstand auf.
Um ihn zu unterstützen, werden noch größere Mengen Geld gedruckt und zu den streikenden Arbeitern geschafft: Durch die Wälder am Rand des Ruhrgebiets oder sogar durch Bergwerksstollen werden Unmengen von Papiergeld an die Empfänger geschleust, vorbei an den Kontrollen der Besatzer.
Es kommt zu gewalttätigen Sabotageakten rechtsextremer ehemaliger Freikorpsmitglieder gegen die Besatzer. Einer von ihnen, Leo Schlageter, Mitglied einer nationalsozialistischen Untergrundorganisation, wird von den Franzosen gefasst und am 26. Mai 1923 erschossen; er avanciert augenblicklich zum Märtyrer der NS-Propaganda. Selbst Kommunisten nennen ihn einen "mutigen Soldaten der Konterrevolution". Arbeitertrupps aus den Städten beginnen, die Felder von Bauern zu plündern. Der Krieg aller gegen alle hat begonnen - aus Sicht Taylors das "auffälligste Merkmal der Hyperinflation".
Die NSDAP wittert ihre erste große Chance; sie erklärt die ungeheure Vernichtung realer Werte zum Werk des jüdischen Finanzkapitals, das sich in der Demokratie frei entfalten könne: Wenn das Volk bemerke, hetzt Adolf Hitler 1923, dass man "bei Milliarden Hunger leiden kann", schließe es daraus: "Wir beugen uns nicht länger einer Institution, die auf einem trügerischen Majoritätsgedanken aufgebaut ist, sondern wir wollen die Diktatur!"
Die Lage ist unhaltbar geworden. Der Zulauf zu den Kommunisten steigt rasant. Aus Angst vor einem Umsturz bricht der neue Reichskanzler Gustav Stresemann am 26. September den Ruhrkampf ab.
Als am 15. November 1923 mit der Einführung der Rentenmark endlich der Übergang zu einer stabilen Währung beginnt, entsprechen 10 Milliarden Papiermark einem Rentenpfennig. Die bürgerliche Mittelschicht ist großteils ruiniert - und das Land für mehrere Generationen traumatisiert.
Von Rainer Traub

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.