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DER SPIEGEL

Träume und Albträume

Weimar oder die Sehnsucht nach dem neuen Menschen
Er sitzt da in perfekter soldatischer Haltung, den Oberkörper aufgerichtet, die Uniformjacke hochgeschlossen. Seine Haare sind streng gescheitelt und zurückgekämmt, das Gesicht ist sauber rasiert. Auf seiner Brust prangt ein Eisernes Kreuz 1. Klasse. Der Kriegsheld hockt auf der Straße, das rechte Bein vor sich ausgestreckt, das linke fehlt ihm von der Hüfte abwärts. Sein Gesicht verrät keine Emotion, er blickt auf den Boden. Die Uniform wirft Falten auf seinem Oberkörper - er ist augenscheinlich abgemagert.
Ein Mann, der aussieht, als habe er selbst nichts zu verschenken, beugt sich über die Uniformmütze des Bettlers und wirft etwas hinein.
Die Aufnahme wurde 1923 in Berlin gemacht, mitten in der Hyperinflation. Es ist daher anzunehmen, dass der Mann einen auf billigem Papier gedruckten Schein mit einer Fantasiezahl darauf in die Mütze wirft: 100 Millionen, vielleicht auch 10 Milliarden oder mehr, je nachdem, wann genau das Foto gemacht wurde, jedenfalls kaum genug für ein warmes Essen. In den Hinterhöfen benutzten Kinder Geldscheinbündel als Bauklötze. Die Zwanzigerjahre waren noch lange nicht golden.
Wie kaum ein anderes Bild symbolisiert dieser Bettler den Anfang der Weimarer Republik: die Not, die Demütigung, den Verlust alter Sicherheiten und das Auftreten neuer Ängste. Fünf schreckliche Jahre hatte die junge Republik bereits überstanden, fünf Jahre voller Straßenkämpfe, bewaffneter Streiks, Arbeiteraufstände, Putschversuche und politischer Morde, durch die etwa 5000 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen waren. Der Veteran, der seine Haltung auch im tiefsten Elend bewahrte, nahm an diesen Kämpfen nicht teil. Er gehörte zum Heer der dauerhaft Kriegsversehrten, einer von 720 000 Männern, die schwer verwundet von der Front zurückgekehrt waren.
Die Weimarer Republik war eine traumatisierte Gesellschaft - die Erfahrung dieses Krieges, die oft gar nicht zur Sprache gebracht wurde, hatte alles verändert. Es war ein verlorener Krieg.
Die Werte der Kaiserzeit - Mut, Selbstaufopferung, Vaterlandsliebe, religiöser Glaube, Gehorsam - schienen nach dem mechanisierten, völlig sinnentleerten Töten an der Westfront lachhaft anachronistisch. Was konnte ein einzelner Mensch gegen Artillerie, Stacheldraht, Giftgas und Panzer ausrichten? Der Feind war unpersönlich geworden, ein stählerner Albtraum. Kühle Technologie war an der Westfront bei Weitem der erfolgreichste Killer. Nur ein Prozent aller Gefallenen starb an Wunden, die sie sich im Nahkampf zugezogen hatten, fast 50 Prozent wurden von Granaten zerfetzt oder durch Senfgas umgebracht, oft ohne einen Feind auch nur gesehen zu haben.
Die heimkehrenden deutschen Soldaten trugen ihre Erfahrung zurück in die Gesellschaft und mit ihr eine furchtbare Einsicht, die der dadaistische Dichter Hugo Ball schon 1917 formulierte: "Eine Zeit bricht zusammen. Eine tausendjährige Kultur bricht zusammen. Es gibt keine Pfeiler und Stützen, keine Fundamente mehr, die nicht zersprengt worden wären ... Die Welt zeigte sich als ein blindes Über- und Gegeneinander entfesselter Kräfte ... Maschinen entstanden und traten anstelle der Individuen."
Maschinen, monströse Mordinstrumente, hatten den Krieg gewonnen. Vor 1914 wurde Technologie fast immer mit großem Optimismus gesehen, als Heilsbringer der Menschheit und Lösung aller Probleme. Das war jetzt anders. Das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine war gekippt, menschliche Körper waren wehrlos gegen die Übermacht der Technologie, die Träume und Prinzipien von Individuen wurden durch die Macht der Maschinen niedergewalzt.
Technologie und Wissenschaft - und die aufklärerischer Vernunft, die sie möglich gemacht hatte - waren durch den Krieg ambivalent geworden. Politik, Kunst und Gesellschaft der Zwanziger- und Dreißigerjahre waren geprägt von sehr unterschiedlichen Versuchen, das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine neu zu definieren. Über all dem stand ein Wunschtraum, ein Gespenst: der neue Mensch.
1918 bis 1938 wurden in Deutschland Dutzende Bücher mit "der Neue Mensch" im Titel verlegt. Sie zeigen, wie unterschiedlich der Gedanke auftrat: "Der neue Mensch", "Christus und der neue Mensch", "Der neue deutsche Mensch", "Der neue Mensch im neuen Russland", "Der neue Mensch in der neuen Zeit", "Der neue Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung". Unter den Autoren waren Kommunisten und Mystiker, Antisemiten und Anthroposophen, Sportler und Sozialreformer, ein Komponist, ein Philosoph und mehrere Journalisten. Was genau hinter diesem Namen stand, war fast gleichgültig - es war ein unendliches, vages Versprechen.
Neue Menschen brauchten aber nicht nur eine Weltanschauung, sie brauchten auch neue Körper. Um die kümmerten sich unzählige Turnvereine, Fitnessklubs, Vereine für Freikörperkultur sowie Diätgurus, Wandervögel, Nacktheitspropheten und Ertüchtigungslehrer. Die alte Welt war tot - die neue sollte stark und gesund werden. Philosophische Systeme, Lebensreform, soziale Utopien, der Kult von Licht und Luft und politische Ideologien verschmolzen miteinander.
Auch die Bauhaus-Gründer wurden umgetrieben von dieser Idee. Sie schufen Möbel und ganze Stadtentwürfe für neue Menschen, und in den Theaterstücken von Oskar Schlemmer traten Schauspieler auf, deren futuristische Kostüme und steife Bewegungen an Roboter oder an Veteranen mit mechanischen Prothesen erinnerten. Der neue Mensch sollte zu einer "neuen Einheit" aus Kunst und Technik werden, wie Schlemmer schrieb.
Die Ähnlichkeit von Mensch und Maschine wurde während der Zwischenkriegszeit immer wieder beschworen. 1922 veröffentlichte der deutsche Arzt Fritz Kahn den ersten Band seiner Buchreihe "Das Leben des Menschen", die zum Bestseller wurde. In einer berühmt gewordenen Illustration stellt er den Menschen als "Industriepalast" dar - der Körper als Fabrik (1926).
In einer Zeit, in der Hunderttausende Veteranen auf der Straße Prothesen oder kosmetische Halbmasken trugen, die besonders schreckliche Verletzungen im Gesicht kaschieren sollten, war die Verschmelzung von Mensch und Maschine naheliegend. Das Thema machte viele Filme zu Kassenschlagern wie "Frankenstein" (1931), in dem das Monster von einem Wissenschaftler zusammengeflickt und mit Starkstrom zum Leben erweckt wird, über sowjetische Produktionen wie Tsiga Wertows "Mann mit einer Kamera" (1929), in der die sowjetische Gesellschaft als Maschine mit organischen Einzelteilen beschrieben wurde, bis hin zu Charlie Chaplins "Modern Times", in der ein Arbeiter von der Maschinenwelt buchstäblich verschluckt wird.
Fritz Langs Film "Metropolis" (1927) entwarf eine Welt, in der einfache Arbeiter endgültig zu Maschinensklaven geworden sind, die sich in den lichtlosen Katakomben der Monsterstadt an der "Herzmaschine" zu Tode schuften, um einer kleinen und unermesslich reichen Elite, die sich der Technologie bemeistert hat, ein sorgloses Luxusleben zu ermöglichen. Ein fast marxistisches Schreckensszenario.
Es ist eine prophetische und seltsam deutsche Schreckensfantasie, die hier entworfen wird. Der gewissenlose Erfinder Rotwang, dessen böses Genie die menschenverachtende Maschinerie von Metropolis perfektioniert, lebt, scheinbar als einziger dieser hypermodernen Metropole, in einem mittelalterlich anmutenden Haus mit steilem Dach und wirkt mit seinem langen Mantel wie ein moderner Doktor Faustus. Seine rechte Hand ist durch eine Prothese ersetzt, ein Echo der verstümmelten Veteranen.
Rotwang ist es, der einen zentralen Traum der Epoche formuliert: Er arbeitet an einem weiblichen Roboter. Er will die Toten zum Leben erwecken. Als er auf seine verlorene Hand angesprochen wird, zeigt er die Roboterfrau und ruft aus: "Lohnt es sich nicht, eine Hand zu verlieren, um den Menschen der Zukunft - den Maschinen-Menschen geschaffen zu haben?" Der Roboter erhält die Gestalt der Predigerin Maria, um so die Masse zu hypnotisieren und zur Gewalt anzustiften. Am Ende des Films wird die falsche Maria vor der johlenden Menge auf einem Scheiterhaufen verbrannt, und unter der schönen Frauenhaut kommt wieder das metallene Ungeheuer hervor.
War der neue Mensch ein Maschinenmensch - oder sollte er die Maschinen überwinden? Auf diese Frage gab es widersprüchliche Antworten. Die krisengeschüttelten ersten Jahre der Republik, geprägt von wachsender Arbeitslosigkeit und der dauernd nagenden Angst ums Überleben, von Hunger und Hyperinflation, boten einen idealen Boden für apokalyptische Zukunftsvisionen, mit denen die Figur des neuen Menschen verschmelzen konnte.
Ab Mitte der Zwanzigerjahre war es eine ganz andere Art von neuen Menschen, die das Klima der Weimarer Republik nachhaltig prägte. Besonders in den Großstädten interpretierte eine junge, nach dem Krieg aufgewachsene Generation den Traum vom neuen Menschen und von einer mechanisierten Welt ganz anders. Wirtschaft und Politik hatten sich so weit stabilisiert, dass es Anlass zur Hoffnung auf bessere Zeiten zu geben schien, immer mehr Menschen glaubten, sie seien noch einmal davongekommen. Die brutale Konfrontation zwischen den großen Weltanschauungen interessierte viele nur wenig. Löhne begannen sich zu stabilisieren, der Lebensstandard stieg, die Goldenen Zwanziger brachen an, "Veronika, der Lenz ist da", sangen die Comedian Harmonists kurz darauf.
Die neuen Menschen, die in den Zwanzigerjahren die Nächte wegtanzten und Berlin zum Mekka des kulturellen Untergrunds machten, waren hedonistisch und desillusioniert. Noch immer war das Stadtbild von Armut geprägt, aber für die, die damit aufgewachsen waren, war das die Norm. Wer ein bisschen Geld hatte, für den bot die Hauptstadt alles, vom Vergnügungspalast "Haus Vaterland" am Potsdamer Platz mit Kino, Café, Restaurant und Tanzlokal, wo jede Nacht bis zu 8000 Partygeher feierten, bis zu Nachtklubs, Revuetheatern und Kabaretts, die etwas für jeden Geschmack und jede nur erdenkliche sexuelle Vorliebe boten. Jazz lieferte einen ausgelassenen Soundtrack für diese Abkehr von einer schlechten alten Zeit, die afroamerikanische Tänzerin Josephine Baker tanzte in ausverkauften Häusern und feierte Skandale, wo immer sie auftrat.
Der Hedonismus der Goldenen Zwanzigerjahre schuf seinen eigenen neuen Menschen. Lange bevor man von Metrosexuals sprechen sollte, trugen Frauen Bubikopf und kurze Röcke oder Hosen und tanzten mit schlanken jungen Männern in figurbetonten Anzügen. Schaufenster, Werbeplakate und Modezeitschriften feierten eine androgyne Schönheit, deren stromlinienförmiges Design sich am kühlen, schnörkellosen Schwung von Autos und Ozeandampfern orientierte. Mit der Grenze zwischen den Geschlechtern verschwamm auch die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine.
Die atemlose Feierstimmung der "golden Twenties" wurde 1929 durch die Weltwirtschaftskrise jedoch brutal abgebrochen. Was gerade noch wie die Morgenröte einer neuen Zeit ausgesehen hatte, leuchtete jetzt wie ein Weltenbrand am Horizont. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang verschärfte sich die politische Radikalisierung, die NSDAP und die Kommunistische Partei verzeichneten einen nie gekannten Zustrom neuer Mitglieder, Unruhen und Straßenschlachten waren wieder an der Tagesordnung.
Der englische Dichter Stephen Spender, der kurz zuvor nach Berlin gezogen war, weil er dort als Homosexueller eine anderswo unerhörte Freizügigkeit genoss, schrieb jetzt: "Berlin - das war die Wut, die Armut, der Groll, die Käuflichkeit, die Hoffnung und die Verzweiflung, die auf die Straßen gesetzt waren. Berlin - das waren die herausfordernden Protzen in den eleganten Lokalen, die Huren in Russenstiefeln an den Straßenecken, die verbissen blickenden, wie unter Wasser getaucht aussehenden Kommunisten mit ihren Kundgebungen und die verwegenen Burschen, die auf dem Wittenbergplatz aus dem Nichts hervorwuchsen und 'Deutschland erwache!' brüllten." Quasi über Nacht war aus der Nachkriegszeit eine Vorkriegszeit geworden.
1932 war Deutschland bei rund sechs Millionen offiziell arbeitslos Gemeldeten angekommen und die Einkommen derer, die noch Arbeit hatten, drastisch gesunken. Das demokratische Experiment der Deutschen schien am Ende. Der Ruf nach dem neuen Menschen wurde von den Nationalsozialisten zur politischen Forderung erhoben. Ihr neuer Mensch aber sollte "rassisch rein" sein, ein pseudowissenschaftlich-mythischer Herrenmensch. Die Massenaufmärsche, bei denen sich der oder die Einzelne nur als ein Glied eines gigantischen Volkskörpers fühlen konnte, boten einen Vorgeschmack auf das Gemeinschaftserlebnis in einer zukünftigen Welt von germanischen Helden.
Auch die Sozialisten bedienten das Klischee vom neuen Menschen, allerdings machten sie ihn zum Klassenkämpfer. Auch hier waren Massenaufmärsche wichtig, aber anstatt sich auf eine erfundene Urzeit zu berufen, war der neue Mensch des Sozialismus und besonders des Bolschewismus ein Produkt der Umerziehung, nicht Glied eines riesigen Körpers, sondern Zahnrad in einer Maschine, die Gesellschaft hieß. Einzelteile, die ihre Funktion nicht einwandfrei erfüllten, wurden einfach eliminiert und ersetzt.
Menschenwürde, ein Grundrecht auf Leben und Sicherheit, gab es in keiner der großen Ideologien, die schon bald die politische Landschaft beherrschten, gestützt auf Schlägertrupps und bewaffnete Milizen, die einander immer öfter erbitterte Straßenschlachten lieferten.
Angesichts der unversöhnlichen Feindschaft dieser beiden sozialen Visionen ist es besonders ironisch, dass die künstlerischen Umsetzungen des Traums vom neuen Menschen in der Propaganda von Faschismus und Bolschewismus, von einigen Symbolen abgesehen, fast identisch sind. Die breitschultrigen, starr in eine bessere Zukunft blickenden Recken auf den Wahlplakaten der KPD und der NSDAP waren, wie auch später die Skulpturen der Propagandakunst, praktisch austauschbar.
Der große Traum der Weimarer Republik - die radikale Erneuerung, der neue Mensch - war tief im körperlichen und emotionalen Trauma des Krieges verwurzelt und entwickelte sich zum Albtraum rivalisierender Totalitarismen. Als Adolf Hitler 1935 verkündete, die deutsche Jugend solle "flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl" sein, trafen seine Worte vielerorts auf begeisterte Zustimmung. Der neue Mensch war halb Maschine (Kruppstahl) und halb Tier, und er sollte vor allem eines sein: rücksichts-los hart.
Wenig mehr als ein Jahrzehnt nach ihrer Gründung war die Weimarer Republik politisch gelähmt, wirtschaftlich ruiniert, von sozialen Problemen überfordert, moralisch zerrüttet. Der Mensch der Zukunft, der endlich die Kraft haben sollte, die hoffnungslose Gegenwart zu überwinden, trug jetzt Uniform.
Ein großer Bogen spannt sich von den geschundenen und verkrüppelten Körpern der Weltkriegsveteranen zu den maschinengleichen, muskelstrotzenden Zwillingsbrüdern zweier verfeindeter Ideologien. Die Erfahrung des Weltkrieges hatte gezeigt, wie sehr Menschen den von ihnen gebauten Maschinen unterlegen waren. Der neue Mensch sollte eine Antwort darauf sein, wenn sich auch niemand darauf einigen konnte, wer ihn verkörperte: die marmornen Muskelriesen des Bildhauers Arno Breker, die selbstbewussten jungen Hedonisten in München und Berlin, die nackten Licht- und Luft-Fanatiker, der ideale Proletarier, ein sozialistischer Maschinenmensch oder sogar Superman, der amerikanische Beitrag zu dieser Debatte, der 1938 auf den Markt kam?
Solche Fantasien konnten aber keine Lösung anbieten für die überwältigenden Probleme der Zwischenkriegszeit. So führten die Träume vom neuen Menschen in die Konzentrationslager, Euthanasiekliniken und Gulags, die Entsorgungsstellen für minderwertiges Material, für jede Verunreinigung der gnadenlosen Utopie. Ein Traum wurde zum Albtraum, der die Weimarer Republik mit sich riss.
Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine und nach dem neuen Menschen aber ist aktueller denn je. Wieder entsteht ein neuer Mensch unter unseren Augen, als technologische Realität aus Software, dem Internet der Dinge, den eingepflanzten künstlichen Organen, Mikrochips, Hirnstrommessungen und mitdenkenden Prothesen. Die eigentliche Frage ist, ob wir intelligentere Lösungen auf diese alten Herausforderungen finden als vor 80 Jahren. ■
Von Essay von Philipp Blom

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2014
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