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DER SPIEGEL

Fundament des Friedens

Nach dem Weltkrieg war Deutschland international geächtet. Doch mit der neuen Außenpolitik Gustav Stresemanns gelang die Rückkehr in die Staatengemeinschaft.
Nur mit Mühe bahnen sich die deutschen Delegierten ihren Weg durch die Menge zu ihren Plätzen. "Der Beifall hatte eine wahre Orkanstärke erreicht. Von allen Seiten wurde geklatscht und Bravo gerufen", beschreibt ein Dolmetscher später den euphorischen Moment am 10. September 1926 in Genf, als Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund gefeiert wird.
Nur acht Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, für den Deutschland im Versailler Vertrag mit harten Reparationen und der Kriegsschuld bestraft wird, kehrt es in den Kreis der Großmächte zurück, eine Sensation.
"Deutschland wünscht mit allen Nationen, die im Völkerbunde ... vertreten sind, auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens zusammenzuarbeiten", versichert Außenminister Gustav Stresemann: "Denn das sicherste Fundament für den Frieden ist eine Politik, die getragen wird vom gegenseitigen Verstehen und gegenseitiger Achtung der Völker."
Das sind gänzlich neue Töne, es ist die Sprache eines gewandelten Deutschland, das nicht mehr von imperialistischer, aggressiver Selbstüberschätzung getrieben ist, sondern versucht, seine Interessen durch Verständigung mit den anderen Nationen zu erreichen.
Der Kopf dieser neuen Politik ist Stresemann, Sohn eines Berliner Flaschenbierhändlers, dem als einzigem von acht Kindern das Abitur und schließlich das Studium der Nationalökonomie ermöglicht wird. Der Weg nach Genf hat ihn selbst durch einen schmerzhaften Lernprozess geführt.
Im Ersten Weltkrieg gehört der nationalliberale Politiker noch zu den Scharfmachern, die für maximale Kriegsziele kämpfen und für ein Großdeutschland, das sich über Annexionen fremdes Staatsgebiet einverleibt. Er ist Ludendorffs "junger Mann", der die Ziele der Obersten Heeresleitung unterstützt; "Bluthund" und "Massenmörder" schimpfen sie ihn nach Kriegsende.
Nun führt er Deutschland in die Völkergemeinschaft zurück. Der britische Historiker Jonathan Wright nennt ihn deshalb "den größten Staatsmann der Weimarer Republik". Für seine Verständigungsarbeit erhält Stresemann 1926 mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand den Friedensnobelpreis.
"Nie wieder Krieg", hat Briand in Genf gerufen, "beseitigt die Waffen, Maschinengewehre, Kanonen. Macht Platz für Versöhnung, Vermittlung, Frieden." Das ist die Aufgabe, vor der sich die Welt in diesen Zwanzigerjahren sieht. Wie kann sie ein erneutes millionenfaches Gemetzel verhindern, die Wiederkehr des düsteren Albtraums, den Europa durchlitten hat?
Hat dieses Grauen die Politik eines Besseren belehrt, die Kriegsführer zu Pazifisten gemacht? Stresemann, urteilen Historiker, wird nie ein glühender Republikaner. Er bleibt Gegner des Versailler Friedensvertrags und hat auch im Osten revisionistische Ziele: Er will Danzig wiederhaben, den polnischen Korridor und die Grenze in Oberschlesien zu Deutschlands Gunsten korrigieren.
Er ist ein liberaler Nationalist, der sich aus politischer Vernunft für den Parlamentarismus entschieden hat. Und er will der jungen deutschen Demokratie zum Erfolg verhelfen.
Am Anfang seines Lernprozesses steht die Erkenntnis der tatsächlichen Lage, so der Politikwissenschaftler Iring Fetscher: "Das besiegte Deutschland war ökonomisch, politisch und militärisch außerstande, ohne Entgegenkommen seiner ehemaligen Feinde zu einem besseren Zustand zu gelangen."
Seit Januar 1923 ist das Ruhrgebiet besetzt, auf den Märkten der Siegermächte haben deutsche Waren Absatzprobleme. "Wir müssen den Würger erst vom Halse haben", schreibt Stresemann im September 1925 vertraulich an Kronprinz Wilhelm.
Doch der Realpolitiker bezieht die Perspektive des einstigen Gegners mit ein. Gut eine Woche nach dem Völkerbundbeitritt trifft er Briand zu einem geheimen Vier-Augen-Gespräch, das als "Frühstück von Thoiry" in die Geschichte eingehen wird. Um den Journalisten zu entwischen, fährt er mit einem Motorboot über den Genfer See und steigt dann in ein Auto, das ihn zum Treffpunkt bringt. Briand, selbst Sohn eines Wirtes und in Frankreich für seinen deutschlandfreundlichen Kurs kritisiert, weiß, mit wem er es zu tun hat: "Wenn es nach ihm ginge, könnten wir den ganzen Vertrag von Versailles wegwerfen."
Doch in Thoiry versuchen sich die beiden an einer "Gesamtlösung aller Fragen, die zwischen Deutschland und Frankreich ständen", notiert sich Stresemann. Ihren Plan eines großzügigen deutsch-französischen Ausgleichs können sie so zwar nie umsetzen, doch die beiden, der Deutsche und der Franzose, sind sich einig geworden.
Ihr Dank ist der Nobelpreis, sie erhalten ihn für das Vertragswerk von Locarno, mit dem erstmals die Beziehungen zwischen Deutschland und seinen früheren Kriegsgegnern normalisiert werden. Deutschland erkennt die Grenze zu Frankreich an und akzeptiert den Verlust Elsass-Lothringens.
"Ich habe die Empfindung", sagt Stresemann einmal, "dass wir Deutsche zu wenig oder kein Verständnis haben für das, was der Franzose die schöne Geste nennt." "Wir können nicht Weltpolitik treiben mit der Idee, es soll sich keiner mit den Kerlen irgendwie zusammensetzen."
Er tut es. Schon im Februar 1925 geht bei den Franzosen, vermittelt durch die Briten, ein deutsches Angebot ein: Ein europäischer Sicherheitspakt, außerdem zeigt sich Deutschland in der Frage der Westgrenze zum Einlenken bereit.
Noch im selben Jahr treffen sich Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Belgien im schweizerischen Locarno, in "ausgezeichneter Atmosphäre", so der Historiker Peter Krüger. Für die Schlussrunde hat Stresemann einen Ausflugsdampfer gemietet, der erst ans Ufer zurückkehren soll, wenn alle Fragen geklärt sind. Deutschland kann zufrieden sein: Ein gegenseitiger Gewaltverzicht wird beschlossen, das von Frankreich besetzte Rheinland soll teilweise geräumt werden, Italien und Großbritannien garantieren die Westgrenze. Dafür willigt Berlin in den von Frankreich geforderten Völkerbundbeitritt ein, bis dahin als "Kartell der Sieger" verpönt.
Doch es gibt ein Problem. Laut Artikel 16 der Völkerbunds-Akte ist jedes Mitglied verpflichtet, einem anderen Mitglied gegen einen Aggressor Beistand zu leisten. Würde also Russland Polen angreifen, müsste Deutschland den Polen zur Seite springen und außerdem französische Truppen durch deutsches Territorium ziehen lassen. Das ist unvereinbar mit dem Vertrag von Rapallo, wo Deutschland 1922 überraschend mit Russland wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen und sich zur Neutralität verpflichtet hat.
Stresemann lässt die Russen informieren, die Westpolitik soll nicht gegen den Osten gerichtet sein. Und er erreicht sein Ziel. Artikel 16 wird so ausgelegt, dass die Bündnistreue "mit der militärischen Lage verträglich" sein muss. Deutschland kann im Konfliktfall auf seine militärische Schwäche verweisen und sich so heraushalten. Um Russland endgültig zu beruhigen, bekräftigt das Deutsche Reich im Berliner Vertrag 1926 seine Neutralität.
Eine Garantie für die deutsch-polnische Grenze lehnt Deutschland jedoch ab, um sich eine Revision weiter offenzuhalten. Immerhin schließt es mit Polen und der Tschechoslowakei Schiedsverträge über eine gewaltlose Klärung der Grenzfragen.
Die Verständigung mit dem einstigen Kriegsgegner Russland, geht der Westannäherung sogar voraus; sie ist mit Walther Rathenau verbunden, Reichsaußenminister von Januar bis Juni 1922 und wie Stresemann im Krieg einer der Falken.
Als Abteilungsleiter im preußischen Kriegsministerium hat der AEG-Erbe und Spross einer assimilierten jüdischen Familie die deutsche Kriegswirtschaft organisiert. Reichskanzler Joseph Wirth holt ihn 1921 zunächst als Wiederaufbauminister ins Kabinett, wo er sich für die unpopuläre Erfüllungspolitik einsetzt, die beweisen soll, dass die Reparationen nicht leistbar sind.
Bereits kurz nach Unterzeichnung in Versailles führen Deutschland und das kommunistische Russland, beide Mächte sind damals international geächtet, Gespräche über eine wirtschaftliche Zusammenarbeit. Im Mai 1921 unterzeichnen sie ein Handelsabkommen. Später verständigen sie sich in Geheimverhandlungen sogar über eine militärische Kooperation (siehe Kasten).
Doch wie kommt es zu der Annäherung an den Staat, der sich als extremer Gegenentwurf zur bürgerlichen Demokratie profiliert? Die Weimarer Republik will sich so Spielraum schaffen, mithilfe der russischen Karte seine außenpolitische Isolation zu durchbrechen.
Als zu Ostern 1922 in Genua eine große Konferenz zur Weltwirtschaftslage anberaumt wird, ist Berlin enttäuscht: Die an einer wirtschaftlichen Genesung Deutschlands interessierten USA sagen ihre Teilnahme ab. Die Entlastung von drückenden Reparationen steht nicht auf der Tagesordnung.
Selbst der westorientierte, lange skeptische Rathenau sucht nun den Kontakt mit den Russen. Beide Mächte sehen sich als "Outlaws" an den Rand der Konferenz gedrängt, im nahen Seebad Rapallo treffen sie sich und schließen am 16. April 1922 den Vertrag, der auch den gegenseitigen Verzicht auf die Erstattung von Kriegskosten und die für Deutschland so wichtige Meistbegünstigung im Wirtschaftsverkehr vorsieht.
Rapallo ist der erste eigenständige außenpolitische Schritt Deutschlands nach dem Krieg, mit dem es sich auch ein Stück von den Siegermächten befreit. So wird die Öffnung nach Osten von Großbritannien und Frankreich heftig kritisiert. Noch heute ist vom "Rapallo-Komplex" die Rede, wenn der Westen argwöhnt, Deutschland bewege sich zu sehr auf Russland zu. Bedroht fühlen sich die Polen, die ein militärisches Bündnis gegen sich befürchten. Schließlich haben deutsche Politiker keinen Hehl daraus gemacht, dass sie Polen eines Tages wieder auf ihre "ethnografischen Grenzen" zurückdrängen wollen.
Die deutsche Öffentlichkeit begrüßt Rapallo überwiegend. Endlich ein Aufbegehren gegen die Sieger! Das rechtsextremistische Lager jedoch hetzt gegen Rathenau: "Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverfluchte Judensau". Rechtsterroristische Attentäter erschießen ihn am 24. Juni 1922 in Berlin in seinem offenen Wagen.
Ruhrkrise und Inflation bringen 1923 Stresemann ins Kanzleramt; dem industrienahen Gründer der Deutschen Volkspartei traut auch die SPD die nötigen harten Kurskorrekturen zu. Er signalisiert Frankreich: Sollte Paris von Rhein und Ruhr nicht weichen wollen, müsse sich Deutschland etwa die Sowjetunion als Verbündeten suchen.
Das Krisenjahr 1923 zeigt auch: Die Reparationslast für das Deutsche Reich ist zu hoch, sie bedroht die wirtschaftliche Genesung in ganz Europa. Frankreichs Sicherheit kann nur über eine Verständigung mit Deutschland garantiert werden, Frieden gibt es nur über einen deutsch-französischen Ausgleich.
Auf der Londoner Konferenz im Sommer 1924 tritt Deutschland erstmals seit Kriegsende wieder als nahezu gleichberechtigter Partner auf, die Reparationszahlungen werden nach dem Dawes-Plan endlich an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit angepasst. Die Verträge von Locarno im Jahr darauf bestätigen den Klimawandel in Europa: Sieger und Besiegte versuchen, gute Nachbarn zu werden. Sogar eine wirtschaftliche Zusammenarbeit, gar eine Gemeinschaft, scheint vorstellbar. Briand spricht von "echtem Europäertum", und Stresemann fragt nach einer "europäischen Münze".
Am 3. Oktober 1929 erliegt Stresemann einem Schlaganfall. Er erlebt noch, dass Deutschland den Kellogg-Briand-Pakt unterschreibt, in dem der Krieg als Mittel der Politik geächtet wird, aber nicht mehr den Beginn der Genfer Abrüstungskonferenz 1932. Ihm bleibt allerdings erspart, mit welcher Brutalität Hitler die neue Friedensordnung zertrümmert. Schon im Oktober 1933 tritt Deutschland aus dem Völkerbund aus. ■
Von Martin Skoeries

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2014
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